Elias Canetti (bulgarisch Елиас Канети; geboren am 25. Juli 1905 in Russe, Fürstentum Bulgarien; gestorben am 14. August 1994 in Zürich, Schweiz) war ein bulgarisch-britischer Schriftsteller und Aphoristiker deutscher Sprache und Literaturnobelpreisträger 1981. mini|Elias Canettirahmenlos|zentriert|class=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift Elias Canetti

Als Schriftsteller ist Canetti nicht leicht in Kategorien oder literarische Strömungen einzuordnen. Sein Werk ist außerordentlich vielseitig, schon was die verwendeten literarischen Gattungen betrifft. Neben dem Roman Die Blendung hat er unter anderem drei Dramen veröffentlicht, eine anthropologische Studie (Masse und Macht), aphoristische Aufzeichnungen und eine mehrbändige Autobiografie.

Thematisch ist Canettis Werk recht homogen. Er versuchte alle Auswirkungen zu erforschen, welche die Erkenntnis der Unausweichlichkeit des Todes für das Leben des Menschen hat. Daher stammt sein Interesse für die verschiedenen Religionen und Glaubensformen. Sein Interesse an Massenphänomenen und Erscheinungsformen der Macht, insbesondere an der Pathogenese des Führerkults, entstand im Kontakt mit den Massenbewegungen der 1920er Jahre.Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921–1931. Hanser, München/Wien 1980, ISBN 978-3-446-14443-9, S. 93–94. Bei aller Skepsis war Canetti jedoch nicht von pessimistischer Grundhaltung geprägt, vielmehr sah er es als den Beruf des Dichters (so der Titel eines Essays von 1976), Raum für „Hoffnung“ und Wege aus dem „Chaos“ zu schaffen.

Da er zögerlich veröffentlichte, wurde er, besonders im deutschen Sprachraum, nur allmählich einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Erst ab Mitte der 1960er Jahre empfing er zahlreiche Preise und Auszeichnungen.

Leben Canetti war der älteste Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie – er verwendete für die Sephardim den Ausdruck „Spaniolen“. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in Bulgarien und England. Seine Brüder waren der Musikproduzent Jacques Canetti und der Mediziner Georges Canetti. auf der Internetseite des Institut Pasteur. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1912 siedelte die Familie nach Wien um (siehe Pratercottage). 1916 zogen Mutter, Geschwister und Elias Canetti wegen des österreichischen Kriegspatriotismus in die neutrale Schweiz,Martina Barth: Canetti versus Canetti. Identität, Macht und Masse im literarischen Werk Elias Canettis. Lang, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-631-47192-0, S. 20. wo Canetti von 1917 bis 1921 das Realgymnasium Rämibühl in Zürich besuchte. Canettis Eltern hatten in Wien Kunst und Literatur studiert und ihre Liebe zur deutschen Kultur an ihren Sohn weitergegeben. Allerdings brachten sie ihm kein Deutsch bei, weil sie es nutzten, um miteinander zu kommunizieren, wenn sie nicht wollten, dass er verstand, was sie sagten.Dagmar C. G. Lorenz (Edited by): A Companion to the Works of Elias Canetti, Camden House, 2004, „Introduction“ Abgerufen am 12. Februar 2025 (englisch). Erst mit zwölf Jahren erlernte er die deutsche Sprache, die nach seinem Bekenntnis in „Provinz des Menschen“ seine eigentliche Heimat blieb: Die Sprache meines Geistes wird die deutsche bleiben, und zwar weil ich Jude bin. Was von dem auf jede Weise verheerten Land übrig bleibt, will ich als Jude in mir behüten. Auch ihr Schicksal ist meines; aber ich bringe noch ein allgemein menschliches Erbteil mit. Ich will ihrer Sprache zurückgeben, was ich ihr schulde. Ich will dazu beitragen, daß man ihnen für etwas Dank hat. 1921 zog Canetti mit der Mutter und den beiden Brüdern nach Deutschland und machte 1923 sein Abitur am Wöhler-Realgymnasium in Frankfurt am Main.

Ab 1924 lebte er wieder in Wien.Bezirksmuseum Hietzing Canetti wohnte in der Hagenberggasse in Hietzing, mit Veza in der Ferdinandstraße in der Leopoldstadt 1925 beschäftigte er sich das erste Mal mit dem sozialpsychologischen Phänomen der „Masse“, das er sein Leben lang erforschte. 1928 arbeitete er während der Semesterferien in Berlin als Übersetzer bei Wieland Herzfelde für dessen Malik-Verlag. Nach seiner Promotion in Chemie ein Jahr später nahm er diese Tätigkeit wieder auf. Ab 1930 konzipierte er einen achtbändigen Romanzyklus, dessen erstes Werk – Die Blendung – er 1931 beendete.

1938 zwang ihn der „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich, mit seiner Frau Veza nach London zu emigrieren, wo er nach dem Krieg blieb und die britische Staatsbürgerschaft erwarb. In den 1970er Jahren lebte er zunehmend, in den 1980er Jahren bald ausschließlich in der Schweiz. Canetti starb 1994 in Zürich.

Kindheit und Jugend Elias Salomon Canetti wurde am 25. Juli 1905 in Russe in Bulgarien geboren. Seine Eltern Jacques Elias Canetti (1881–1912) und Mathilde (Masal) Canetti (Arditti) (1886–1937) entstammten zwei wohlhabenden spaniolisch-jüdischen Kaufmannsfamilien, die über das Osmanische Reich nach Bulgarien gekommen waren. Canetti und seine Eltern hatten die osmanische Staatsbürgerschaft. Als sich 1911 die Möglichkeit ergab, sich bei einem in England tätigen Verwandten geschäftlich zu beteiligen, nutzte die Familie die Gelegenheit, nach Manchester zu ziehen. Die insgesamt nur sechs Jahre, die Canetti in Bulgarien verbrachte, hat er später im ersten Band seiner Lebensgeschichte, Die gerettete Zunge, eindrücklich beschrieben. In der folgenden Arbeit macht Canetti jedoch einen wichtigen Hinweis auf ein Ereignis, das sich in Bulgarien zugetragen hat: „Canetti erkrankte als Kind an Masern und verlor für einige Tage sein Sehvermögen. Seither verfolgte ihn ein obsessiver Gedanke an die Blindheit“, ein Umstand, der mehrfach Niederschlag in seinem literarischen Schaffen fand.Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921–1931. Frankfurt am Main 1982, S. 111. zit. n. Harry Merkle: Die künstlichen Blinden. Blinde Figuren in Texten sehender Autoren. ISBN 978-3-8260-1712-4, Diss. Marburg 1997, Würzburg 2000, S. 36.

Auch in England blieb Canetti zunächst nicht lange, denn im Oktober 1912 starb völlig überraschend der noch ganz junge und scheinbar kerngesunde Vater, möglicherweise an einem Herzinfarkt – eine Erfahrung, die sicher wesentlichen Einfluss auf Canettis spätere Beschäftigung mit dem Tode haben sollte. Die Mutter entschloss sich daraufhin, mit Elias und seinen beiden jüngeren Brüdern nach Wien zu ziehen. Erst jetzt erhielt Elias, dessen erste Sprache das judenspanische Ladino war und der in England Englisch und etwas Französisch gelernt hatte, in einer Art pädagogischer Rosskur Deutschunterricht von der Mutter.

Teils wegen des ausgebrochenen Ersten Weltkrieges, teils wegen einer andauernden Krankheit der Mutter wechselte die Familie in den folgenden Jahren noch mehrfach den Wohnsitz, und Canetti lebte jeweils einige Jahre in Zürich (1916–1921) und in Frankfurt am Main (1921–1924), wo er an der Wöhlerschule das Abitur ablegte (→ Frankfurt am Main in der Literatur. Elias Canetti Inflation und Ohnmacht).

In den Jahren nach dem Tod des geliebten Vaters entwickelte Canetti eine sehr enge, eifersüchtige Beziehung zur Mutter, einer sehr stolzen und selbständigen Frau mit leidenschaftlichem Interesse für Theater und Literatur. Mit den Leseabenden, bei denen Mutter und Sohn gemeinsam klassische Dramen lasen, gab sie dem Wunsch Canettis, später selbst Dichter zu werden, lange Zeit Nahrung. Später sah sie diese Entwicklung zunehmend mit Besorgnis und versuchte, den Sohn zu einem praktischen Beruf zu drängen. Der Umzug aus der idyllischen Schweiz ins inflationsgebeutelte Deutschland war ihr Versuch, Elias auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Diese Strategie war aber nicht erfolgreich: Elias entfremdete sich in den 1920er Jahren zunehmend von der Mutter und brach schließlich ganz mit ihr.

Wien (1912–1916, 1924–1938) Canetti lebte 1912–1916 mit seiner Mutter und seinen Brüdern in Wien, im Pratercottage, am Rand ausgedehnter Grünanlagen. Dann zog man wegen des Krieges in die Schweiz. Während Canettis Mutter und Brüder sich nach dem Aufenthalt in Frankfurt am Main in Frankreich niederließen, zog er 1924 wieder nach Wien und studierte dort Chemie, allerdings ohne echtes Interesse für das Fach (Promotion 1929).Dissertation im Österreichischen Verbundkatalog Nebenher ging er seinen eigentlichen Interessen nach, die literarische Dinge und ein breites Spektrum an philosophischen Themen betrafen. Gleich 1924 lernte Canetti seine spätere Freundin (und ab 1934 Ehefrau) Veza Taubner kennen, die seine Leidenschaft für Literatur teilte (und später eine eigene schriftstellerische Tätigkeit begann) und Canetti in seinen hochfliegenden schriftstellerischen Plänen ermutigte. Diese beschränkten sich für die Zeit seines Studiums jedoch lediglich auf Absichtserklärungen und Fingerübungen.

Canetti besuchte vier Jahre lang die Vorlesungen des Kritikers und Satirikers Karl Kraus, den er (wie viele seiner Zeitgenossen) zu dieser Zeit geradezu fanatisch verehrte. In der Folge distanzierte sich Canetti jedoch von Kraus, da er erkannte, dass er sich zu sehr von dessen intellektueller Autorität beeinflussen ließ und dass er, wenn er eine eigenständige Subjektivität entwickeln wollte, sein bisheriges Idol „stürzen“ musste.E. Canetti: Macht und Überleben: drei Essays. Literarisches Colloquium 1972, ISBN 978-3-920392-36-3, S. 35ff. Außerdem sammelte er Material für sein Projekt einer Studie über das Phänomen der Masse, das ihm von Wissenschaftlern wie Gustave Le Bon oder Sigmund Freud nicht hinreichend erfasst zu sein schien. Persönliche Erlebnisse wie Demonstrationen in Frankfurt (bei der Ermordung Walther Rathenaus 1922) und vor allem beim Wiener Justizpalastbrand (1927) bestärkten ihn in dieser Absicht.

Canetti weitete allmählich seinen Bekanntenkreis aus, wobei er jedoch politisch wie literarisch konservative Kreise eher mied. Er hatte Kontakt zu Vertretern der politischen Linken (Ernst Fischer, Ruth von Mayenburg), mit der er sympathisierte, ohne sich aber politisch engagieren zu wollen. 1927 verliebte er sich in die ungarische Dichterin Ibby Gordon, die Anfang 1928 nach Berlin ging. Auf ihre Einladung verbrachte Canetti (ohne Veza) den Sommer 1928 in Berlin, wo er für den Malik-Verlag arbeitete. Dieser Aufenthalt wurde ihm sehr wichtig, denn er brachte ihn in Kontakt mit der dortigen Künstler-Szene, namentlich mit John Heartfield, Wieland Herzfelde, George Grosz, Bertolt Brecht, außerdem mit Isaak Babel und dem Schauspieler Ludwig Hardt. Der Vergleich zwischen dem gemütlichen Wien und dem „Irrenhaus“ Berlin regte ihn zu seinem Roman Die Blendung an, den er 1930/31 schrieb. Ein Jahr darauf entstand das Drama Hochzeit, ein weiteres Jahr später Die Komödie der Eitelkeit. Alle drei Werke blieben zunächst unveröffentlicht, aber durch Lesungen aus dem Roman und den Dramen lernte Canetti zahlreiche Künstler und Intellektuelle kennen, darunter den Bildhauer Fritz Wotruba, der einer seiner engsten Freunde wurde, die Künstlerin Anna Mahler (in die Canetti sich unglücklich verliebte), den Gelehrten Abraham Sonne („Dr. Sonne“, später Avraham Ben Yitzhak), den Schriftsteller Hermann Broch, den Komponisten Alban Berg, den Dirigenten Hermann Scherchen und den Schriftsteller Robert Musil. Seine zunehmende Bekanntheit ermöglichte es Canetti schließlich sogar, Die Blendung zu veröffentlichen, doch seine weitere schriftstellerische Laufbahn (wie auch die seiner Frau) konnte im zunehmend judenfeindlichen Klima der 1930er Jahre nicht vorankommen, und nach dem „Anschluss“ Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland 1938 suchte das staatenlose Ehepaar nach einer Ausreisemöglichkeit.

London (1939–1971)