Walter Hans Ferdinand Oehme, meist nur Walter Oehme (* 1. März 1892 in Berlin; † 13. März 1969 ebenda) war ein deutscher Journalist und Politiker.
Leben Oehme kam aus einer Berliner Familie. Sein Vater war der Lehrer Johannes Gotthold Oehme, seine Mutter Margarethe Elisabeth Oehme geborene Lindemann. Beide Eltern waren evangelischer Konfession.Geburtsurkunde Nr. 677, Geburtenregister der Berliner Standesämter (Bestände P Rep. 100 bis P Rep. 840) 1874–1911. Landesarchiv Berlin, abgerufen bei Ancestry.com (30. Mai 2023) Oehme heiratete am 25. Februar 1921 Auguste Alma Hildegard Tschesche. Beide Partner gaben beim Standesamt keine Religionszugehörigkeit an. Die Ehe wurde am 30. April 1965 in Berlin-Friedrichshain geschieden.Heiratsurkunde Nr. 92, 25. Februar 1921, mit Stempelvermerk Nr. 92, 3. Juni 1965, zur Scheidung, Standesamt Berlin XII A, Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1936, Landesarchiv Berlin, abgerufen bei Ancestry.com (30. Mai 2023)
Oehme sollte Theologie studieren. Er besuchte zunächst eine Präparandenanstalt, um sich zum Volksschullehrer ausbilden zu lassen. An der Universität studierte er Volkswirtschaft und Philosophie. Das Studium führte zu seinem Bruch mit der Kirche. Das war nicht nur eine Privatsache, er beteiligte sich an einer Bewegung, die gegen die „Reaktion der Staats- und Polizeikirche“ und „mittelalterliche Jugenderziehung“ kämpfte: Bei einer von den Vereinigten Komitees für Kirchenaustritt organisierten „Kirchenaustritts-Versammlung“ am 11. Januar 1924 trat Oehme als Redner auf.Die Vereinigten Komitees für Kirchenaustritt. "16 neue Kirchenaustritts-Versammlungen" [Veranstaltungsanzeige]. Vorwärts 31. Jg., Nr. 5, 6. Januar 1914, S. 7 [FES] Er war Mitglied im Bund der Konfessionslosen.Verein der Freidenker für Feuerbestattung. [Veranstaltungsankündigung]. Vorwärts 31. Jg., Nr. 77, 19. März 1914 [FES]
Er trat 1912 in die SPD ein.Ronny Kabus. "Der Drei-Monats-OB". Sächsische.de 19. Mai 2016 (abgerufen am 30. Mai 2023) Ab 1912 arbeitete Oehme für die SPD, dann für die USPD sowie die Deutsche Liga für Menschenrechte. Vor dem Ersten Weltkrieg verstand er sich als reformorientierter sozialistischer Pädagoge und schrieb entsprechende Abhandlungen über das Erziehungswesen und Bildungsprobleme in akademischen Zeitschriften wie Sozialistische Monatshefte oder Neue Bahnen. Er war überzeugter Marxist und gehörte seinem späteren Reichskanzlei-Kollegen Arnold Brecht zufolge zum revisionistischen Flügel der SPD, wobei er insbesondere den Herausgebern der Monatshefte Joseph Bloch und Max Cohen-Reuss nahestand.Arnold Brecht. Aus nächster Nähe. Lebenserinnerungen 1884–1927 (= Lebenserinnerungen. Band 1), Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1966, S. 206f.
Oehme zog in den ersten Wochen des Weltkriegs 1914 in den Krieg. Er gehörte zum Landsturm und diente in einem Armierungs-Bataillon, wo er zum Stellungsbau und anderen Pionierarbeiten eingesetzt wurde, an der Ostfront. Im Dezember 1914 sah er dort die Zerstörung der Stadt Kalisch (Kalisz) in Russisch-Polen, die ein deutscher Kommandant als Strafaktion befohlen hatte. In Galizien erlebte Oehme, wie einer seiner Kameraden eine Handgranate in eine Gruppe russischer Gefangenen warf. In der Türkei wurde er Zeuge des Völkermords an den Armeniern. Die Empörung über diese Taten führte Oehme 1920 zur Veröffentlichung des Buches Bekenntnis deutscher Schuld – Beiträge zur deutschen Kriegsführung, in dessen Einleitung er diese Erlebnisse aufzählt. Er veröffentlichte es im Berliner Verlag Neues Vaterland als Herausgeber. Das Buch thematisierte deutsche Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg: Deportationen in Belgien, die Besetzung von Lille, Verwüstungen und Gräueltaten sowie den Umgang mit Kriegsgefangenen. In seiner Einleitung betonte Oehme, dies sei keine Anklageschrift, sondern ein Bekenntnis. In seinem Vorwort schrieb der bekannte Politiker und Pazifist Hellmut von Gerlach am 27. Juli 1920, der Wiederaufbau nach dem Weltkrieg sei nur möglich durch internationale Zusammenarbeit, und Voraussetzung dafür sei, dass Pazifisten und Sozialisten jedes Volkes in ihrem Lande Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit aufdeckten und für ihre Sühne sorgten. Die Deutschen müssten voran gehen: „Die Arbeit Walter Oehmes will einen kleinen Teil der ungeheuren, bei uns noch nötigen Aufklärungs- und Reinigungsarbeit vollziehen.“Walter Oehme (Hg.). Bekenntnis deutscher Schuld : Beiträge zur deutschen Kriegsführung. Verlag Neues Vaterland, Berlin 1920. [HathiTrust]
Tätigkeit in der Reichskanzlei Nach Ausbruch der Novemberrevolution zeichnete er im November und Dezember 1918 verantwortlich für die Zeitung des Grodnoer Soldatenrates. 1918 wurde Oehme Sekretär in der Reichskanzlei und nahm in dieser Funktion vom 16. bis 20. Dezember 1918 als offizieller Vertreter der Reichskanzlei – zusammen mit Unterstaatssekretär Curt Baake, Pressechef Ulrich Rauscher und dem persönlichen Referent Friedrich Eberts, Heinrich Schulz, – am „I. Allgemeinen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands“, dem Parlament der Revolution, teil. In der Reichskanzlei nahm er vielfach an Baakes Besprechungen und an Sitzungen des Rats der Volksbeauftragten (also des damaligen provisorischen Regierungskabinetts) teil. Mit seinem Chef Baake verließ er die Regierungszentrale im März 1919.
Über seine Erlebnisse in der Reichskanzlei im revolutionären Berlin sowie während der Weimarer Nationalversammlung verfasste er im großen zeitlichen und politischen Abstand zwei Memoirenbände, die deutlich durch die ideologische Sichtweise der DDR auf die historischen Ereignisse geprägt sind. 1958 erschien zunächst Damals in der Reichskanzlei. Erinnerungen aus den Jahren 1918/1919 im Berliner Kongress-Verlag, 1962 beim Berliner Verlag Rütten & Loening Die Weimarer Nationalversammlung 1919. Erinnerungen.
Noch im Januar 1919 während seiner Tätigkeit für Baake lernte Oehme die Pazifistin Hetta Gräfin Treuberg kennen, in deren politischem Salon im Hotel Bristol er bald verkehrte.Hetta Gräfin Treuberg, Zwischen Politik und Diplomatie: Memoiren. Strasbourg, Imprimerie Strasbourgeoise 1921, S. 261, 298
Journalistische Tätigkeit In der Berliner Pressekonferenz, an der er nun als Journalist teilnahm, am 13. Mai 1919 fühlte sich Oehme vom stellvertretenden Reichspressechef Robert Breuer vor den anderen Journalisten und Sprechern der Ministerien beschuldigt, er habe im Salon von Gräfin Treuberg Äußerungen zu ausländischen Journalisten gemacht, die das Ansehen Deutschlands im Ausland schädigten. Oehme verstand das als „Verleumdung“, die an den Vorwurf des Landesverrats grenze, und als „moralischen Makel“; er wandte sich noch am selben Tag brieflich an Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann (SPD), um sich zu wehren. Er unterstrich die Bedeutung, dass Breuer und er Mitglieder der SPD waren; er bezeichnete sich selbst als „sozialistischer Schriftsteller“, schrieb mit Bezug SPD ausdrücklich „meine Partei“ und unterschrieb „mit Parteigruß“.Schreiben Walter Oehme, Goethestr. 85, Charlottenburg, an Reichsministerpräsident Scheidenmann, 13. Mai 1919, Bundesarchiv BArch R 43-I/2473, Blatt 60 https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/8ced2f9d-3b02-454f-ae3a-c49aeeb51426/ [Zugriff am 18. Mai 2023] Scheidemann antwortete am 14. Mai ausweichend.Reichsministerpräsident Scheidenmann, 14. Mai 1919, Bundesarchiv BArch R 43-I/2473, Blatt 61 https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/8ced2f9d-3b02-454f-ae3a-c49aeeb51426/ [Zugriff am 28. Mai 2023]
Oehme schrieb für verschiedene Zeitungskorrespondenzen, Presseagenturen und Publikationen, darunter für die Zeitung Freiheit der USPD und später Die Rote Fahne der KPD. Zeitweilig war er Berlin-Korrespondent der Leipziger Volkszeitung, die 1917–22 der USPD gehörte.„Das Verfahren gegen Oehme“. Arbeiter-Zeitung (Wien) 28. Februar 1923, S. 2 [ANNO ÖNB] Oehme produzierte zudem seine eigene Korrespondenz Wiposit, deren Besonderheit es war, dass sie nicht Artikelmanuskripte an Zeitungsredaktionen lieferte, sondern als Informationsdienst für politische Abonnenten und ausländische Diplomaten fungierte.Robert Breuer. „Der Prozess Oehme“. Vorwärts 40. Jg., Nr. 401, 29. August 1923 (Morgenausgabe), S. 1–2 https://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=VW40401&page=0 und https://fes.imageware.de/fes/repository?method=getImage&pageId=0092930341d091462c0440ba32070bb8949b6f2&sessionId=4f69504f3ef3e6c70482233ce01886226cf910060e5Georg Bernhardt. „Der Oehme-Prozess“. Vosssische Zeitung Nr. 407, 29. August 1923, S. 1–2 https://dfg-viewer.de/show/?set%5Bmets%5D=https://content.staatsbibliothek-berlin.de/zefys/SNP27112366-19230829-0-0-0-0.xml und https://dfg-viewer.de/show?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fcontent.staatsbibliothek-berlin.de%2Fzefys%2FSNP27112366-19230829-0-0-0-0.xml&tx_dlf%5Bpage%5D=2&cHash=b23fa5e7046418dc40a106a9dae46f65
Am 16. Oktober 1919 erschien in der Zeitung Freiheit ein Artikel von ihm: „Der sterbende Zentralrat“. Die ihm fälschlich zugeschriebene Dissertation über die staatsrechtliche Stellung des Reichstagspräsidenten ist von einem Namensvetter. Die Verwechslung sollte für ihn später schwerwiegende Folgen haben.
Nach dem Kapp-Putsch (März 1920) reiste Oehme für das USPD-Blatt Freiheit nach Ostpreußen, um zu Gerüchten über weitere Putschgefahren zu recherchieren. Er tat dies mit Einverständnis der Verfassungsschutzbehörde des preußischen Staatskommissars für die öffentliche Ordnung, Robert Weismann (SPD), der auf Oehmes Lagebeurteilung Wert legte. Im Hintergrund schwelte ein Konflikt zwischen Weismann und dem Reichs- und Staatskommissar für Ostpreußen, Albert Borowski (SPD). Als Oehme am 28. Mai 1920 in der Freiheit Borowski mit Angaben zu Vorgängen bei Polizei und Militär zitierte, ließ Borowski Oehme wegen Landesverrat verhaften. Berlin intervenierte daraufhin, um Oehmes Entlassung zu erwirken, sogar Reichsinnenminister Erich Koch-Weser (DDP) setzte sich für ihn ein.Akten der Reichskanzlei, Dok. Nr. 130, Geheimer Lagebericht des Staatskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung, 5. Juni 1920, Bundesarchiv R 43 I /2305, Bl. 102–106 [Bundesarchiv]
Oehme wechselte vom linken SPD-Flügel zur USPD. Er wurde einer ihrer bekanntesten Publizisten der USPD. Jedoch trat Oehme im Sommer 1921 aus der USPD wieder aus. Er kündigte über die Deutsche Nachrichtenagentur (Dena) an, er wolle sich nicht weiter parteipolitisch betätigen.DA. „Austritt aus der USPD“. Deutsche Reichs-Zeitung (Bonn), 50. Jg., Nr. 212, 3. August 1921, S. 1 [Zeitungsportal] Dem Vorwärts zufolge wurde 1925 jedoch von früheren USPD-Mitgliedern und Kollegen Oehmes in einem Zeitungsartikel behauptet, dass er „aus der USP wegen seiner dunklen politischen und finanziellen Beziehungen zu dem Staatskommissar für öffentliche Sicherheit ausgeschlossen wurde“."Kommunisten unter sich, oder: zwei ,Welten' im Abendlicht". Vorwärts 42. Jg., Nr. 533, 11. November 1925, S. 2 [Zeitungsportal]
Oehme wurde Anfang 1922 für die Berliner Dena tätig und gemeinsam mit Chefredakteur Willy Frerk ihr Mitinhaber. Dena, die später als Deutsche Telegraphen-Agentur (Deta) firmierte, war eine kleine Korrespondenz, die vor allem kleine linksorientierte Zeitungen belieferte. Zeitweise gehörte Oehme für die Dena/Deta zur Auswahl der von der Reichskanzlei für Presserunden mit dem Reichskanzler vorgesehenen Hauptstadtjournalisten.Liste für die Pressesitzungen beim Reichskanzler, Anlage zu Staatssekretär Eduard Hamm, Reichskanzlei, an Reichspressechef Fritz Heilbron, 29. März 1923, Bundesarchiv R 43 I / 2475 Bl. 145–147 https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/4c4d3233-a1dc-4606-9692-cc2391d02281/ (2023-03-11)