mini|Charles de Villers, porträtiert von Friedrich Carl Gröger
Charles François Dominique de Villers (* 4. November 1765 in Boulay-Moselle; † 26. Februar 1815 in Göttingen) war ein französischer Offizier, Philosoph und Autor. Bedeutend wurde er vor allem, indem er die Ideen von Immanuel Kant in Frankreich bekannt machte.
Leben Jugend Villers wurde 1765 im lothringischen Städtchen Bolchen (Boulay) geboren. Sein Vater war Finanzbeamter, seine Mutter, eine geborene de Lannaguet, stammte aus dem Provinzadel der Languedoc. Vom neunten bis fünfzehnten Lebensjahr besuchte er die Schule der Benediktiner zu St. Jacques in Metz. 1780 wurde er Anwärter und 1781 Zögling der Artillerieschule in Metz. Im selben Jahr wurde er Unterleutnant in Toul, 1783 kam er zum Regiment von Metz in Strassburg, 1787 wurde er Leutnant, 1792 Hauptmann im Artillerieregiment von Besançon. Er war Aide-de-camp des Marquis de Puységur, durch den er dazu kam, sich mit dem Mesmerismus zu beschäftigen. Aus dieser Zeit stammt sein Roman Le magnétiseur amoureux (Genf 1789). Charles de Villers war Mitbegründer der Sociéte harmonique in Metz, einem Ableger der 1785 in Straßburg gegründeten Sociéte Harmonique des Amis Réunis.Sabine Kleine: Der Rapport zwischen tierischem Magnetismus und Hypnotismus. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 299–330; hier: S. 307 f. (Ein animistisches Modell: Charles de Villers) Außerdem beschäftigte Villers sich mit der griechischen und hebräischen Sprache, sowie der Theorie und Praxis der Dichtkunst.
Exil Von der Revolution war er bald enttäuscht und verfasste mehrere satirische und kritische Schriften, weshalb er gezwungen war, sich 1792 der Exilregierung der Königsbrüder Stanislas Xavier, Comte de Provence und Charles Philippe anzuschließen. Danach hielt er sich an verschiedenen Orten auf. Aus seiner Heimatstadt musste er fliehen, da man nach ihm fahndete. Lüttich, Münster, Driburg und Holzminden waren die ersten Stationen seines Exils. 1796 immatrikulierte er sich als Student an der Georgia Augusta in Göttingen. Sein besonderes Interesse galt der Philosophie Immanuel Kants. Als dem Emigranten 1801 für einige Monate die Rückkehr nach Paris erlaubt wurde, gelang es de Villers, Napoleon für Kants Denken zu interessieren, das dieser bis dahin als „deutsche Ideologie“ abgetan hatte: „Der erste Konsul von ganz Europa hat sehr wenig Zeit zu verlieren, und man gestand mir nur vier Seiten zu, um ihm zu sagen, worum es sich handelte, und vier Stunden daran zu denken.“Karl Vorländer, Immanuel Kant - Der Mann und das Werk, Felix Meiner Vlg., Hamburg 1993. auch: http://www.textlog.de/36570.html Unter diesem Zeitdruck entstand de Villers Philosophie de Kant. Aperçu rapide des bases et de la direction de cette philosophie, eine antiquarische Rarität, da die Broschüre weder in Paris noch in Göttingen aufbewahrt wurde. Neben einem Exemplar in Goethes Bibliothek fand sich nur im Nachlass des Autors noch die Erstausgabe, nach der 1925 ein bibliophiler Nachdruck aufgelegt wurde."Villers, Kant und Bonaparte", Nachwort in: Charles de Villers, Philosophie de Kant. Rédigé à Paris pour Bonaparte et imprimé comme manuscrit. 1801. Hamburg beim Buchbund Hamburg, 5. Handdruck der Werkstatt Lerchenfeld, 1925.
Als im Königreich Westphalen unter Jérôme Bonaparte die Schließung der fünf Universitäten in Göttingen, Helmstedt, Marburg, Rinteln und Halle drohte, plädierte de Villers in einer an Napoleon persönlich gerichteten Schrift für deren Erhalt. Unterstützt wurde die Publikation des Coup d'œil sur les universités et le mode d'instruction publique de l'Allemagne protestante, en particulier du royaume de Westphalie vom Direktor des öffentlichen Unterrichts, dem ehemaligen Staatsminister Johannes von Müller. Müller setzte sich auch für eine Übersetzung ein, erst bei Achim von Arnim, dann bei Joseph Görres, mit dessen „erläuternden und berichtigenden Anmerkungen“ das Buch noch im selben Jahr 1808 auch auf Deutsch erschien.Karl Schib, Johannes von Müller, hrsg. im Auftrag des historischen Vereins des Kanton Schaffhausen, Augustin-Verlag, Thayngen-Schaffhausen, 1967, S. 308 ff.
In Göttingen lernte de Villers die mit dem späteren Lübecker Bürgermeister Mattheus Rodde verheiratete Dorothea Schlözer kennen und wurde 1797 in deren Hausstand in Lübeck mit aufgenommen, eine klassische Ménage à trois auf Lebenszeit entstand. 1803 kam es auf einer Reise nach Paris zu einer Begegnung mit der Madame de Staël in Metz, die ihn für sich gewinnen wollte. Villers widerstand, blieb jedoch mit ihr in ständigem Briefwechsel und beeinflusste ihr Deutschlandbild maßgeblich.
Bericht über die Besetzung Lübecks 1806 mini|Kämpfe am Burgtor
Villers als Hausgast konnte die Roddes in Lübeck bei der französischen Besetzung 1806 vor dem Schlimmsten bewahren, er berichtete von diesen katastrophalen Ereignissen in seinem Brief an die Gräfinn Fanny de Beauharnais enthaltend eine Nachricht von den Begebenheiten, die zu Lübeck an dem Tage, Donnerstag den 6ten November 1806 und folgenden vorgefallen sind. Dieser Brief wurde gedruckt und war ein zu seiner Zeit in Europa vielbeachtetes Dokument und ist heute eine wichtige historische Quelle. Hier soll allerdings nur das persönliche Erleben von Villers dargestellt werden, zu den Ereignissen insgesamt siehe die Hauptartikel über die Schlacht bei Lübeck bzw. die Lübecker Franzosenzeit.
Villers schreibt, dass man in Lübeck keine Ahnung von Größe und Standort der anrückenden Truppen hatte, bis am 5. November die vor den Franzosen fliehenden Preußen unter Blücher vor der Stadt erschienen.Brief S. 18f. Den Protest der Stadtverwaltung und deren Hinweise auf die Neutralität Lübecks ignorierend verlangte Blücher, dass die Stadt einen erheblichen Teil seiner Truppen aufnehmen und Einquartierung für einige Tausend Soldaten schaffen sollte. Die Quartiernahme verlief chaotisch, da bereits der Abend einbrach und man in der Stadt völlig überrascht und dementsprechend unvorbereitet war. Aber die Soldaten, obwohl sehr erschöpft, hätten sich korrekt verhalten und der bei Roddes einquartierte Offizier hätte versichert, dass man anderen Tages aus der Stadt rücken und sich ergeben wolle.
Tatsächlich wurde die Stadt von Blücher zu diesem Zeitpunkt provisorisch befestigt und die Stadttore mit Artillerie bestückt. Der Versuch, den Franzosen Widerstand zu leisten, schlug allerdings fehl. Aufgrund einer eigensinnigen Torheit des „Schwarzen Herzogs“ von Braunschweig-Oels drangen bereits am Mittag des 6. November französische Truppen durch das Burgtor und den Preußen blieb nur die Flucht. Villers wirft hier Blücher persönlich vor, dass angesichts des geringen Vorteils, den die preußischen Truppen im besten Falle hätten gewinnen können (Blücher selbst veranschlagte nur zwei Tage, die er sich hätte halten können), die Verletzung der Neutralität der Stadt mit all ihren Folgen nicht zu vertreten gewesen sei.Brief S. 29 f.
So begann aber nun der Straßenkampf, die preußischen Soldaten verschanzten sich in den Häusern, welche die Bürger zu verschließen versuchten. Villers hatte den Eingang seines Hauses ebenfalls so gut als möglich verschlossen und ging zum benachbarten Haus der Roddes, wo nur Dorothea Rodde mit den Kindern war (Mattheus Rodde hielt sich beim Senat auf). Das Haus lag in der Nähe des Burgtors, man wurde daher Zeuge des Eindringens der Franzosen und des folgenden Gemetzels. Gegen 3 Uhr nachmittags endeten die Kämpfe, nachdem alle in der Stadt gebliebenen Preußen entweder tot oder gefangen waren. Die Einwohner meinten nun, bereits davongekommen zu sein.
Das war aber nicht der Fall, vielmehr begann in der eroberten Stadt eine gewalttätige Plünderung. Villers, der für Frau Rodde und ihre beiden Töchter das Schlimmste befürchtete, setzte einen Hut mit französischer Kokarde auf, zog einen blauen Mantel an und stellte sich mit seinem alten Adjutantensäbel bewaffnet in die Tür. Es gelang Villers, Soldaten, die bei Roddes eindringen wollten, davon abzuhalten, indem er sich aus seiner Militärzeit des rauen Befehlstones erinnerte, allerlei Ausflüchte gebrauchte, wobei er z. B. behauptete, hier als Wache und Quartiermacher eines Generals zu stehen.Brief S. 36–38.
Gegen 9 Uhr kehrte Rodde wohlbehalten aus der Senatsversammlung zurück mit der Nachricht, er habe dem französischen Befehlshaber Bernadotte, dem Fürsten von Ponte Corvo, sein Haus zur Verfügung gestellt. Bernadotte traf in der Nacht ein und speiste mit der Familie Rodde und Villers, dem er gestattete, als sein Sekretär aufzutreten und dementsprechend sich Geltung zu verschaffen, was Villers in den nächsten Tagen vielfach tat. Bereits in der ersten Nacht noch wurde die Tür des Hauses von Hilfesuchenden und Verzweifelten belagert, die sich von Villers Rettung vor den Gewalttätigkeiten der Soldaten erhofften.Brief S. 42 f.
Villers tat, was er konnte, und nicht nur er. Zahlreiche Offiziere und sogar ein ganzes Regiment (das 32. Infanterieregiment) versuchten, die Plünderungen und Misshandlungen zu unterbinden, was aber nur zum kleinen Teil gelingen konnte und wobei manche sogar verletzt wurden.
Am 7. November erfolgte die Kapitulation, die aber den Plünderungen kein Ende setzte. Schließlich waren etwa 70.000 Soldaten (Franzosen und gefangene Preußen) in der Stadt, somit mehr als die doppelte Einwohnerzahl, es gab zahlreiche Verwundete und die entstandenen Schäden (so führt Villers aus) wurden vor allem dadurch besonders bedeutend, dass es überall eingelagerte Wintervorräte gab, Anfang November in Lübeck ein Termin für jährliche Zahlungen war, weshalb es in allen Haushalten relativ große Mengen an Bargeld gab, man aus Angst vor Bränden während der Beschießung alle Wertsachen möglichst am Leib trug („Die Marodeurs ripsrapsten das alles zusammen weg.“Brief S. 52.), zu allem Überfluss Lübeck bedeutenden Handel mit Wein und Branntwein trieb, dementsprechend groß waren die Vorräte an Alkohol.
Villers berichtet von den Plünderungen einige grausige und einige groteske Episoden: Wie bei einem alten Weinhändler die Marodeure unter der Kleidung einen Geldgürtel zu spüren meinten, ihn auszogen und nur ein Bruchband fanden, darüber so erbost waren, dass sie ihm ein Bajonett in den Leib stießen. Wie eine Frau einige Möbel umstürzte, sich die Haare zerraufte, die Kleidung zerriss und sich bei offener Tür weinend auf dem Boden wälzte, worauf sämtliche Soldateska vorbeizog in der Meinung, hier wären schon andere am Werk gewesen.
Mit besonderer Emphase schildert Villers die offenbar massenhaft vorgekommenen Vergewaltigungen: Blutbesudelte Elende benutzten die Aengste des Schreckens, um mit ihren gräuelvollen Wollüsten unglückliche Schlachtopfer, halbtodte Weiber zu vergiften. Die meisten davon werden ihre Entehrung nicht lange überleben; und ihre unglücklichen Familien, ihre Gatten, ihre Mütter, ihre Geliebten auf späte Zeiten in ihren Herzen einen tödtenden Nagewurm davon behalten.Brief S. 69 f.
Er berichtet: Eine von Soldaten verfolgte Mutter mit ihrem Kind im Arm sei in das Wasser gesprungen, wobei ihr Kind ertrank. Die Frau halte sich nun für eine Kindsmörderin und habe darüber den Verstand verloren. Ein Trupp des 4. Corps sei in das Irrenhaus eingebrochen und hätte die dort eingeschlossenen wahnsinnigen Dirnen missbraucht und misshandelt. Eine Frau sei von 22 Soldaten vergewaltigt worden und für tot in einen Teich geworfen worden, wo sie dann wirklich starb. Er selbst habe ein Opfer gesehen, eine junge Frau mit leerem Blick, zerrissenem Kleid und zerkratztem Busen, die von zwei älteren Frauen gestützt wurde. Dieses Bild habe sich ihm tief eingeprägt.
Besonders empört zeigt sich Villers über manche Reaktion seiner Landsleute auf solche Berichte: Der Leichtsinn unserer Nation nimmt bisweilen die Erzählung von Mißgeschicken dieser Gattung mit einem unanständigen, unmenschlichen Lächeln auf. […] Ein solches Lächeln kommt mir wie das Lächeln der Hölle vor; und nichts moralisch Scheußlicheres kenne ich!Brief S. 74.