mini|Ältestes oder jüngstes Königsberger Corps? Das Corps Littuania war eine Studentenverbindung an der Albertus-Universität Königsberg. 1829 gestiftet, teilte sie sich 1848. Das neue Corps kam 1894 in den Königsberger Senioren-Convent. Es suspendierte 1936 und erlosch 2001. Littuanias Geschichte spiegelt Deutschlands Polarisierung in konservative und liberal-fortschrittliche Richtungen im 19. Jahrhundert exemplarisch wider. Keine andere Korporation hatte vergleichbare Konflikte durch den Progress zu bestehen. Sie blieben ungelöst und wirken bis in die Familien heutiger Nachfahren nach.
Littuania I–III Lithuania I wurde 1820 als landsmannschaftliche Vereinigung im Rahmen der Allgemeinen Burschenschaft (1819–1833) an der Albertina gegründet. Der Name bezieht sich auf die ostpreußische Landschaft Preußisch Litauen. Littuania musste sich 1822 im Zuge der Demagogenverfolgung nach den Karlsbader Beschlüssen vom August 1819 auflösen. Betroffen war hiervon auch die Königsberger Burschenschaft I, eine von sieben sog. Allgemeinheiten, die schon im Dezember 1819 verboten wurde. Ebenfalls in der Allgemeinen Burschenschaft entstanden die inoffiziellen Kränzchen Lithuania II (1823–1825) und Lithuania III (1827–1828). Zu den Mitgliedern der Lithuania III gehörten Eduard Simson und Johann Jacoby, der ihr ein Biedermeierdasein empfohlen hatte.
Mitglieder der Landsmannschaft Lithuania (1820–1821) Johann Jacoby (1805–1877), Arzt, Vorkämpfer der Judenemanzipation und eines demokratischen preußischen Rechtsstaats Julius Albert Siehr (1801–1876), Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung
Mitglieder des Littauer-Kränzchens (1821–1828) Wilhelm Jordan (1819–1904), Schriftsteller und Politiker Julius Eugen Constantin Marcus (1806–1865), Rektor in Gumbinnen, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Gustav von Saltzwedell (1808–1897), Regierungspräsident, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Heinrich von Schirmeister (1817–1892), Landrat, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Hermann Schmalz (1807–1879), Landrat, Professor in Dorpat, MdHdA, MdR Rudolf von Schön (1810–1891), General der Kavallerie Eduard von Simson (1810–1899), Vater der ersten deutschen Verfassung (Manthey 2005)
Littuania IV (Corpslandsmannschaft) mini|Julius Holz (1852)
Am 19. Dezember 1828 konstituierte sich die Corpslandsmannschaft Littuania; als Stiftungstag betrachtete sie jedoch den 31. Januar 1829, den Tag ihres Gründungsfestes. Des Tages gedenkt das Nachfolgecorps Albertina Hamburg noch heute. Wie von jeher kamen Littuanias Mitglieder überwiegend von der Königlichen Litthauischen Provinzialschule in Tilsit und der Friedrichsschule Gumbinnen. Ihr erster Senior und späteres Ehrenmitglied war Gustav von Saltzwedell.Kösener Corpslisten 1930, 88/1 Sie wählte die Farben grün–weiß–rot. Am 3. Stiftungstag (1832) entschied sie sich für das von Franz Passauer entworfene Wappen mit dem steigenden Littauer-Schimmel. Als Wahlspruch wurde Durate et vosmet rebus servate secundis! (dt. Haltet durch und bewahrt euch für die günstigen Umstände!) aus der Aeneis von Vergil angenommen.
In den ersten 20 Jahren ihres Bestehens brachte Littuania 56 Pfarrer hervor. Ihre Pfarreien lagen im nördlichen (heute russischen) Teil von Ostpreußen. Die Deutsche Revolution 1848/1849 verringerte bei Littuania die Zahl der Theologiestudenten. Bemerkenswert ist, dass die erst 1851 gestiftete Baltia Königsberg keinen geistlichen Nachwuchs hatte.Rüdiger Döhler: Unter den Talaren der Stolz aus jungen Jahren – Corpsstudenten in der Geistlichkeit. Corps Magazin 4/2020, S. 22–27.
Am 6. Dezember 1836 nahm sie nach dem Beispiel der anderen „Landsmannschaften“ die Corpsverfassung an.Walter Passauer: Corpstafel der Littuania zu Königsberg. Königsberg i. Pr. 1935 Das Corpshaus befand sich in der Hohenzollernstraße 37.J. Kloosterhuis (1998) Im Sommersemester 1848, auf dem Höhepunkt der Deutschen Revolution 1848/49, war Hermann Meitzen Senior der Littuania.H. Meitzen (1826–1896), KKL 1910, 139/11 Er präsidierte der Communalversammlung am 20. Mai 1848, in der über den Antrag auf Abschaffung „des Corps“ verhandelt und abgestimmt wurde. Er ging mit 24 gegen 16 Stimmen durch. Dass die überstimmten Littauer bei Fuchsenzeit und Satisfaktion bleiben wollten, teilten Meitzen und Schlenther der Mehrheit am 22. Mai 1848 offiziell mit.Adolf Schlenther († 1865), Stadtsyndikus in Tilsit; KKL 1910, 140/194 Damit war die Trennung vollzogen.Otto Fünfstück in einem Brief an Hans Lippold vom 14. Juli 1969 (Archiv Corps Masovia) Die Überstimmten ersetzten das Weiß im grün-weiß-roten Band durch Silber. Die größere „Verbindung“ stand zum Progress und gewährte allen Mitgliedern die gleichen Rechte. Sie behielt die Farben grün-weiß-rot. Die Tuch-Littauer nannten sich ab 6. März 1861 Landsmannschaft Littuania.W. Fabricius: Die Deutschen Corps, Frankfurt am Main 1926, S. 401 ff. Zum ersten Mal in der Studentengeschichte gab es zwei Studentenverbindungen, die auf denselben Ursprung zurückgingen. Die Albertus-Universität hatte zwei verschiedene Korporationen mit demselben Stiftungstag und dem gleichen Wappen, was Freundschaften unter den „Couleurbrüdern“ nicht hinderte; die innere Spaltung des Bundes wurde aber nie überwunden.
Mitglieder (1829–1848) mini|Littauer (Schmiedeberg, 1837) Robert Motherby (1808–1861), Arzt, Gutsbesitzer, MdHdA Carl Schlick (1809–1874), Landrat, MdHdA Anton von Wegnern (1809–1891), Regierungspräsident (Bromberg), Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Otto Conditt (1810–1877), Gymnasiallehrer in Königsberg und Tilsit, Beamter in der preußischen Schulverwaltung Karl Ludwig Bender (1811–1893), Lehrer, Journalist, Gutsbesitzer, MdHdA Friedrich Julius Morgen (1811–1885), Gutsbesitzer, Arzt, MdHdA Oskar von Sanden (1811–1874), Landrat in Ragnit, MdHdA Carl Heinrich Krauß (1812–1849), Mathematiklehrer in Tilsit Friedrich Bielitz (1813–1877), Landrat in Lötzen, Rittergutsbesitzer, MdHdA Siegfried von Brünneck-Bellschwitz (1814–1871), Landrat, Mitglied des Konstituierenden Reichstags des Norddeutschen Bundes Rudolf Kowalski (1815–1883), Korpsauditeur in Posen Wilhelm Habrucker (1815–1891), Superintendent in Memel Carl Burchard (1815–1903), Landrat in Gumbinnen, Mitglied des Erfurter Unionsparlaments, MdHdA Julius Arnoldt (1816–1892), Philologe und Gymnasialdirektor in Gumbinnen Friedrich Fernow (1818–1890), Rittergutsbesitzer, MdR Alexander Zacher (1814–1889), Gutsbesitzer, MdHdA Sigismund Droese (1822–1891), Landgerichtsrat, MdHdA Leopold von Hoverbeck (1822–1875), liberaler Politiker Ernst Gottlieb Krantz (1823–1890), Jurist, MdHdA Waldemar Hoffheinz (1823–1897), Pfarrer in Tilsit Arthur von Knobloch (1825–1901), Landrat, Rittergutsbesitzer Rudolf Lipschitz (1832–1903), Mathematiker Gustav Mehlhausen (1823–1913), preußischer Sanitätsoffizier Franz Reich (1826–1906), Jurist, Rittergutsbesitzer, MdHdA Karl Riemer (um 1820–1868), Landrat in Stallupönen Konstanz von Saucken-Julienfelde (1826–1891), MdR Daniel Schillock (1826–1878), Senator in Minnesota Heinrich Donalies (1820–1886), Richter in Preußen
Silber-Litthuania (1848–1866) mini|SC-Meldung an den Vorort Erlangen Seit den 1840er Jahren bestand ein Kartell mit dem Corps Saxo-Borussia Heidelberg. Vier Littauer und sechs Silber-Litthauer wurden Sachsen-Preußen: B. Kaeswurm, v. Deutsch, Theodor Kaeswurm, v. Bötticher und K. v. Saucken,In den Kösener Korps-Listen 1910 wird K. v. Saucken bei Saxo-Borussia nicht aufgeführt Siegfried, v. Glasow, v. Staegen, v. Sperber und E. v. Saucken.
Vier Silber-Litthauer und andere Königsberger Studenten gründeten 1851 das Corps Baltia Königsberg.Kösener Corpslisten 1930, S. 837. Die Silber-Litthauer waren auch an der Stiftung des befreundeten Corps Hansea Bonn beteiligt und später mit dem Corps Marchia Berlin befreundet. Im Wintersemester 1851/52 fiel der wegen eines Tadels ausgetretene Corpsbursche Porrmann im ersten von drei Pistolenduellen gegen die Chargierten. Er wurde mit einem akademischen Leichenbegängnis zu Grabe getragen.John Koch
Als erstes Königsberger Corps meldeten die Silber-Litthauer am 15. Januar 1864 dem Vorort Berlin ihren Beitritt zum Kösener SC-Verband. Masovia regte im Königsberger Senioren-Convent denselben Schritt an; er konnte mit Baltia aber erst getan werden, als sich die drei Corps im Januar 1865 abermals zu einem SC zusammengeschlossen hatten. Im November 1866 musste Silber-Litthuania endgültig suspendieren, weil der gewünschte Nachwuchs wie bei Marchia Breslau und Marchia Halle ausblieb. Er schloss sich den weißen Corps im Reich an oder ging zur Preußischen Armee, die durch die Heeresvermehrung immer mehr Offiziere brauchte.
Die Silber-Litthauer lebten nur 18 Jahre, überstrahlen aber bis heute den Ruf der landsmannschaftlichen Mehrheit. 1854 hatte Baltia dem Muttercorps zum 25. Stiftungsfest ein silbernes Trinkhorn geschenkt, das sie 1866 bei der Suspension zurückerhielt.S. Schindelmeiser, Band 1, S. 205 f. Es trug die Inschrift:
Silber-Litthauer mini|Silber-Litthauer (1865)
Heinrich von Schirmeister (s. o.) Gustav von Deutsch (1825–1878), Oberst im Sezessionskrieg Theodor Kaeswurm (1825–1883), Rittergutsbesitzer, MdHdA August Wittich (1826–1897), Stadtarchivar und Stadtbibliothekar in Königsberg, Stifter des Corps Baltia Theodor Frommer (1829–1901), Kreisrichter, Rechtsanwalt, MdHdA Hermann Elgnowski (1830–1895), Richter in Berlin, MdHdA Adolf Richard Stellmacher (1831–1907), Reichsgerichtsrat Bernhard Presting (1831–1908), Religionspädagoge Karl Sczepanski (1832–1918), Oberbürgermeister von Königsberg Adolf Wisselinck (1832–1888), Kreisrichter, Bürgermeister von Thorn, MdHdA Theodor von Saß (1833–1894), Rittergutsbesitzer, Landrat in Guttstadt Charles Edward Gruenhagen (1833–1907), Landgerichtspräsident, MdHdA Julius Siegfried (1835–1901), Kreisdirektor in Diedenhofen, Saarburg und Hagenau Eduard Nitschmann (1836–1906), Generalmajor Eduard Kammer (1839–1910), Altphilologe und Gymnasiallehrer Alfred Schultz (1840–1904), Unterstaatssekretär Hermann von Sperber (1840–1908), Rittergutsbesitzer, MdHH Paul von Bienenstamm (1843–1911), Finanzbeamter, Kollegienrat Karl von Gamp-Massaunen (1846–1918), MdR
Littuania im SC (1894) mini|SC zu Königsberg (1920) Beraten von Philipp Zorn und unterstützt vom Corps Masovia, aber gegen 68 Stimmen in den eigenen Reihen beantragte die freie Landsmannschaft Littuania 1894 erfolgreich, als Corps in den Königsberger Senioren-Convent aufgenommen zu werden.In seiner Corpstafel 1935 führt Passauer die 68 Landsmannschafter namentlich auf, die zwischen dem Wintersemester 1834/35 und dem Sommersemester 1891 nicht zum Corps übergetreten waren. Von ihnen lebten 1894 noch etwa 50, 1935 noch 4. 27 Silber-Litthauer (darunter 16 ehemalige Tuchlittauer) schlossen sich dem „neuen“ Corps an. Die in Würzburg weiterstudierenden Mediziner der Landsmannschaft Littuania gingen allesamt als Verkehrsgäste zur dortigen Landsmannschaft Makaria im Coburger Landsmannschafter Convent. 1913 stellte Littuania mit Kurt Riedel den Vorsitzenden des Kösener Congresses.
Seit dem Eintritt der Landsmannschaft Littuania in den SC (1894) schwelte der Anciennitätskonflikt. Wie schon 1895 und 1898 stellte das Corps Littuania 1913 den Antrag, den 29. Januar 1829 als Stiftungsdatum der Corpslandsmannschaft Lithuania führen zu dürfen. Sie stieß (abermals) auf den geschlossenen Widerstand der anderen Corpsburschen-Convente. Im Verlauf der Redeschlachten wurden PP-Suiten gestürzt. Der inaktive Littauer Busch überbrachte den drei anderen Corps eine Chargenforderung auf Schläger.Egon Busch, Assessor in Leipzig, gefallen 1915 in der Champagne; KCL 1930, 88/708 Gestritten wurde auch darüber, ob Littuania alte Angehörige der Corpslandsmannschaft und der Silber-Litthuania in ihrer Corpsliste als Alte Herren führen durfte. Hierüber wurde schließlich ein Vergleich geschlossen.S. Schindelmeiser, Band 2