mini|Domenico Scarlatti, Porträt von Domingo Antonio Velasco (1738) Giuseppe Domenico Scarlatti (auch Domingo Escarlate (portugiesisch) und Domingo Escarlatti (spanisch); * 26. Oktober 1685 in Neapel; † 23. Juli 1757 in Madrid) war ein italienischer Komponist und Cembalist. Seine Hauptbedeutung liegt in den Sonaten für Cembalo, die zum Originellsten ihres Genres im 18. Jahrhundert zählen.Eine grundsätzliche Einführung leistet: edition text + kritik, Musikkonzepte 47: Domenico Scarlatti, München 1986Aus dem Vorwort von Ralph Kirkpatrick in Scarlatti: Sixty Sonatas in Two Volumes, edited in chronological order from the manuscript and earliest printed sources with a preface by Ralph Kirkpatrick, Vol. 1, Schirmer’s Library of Musical Classics, Hal Leonard Publishing Corporation, S. V: „Domenico Scarlatti was without question the most original keyboard composer of his century, but his true originality became first apparent only in later life. […] Only with his definitive departure from Italy in 1719, and after his father’s death in 1725 does Domenico Scarlatti appear to have developed the style that has rendered him one of the greatest keyboard composers of all time.“ Von 1729 bis zu seinem Tod lebte Scarlatti in Spanien.
Leben Domenico Scarlatti war das sechste von zehn Kindern des seinerzeit berühmten und bedeutenden Opernkomponisten Alessandro Scarlatti und seiner Frau Antonia Anzalone.Diese und die meisten folgenden Angaben stammen aus dem Artikel von Stanley Sadie: Domenico Scarlatti, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Bd. 16, London, 1980, S. 568ff.
Außerdem wurde verwendet die seinerzeit bahnbrechende Biographie von: Ralph Kirkpatrick: Domenico Scarlatti, 2 Bde., München, 1972 (Auch Sadies Artikel basiert in vielen Details auf Kirkpatrick!). Auch sein älterer Bruder Pietro Filippo Scarlatti war Musiker. Über weitere Lehrer ist nichts Genaues bekannt, aber er könnte auch Unterricht bei Francesco Gasparini und Bernardo Pasquini gehabt haben. Schon 1701 war der sechzehnjährige Domenico für die Hofkapelle des spanischen Vizekönigs in Neapel als Organist und Komponist tätig. In Florenz stand er ab 1702 gemeinsam mit dem Vater in Diensten des Prinzen Ferdinando de’ Medici. Seine ersten Opern wurden bereits ab 1703 in Neapel aufgeführt, darunter L’Ottavia ristituita.
Zwischen 1705 und 1709 war Domenico in Venedig; genaueres über diesen Aufenthalt ist nicht bekannt, aber er könnte während dieser Zeit mit Gasparini und Vivaldi Kontakt gehabt haben. 1709 trat er in Rom eine Anstellung bei der im Exil lebenden polnischen Königin Maria Casimira Sobieska an, für deren Privatbühne er im Laufe der folgenden Jahre sechs Opern sowie mindestens eine Kantate und ein Oratorium schrieb. Er nahm außerdem regelmäßig an den Accademie poetico-musicali des hochgebildeten Kardinals Pietro Ottoboni teil, wo auch Arcangelo Corelli, Pasquini und Georg Friedrich Händel verkehrten. Händel und Scarlatti sollen sich trotz Rivalität angefreundet und später nur mit Hochachtung voneinander gesprochen haben; Scarlatti soll sich jedes Mal bekreuzigt haben, wenn Händels Name fiel. Einer Anekdote Mainwarings zufolge lieferten sie sich in Rom einen Wettkampf, bei dem Händel im Orgelspiel siegte, Scarlatti hingegen das Cembalospiel für sich entschied. Auf den Tasteninstrumenten spielte Scarlatti bereits in Venedig mit zehn Fingern und beeindruckte durch seine Virtuosität das Publikum. Dazu schrieb der englische Komponist Thomas Roseingrave:
Im Jahre 1715 wurde Scarlatti maestro di capella an der Capella Giulia und wurde somit zum Nachfolger des am 22. Dezember 1714 verstorbenen maestro di capella Tommaso Baj an der Capella Giulia des Vatikans.Die Capella Giulia war die öffentliche Kapelle des Papstes im Petersdom, im Gegensatz zur berühmten Capella Sistina, die eher einer Privatkapelle entsprach. Zu dieser Zeit komponierte er überwiegend Opern und geistliche Vokalwerke, von denen nur noch wenige erhalten sind, u. a. ein meisterhaftes 10-stimmiges Stabat Mater.Die ungewöhnliche Besetzung lautet: 4 Soprane, 2 Altstimmen, 2 Tenöre, 2 Bässe. Die genaue Entstehungszeit ist anscheinend nicht bekannt, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es erst später z. B. in Portugal entstanden ist. Derart prunkvolle geistige Kompositionen entsprachen jedenfalls auch dem Geschmack des portugiesischen Königs Johanns V. Hörtip: Domenico Scarlatti: Stabat Mater (+ Missa Breve „La Stella“, Te Deum, Iste Confessor, Cibavit eos), The Sixteen, Harry Christophers, erschienen bei: Collins Classics 1997 (CD). In einem merkwürdigen Dokument vom 28. Januar 1717 ließ sich Domenico offiziell Unabhängigkeit von seinem Vater zusichern, der anscheinend allzu dominant seine Karriere und sein Leben steuern wollte.Stanley Sadie: „Domenico Scarlatti“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Bd. 16, London, 1980, S. 568ff. mini|page=4|Domenico Scarlatti, Ausschnitt aus der Kantate Tinte a note di sangue Schon 1714 nahm er zusätzlich zu seinen übrigen Verpflichtungen eine Anstellung beim portugiesischen Botschafter Marquês de Fontes an, der einer der zahlungkräftigsten Gesandten in Rom war. Dieser Kontakt führte vermutlich zu der wichtigsten und schicksalhaftesten Wende seines Lebens: 1719 übersiedelte Scarlatti nach Portugal und wurde in Lissabon Musiklehrer und Hofkapellmeister am Hofe des frommen und verschwendungssüchtigen Königs Johann V., der auch eine Reihe päpstlicher Sänger anheuern und die Chorbücher des Vatikans kopieren ließ.Stanley Sadie: „Domenico Scarlatti“, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Bd. 16, London, 1980, S. 568ff. Scarlatti hatte hier vor allem geistliche Vokalwerke zu liefern und schrieb auch einige weltliche Serenaten. Er unterrichtete außerdem den jüngeren Bruder des Königs, Dom António (1695–1757), und am Cembalo die an Asthma leidende portugiesische Prinzessin Maria Barbara de Bragança, die sich als hochbegabte Musikliebhaberin erwies. Dokumente und musikalische Werke der Lissaboner Schaffensperiode sind nicht mehr vorhanden, da nahezu das gesamte Notenmaterial der dortigen Bibliotheken durch das Erdbeben von 1755 verlorenging. Während seiner portugiesischen Zeit unternahm Scarlatti drei Reisen nach Italien: 1724, 1725 kurz vor dem Tode seines Vaters, und 1728. Bei seiner zweiten Reise lernte er Johann Joachim Quantz und Johann Adolph Hasse kennen, die damals als Schüler Alessandros in Italien weilten. Bei der Reise von 1728 heiratete der 42-jährige Domenico die 16-jährige Maria Caterina Gentili, mit der er fünf Kinder haben sollte.
Als Maria Bárbara 1729 den spanischen Thronfolger Don Fernando (ab 1746 König Ferdinand VI.) heiratete, folgte ihr Scarlatti in ihre neue Heimat. Sie gingen zunächst nach Andalusien, wo der Hof anfangs zwischen Sevilla, den Sierras, Granada, Cádiz und anderen Hafenstädten hin- und herreiste. Die Cembali der Prinzessin wurden dabei auf dem Rücken von Maultieren transportiert. Von Oktober 1730 bis zum 16. Mai 1733 wurden die Alcázares Reales in Sevilla zur festen Residenz. Danach zog der Hof nach Norden in die Umgebung von Madrid, wo er je nach Jahreszeit abwechselnd in den Schlössern Buen Retiro, El Pardo, Aranjuez, La Granja und El Escorial weilte.
miniatur|Louis-Michel van Loo: Die königliche Familie von Spanien (1743), im Hintergrund auf der Empore einige Hofmusiker, zweite Dame v. l. (in Blau): Maria Bárbara, daneben stehend: ihr Gemahl Fernando, daneben sitzend: König Philipp V. (zweiter Herr v. l.), in der Mitte (neben der Krone): Königin Elisabetta Farnese miniatur|Sonate f-Moll von Domenico Scarlatti (ohne Wiederholungen) auf einem Cembalo, Kirkpatrick 466, Kirnberger-Stimmung
Von Scarlattis Leben nach seiner Übersiedlung nach Spanien ist nur sehr wenig bekannt. Man kennt nicht einmal seine genaue Position bei Hofe; in Dokumenten über Opernaufführungen wird er nicht erwähnt. Er stand vermutlich weiterhin in den „privaten“ Diensten Maria Bárbaras und scheint sich praktisch ausschließlich dem Cembalo und der Komposition seiner Sonaten gewidmet zu haben, in relativer Zurückgezogenheit, weit entfernt von der italienischen Heimat, sowie beeinflusst durch die spanische Musik. Es sind außerdem einige Kantaten erhalten.Hörtip: Domenico Scarlatti: Lettere amorose – Cantatas, Sonatas & Operatic Duets, Patrizia Ciofi, Anna Bonitatibus, Il Complesso Barocco, Alan Curtis, erschienen bei Virgin veritas, 2003 (CD).
Andere bedeutende Musiker am spanischen Hofe waren zu seiner Zeit die Hofkapellmeister José de Torres (1670–1738) und Antonio de Literes (1673–1747). 1738 wurde der französischstämmige Italiener Francesco Corselli (eigentlich Courcelle) „maestro de capilla“, José de Nebra (1702–1768) war ab 1751 erster Organist und Assistent Corsellis. Im Escorial lebte und wirkte außerdem der junge Mönch Antonio Soler, der eventuell ein Schüler Scarlattis war. Der berühmteste von allen war der Sopranist Farinelli, der ab 1737 am Hofe lebte und dem depressiven König Philipp V. jeden Abend vorsingen musste. Nach dem Tode Philipps 1746 wurde Maria Bárbara Königin von Spanien. Da sie eine leidenschaftliche Opernliebhaberin war, stand Farinelli in allerhöchster Gunst und kümmerte sich um die Opernaufführungen.
Scarlatti legte am 21. April 1738 im Kapuzinerkloster San Antonio del Prado mit Zustimmung des portugiesischen Königs Johanns V. die Gelübde als Ritter des Ordens von Santiago ab. Dem König sind auch die 30 Essercizi per Gravicembalo (30 Übungen für Cembalo) gewidmet, die Scarlatti in der Folge publizieren ließ; sie erschienen 1739 in London bei Adamo Scola im Druck und machten ihn mit einem Schlage in ganz Europa als sagenumwobenen Cembalovirtuosen berühmt. Aus dem Widmungstext geht hervor, dass zumindest einige, wenn nicht alle dieser Stücke schon in Portugal entstanden sein müssen:Dafür spricht besonders die Erwähnung des Don Antonio, der ja in Portugal Schüler Scarlattis gewesen war, und nicht nach Spanien mitgehen konnte, sondern nach wie vor in Portugal lebte.
Das einzige erhaltene Porträt Scarlattis von Domingo Antonio Velasco stammt aus der Zeit um 1738 und wurde vermutlich anlässlich seiner Ernennung zum Ritter von Santiago gemalt. Am 6. Mai 1739 starb seine erste Frau Maria Caterina in Aranjuez. Irgendwann zwischen 1740 und 1742 heiratete er die aus Cádiz stammende Anastasia Ximénez,Der genaue Name ist nicht bekannt, in Dokumenten wird sie auch Anastasia Macarti, Maxarti, oder Anastasia Ximenes Parrado genannt. mit der er weitere vier Kinder hatte. Scarlatti setzte am 19. Oktober 1749 sein Testament auf und erhielt am 3. Oktober 1753 für sich und seine Familie einen vollkommenen Generalablass von Papst Benedikt XIV. Er verstarb am 23. Juli 1757 in seinem Haus in der Calle de Leganitos 35 in Madrid und wurde im Kloster Convento de San Norberto beigesetzt, das 1864 abgerissen wurde. Sein Grab ist daher nicht mehr erhalten.
Über Scarlatti als Privatmann ist sehr wenig bekannt. Er soll ein höflicher, jedoch zurückhaltender Mann gewesen sein; manche hielten ihn für einen Einzelgänger. Es gibt Gerüchte, dass er ein leidenschaftlicher Glücksspieler gewesen sei, der oft große Schulden machte, die von seiner Gönnerin, Königin Maria Bárbara, großzügig beglichen worden seien. Maria Bárbara überlebte ihn nur um ein Jahr, sie starb 1758.
Die Sonaten mini|Domenico Scarlatti, Einband des Manuskriptbandes 1752/1, vermutl. ehemals im Besitz der Maria Bárbara, Königin von Spanien; heute in Venedig, Bibl. Marciana, (I-Vnm Mss.It.IV.199-213)miniatur|Sonate h-Moll von Domenico Scarlatti (ohne Wiederholungen) auf einem Cembalo, Kirkpatrick 87, Kirnberger-Stimmung