Unter Neuro-Enhancement bzw. Neuroenhancement (kurz NE, umgangssprachlich oft auch unpräzise als Hirndoping bezeichnet) versteht man den Einsatz sämtlicher medizinischer Maßnahmen (pharmakologische, neurotechnologische, chirurgische), die zum Zweck der Verbesserung der sensorischen, motorischen und kognitiven Fähigkeiten oder der psychischen Befindlichkeiten von gesunden Personen eingesetzt werden. Als interdisziplinäres Forschungsfeld umfassen seine empirischen Untersuchungen insbesondere die Disziplinen Medizin, Pharmazie, Neurologie und Psychologie.

Allgemeines Begriff und Einordnung Neuro-Enhancement (kurz NE,Zur Kurzform NE vgl. Diana Moesgen, Michael Klein: Neuroenhancement. Stuttgart 2015, S. 16. in der deutschsprachigen Fachliteratur oft auch Neuroenhancement geschrieben)Zur ausschließlichen oder teilweise parallel zur Schreibweise Neuro-Enhancement verwendeten Form Neuroenhancement vgl. Andreas G. Franke: Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin 2019, S. 43; Dagmar Fenner: Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss. Tübingen 2019, S. 168 u. 242; Diana Moesgen, Michael Klein: Neuroenhancement. Stuttgart 2015, 14; Klaus Viertbauer, Reinhart Kögerler: Neuroenhancement als philosophisches Problem. In: Klaus Viertbauer, Reinhart Kögerler (Hg.): Neuroenhancement. Die philosophische Debatte. Berlin 2019, S. 9–17, hier S. 9. setzt sich aus dem Präfix Neuro („auf Nervenzellen bezogen“) sowie dem englischen Wort Enhancement (deutsch: Steigerung, Erweiterung) zusammen.Sophia Gesing: Medikamente zur Selbstoptimierung. Neuro-Enhancement in der Arbeitswelt. Wiesbaden 2020, S. 15; Rey Francis Hernandez: Neuroethics, Nootropics, Neuroenhancement. The Ethical Case against Pharmalogical Enhancements. Wien/Zürich 2018, S. 53. Ein Enhancement bezeichnet zumeist biomedizinische Verfahren, die grundsätzlich nicht zur Wiederherstellung eines Gesundheitszustandes dienen, sondern für eine gezielte Verbesserung von Eigenschaften und Fähigkeiten gesunder Personen eingesetzt werden. Verfahren zum Zweck des Enhancements sind daher von der Therapie abzugrenzen. Das Neuro-Enhancement strebt eine Verbesserung der Gehirnfunktionen bei gesunden Personen an.Ronja Schütz, Elisabeth Hildt, Jürgen Hampel: Neuroenhancement als gesellschaftliches Phänomen. In: Dies. (Hg.): Neuroenhancement. Interdisziplinäre Perspektiven auf eine Kontroverse. Bielefeld 2016, S. 7–24, hier S. 11; Klaus Viertbauer, Reinhart Kögerler: Neuroenhancement als philosophisches Problem. In: Klaus Viertbauer, Reinhart Kögerler (Hg.): Neuroenhancement. Die philosophische Debatte. Berlin 2019, S. 9–17, hier S. 9. Zusammen mit dem Körper-Enhancement und dem genetischen Enhancement wird das Neuro-Enhancement der thematisch breiteren Enhancement-Debatte zugeordnet.Dagmar Fenner: Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss. Tübingen 2019, S. 19 f. Aus wissenschaftlicher Perspektive umfasst das Neuro-Enhancement ein vielschichtiges und interdisziplinäres Forschungsfeld, dessen empirische Untersuchungen die Disziplinen Medizin, Pharmazie, Neurologie und Psychologie umfassen.Klaus Viertbauer, Reinhart Kögerler: Neuroenhancement als philosophisches Problem. In: Klaus Viertbauer, Reinhart Kögerler (Hg.): Neuroenhancement. Die philosophische Debatte. Berlin 2019, S. 9–17, hier S. 9.

Definitionen Bei der Beschreibung des Phänomens Neuroenhancement wird grundsätzlich zwischen engeren und breiteren Definitionen unterschieden. Erstere wird z. B. von der Soziologin Greta Wagner (2017) vertreten, die unter NE die „nichtmedizinische Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten mit dem Ziel der kognitiven Leistungssteigerung“ versteht.Greta Wagner: Selbstoptimierung. Praxis und Kritik von Neuroenhancement. Frankfurt am Main 2017, S. 22. In ähnlicher Weise ordnet auch Sophia Gesing (2020) nur die „Einnahme psychoaktiver Substanzen in Form von verschreibungspflichtigen Medikamenten“ den Mitteln des Neuro-Enhancements zu.Sophia Gesing: Medikamente zur Selbstoptimierung. Neuro-Enhancement in der Arbeitswelt. Wiesbaden 2020, S. 15. Für Klaus Lieb (2010) wiederum fallen ausschließlich jene Verbesserungen von Hirnfunktionen unter Neuro-Enhancement, die mit Hilfe von Neurotechnologien erreicht werden. Die Einnahme von Substanzen zur Optimierung der Gehirnleistung ordnet Lieb hingegen dem Hirndoping zu.Klaus Lieb: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten. Mannheim 2010, S. 13–17; Zusammenfassend auch bei Diana Moesgen, Michael Klein: Neuroenhancement. Stuttgart 2015, S. 14 f. Dieses definiert Lieb wie folgt:

„Unter Hirndoping versteht man den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbessern. Dabei ist die Einnahme nicht medizinisch indiziert, die Substanzen wurden nicht ärztlich verordnet und der Konsum erfolgt nicht aus Genussgründen. Als Hirndoping bezeichnet man daher auch nicht den Konsum von Koffein oder pflanzlichen Produkten wie Extrakten des Baumes Ginkgo biloba, die auch zur Leistungssteigerung eingenommen werden, aber frei verkäuflich sind.“Klaus Lieb: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten. Mannheim 2010, S. 25.

Der Begriff Hirndoping ist in der Öffentlichkeit weit verbreitet und wird oft synonym zu NE benutzt. Allerdings wird er in wissenschaftlichen Artikeln grundsätzlich nicht verwendet, da er als zu umgangssprachlich betrachtet wird. In der Forschung gilt Neuro-Enhancement (bzw. Neuroenhancement) als der wissenschaftlich korrekte Begriff, bzw. setzt sich für die als Hirndoping bezeichnete Form des Substanzenkonsums in neueren Studien zunehmend der Begriff pharmakologisches Neuroenhancement durch. Das pharmakologische NE berücksichtigt zusätzlich den Aspekt der Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, der mit pharmakologischen Mitteln erreicht werden kann. Gegebenenfalls wird das Hirndoping auch als Teilmenge des pharmakologischen NEs behandelt, wo er in Analogie zum Doping im Sport quasi dessen illegale „dunkle Seite“ darstellt.Andreas G. Franke: Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin 2019, S. 43 f u. 46; Diana Moesgen, Michael Klein: Neuroenhancement. Stuttgart 2015, S. 15

Nach breiter gefassten Definitionen, welche beispielsweise von Ronja Schütz et al. (2016) und Dagmar Fenner (2019) vertreten werden, kann man Neuro-Enhancement verstehen als „den Einsatz sämtlicher medizinischer Maßnahmen, die zum Zweck der Verbesserung der sensorischen, motorischen und kognitiven Fähigkeiten oder der psychischen Befindlichkeiten gesunder Personen auf deren zentrales Nervensystem oder neuronales Netz einwirken“.Dagmar Fenner: Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss. Tübingen 2019, S. 167. Auch Elisabeth Hildt (2012) zählt „alle Möglichkeiten“, inklusive pharmakologischer, neurotechnologischer und chirurgischer Eingriffe, zum NE dazu.Elisabeth Hildt: Neuroethik. München 2012, S. 89. Für Rey Francis Hernandez (2018) umfasst Neuro-Enhancement „grundsätzlich alles, was Neuronen und die das neuronale Netzwerk durchdringenden Neurotransmitter zu dem Zweck optimiert, um kognitive, emotionale und motivierende Funktionen, die mit diesen assoziiert werden, zu verbessern“. In diesem Sinne werden auch relativ neue Anwendungen der modernen Neurologie, wie etwa Neuroimplantate, Brain-Computer-Interfaces oder Transkranielle Magnetstimulation zum Neuro-Enhancement gezählt.Rey Francis Hernandez: Neuroethics, Nootropics, Neuroenhancement. The Ethical Case against Pharmalogical Enhancements. Wien/Zürich 2018, S. 53.

Ursachen und Ursprünge Als Hauptauslöser für das Neuro-Enhancement gelten die sich rapide verändernden Verhältnisse der modernen Arbeitswelt, in deren Rahmen die Bedeutung von Muskelkraft stetig ab- und jene von Gehirnfunktionen zunimmt.Andreas G. Franke: Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin 2019, S. 1–27; Sophia Gesing: Medikamente zur Selbstoptimierung. Neuro-Enhancement in der Arbeitswelt. Wiesbaden 2020, S. 3–11. Da im Mittelalter der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft (Primärsektor) tätig war, erwiesen sich der für harte körperliche Arbeit entscheidende Muskel- und Skelettapparat als ausschlaggebend für das (Über-)Leben der Menschen. Insofern kam dem Neuro-Enhancement im Mittelalter keinerlei Stellenwert zu, da es einerseits an den Mitteln dazu mangelte, und andererseits die geistige Leistungsfähigkeit eine deutlich untergeordnete Rolle gegenüber der körperlichen Leistungsfähigkeit einnahm. Erst ab dem 18. Jahrhundert erfuhr die geistige Leistungsfähigkeit eine gewisse Aufwertung, da infolge der Innovationen von landwirtschaftlicher und industrieller Revolution (Sekundärsektor) die Notwendigkeit für Menschen zunahm, sich an größere Veränderungen bei den Arbeitsverhältnissen anzupassen.Andreas G. Franke: Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin 2019, S. 2–4. Traditionelles, von Generation zu Generation überliefertes Wissen musste ergänzt oder teilweise sogar ersetzt werden durch die Aneignung neuer Kenntnisse. Eine erstmalige Neuerung stellte dabei die Möglichkeit der willkürlichen Beschleunigung der Produktionsgeschwindigkeit dar: War diese in der Landwirtschaft zuvor von den Jahreszeiten bestimmt worden, gaben spätestens seit dem großen Industrialisierungsschub Unternehmer das Produktionstempo vor, das bei der Fließbandfertigung und Schichtarbeit aufrechterhalten werden sollte.Andreas G. Franke: Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin 2019, S. 5 f.

Noch bedeutender wurde die geistige Leistungsfähigkeit mit dem erstarkenden Dienstleistungssektor (Tertiärsektor) und dem Informationssektor (Quartärsektor) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zwar bleibt auch hier der Einzelne auf seine körperliche Leistungsfähigkeit angewiesen, deren Bedeutung wurde jedoch immer weiter von der geistigen Leistungsfähigkeit zurückgedrängt.Andreas G. Franke: Hirndoping & Co. Die optimierte Gesellschaft. Berlin 2019, S. 6 f. Als entscheidender Erfolgsfaktor steht hingegen in modernen Gesellschaften die lebenslange Aneignung und der passende Einsatz von Wissen im Vordergrund. Die geistige Leistungsfähigkeit wird zusätzlich gefordert durch die an allen Arbeitsplätzen fortschreitenden Entwicklungen der Technisierung und Globalisierung. Diese erfordern einerseits die korrekte Bedienung von Computern und Maschinen zur Lösung immer komplexer werdender Aufgaben. Andererseits steigt die Notwendigkeit, sich durch die Aneignung von Fremdsprachen flexibel an einen immer internationaler werdenden Arbeitsmarkt anzupassen.Klaus Lieb: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten. Mannheim 2010, S. 27. Schließlich wird auch die zunehmend schwerer werdende Abgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben angeführt.

Methoden und Formen Das Neuro-Enhancement kann je nach Zielsetzung und der zu diesem Zweck verwendeten Mittel in verschiedene Unterkategorien gegliedert werden. Auf Ebene der angewendeten Methoden werden unterschieden: das pharmakologische Enhancement, bei dem insbesondere Medikamente eingenommen werden, die für die Therapie von Krankheiten entwickelt wurden und die in die chemische Informationsübertragung des zentralen Nervensystems eingreifen. das neurophysiologische (auch neurobionische) Enhancement, das nichtinvasive und invasive technische Verfahren umfasst, die über elektrische Strömungen oder Impulse die Verarbeitungsprozesse im Gehirn beeinflussen.Dagmar Fenner: Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss. Tübingen 2019, S. 167 f.

Im Hinblick auf die Zielsetzungen des Neuro-Enhancements werden folgende Formen untersucht: emotionales Enhancement, welches auf eine Anhebung der Stimmung auf der Ebene des Erlebens und Verhaltens zielt, kognitives Enhancement, bei dem eine Steigerung der geistigen (kognitiven) Leistungsfähigkeit auf der Ebene des Erlebens und Erinnerns angestrebt wird, moralisches Enhancement, das Menschen moralisch besser machen soll,