Zweifall ist seit 1972 der südlichste Stadtteil der nordrhein-westfälischen Stadt Stolberg (Rhld.) in der Städteregion Aachen im Regierungsbezirk Köln. Vor der Eingemeindung nach Stolberg hatte Zweifall eine durchaus eigenständige, wenngleich mit unterschiedlichen Territorialzugehörigkeiten verbundene Geschichte.
Geografie mini|hochkant|Geologie des Vichttales Zweifall liegt in einem Talkessel am Zusammenfluss des Vicht- und des Hasselbachs. Naturräumlich gehört es zum Hohen Venn (Nördliche Vennabdachung, Ordnungsnummer 283.1) und ist Teil des Naturparks Nordeifel. Seine Nachbarorte sind Breinig im Westen, Vicht im Norden und Roetgen-Mulartshütte im Südwesten. Zwischen Zweifall und Vicht liegen wie unabhängige Ortsteile anmutende, ehemalige Reitwerke wie Junkershammer und die heute zum Stolberger Ortsteil Vicht gehörenden Platenhammer und Neuenhammer.
Finsterau ist eine südwestlich des Kernortes, an der Straße nach Mulartshütte gelegene Siedlung, die sich unmittelbar am östlichen Ufer des Vichtbachs befindet.
Geologie, Hydrologie und Bodenbeschaffenheit Die Gegend um Zweifall ist geologisch von devonischen Sand- und Tonsteinen geprägt. Unter diesen devonischen Gesteinen befindet sich der so genannte Vichttaler Eisenstein, der für die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung des Ortes von Bedeutung werden sollte (siehe weiter unten). Darunter versteht man Sand-, Ton- und Siltsteine mit einem hohen Gehalt an Eisenoxiden und -hydroxiden sowie geringen Anteilen von Limonit und Hämatit. Siehe auch Geologie in Stolberg (Rhld.) Deutlich sichtbar wird das Gebiet von der Vicht, dem Hasselbach, dem Solchbach und ihren Zuflüssen bestimmt. Der Wasserreichtum und das starke Gefälle der Wasserläufe, durch das eine entsprechende Energie gewonnen werden konnte, waren weitere Voraussetzungen für die Entwicklung der Zweifaller Industrie. Die Bodenqualität des ursprünglich geschlossen bewaldeten Gebiets, dessen landwirtschaftliche Nutzflächen mühsam durch Rodung gewonnen werden müssen, ist eher dürftig, die Talauen sind zum Teil versumpft. Es dominiert Weideland, Ackerbau ist nur auf wenigen Flächen möglich.
2021 war auch Zweifall von einer besonderen Wetterlage in Westeuropa betroffen, was zu einer Überschwemmung auch im Ort geführt hat.
Geschichte und Etymologie Vor- und Frühgeschichte Vereinzelte Funde von Steinbeilen an verschiedenen Stellen im Ortsgebiet (Krebsberg, Kirchhardt und „auf dem Werk“) weisen auf die Anwesenheit von Menschen schon im Spätneolithikum und Endneolithikum, wenngleich hierbei noch nicht von Ansiedlungen ausgegangen werden kann. Vermutlich handelt es sich bei diesen Funden um die Hinterlassenschaften von Jägern, die in der Gegend aktiv waren. Für die Metallzeit wurden Siedlungen – beispielsweise in Form von Fliehburgen wie im nahegelegenen Schevenhütte – postuliert, konnten aber bislang nicht archäologisch nachgewiesen werden.Zweifall – Wald- und Grenzdorf im Vichttal. Zweite erweiterte Auflage des Zweifaller Heimatbuchs von Johannes Bendel im Auftrage der Gemeinde Zweifall, neu bearbeitet von Heinrich Koch unter Mitarbeit von Ella Bieroth, Günther Hörnig, Werner Kleingarn, Werner Nerlich und Max Premer. Monschau 1968, S. 85f. Aus römischer Zeit ist eine Villa rustica mit einer rund 23 Meter langen und 19 Meter breiten Umfassungsmauer bekannt, die 1883 auf der Kirchhardt ausgegraben wurde. In ihrer Nähe gefundene Schlackenreste sprechen für einen frühen Verhüttungsbetrieb. Als Terminus post quem kann bei diesem Fundkomplex eine Silbermünze des Antoninus Pius (138–161) dienen.Bonner Jahrbücher 77 (1984); Hans Lehner: Die antiken Steindenkmäler des Provinzialmuseums in Bonn. Bonn 1918, S. 435; W. Vogt: Bodenfunde im Kreis Montjoie. Eremit, 5 (1929), S. 18ff.
Etymologie Die Herkunft des Ortsnamens und seiner älteren Schreibweisen (Tzwyvel, Zweyfell, Zwyfall und zahlreiche andere) ist ungeklärt und umstritten. Er könnte im Zusammenhang mit den Bachverläufen stehen, die spätestens seit dem Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein auch immer als Grenzmarkierungen dienten, und sich dabei auf das Wort „Zweifel“ beziehen. Zum einen trennte die Vicht die Besitzungen der Reichsabtei Kornelimünster (das so genannte Münsterländchen) vom Territorium der Grafen und späteren Herzöge von Jülich. Innerhalb des Jülicher Gebietes wiederum markierte der Hasselbach die Grenze zwischen dem Amt Montjoie (Monschau) und der Wehrmeisterei.Dieter Mätschke: Stolberger Wanderungen. Bd. 2: Im Naturpark Nordeifel, Meyer & Meyer Verlag, Aachen 1991, ISBN 3-89124-105-4, S. 36f. Eine Theorie der Heimatforschung besagt nun, dass der Name daher komme, dass die frühen Bewohner des Ortes aufgrund dieser Grenzsituation ständig im Zweifel gewesen wären, in welcher Zuständigkeit sie sich gerade befunden, bzw. wohin sie ihre Abgaben zu entrichten hätten. Eine weitere heimatkundliche Theorie geht davon aus, dass der erste eisenverarbeitende Betrieb sich dort befunden habe, wo Vicht und Hassel zusammengefallen seien. Dagegen spricht jedoch der Umstand, dass das älteste Werk, der sog. Alte Hammer, sein Wasser nachgewiesenermaßen ausschließlich aus dem Hasselbach bezog.Dieter Mätschke: Stolberger Wanderungen. Bd. 2: Im Naturpark Nordeifel, Meyer & Meyer Verlag, Aachen 1991, ISBN 3-89124-105-4, S. 37.
Geschichte Mittelalter und Neuzeit
Urkundlich wird Zweifall zum ersten Male im Laufe des 13. Jahrhunderts sowohl in den Grenzbeschreibungen als auch im Waldbuch der Reichsabtei Kornelimünster erwähnt.Zweifall – Wald- und Grenzdorf im Vichttal. Zweite erweiterte Auflage des Zweifaller Heimatbuchs von Johannes Bendel im Auftrage der Gemeinde Zweifall, neu bearbeitet von Heinrich Koch unter Mitarbeit von Ella Bieroth, Günther Hörnig, Werner Kleingarn, Werner Nerlich und Max Premer. Monschau 1968, Abb. 10 und 11, Anl. 4 und 5. Es wurde lange angenommen, dass der Ursprung des Ortes laut einer Chronik des Klosters Reichenstein in einem eisenerzeugenden oder eisenverarbeitenden Hüttenbetrieb des 13. Jahrhunderts, einem so genannten Reitwerk bestehen könnte. Die Datierung auf das 13. Jahrhundert wird jedoch auch bezweifelt, da zum einen die Genauigkeit der literarischen Quelle fraglich sei und zum zweiten grundsätzlich von einem Beginn der vorindustriellen Eisenerzeugung und -bearbeitung im Vichttal erst ab der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ausgegangen werden könne. Man müsse daher die Anfänge Zweifalls eher auf das Ende des 14. oder den Beginn des 15. Jahrhunderts datieren.Ausführliche Dorfgeschichte auf der Webpräsenz der IG Unser Dorf Zweifall, abgerufen am 19. Februar 2021. Bei dieser ersten gewerblichen Ansiedlung handelt es sich wahrscheinlich um das Hüttenwerk am Zusammenfluss von Hasselbach und Vicht, das später „Alter Hammer“ genannt wurde, was sich als Flurname bis heute erhalten hat. Der „Alte Hammer“ war, zuletzt im Besitz der Familie Hoesch, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kontinuierlich in Betrieb und wurde 1806 noch einmal für wenige Jahre reaktiviert.Zweifall – Wald- und Grenzdorf im Vichttal. Zweite erweiterte Auflage des Zweifaller Heimatbuchs von Johannes Bendel im Auftrage der Gemeinde Zweifall, neu bearbeitet von Heinrich Koch unter Mitarbeit von Ella Bieroth, Günther Hörnig, Werner Kleingarn, Werner Nerlich und Max Premer. Monschau 1968, S. 18 und 439f.
Zu dem „Alten Hammer“ gesellten sich bald weitere Hämmer und Reitwerke, einhergehend mit einer entsprechenden Wohnbebauung. Zu erwähnen sind hier namentlich, der Klapperhammer, die Mulartshütte im oberen Vichttal, die 1504 erstmals urkundlich erwähnt wird und aus der sich später die eigenständige Ortschaft gleichen Namens entwickeln sollte, die sich heute auf dem Territorium der Gemeinde Roetgen befindet. Ferner das Alte Werk oder Altwerk, die Cronenhütte auf dem Hammerbend, die Werkerhütte, die Kirchenhütte auf dem Grund der heutigen katholischen Kirche, über die allesamt kaum etwas bekannt ist, sowie die noch sichtbaren und gut beurkundeten Anwesen Junkershammer im nördlichen Vichttal, Plattenhammer und Neuenhammer, von denen sich die beiden letztgenannten heute auf dem Gebiet des Stolberger Stadtteiles Vicht befinden. Weitere Reitwerke können aufgrund der Flurnamen (Trompesblech, Hüttstatt, Flammersau, Werkersau) zwar angenommen werden, entziehen sich aber urkundlicher Grundlagen oder baulicher Hinterlassenschaften im Gelände.Zweifall – Wald- und Grenzdorf im Vichttal. Zweite erweiterte Auflage des Zweifaller Heimatbuchs von Johannes Bendel im Auftrage der Gemeinde Zweifall, neu bearbeitet von Heinrich Koch unter Mitarbeit von Ella Bieroth, Günther Hörnig, Werner Kleingarn, Werner Nerlich und Max Premer. Monschau 1968, S. 427–457. Grundlage dafür, dass sich in Zweifall wie im gesamten Vichttal schon früh eine Wirtschaft mit eisenerzeugendem und eisenverarbeitendem Schwerpunkt entwickeln konnte, waren die naturräumlichen Gegebenheiten (siehe oben). Der anstehende, Eisenoxid und -hydroxid enthaltende, so genannte Vichttaler Eisenstein lieferte das Erz, die den Ort umgebenden dichten Wälder ermöglichten die Herstellung der notwendigen Holzkohle, mit der Wasserkraft der Vicht schließlich konnten die Hämmer betrieben werden.
Kirchlich gehörte Zweifall zur Pfarre Konzen. Erst 1521 erhielt der Ort eine eigene Kirche. Nach der Reformation wurde diese Kirche zwar 1548 von den Lutheranern okkupiert, jedoch bereits 1553 den Katholiken durch den Monschauer Amtmann zwangsweise zurückerstattet.Dieter Mätschke: Stolberger Wanderungen. Bd. 2: Im Naturpark Nordeifel, Meyer & Meyer Verlag, Aachen 1991, ISBN 3-89124-105-4, S. 39. Der seit 1611 residierende Amtmann Oberst von Kettler vertrieb seinerseits wieder die Katholiken und Lutheraner und übertrug die Kirche den Reformierten. Diese Episode endete jedoch schon 1622, als die Gegend von spanischen Truppen besetzt wurde, die in der Folgezeit alle Formen des Protestantismus unterdrückten. Die unruhigen Zeiten endeten erst mit dem Religionsvergleich von 1672. 1683 wurde dann in Zweifall eine eigenständige protestantische Kirche errichtet, die eine der ältesten originär evangelischen Kirchen der Region ist. Kirchenkreis Aachen
Moderne Verwaltungstechnisch gehörte Zweifall bis zum Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Teil, der östlich des Hasselbaches und der Vicht lag, zum Amt Wehrmeisterei, mit dem anderen Teil zum Amt Monschau (Montjoie) im Herzogtum Jülich. Während der französischen Besatzungszeit (1794–1814) war es ab 1794 zunächst eine eigenständige Mairie im Département de la Roer, bevor es zusammen mit Mulartshütte 1799 der Mairie Lammersdorf angegliedert wurde. In dieser Zeit kam es zu Schatzungen und Zwangsrekrutierungen. Von Nachfolgern der Limburgischen Bockreiter wurde der Ort um 1795 überfallen.Zweifall – Wald- und Grenzdorf im Vichttal. Zweite erweiterte Auflage des Zweifaller Heimatbuchs von Johannes Bendel im Auftrage der Gemeinde Zweifall, neu bearbeitet von Heinrich Koch unter Mitarbeit von Ella Bieroth, Günther Hörnig, Werner Kleingarn, Werner Nerlich und Max Premer. Monschau 1968, S. 99–104. Unter der folgenden preußischen Besetzung bildete der Ort ab 1816 zunächst eine Gemeinde mit Mulartshütte und eine Bürgermeisterei mit Lammersdorf. 1850 wurde Lammersdorf wieder abgetrennt und Zweifall eigenständige Bürgermeisterei, bevor es 1862 mit Roetgen zu einer Bürgermeisterei zusammengelegt wurde, wobei der Amtssitz nach Roetgen kam.Dieter Mätschke: Stolberger Wanderungen. Bd. 2: Im Naturpark Nordeifel, Meyer & Meyer Verlag, Aachen 1991, ISBN 3-89124-105-4, S. 38.