mini|hochkant|Lee Miller, 1943rahmenlos|hochkant|klasse=skin-invert-image Elizabeth „Lee“ Miller, Lady Penrose (* 23. April 1907 in Poughkeepsie, New York, USA; † 21. Juli 1977 in Chiddingly, East Sussex, England), war ein US-amerikanisches Fotomodell, Porträt- und Modefotografin, wichtige Vertreterin der surrealistischen Fotografie und Fotojournalistin. Als Kriegsfotografin lieferte Miller Bilddokumente vom London Blitz und von der Invasion der Alliierten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, dokumentierte die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau und schrieb als Kriegsberichterstatterin Reportagen für die amerikanische und britische Vogue. Ihre Fotografien werden zu den wichtigen Fotoarbeiten des 20. Jahrhunderts gezählt. Ihre selbstinszenierten Fotografien 1945 in Hitlers Badewanne, die sie mit David E. Scherman realisierte, bekannt unter dem Titel Lee Miller in Hitlers Badewanne, zählen zu den berühmtesten ihrer Bildwerke. Miller gilt als »Ikone weiblicher Selbstbestimmung und unerschrockene Pionierin.«scr: Fotografin Lee Miller. Zehn Leben in einem. In: Deutschlandfunk Kultur, 24. September 2024. Abgerufen am 18. Mai 2025.

Leben und Wirken Kindheit und Jugend Elizabeth Miller wurde 1907 als Tochter des Maschinenbauingenieurs Theodore Miller und der kanadischen Krankenschwester Florence Miller, geborene MacDonald, in Poughkeepsie geboren.Antony Penrose: Immer lieber woanders hin. Die Leben der Lee Miller. Insel Verlag, Berlin 2023. S. 10–11. Sie hatte einen älteren Bruder, John, und einen jüngeren, Erik.Antony Penrose: Immer lieber woanders hin. Die Leben der Lee Miller. Insel Verlag, Berlin 2023. S. 12. Ihr Vater war ein begeisterter Amateurfotograf. Er porträtierte Lee in jungen Jahren nackt. Sie erlitt ein traumatisches Kindheitserlebnis, als sie als 7-Jährige vom Sohn einer befreundeten Familie sexuell missbraucht wurde. Sie wurde dabei mit Gonorrhoe infiziert.Antony Penrose: Immer lieber woanders hin. Die Leben der Lee Miller. Insel Verlag, Berlin 2023. S. 15.

In der Schule war sie eine unangepasste Schülerin. 1926 schrieb sie sich in der New Yorker Art Students League ein, um Bühnenbild und Theaterbeleuchtung zu studieren.Antony Penrose: Apropos Lee Miller, S. 46; vgl. Jane Livingston: Lee Miller – Photographer, S. 28. Im selben Jahr entging sie einem Autounfall in Manhattan, bei dem sie beinahe vor ein herannahendes Fahrzeug gelaufen wäre. Im letzten Moment wurde sie von einem Passanten zurückgezogen, der ihr damit das Leben rettete. Es war zufällig der Verleger Condé Nast, der die Zeitschriften Vanity Fair und Vogue herausgab. Nast war fasziniert von Millers aparter Erscheinung und ihrer eleganten Kleidung – zudem sprach sie Französisch – und so bot er ihr spontan einen Vertrag als Fotomodell an.

Lee Miller war eine kühl und entschlossen handelnde Frau und für rasche Entschlüsse und überraschende Kehrtwendungen in ihrem Leben bekannt. Über sich selbst schrieb sie einmal:

Modellkarriere und Ausbildung zur Fotografin Ab 1927 arbeitete Lee Miller in den USA zunächst als Fotomodell für Vogue mit renommierten Fotografen wie Edward Steichen, Arnold Genthe und George Hoyningen-Huene. Als 20-Jährige war sie, gezeichnet vom Künstler Georges Lepape, auf dem Cover der amerikanischen Vogue zu sehen. Laut den Einschätzungen von Kathrin Baumstark, Direktorin des Bucerius Kunst Forums Hamburg und ihrer Enkeltochter, Ami Bouhassane, war Lee Miller damals das, was man heutzutage als Supermodel bezeichnen würde. 1929 reiste sie nach Paris, das sie bereits als 18-Jährige 1925 gemeinsam mit ihrer Französischlehrerin und einer zweiten Anstandsdame ein erstes Mal besucht hatte.Antony Penrose: Immer lieber woanders hin. Die Leben der Lee Miller. Insel Verlag, Berlin 2023. S. 17–18. Sie schloss sich der progressiven Kunstszene – insbesondere den Surrealisten an und traf auf den Maler, Filmemacher und Fotografen Man Ray, ein Empfehlungsschreiben von Edward Steichen in der Tasche, wurde seine Schülerin, lernte bei ihm das fotografische Handwerk von Grund auf und war auch mit ihm liiert. Die technische Seite des Fotografierens und die Arbeit in der Dunkelkammer beherrschte sie bald.Antony Penrose: Immer lieber woanders hin. Die Leben der Lee Miller. Insel Verlag, Berlin 2023. S. 32. Lee Miller fotografiert von Man RayAuswahl externer WeblinksExtern verlinkte Abbildungen sind durch ein Copyright geschützt und unterliegen nicht der GNU-Lizenz für freie Dokumentation Neck (1930) Lee Miller (1930) Electricité (1931)

Mit Man Ray entstand eine Vielzahl von gemeinsamen Fotoprojekten: so experimentierten beide mit den Möglichkeiten der Pseudosolarisation. Als kommerzielle Aufträge realisierten sie beispielsweise das Portfolio Electricité (1931), mit Miller als Modell, für die Pariser Elektrizitätswerke CPDE (Compagnie parisienne de distribution d’électricité).

Fotografin und surrealistische Künstlerin

Nach der Trennung von Man Ray entschied sich Miller, selbstständig als Fotografin mit eigenem Studio in Frankreich zu arbeiten. Anfangs wirkte sie als Porträt- und Modefotografin; ihre Leidenschaft für metaphysisch-surreale Sujets und Stilelemente blieb indes ungebrochen, sie gehörte zum Pariser Surrealistenzirkel. Enttäuscht von Liebesbeziehungen wie auch von der auseinanderdriftenden Kunstszene in Paris, kehrte sie 1932 zurück nach New York, um bald erneut ein eigenes kommerzielles Fotostudio Lee Miller Studios, Inc., 8 East 48 Street, New York, zu eröffnen. Zwei Jahre arbeitete sie sehr erfolgreich als Fotografin in der Metropole, bis sie den vermögenden ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloui Bey kennenlernte, den sie 1934 heiratete. Um 1935 zog sie mit ihm nach Kairo. Beeindruckt von der kargen Wüstenlandschaft und den verlassenen Pharaonenstätten fotografierte sie Ruinen und Tempel. So entstand u. a. das bekannte Bild Portrait of Space.

Die Ehe mit Aziz Eloui Bey hielt nicht lange. 1937 begegnete Miller bei einer Reise nach Paris dem surrealistischen Künstler Roland Penrose, der in diesem Jahr von seiner Frau Valentine geschieden worden war. Er wurde später ihr zweiter Ehemann. Die beiden durchquerten gemeinsam halb Europa, und erneut entstanden Fotoarbeiten.Penrose widmete Miller eine poetische Dokumentation eines Teils dieser Reise, die 1939 in kleiner Auflage auch gedruckt wurde (s. weiterführende Literatur). Sie trafen Pablo Picasso, der sechs Porträts von Miller schuf.Lee Miller: Picasso in Private. In: Museu Picasso Barcelona, (englisch), aufgerufen am 20. Oktober 2024. Ab 1938 fotografierte Miller regelmäßig für die surrealistische Zeitschrift London Bulletin. Miller wie auch Penrose gehörten zu der 1938 gegründeten ägyptischen Surrealistengruppe „Art et Liberté“. Die Gruppe, andere Mitglieder waren z. B. Amy Nimr und Georges Henein, verwendete den Begriff des „Entarteten“ als Auszeichnung und zeigte sich damit solidarisch mit den durch das Nazi-Regime verfolgten Künstlern. 1939 verließ Miller Ägypten, um mit Penrose kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach London zu ziehen. Penrose wurde einberufen, und Miller kehrte kurzzeitig als Fotografin für die amerikanische Ausgabe des Magazins Vogue nach New York zurück.

Modefotografin und Fotojournalistin 1940 wurde Lee Miller von der Vogue als Modefotografin eingestellt. Sie dokumentierte 1940 und 1941 „The Blitz“, die Bombardierung von Großbritannien, insbesondere London durch die deutsche Luftwaffe. Mit dem Bildmaterial realisierte sie ihren ersten Bildband Grim Glory: Pictures of Britain Under Fire; Edward Murrow verfasste den Begleittext. Für die Frauenzeitschrift bearbeitete Miller Frauenthemen, Frauen, die in der Kriegszeit für die Armee aktiv waren. Ihre erste Reportage als Fotojournalistin handelte von Krankenschwestern in der US-Armee. Gemeinsam mit dem Time-Life-Fotografen David E. Scherman fotografierte sie Frauen des Königlichen Marinediensts. Zusammen mit ihm besuchte sie die weibliche Suchscheinwerfer-Einheit für eine Reportage. Ihre Fotografien erschienen sowohl in der britischen als auch in der amerikanischen Vogue.Antony Penrose: Immer lieber woanders hin. Die Leben der Lee Miller. Insel Verlag, Berlin 2023. S. 126–127.

Kriegskorrespondentin mini|Kriegsberichterstatterinnen im Jahr 1943, v. l. n. r. Mary Welch, Dixie Tighe, Kathleen Harriman, Helen Kirkpatrick, Lee Miller, Tania Long, U.S. Army Center of Military History Laut ihrem PresseausweisWar Department ID (Vogue Studio). 30. Dezember 1942, messynessychic.com, archiviert vom Original am 12. November 2021, abgerufen am 29. September 2024. wurde sie Ende Dezember 1942 als eine von wenigen Frauen vom amerikanischen Kriegsministerium als Kriegskorrespondentin für den Condé Nast-Verlag akkreditiert und berichtete als offizielle Kriegsberichterstatterin für die Vogue von den Kriegsereignissen und den Konzentrationslagern in Europa. Die Filme entwickelte sie in einer improvisierten Dunkelkammer in ihrem jeweiligen Hotelzimmer.

Sie fotografierte 1944 bei der D-Day-Invasion in Frankreich. In der Schlacht um Saint-Malo hielt sie, zunächst unwissentlich, einen der ersten Einsätze von Napalm im Bild fest. Das Foto wurde in ihrem Artikel über die Befreiung von Saint-Malo, der in der amerikanischen und britischen Vogue erschien, nicht veröffentlicht. 1944 dokumentierte sie die Befreiung von Paris sowie des Elsass. Gemeinsam mit David E. Scherman, mit dem sie für kurze Zeit liiert war, reiste sie während mehrerer Monate durch Europa. Mitte April 1945 war sie Zeugin der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Sie dokumentierte die Leichenberge und das Elend der Überlebenden. Weitere Kriegsberichterstattungen waren das Zusammentreffen am 25. April 1945 der US-Armee mit den sowjetischen Truppen in Torgau (siehe Elbe Day).

Millers Berichterstattung über die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945 dokumentierte das Grauen über den Massenmord. Audrey Withers von der britischen Vogue sowie die amerikanische Vogue waren bereit, die Fotos zusammen mit ihrem Text zu veröffentlichen.

In Hitlers Badewanne

Nach der Einnahme Münchens inszenierte sie sich in Hitlers Badewanne, in dessen Münchener Privatwohnung am Prinzregentenplatz 16, Scherman fotografierte die Szene. »Es ist eine sorgsam inszenierte Aufnahme.« so die Einschätzung von Martin Oehlen und Petra Pluwatsch. »Wesentlich ist, wie medienreflexiv Lee Miller hier vorgeht. Sie inszeniert sich ja nicht nur in der Badewanne, sie drapiert auch ein Bild von Adolf Hitler am Badewannenrand und rückt ihre Militärstiefel in den Bildmittelgrund …« kommentiert Walter Moser, Chefkurator und Sammlungsleiter Abteilung Fotografie der Albertina. Sie »sitzt in einer Badewanne und wäscht sich. Mit kühlem Blick schaut sie aus dem Bildrahmen. Schließlich bemerkt man am linken Rand ein Hitler-Bild, dann die schweren dreckigen Stiefel, die vor dem gekachelten Bad stehen, die Uniform auf dem Stuhl, und man ahnt, dass es hier um viel mehr geht als um die schöne Frau.« so beschreibt Sophie Albers Ben Chamo die Fotografie in der Jüdischen Allgemeine. Zwei Varianten des Fotoshootings wurden unter dem Titel Lee Miller in Hitlers Badewanne dank der Veröffentlichungen ihres Sohnes in den 1980er Jahren weltberühmt.Schermans Foto von Lee Miller in Hitlers Badewanne Die Fotografien entstanden am Tag von Hitlers Suizid, dem 30. April 1945. Miller und Scherman waren abends aus Dachau zurückgekehrt, wo sie die Gräuel im erst kürzlich befreiten Konzentrationslager dokumentiert hatten.