Königrufen (auch Königsrufen) ist ein in Österreich und Südtirol gepflegtes Kartenspiel aus der Tarock-Familie für vier Spieler. Von seinen Spielern wird es meist einfach „Tarock“ genannt. Es ist als einzige Tarockvariante in einem Großteil Österreichs verbreitetVácha: Tarock – Lehrbuch des Königrufens. Ein Weg zum strategischen Denken. 2007, S. 25 und nach Schnapsen und Rommé das am weitesten verbreitete Kartenspiel Österreichs.Mayr, Sedlaczek: Das große Tarockbuch. 2001, S. 7 Seit 2024 ist Königrufen von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe in Österreich anerkannt.
Im Vergleich zu anderen Kartenspielen zeichnet sich Königrufen durch eine reiche Anzahl von Spielmöglichkeiten aus. Der Name des Spiels beschreibt die Praxis bei den grundlegendsten Spielansagen, durch das Nennen eines bestimmten Königs dessen Inhaber als Partner zu erwählen. In den meisten Spielen geht es als grundsätzliches Ziel darum, dass zwei Parteien (zwei gegen zwei, oder einer gegen drei) um die Mehrheit der Kartenwerte kämpfen. Die 54 Karten haben nach den Regeln einen Gesamtwert von 70 Punkten.
Zwar sind die Grundregeln des österreichischen Königrufens einheitlich, bei den Spielansagen und Prämien sowie deren Bewertungen herrscht aber eine große Variantenvielfalt vor. Viele private Runden spielen nach eigenen Hausregeln. Daneben haben sich breiter akzeptierte Turnierregeln herausgebildet, die allerdings regional recht unterschiedlich sind. Dies macht Königrufen zum variantenreichsten Tarockspiel.Dummett, McLeod: A History of Games Played with the Tarot Pack. 2004, Band 2, S. 576 Seit den 1990er Jahren finden regelmäßige Turnierserien statt, seit 2008 ein jährliches Österreich-Finale – stets ausgetragen in der Königrufen-Hochburg Oberösterreich.
In einem weiteren Sinne ist Königrufen eine Familie von nahe verwandten Tarockvarianten, die vornehmlich auf dem Gebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie gespielt werden, vor allem in Slowenien und regional in Rumänien, der Ukraine und in Polen. Mancherorts wandelten Spieler auch das verwandte, von Königrufen abstammende Neunzehnerrufen wiederum zu einem Königrufen um, unter anderem in Texas.
mini|hochkant=2.7|Moderner Satz Tarockkarten der Firma Piatnik; Design „Industrie und Glück“, Typ 6 von Josef Neumayer, 1890
Geschichte Vorgeschichte mini|150px|Der Narr, wie er heute im Troccas benutzt wird
Die Urform der Kartenspielfamilie Tarock entstand um 1425 im Norditalien der Frührenaissance.Dummett, McLeod: A History of Games Played with the Tarot Pack. 2004, Band 1, S. 1 Wesentlichstes Merkmal des neuen Spiels war es, dass den Farbkarten 21 dauerhafte Trümpfe, die trionfi, beigefügt wurden. Heute werden diese Trümpfe im deutschsprachigen Raum ebenfalls als Tarock bezeichnet und meist mit römischen Zahlen nummeriert. Daneben gab es die wertvolle, zu bestimmten Sonderregeln gespielte Karte des Narren, der oft fälschlich als Vorläufer des Jokers späterer Kartenspiele angesehen wird. Im Französischen L’Excuse genannt, da mit einer ritualisierten Entschuldigung gespielt, wurde er später auf Deutsch zum Sküs abgewandelt.
Nach den ältesten überlieferten, französischen Regeln von 1637 war Tarock ein Stichkartenspiel mit 78 Karten zu bestimmten Werten für drei Personen, die jeder gegen jeden um möglichst viele Punkte spielten. In seiner Blütezeit von etwa 1730–1830 wurde Tarock mit diesem Regelgrundgerüst in einem Großteil Europas gespielt. Daneben entwickelten sich Varianten für vier Spieler, in denen die gegenübersitzenden Spieler ein Team bildeten – meist im Prinzip ähnlich wie das noch heute in Graubünden verbreitete Troccas.Dummett: The Game of Tarot. 1980, S. 225
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts durchlief das Tarockspiel, vor allem im deutschsprachigen Raum und in der Habsburgermonarchie, eine Reihe von tiefgreifenden Reformen:Der Abschnitt folgt, sofern nicht anders bequellt, weitgehend Dummett: The Game of Tarot, 1980, S. 437ff. Als wichtigste Neuerung wurde vom spanischen Kartenspiel L’Hombre das Prinzip des Lizitierens eingeführt. Nunmehr wetteiferten die Spieler vor dem eigentlichen Spiel darum, gegen eine Allianz aus den übrigen spielen zu dürfen. Von der Vierspielervariante des L’Hombre, dem Quadrille, wurde übernommen, durch das „Rufen“ eines Königs einen Partner zu bestimmen. Nach diesem Prinzip entstanden Tarockvarianten wie das deutsche Tarok-Quadrille und das italienische Chiamare il re, dessen Name bereits dasselbe wie „Königrufen“ bedeutet. Ebenfalls nach dem Vorbild von L’Hombre führten die Spieler einen Talon ein, aus dem der Gewinner des Lizitierens sein Blatt verbessern konnte. Der Satz von 78 Karten wurde zur einfacheren Handhabung verkleinert durch das Weglassen der kleinsten Farbkarten. So entstand vor allem das heute in Mitteleuropa fast ausschließlich produzierte Blatt von 54 Karten. Andere Tarockvarianten strichen auch weniger oder noch mehr Farbkarten. Der Sküs verlor seine Rolle als Sonderkarte und wandelte sich zum 22. und höchsten Trumpf, wobei aber sowohl sein hoher Wert als auch seine Gestalt und sein Name erhalten blieben. Als zusätzliches Spielelement wurde eine Prämie eingeführt, wenn das kleinste Tarock, der Pagat, den letzten Stich gewann. In Österreich wurde die Regel erfunden, dass man dies auch vor dem Spiel ansagen konnte („Pagat Ultimo“ oder „Pagat zum Schluss“). Auch in grafischer Hinsicht wandelten sich die Karten: Statt des Italienischen Blattes stellten die Spieler auf das einfacher zu handhabende Französische Blatt um. Die Kartenhersteller lösten die Trümpfe von ihren traditionellen, heute vor allem im Tarot bekannten Motiven und ersetzen sie durch Tierdarstellungen, Veduten, Gesellschaftsszenen oder sonstige Bilder. Den Endpunkt dieser Entwicklung bildete das einst in Süddeutschland und Österreich sehr populäre, heute nur noch regional verbreitete Tapp-Tarock. Bei diesem erhielt jeder der drei Spieler 16 Karten, sechs Karten bildeten den Talon; die Spieler lizitierten darum, unter Zuhilfenahme von sechs, drei oder keiner Karte aus dem Talon gegen die beiden anderen spielen zu dürfen.
Entstehung und Weiterentwicklung im 19. Jahrhundert Königrufen entstand Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts als Vierspielervariante von Tapp-Tarock. Jeder Spieler erhielt 12 statt 16 Karten, der Talon bestand weiterhin aus deren sechs. Wie in den oben erwähnten Varianten wurde das Prinzip des Königrufens zur Partnerbestimmung von Quadrille übernommen.
Drei Regelbesonderheiten des Tapp-Tarock wurden auch in Königrufen übernommen. Sie sind aus dem österreichischen Königrufen im Laufe der Zeit weitestgehend verschwunden, haben jedoch in verwandten Spielen in anderen Ländern überlebt und seien daher hier geschildert: Das Aufdecken des Talons in Etappen: Ein Spieler, der drei Karten aus dem Talon nehmen durfte, sah sich zuerst die obersten drei an und nahm sie bei Gefallen auf. Andernfalls legte er sie offen auf den Tisch und sah die untersten drei an. Nahm er diese, zählte der Verlust des Spieles doppelt. Wechselte er hingegen wieder zur ersten Hälfte, so zählte der Verlust des Spiels dreifach. Im heutigen Königrufen wird üblicherweise der ganze Talon geöffnet, und dann wählt der Spieler eine Hälfte. Überschusspunkte: Ein Spieler erhält umso mehr Spielpunkte, mit je größerem Vorsprung er das Spiel gewonnen hat. Heute hingegen erhält man für den Spielsieg im Königrufen immer denselben Betrag, egal, ob man beispielsweise 36 oder 56 von 70 Punkten errungen hat (Ausnahme: Absolut und Grammopoi). Handprämien: Spieler können für gewisse Boni bestimmte Konstellationen von Karten auf der Hand ansagen, etwa eine bestimmte Anzahl von Tarock. Im aktuellen Königrufen werden meist nur Boni ausbezahlt, die während des Spiels errungen werden, siehe Prämien.
Die Erstbeschreibung von Königrufen erfolgte 1827 in einem Anhang zur zweiten Auflage des Buches „Anweisung zur gründlichen Erlernung des beliebten Tarok-Tappen-Spiels sowohl durch genaue Bestimmung aller Regeln und Feinheiten, als auch durch die Beobachtung und Auseinandersetzung mehrerer angeführter, sehr schwieriger Beyspiele.“ Die erste Ausgabe von 1821 (die ihrerseits die erste bekannte Beschreibung von Tapp-Tarock darstellt) hatte Königrufen noch nicht beachtet, woraus ein Popularitätsschub des Spiels in den 1820ern vermutet werden kann. Die zweite Auflage galt lange als verschollen und wurde erst 2010 der Öffentlichkeit bekannt gemacht, als die Niederösterreichische Landesbibliothek ein Exemplar vom niederländischen Steuer- und Zollmuseum in Rotterdam erwerben konnte.
Nach diesen Regeln konnte die Vorhand, also der Spieler, der das Lizitieren begann und zum ersten Stich ausspielte, bei schlechten Karten einen Tapper ansagen. Damit war im Tapp-Tarock das niedrigste Spiel gemeint, bei dem die Vorhand alle sechs Karten aus dem Talon aufnehmen durfte, wenn niemand ein höheres Spiel ansagte. Dieses Spiel war jedoch, da es allzu leicht gewonnen wurde, bereits im Tapp-Tarock obsolet und wurde nicht gespielt, sondern zu billigem Tarif an den Spieler ausbezahlt; so wurde auch im Königrufen verfahren.
Mit besseren Karten konnte die Vorhand entweder einen König rufen, einen Dreyer ansagen (mit drei Karten aus dem Talon gegen die drei anderen spielen) oder einen Solo, womit damals jedoch nicht der heutige Solorufer gemeint war, sondern der Solodreier – allein gegen die anderen zu spielen ohne Karten aus dem Talon. Auch alle anderen Spieler konnten diese Spiele lizitieren.
Bis zum Auftauchen des Buches war das Neueste Allgemeine Spielbuch von 1829 die älteste bekannte Quelle für Königrufen, das – wie sich herausstellen sollte – eine bearbeitete Abschrift der Regeln von 1827 enthielt, und zwar unter der Überschrift Tappen mit König oder Tarokrufen.Die Regeln von 1829 auf tarock.info (PDF; 117 kB) Daraus leiteten die Tarockexperten ab, dass in der Urform des Spiels ein König oder ein hohes Tarock gerufen werden konnte. Das stellte sich nach Auftauchen der Regeln von 1827 als falsch heraus – dort konnte nur ein König gerufen werden. Für den Fall, dass der gerufene König von den Gegnern abgestochen wurde (oder im Talon liegenblieb), war eine hohe Strafe zu zahlen. Dies wurde von den Königrufern als so unangenehm empfunden, dass ein Teil von ihnen dazu überging, statt des Königs Tarock XX zu rufen, dessen Verlust kaum zu befürchten, und wenn, ob seines geringen Werts nicht weiter schlimm war. So heißt es in den Regeln von 1829:
Damit wurde eine neue Entwicklungslinie von Tarockspielen geschaffen, die in die heutigen Spiele Zwanzigerrufen und Neunzehnerrufen sowie in das Ungarische Tarock mündete. Aus dem Königrufen wiederum wurde der „Königfang“ meistens abgeschafft, oder wenn behalten, in seinen Konsequenzen wesentlich gemildert.
mini|Buchumschlagsdetail Illustrirtes Wiener Tarokbuch von 1899
1840 erschien das erste Buch, das sich ausschließlich Königrufen behandelte – Gründliche und leichtfaßliche Anleitung zur baldigen Erlernung des beliebten Tarock-Königrufen, oder die Kunst, dasselbe in kurzer Zeit nach Regeln und Beispielen theoretisch und praktisch spielen zu lernen. Die Regeln unterschieden sich jedoch beträchtlich – in diesem Königrufen konnten die Spieler nur Ruferspiele ansagen, und zwar als Dreier (mit drei Karten aus dem Talon) oder als Solo ohne Talon. Wer allein spielen wollte, konnte einen König in seinem eigenen Blatt rufen.