mini|Die Gründerväter des Pragmatismus von oben nach unten und von links nach rechts: Charles Sanders Peirce, William James, John Dewey, George Herbert Mead

Der Ausdruck Pragmatismus (von „Handlung“, „Sache“) bezeichnet umgangssprachlich ein Verhalten, das sich nach situativen Gegebenheiten richtet, wodurch das praktische Handeln über die theoretische Vernunft gestellt wird.Mit pragmatischem Handeln wird gelegentlich beschönigend auch umschrieben, dass der Zweck die Mittel heilige.

Im Unterschied dazu geht die philosophische Tradition des Pragmatismus davon aus, dass der Gehalt einer Theorie oder eines Konzepts von deren praktischen Verwendungen und Konsequenzen her bestimmt werden soll (Pragmatische Maxime). Daher lehnen Pragmatisten unveränderliche Prinzipien ab.

Überblick Eingeführt wurde der Begriff „Pragmatismus“ im Jahr 1898 in Nordamerika in einer Vorlesung durch William James, der dabei jedoch ausdrücklich Charles Sanders Peirce als den Begründer dieser Philosophie anführte und dazu auf dessen Veröffentlichungen aus dem Jahr 1878 verwies. Die Arbeiten von Peirce und James wurden im Anschluss von John Dewey und George Herbert Mead fortgeführt. Die Ideen von Dewey und Mead bilden auch Grundlagen für die Chicago School of Sociology.Hans-Joachim Schubert, Harald Wenzel, Hans Joas und Wolfgang Knebel: Pragmatismus zur Einführung. Junius, Hamburg 2010, S. 10–11. Dem Pragmatismus zufolge sind es die praktischen Konsequenzen und Wirkungen einer lebensweltlichen Handlung oder eines natürlichen Ereignisses, die die Bedeutung eines Gedankens bestimmen. Dabei ist das menschliche Wissen für die Pragmatisten grundsätzlich fehlbar (Fallibilismus). Entsprechend wird die Wahrheit einer Aussage oder Meinung (Überzeugung) aufgrund der erwarteten oder möglichen Ergebnisse einer Handlung bestimmt. Die menschliche Praxis wird als ein Fundament auch der theoretischen Philosophie (also insb. der Erkenntnistheorie und Ontologie) verstanden, da vorausgesetzt wird, dass auch das theoretische Wissen der praktischen ArbeitVgl. Karl Marx: Das Kapital (Band I, 5. Kapitel); Dietz Verlag, Berlin 1972, S. 192. mit den Dingen entspringt und auf diese angewiesen bleibt. In den philosophischen Grundgedanken bestehen zwischen den Positionen der einzelnen Pragmatisten erhebliche Unterschiede, die die Gemeinsamkeiten eher in der pragmatischen Methode als in einem einheitlichen theoretischen Gebäude sahen.

Zahlreiche Grundbegriffe der systematischen Philosophie wurden dieser pragmatischen Auffassung gemäß neu interpretiert, darunter der Begriff der Wahrheit; das Forschungsprogramm des Pragmatismus wurde auf verschiedene Problemzusammenhänge und praktische Kontexte angewendet, darunter auf die Demokratietheorie, die Pädagogik oder die Religion. Nachdem der Pragmatismus in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weniger einflussreich war, verstehen sich seit den 1970er-Jahren einige Philosophen dezidiert in der Tradition des klassischen amerikanischen Pragmatismus, darunter Richard Rorty, Hilary Putnam und Robert Brandom sowie mit stärkerem Bezug auf Peirce, Nicholas RescherPragmatischer Idealismus oder idealistischer Pragmatismus? Interview mit Nicholas Rescher. In: Nicholas Rescher: Rationalität, Wissenschaft und Praxis. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, S. 103–128. und Susan Haack. In den Sozialwissenschaften gilt Hans Joas als prominenter Vertreter des Neopragmatismus.

Peirce distanzierte sich jedoch in der Folge deutlich von den Entwicklungen der pragmatistischen Philosophie und nannte sein philosophisches Konzept fortan Pragmatizismus. In einem Brief begründete er die Unterscheidung, dass unter Pragmatismus nunmehr die Philosophie von F. C. S. Schiller, James, John Dewey, Josiah Royce und anderen zu fassen sei. Vor allem wandte er sich gegen die relativistische Nützlichkeitsphilosophie, die von vielen Pragmatisten als Grundprinzip der Wahrheit mit dem Pragmatismus gelehrt wurde (zum Beispiel Wahrheit als Cash Value bei William JamesVgl. Claudine Tiercelin: Pragmatist Truth: Cash Value or Ideal Value? The Main Objections, in: The Pragmatists and the Human Logic of Truth, Collège de France, Paris 2014, Kap. 2.). Durch die zusätzliche Silbe werde die Bedeutung genauer gekennzeichnet.„I proposed that the word ‚pragmatism‘ should hereafter be used somewhat loosely to signify affiliation with Schiller, James, Dewey, Royce, and the rest of us, while the particular doctrine which I invented the word to denote, which is your first kind of pragmatism, should be called "pragmaticism." The extra syllable will indicate the narrower meaning.“ (Letter to Calderoni, CP 8.205) Peirce, C.S., Collected Papers of Charles Sanders Peirce, Vols. 1–6, Charles Hartshorne and Paul Weiss (eds.), Vols. 7–8, Arthur W. Burks (ed.), Harvard University Press, Cambridge, MA, 1931–1935, 1958. zitiert als CP n.m für Band n, Abschnitt m. Peirce wandte sich gegen „lockere Schreiber“, die von ihm eingeführte Begriffe außerhalb ihrer ursprünglichen theoretischen Zusammenhänge verwendeten. Im Hintergrund dieser Abgrenzung standen u. a. seine wissenschaftsphilosophischen Überzeugungen.Vgl. Robert Burch: Charles Sanders Peirce, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2021, bes. Abschnitt 4.

Entwicklung Klassischer (angelsächsischer) Pragmatismus mini|Charles Sanders Peirce (1839–1914) mini|William James (1842)

Nach den Ansichten der Pragmatisten beziehen sich alle Urteile, Anschauungen, Vorstellungen, Begriffe u. a. auf jeweils handelnde Menschen. Der Pragmatismus von Peirce war vor allem darauf gerichtet, eine Theorie der BedeutungRichard Ormerod: The History and Ideas of Pragmatism. In: The Journal of the Operational Research Society. Band 57, Nr. 8 (August 2006), S. 892–909, hier S. 892. zu entwickeln. Als zentrale pragmatische Maxime kann Peirces Forderung gelten, Vorstellungen aller Art im Hinblick auf ihre möglichen praktischen Wirkungen zu beurteilen. Diese Forderung richtet sich vor allem gegen einen erkenntnistheoretischen Fundamentalismus und dessen Behauptung, durch Intuition oder Introspektion seien unmittelbare Erkenntnisse möglich. Ebenso lehnt Peirce eine rationalistische Letztbegründung ab, die sich auf die Selbstgewissheit des Ichs beruft, als auch die empiristische Ansicht, dass Erkenntnis allein der Sinneswahrnehmung entstamme. Vielmehr liegt alles Erkannte schon immer im Bewusstsein symbolhaft vor und kann daher auch fehlgedeutet werden.

Als Methode zur Wissensvermehrung schlägt Peirce vor, nur noch dasjenige als Wissen zu akzeptieren, das anhand von Experimenten intersubjektiv nachprüfbar ist bzw. nachgeprüft wurde. Damit einher geht die Forderung, alles Wissen so zu formulieren, dass daraus unmittelbar klar wird, „was man tun muss“, um diese oder jene Aussage zu prüfen. Peirce geht weiterhin davon aus, dass eine Forschergemeinschaft im Laufe der Geschichte durch ständiges Gegenprüfen ihrer Ergebnisse schrittweise zu einem besseren Wissen über die Welt kommt. „Andererseits sind alle Vertreter der Wissenschaft von der frohen Hoffnung getragen, dass die Prozesse der Forschung, wenn sie nur weit genug voran getrieben werden, zu jeder Frage, auf die sie angewendet werden, eine sichere Lösung ergeben werden. […] Sie mögen zuerst unterschiedliche Ergebnisse erhalten, aber wenn jeder seine Methoden und Prozesse perfektioniert, wird man feststellen, dass die Ergebnisse sich stetig auf ein vorbestimmtes Zentrum hinbewegen. Dies gilt für alle wissenschaftliche Forschung. Unterschiedliche Geister mögen mit äußerst gegensätzlichen Ansichten beginnen, aber der Fortschritt der Untersuchungen bringt sie durch eine außer ihnen liegende Kraft zu ein und derselben Schlussfolgerung. Diese Aktivität des Denkens, die uns nicht dahin bringt, wohin wir wollen, sondern zu einem vorherbestimmten Ziel, ist wie ein Wirken des Schicksals. […] Die Meinung, der alle Forscher schicksalhaft am Ende zustimmen müssen, ist das, was wir mit Wahrheit meinen, und der Gegenstand, der durch diese Meinung repräsentiert wird, ist das Reale.“ (CP 5.407)

Peirce vertrat demnach eine „Konvergenztheorie der Wahrheit“, die in einem fiktiven unendlich entfernten Zeitpunkt in der Zukunft in eine Korrespondenz des Gedachten mit der Realität mündet. Bis dahin ist alle Erkenntnis fallibel. Für Peirce war zwar die Intersubjektivität eine Voraussetzung der Wahrheit. Die oftmals hergestellte VerbindungKarl-Otto Apel: Der Denkweg des Charles S. Peirce. Gerd Wartenberg: Logischer Sozialismus. Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. von Peirce mit einer Konsenstheorie der Wahrheit ist hier aber nicht zu erkennen.

mini|John Dewey (1859–1952) Dieses Konzept der Wahrheitsfindung wurde durch William James in Richtung Relevanz für das menschliche Handeln verschoben. Aufgrund verschiedener Missverständnisse, die seine Wahrheitskonzeption in die Nähe des Utilitarismus rückten, hat er hierzu einen gesonderten Aufsatz verfasst. James akzeptiert als Grundlage die Korrespondenztheorie der Wahrheit: „Wahrheit ist, wie jedes Wörterbuch Ihnen sagt, eine Eigenschaft gewisser Vorstellungen. Sie bedeutet soviel als ‚Übereinstimmung‘ mit der Wirklichkeit, ebenso wie Falschheit Nichtübereinstimmung mit der Wirklichkeit bedeutet.“William James: Der Wahrheitsbegriff des Pragmatismus. In Gunnar Skirbekk (Hrsg.): Wahrheitstheorien. Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 1977, S. 35–58, hier S. 35–36; Original: Pragmatism’s Conception of Truth. In: The Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods. Band 4, Nr. 6 (14. März 1907), S. 141–155.

Eine solche Definition reichte ihm aber nicht aus. Insbesondere ist für ihn als Pragmatisten die Vorstellung eines Abbilds der Wirklichkeit nicht hinreichend. Wahrheit als ein theoretisches Konstrukt hat keine praktische Relevanz. Ihn interessierte die Frage, was es bedeutet, dass eine Vorstellung oder ein Urteil wahr ist: „[…] welcher konkrete Unterschied wird im wirklichen Leben eines Menschen bewirkt? Wie wird die Wahrheit erlebt werden? Welche Erfahrungen werden anders sein, als sie wären, wenn jenes Urteil falsch wäre? Was ist, kurz gesagt, der Barwert der Wahrheit, wenn wir sie in diese Erfahrungsmünze umrechnen? […] Wahre Vorstellungen sind solche, die wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft setzen und verifizieren können. Falsche Vorstellungen sind solche, bei denen dies alles nicht möglich ist.“William James: Der Wahrheitsbegriff des Pragmatismus. S. 37.

Ob etwas wahr ist, zeigt sich für James erst in der Praxis. Wahrheit ist ein Geschehen, in dem sich Vorstellungen in der Praxis bewährenPhilipp Kitcher: Der andere Weg. In: Martin Hartmann, Jasper Liptow, Marcus Willaschek (Hrsg.): Die Gegenwart des Pragmatismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013, S. 35–61. und welches mit bereits bewährten Erfahrungen konsistent ist. Wahr sind Ideen, die „funktionieren“ und Arbeit sparen: „Ideas […] become true just in so far as they help us to get into satisfactory relations with other parts of our experience. […] Any idea is true for just so much, true in so far forth, true instrumentally.“William James: Pragmatism: A New Name for some Old Ways of Thinking. Cambridge, MA 1975, S. 34.

Wahres Wissen ist also immer auch erfahrungsbasiert und verspricht die Befriedigung von Handlungsabsichten. In dieser Form wurde der Pragmatismus dann auch einem breiteren Publikum bekannt, was vor allem in Europa zu breiter Ablehnung geführt hat, weil der Pragmatismus mit einer reinen Nützlichkeitstheorie gleichgesetzt wurde.Siehe etwa Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band II: „Pragmatismus“.