mini|Jenny Erpenbeck 2021 auf dem Erlanger Poetenfest

Jenny Erpenbeck (* 12. März 1967 in Ost-Berlin) ist eine deutsche Schriftstellerin. In ihrem Werk verknüpft sie Motive großer geschichtlicher Umbrüche mit persönlichen Schicksalen. Sie gewann als erste Deutsche den International Booker Prize (2024).

Leben Jenny Erpenbeck ist die Tochter der Arabisch-Übersetzerin Doris Kilias und des Physikers, Philosophen und Schriftstellers John Erpenbeck. Ihre Großeltern väterlicherseits sind die Autoren Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner.

Erpenbeck wuchs in Berlin auf. Als Siebenjährige verbrachte sie ein Jahr in Italien, da ihre Mutter kurzzeitig mit einem Diplomaten verheiratet war. Erpenbeck besuchte die Erweiterte Oberschule (EOS) „Heinrich Schliemann“ im Ost-Berliner-Stadtbezirk Prenzlauer Berg, an der sie 1985 ihr Abitur ablegte. Anschließend absolvierte sie eine zweijährige Lehre als Buchbinderin. Es folgte ein praktisches Jahr als Requisiteurin am Kleist-Theater in Frankfurt (Oder) und als Ankleiderin an der Staatsoper Berlin. Von 1988 bis 1990 studierte sie Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

1990 wechselte sie zum Studium der Musiktheater-Regie (u. a. bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny) zur Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. 1993 assistierte sie Heiner Müller bei der Produktion von Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen.

Wirken Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums arbeitete sie ab 1997 als Regisseurin in Deutschland und Österreich. Gleichzeitig begann sie zu schreiben. 1999 erschien ihr Debüt Geschichte vom alten Kind. Es folgten u. a. die Romane Heimsuchung (2008), Aller Tage Abend (2012), Gehen, ging, gegangen (2015) und Kairos (2021),Peter Mohr: Jenny Erpenbecks „Kairos“: Untergang ohne Schadenfreude, in: Abendzeitung, 5. Oktober 2021, abgerufen am 8. Juni 2025; vgl. auch Maike Albath: Jenny Erpenbeck: „Kairos“. Abgesang auf die DDR, in: Deutschlandfunk, 27. August 2021, abgerufen am 8. Juni 2025. für die sie vielfach Preise im In- und Ausland erhielt.

Erpenbecks Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Französische, Spanische, Italienische, Schwedische, Türkische, Arabische, Hebräische, Dänische, Griechische, Niederländische, Norwegische, Slowenische, Ungarische, Japanische, Koreanische, Litauische, Polnische, Rumänische, Tschechische, Estnische, Finnische und Chinesische.

Erpenbeck ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Akademie der Künste Berlin,16. Akademie der Künste, Journal der Künste 04, Nov. 2017, ISSN 2510-5221 der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz,Mitgliedseintrag von Jenny Erpenbeck bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, abgerufen am 11. Oktober 2017 des PEN-Zentrums Deutschland und des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. 2017 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Seit 2018 wird Erpenbeck von der Literaturagentur Wylie vertreten.

Erpenbeck lebt mit ihrem Mann, dem Dirigenten Wolfgang Bozic, in Berlin.Porträt bei literaturport.de, abgerufen am 17. Juni 2016Autorin Jenny Erpenbeck In der Verjüngungsmaschine (Jan Brandt im Interview mit Jenny Erpenbeck), auf spiegel.de, 6. März 2005, abgerufen am 8. Juni 2025.

Rezeption Über das Ende der DDR sagte Erpenbeck: „Die Freiheit war ja nicht geschenkt. Sie hatte einen Preis, und der Preis war mein gesamtes bisheriges Leben.“ Diese geschichtsträchtige „Folie der DDR“ wird von Andreas Platthaus (Frankfurter Allgemeine Zeitung) als ein wesentlicher Grund für ihren Erfolg in der englischsprachigen Welt angeführt. Er hebt dabei ihre Erzählweise hervor, welche die Form konsequent in den Dienst der Geschichte stellt.

Auch andere namhafte deutsche Kritiker würdigen ihr Werk regelmäßig. Adam Soboczynski (Die Zeit) bezeichnete ihren Roman Kairos als ein großes Werk, das einen beispiellosen Sog entwickle. Denis Scheck lobte Erpenbeck als eine mutige und authentische Stimme der Gegenwartsliteratur, die tief liegende Schichten der deutschen Identität freilege.

International gilt Erpenbeck als eine der meistgeschätzten deutschen Autorinnen. Der einflussreiche US-amerikanische Literaturkritiker James Wood (New Yorker) bezeichnete sie bereits früh als eine „Virtuosin“ und als Anwärterin auf den Nobelpreis für Literatur.

Im Gegensatz zur hohen internationalen Wertschätzung wurde Kairos in Deutschland vom Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kontrovers kommentiert. Er warf ihr „Ostdeutschtümelei“ vor und kritisierte dabei, dass sie in ihren Büchern einen Mythos der DDR-Gründung pflege und den Westen einseitig negativ darstelle.

Der Regisseur Volker Schlöndorff verfilmte den Roman Heimsuchung für das Kino. Der Kinostart des Films ist für Oktober 2026 angekündigt. Die Weltpremiere erfolgte bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes 2026. Zur Besetzung gehören unter anderem Angela Winkler, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger und Ulrich Matthes.

Werkübersicht Prosa Als Autorin

Aller Tage Abend. Knaus Verlag, München 2012, ISBN 978-3-8135-0369-2.Rezension, literarischealtersbilder.uni-koeln.de Sich ganz weit verirren – Sich vom Verirren verirren. Rede an die Abiturienten des Jahrgangs 2014. Hg. von Ralph Schock. Conte, Sankt Ingbert 2014, ISBN 978-3-95602-019-3. Gehen, ging, gegangen. Knaus, München 2015, ISBN 978-3-8135-0370-8. Kein Roman. Texte und Reden 1992 bis 2018. Penguin, München 2018, ISBN 978-3-328-60029-9. Kairos. Roman. Penguin, München 2021, ISBN 978-3-328-60085-5. Jenny Erpenbeck über Christine Lavant. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023, ISBN 978-3-462-00468-7.

Als Herausgeberin Christine Lavant / Seit heute, aber für immer / Gedichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Jenny Erpenbeck. Wallstein, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8353-5158-5.

Dramatik Katzen haben sieben Leben. Uraufführung: 30. Januar 2000, Vereinigte Bühnen Graz. Verlegt bei Eichborn, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-8218-0785-7, sowie beim Verlag der Autoren ISBN 978-3-88661-339-7. Leibesübungen für eine Sünderin. Uraufführung: 27. März 2003, Deutsches Theater Berlin. Schmutzige Nacht. Verlegt beim Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 2015, ISBN 978-3-88661-339-7. Lot. Libretto für eine Oper in deutscher Sprache von Giorgio Battistelli, Uraufführung: 28. Mai 2017, Staatsoper Hannover;FAZ vom 4. April 2017. Vertrieb Casa Ricordi Milano. Rummelplatz. Libretto nach dem gleichnamigen Roman von Werner Bräunig, Musik von Ludger Vollmer; Uraufführung am 20. September 2025, Oper Chemnitz.

Inszenierungen 1997: Gedichte aus der Hauspostille (Brecht), Berliner Ensemble 1998: Hänsel und Gretel (Humperdinck), Opernhaus Graz 2000: Katzen haben sieben Leben (UA), Schauspielhaus Graz 2000: Schauspieldirektor/Apotheker (Mozart/Haydn), Landestheater St. Pölten 2000: Cabaret (Kander), Schauspielhaus Linz 2001: Erwartung/Herzog Blaubarts Burg, (Schönberg/Bartók), Opernhaus Graz 2002: L’Orfeo, (Monteverdi). Theater Aachen 2003: Acis und Galathea (Händel), Staatsoper Berlin 2004: Orpheus in der Unterwelt (Offenbach/Hacks), Hans-Otto-Theater Potsdam 2006: Zaide (Mozart/Erpenbeck), Oper Nürnberg (Markgrafentheater Erlangen)

Essay Kein Roman. Texte und Reden 1992 bis 2018. Penguin, München 2018, ISBN 978-3-328-60029-9.

Preise und Würdigungen 2001: Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 2001: mehrere Aufenthaltsstipendien (Ledig Rowohlt House in New York; Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf) 2004: GEDOK Literaturförderpreis 2006: Trägerin des Stipendiums Inselschreiber auf Sylt 2008: Solothurner Literaturpreis 2008: Heimito von Doderer-Literaturpreis 2008: Hertha Koenig-Literaturpreis 2009: Preis der LiteraTour Nord 2010: Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt 2013: Schubart-Literaturpreis, abgerufen am 17. April 2018 2013: Evangelischer Buchpreis für Aller Tage Abend 2013: Joseph-Breitbach-Preis 2013: Thomas-Valentin-Literaturpreis 2013: Poetik-Professur an der Universität Bamberg 2013: Ver.di-Literaturpreis Berlin-Brandenburg 2014: Europäischer Literaturpreis (Niederlande) für Aller Tage Abend 2014: Hans-Fallada-Preis 2014: Heinrich-Heine-Gastdozentur 2015: Gehen, ging, gegangen auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2015: Independent Foreign Fiction Prize für The End of Days, übers. von Susan BernofskyJenny Erpenbeck’s The End of the Days wins Independent Foreign Fiction Prize. In: irishtimes.com, 27. Mai 2015. 2016: Walter-Hasenclever-LiteraturpreisWalter-Hasenclever-Literaturpreis (Pressemitteilung am 1. März 2016, Verleihung am 6. November 2016) 2016: Thomas-Mann-Preis, in Kieler Nachrichten vom 18. September 2016 2016: Shortlist des International DUBLIN Literary Award mit The End of Days, übers. von Susan Bernofsky 2017: Premio Strega Europeo 2017: Bundesverdienstkreuz am Bande 2018: New York Times Notable Book List 2018 – Go. Went, Gone (Gehen, ging, gegangen – englische Übersetzung Susan Bernofsky) 2019: Usedomer Literaturpreis 2019: Premi Libreter (Katalonien) für Gehen, ging, gegangen (katalanische Übersetzung Marta Pera Cucurell) 2019: Heimsuchung (in engl. Übers. von Susan Bernofsky) auf der Guardian-Liste „100 Best Books of the 21st Century“ 2021: Lee-Hochul-Literaturpreis für den Frieden, insbes. für Aller Tage Abend (vgl. Lee Ho-chol)Jenny Erpenbeck mit Lee-Hochul-Literaturpreis für den Frieden ausgezeichnet, in: boersenblatt.net, 3. Dezember 2021, abgerufen am 4. Dezember 2021. 2022: Uwe-Johnson-Preis für Kairos 2023: Internationaler Stefan-Heym-Preis 2024: International Booker Prize für Kairos, übers. von Michael Hofmann 2025: Berliner Bär (B.Z.-Kulturpreis) 2026: Die Chemnitzer Opern-Uraufführung «Rummelplatz» wurde mit dem «Oper! Award» in der Kategorie «Bestes Festival» ausgezeichnet. https://www.diesachsen.de/kultur/preis-fuer-chemnitzer-urauffuehrung-rummelplatz-3107058

Hörbücher Heimsuchung. Roman. Autorenlesung. der Hörverlag, München 2016, ISBN 978-3-8445-2510-6 (Hörbuch-Download) Kairos. Roman. Autorenlesung. der Hörverlag, München 2021, ISBN 978-3-8445-4353-7 (Hörbuch-Download) Jenny Erpenbeck über Christine Lavant. Autorenlesung, mit Bernd Reheuser. Argon Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-7324-7361-8 (Hörbuch-Download)

Literatur

Elisabeth Krimmer: The Representation of Wartime Rape in Julia Franck’s „Die Mittagsfrau“ and Jenny Erpenbeck’s „Heimsuchung“. Nancy Nobile: The Legacy of Romanticism in Jenny Erpenbeck’s „Heimsuchung“. In: Paul Michael Lützeler, Erin McGlothlin, Jennifer Kapczynski (Hrsg.): Gegenwartsliteratur, ein germanistisches Jahrbuch. 14/2015, Stauffenburg Verlag, Tübingen 2015, ISBN 978-3-95809-641-7.

Maria Behre: „Give us a place“ – Politischwerden auf dem Oranienplatz. Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“. (2015), gelesen mit Hannah Arendts politischer Philosophie. In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik (ZDPE), Jg. 39, 2017, Heft 1 – Markus Tiedemann (Hrsg.): Hannah Arendt, S. 58–65. Katharina Grabbe: Zu uns. Reflexionen des Nationalen und Europäischen in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur zu Flucht und Geflüchteten: Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ und Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“. In: Olaf Briese, Richard Faber (Hrsg.): Heimatland – Vaterland – Abendland. Über alte und neue Populismen. Würzburg 2018, S. 239–254, ISBN 978-3-8260-6456-2. Katharina Grabbe: Heimsuchung. In: Dies.: Deutschland. Image und Imaginäres. Zur Dynamik der nationalen Identifizierung nach 1990. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, S. 225–259.

Weblinks

Interpretationen und Werkverzeichnis – im Autor*innenlexikon LiterariKon der Universität Duisburg-Essen – von Ulrich Goerdten „Ich erzähle Tragödien“ (Interview von Thomas Winkler mit Jenny Erpenbeck, 2024), auf ver.di Publik Heimsuchung Weltpremiere in Cannes/

Einzelnachweise

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