mini|Freiluft-Ausstellung zum Oktoberfestattentat, Text in Leichter Sprache, München, Theresienwiese

Leichte Sprache ist eine speziell geregelte, sprachlich und inhaltlich vereinfachte Sprache. Die sprachliche Ausdrucksweise zielt dabei auf die besonders leichte Verständlichkeit. Die Leichte Sprache soll Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen, das Verstehen von Texten erleichtern. Sie dient damit auch der Barrierefreiheit. Die DIN SPEC 33429, eine sogenannte Vorstufe einer DIN-Norm, gibt Empfehlungen für deutsche leichte Sprache.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die näher an der Standardsprache liegende Einfache Sprache, zu der es mit der DIN-Norm 8581-1 ein festes Regelwerk für die deutsche Sprache und mit ISO 24495-1 eine internationale Norm gibt. Zur Zielgruppe der Einfachen Sprache zählen neben Personen mit geistigen Behinderungen auch Personen, die nicht gut lesen und schreiben können sowie deren Erstsprache nicht Deutsch ist.

Regelwerk Es gab unterschiedliche Regelwerke für leichte Sprache, zum Beispiel vom Verein Netzwerk Leichte Sprache e. V., von der Deutschen Gesellschaft für Leichte Sprache und der Forschungsstelle Leichte Sprache der Stiftung Universität Hildesheim. Im März 2025 wurde die DIN SPEC 33429 veröffentlicht. Diese ging aus dem Projekt zur Zusammenstellung von Empfehlungen zu deutscher leichter Sprache im Rahmen einer vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Initiative hervor. Soweit möglich wurden alle am Erstellungsprozess von Leichte-Sprache-Texten beteiligten interessierten Kreise eingebunden, einschließlich Vertretern aus der Gruppe von Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Die DIN SPEC 33429 umfasst neben Sprachnormen auch Rechtschreibregeln sowie Empfehlungen zur visuellen Gestaltung und zur Auswahl des Medienformats. Sie befasst sich auch mit dem Prozess der Erstellung von Texten und Inhalten in leichter Sprache sowie zur Qualifikation der Prozessbeteiligten.

Sprachregeln Es werden kurze Sätze verwendet. Jeder Satz enthält nur eine Aussage. Es werden nur Aktivsätze verwendet. Sätze bestehen aus den Gliedern Subjekt-Verb-Objekt, z. B. Das Kind streichelt den Hund. Der Konjunktiv wird vermieden. Zeitformen, die mündlich verwendet werden, sollten bevorzugt werden, d. h. Präsens und Perfekt, z. B. Anna isst Pizza, Anna hat Pizza gegessen. Genitive können mit „von“ umschrieben werden, z. B. Das Haus des Lehrers durch Das Haus von dem Lehrer oder Das Haus vom Lehrer. Regelwidrig sind auch Synonyme und Sonderzeichen. Verneinungen werden, wenn möglich, positiv umformuliert, z. B. Das kostet nichts. zu Das ist umsonst. Präzise Mengenangaben sollen durch „viel“ oder „wenig“, Jahreszahlen (wie „Bismarck wurde 1871 zum Reichskanzler ernannt“) durch „vor langer Zeit“ o. ä. ersetzt werden.s. Martin Doerry, in: Der Spiegel Nr. 29, 16. Juli 2017 (S. 128f.) Leichte Sprache ist nicht Kindersprache, speziell werden die Anreden „Du“ und „Sie“ wie in der Standardsprache verwendet.

Rechtschreibregeln Bei Zusammensetzungen wird durch Bindestriche oder Halbhochpunkte (in diesem Zusammenhang auch als Mediopunkte bezeichnet)Christiane Maaß: Leichte Sprache – Das Regelbuch, LIT Verlag, Münster 2015, ISBN 978-3-643-12907-9. S. 88ff.Bredel, Maaß (2016), S. 337. verdeutlicht, aus welchen Wörtern die Zusammensetzungen bestehen, z. B. Welt-All, Bundes-Tag oder Welt·all, Bundes·tag.

Regeln zum Textinhalt Abstrakte Begriffe werden vermieden; wo sie notwendig sind, werden sie durch anschauliche Beispiele oder Vergleiche erklärt. Bildhafte Sprache (z. B. Rabeneltern) wird vermieden. Wenn Fremdwörter oder Fachwörter vorkommen, werden sie erklärt. Abkürzungen werden beim ersten Vorkommen durch die ausgeschriebene Form erklärt.

Empfehlungen zu Typografie und Mediengebrauch Wörter werden nicht in durchgehenden Großbuchstaben geschrieben. Kursivschrift wird nicht verwendet. Texte werden übersichtlich gestaltet, z. B. steht jeder Satz in einer eigenen Zeile. Texte stehen durchgehend linksbündig im Flattersatz. Es werden Aufzählungspunkte verwendet. Bild und Text fließen nicht ineinander. Bilder helfen, einen Text besser zu verstehen. Bei Präsentationen wird mehr Lesezeit pro Folie eingeplant.

Praktische Anwendung Leichte Sprache soll die Informationssicherheit und damit die Autonomie von erwachsenen Menschen verbessern, die aus unterschiedlichen Gründen, vorübergehend oder dauerhaft, Probleme mit einem komplexen Satzbau haben und Fremdwörter nicht verstehen.

Bei der Übertragung von Texten aus Standardsprache in Leichte Sprache werden die Originaltexte gemäß den Regeln für Leichte Sprache umformuliert. Um sicherzustellen, dass die Texte von der Zielgruppe sinngemäß verstanden werden, werden sie oft von sogenannten Prüfern oder Prüflesern durchgesehen. Die sich daraus ergebenden Rückmeldungen werden gesichtet und bei der Abfassung des endgültigen Textes berücksichtigt. Die Übertragung in die Leichte Sprache kann sehr zeitaufwendig sein; eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Übersetzung mehrdeutiger Wörter von der im Text gemeinten Bedeutung ausgehen muss.

Amtliche Mitteilungen sollen zur Barrierefreiheit ergänzend die Leichte Sprache verwenden. Einige Behörden, beispielsweise der Deutsche Bundestag, verwenden auf ihrer Webseite neben der normalen Alltagssprache auch die Leichte Sprache.Was macht der Bundes-Tag?

Das Wirtschaftsmagazin brand eins übersetzt seit August 2016 jeden Monat einen komplizierten Text in Leichte Sprache; unter anderem Reden von Politikern, Gesetzestexte und Anlegerinformationen.

An den Münchner Kammerspielen hatte am 18. Februar 2023 eine von Anne Leichtfuß in Leichte Sprache übersetzte Fassung des Dramas Antigone von Sophokles Premiere. Die 80-minütige Aufführung ohne Pause mit sechs Schauspielern in der Regie von Nele Jahnke bekam sehr positive Besprechungen für das gelungene Experiment.Martin Thomas Pesl: „Schnörkellos gut“: Anti•gone der Münchner Kammerspiele, Rezension auf nachtkritik.de, erschienen und abgerufen am 19. Februar 2023

Gesetzliche Grundlage in Deutschland In Deutschland sind Träger öffentlicher Gewalt nach § 11 Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) verpflichtet, „Informationen vermehrt in Leichter Sprache bereit[zu]stellen. Die Bundesregierung wirkt darauf hin, dass Träger öffentlicher Gewalt die Leichte Sprache stärker einsetzen und ihre Kompetenzen für das Verfassen von Texten in Leichter Sprache auf- und ausgebaut werden.“Wortlaut des § 11 BGG online beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, abgerufen am 6. Februar 2017. Die genaue Umsetzung ist in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) geregelt.Wortlaut des BITV 2.0 online beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, abgerufen am 1. August 2017. Sie sieht in § 4 vor, dass neben Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache auch folgende Inhalte in Leichter Sprache von öffentlichen Stellen auf den Startseiten ihrer Websites zu veröffentlichen sind: Informationen zu den wesentlichen Inhalten, Hinweise zur Navigation, eine Erläuterung der wesentlichen Inhalte der Erklärung zur Barrierefreiheit sowie Hinweise auf weitere in diesem Auftritt vorhandene Informationen in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache.Wortlaut des § 4 BITV 2.0 online in der aktuellen Fassung vom 21. Mai 2019, abgerufen am 19. Juni 2022.

Vertreter, Förderung und Forschung mini|Signet von Inclusion Europe für Texte in Leichter Sprache

Das Netzwerk Leichte Sprache, dem unter anderem die Bundesvereinigung Lebenshilfe und die Selbsthilfegruppe Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland angehören, fördert die Verwendung der Leichten Sprache. Für seinen Einsatz mit dem Ziel der Verwendung Leichter Sprache erhielt der Verein Mensch zuerst im Jahre 2009 den Initiativpreis des Vereins Deutsche Sprache.

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung hat besondere Empfehlungen für die Leichte Sprache in Alphabetisierungskursen herausgegeben.Sven Nickel: (PDF; 1,3 MB) Was ist einfach zu lesen? Kriterien leicht lesbarer Lektüre S. 16

Am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim wurde im Januar 2014 die Forschungsstelle Leichte Sprache gegründet. Sie stellt es sich zur Aufgabe, Leichte Sprache in sprach- und übersetzungswissenschaftlicher Perspektive zu erforschen, und sieht sich als Scharnier zwischen universitärer Forschung und praktischer Anwendung der Leichten Sprache in Behörden und Unternehmen. Sie führt forschungsbegleitete Übersetzungsprojekte durch (Schwerpunkt juristische und administrative Texte) und bietet Workshops sowie die Prüfung von bereits übersetzten Texten an. Gemäß den Prüfergebnissen überarbeitete Texte erhalten das „Prüfsiegel Leichte Sprache“ der Forschungsstelle.

Als Gütesiegel für Texte in Leichter Sprache hat der Verein Inclusion Europe ein „Europäisches Logo für Leichte Sprache“ geschaffen. (PDF; 52 kB); [ About the use of the European easy-to-read logo] auf der Website von Inclusion Europe, abgerufen am 4. August 2010 Allerdings sagt das Siegel nichts über die Qualität der Texte in Leichter Sprache aus.

An der Universität Leipzig wurde ab Oktober 2014 über drei Jahre im Rahmen der LeiSA-Studie unter Beteiligung von Menschen mit Lernschwierigkeiten erforscht, „wie Leichte Sprache im Arbeitsumfeld die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten verbessern kann“.Projektseite LeiSa, www.research.uni-leipzig.de, abgerufen am 19. Juni 2022. Ziel war die Erstellung eines Qualifizierungsprogramms für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, das konkrete Hinweise für den Einsatz von Leichter Sprache und einen linguistisch abgesicherten Leitfaden zur Texterstellung und -überprüfung umfasst. Das Projekt gliederte sich in zwei Bereiche: Im sozialwissenschaftlichen Teilprojekt wurde erforscht, ob und in welcher Hinsicht sich berufliche Teilhabechancen durch die Verwendung von Leichter Sprache verbessern. Das linguistische Teilprojekt verfolgte zum einen das Ziel, das Phänomen Leichte Sprache als berechtigte Varietät des Deutschen zu begründen und zu klären, was Verständlichkeit und Zugänglichkeit für jeweilige Leser bedeuten kann. Auf der zweiten Ebene wurde der Frage nachgegangen, welche sprachlichen und typografischen Gestaltungsmittel am besten dafür geeignet sind, Menschen mit Lernschwierigkeiten den Zugang zu unterschiedlichen Texten zu erleichtern. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert., www.zv.uni-leipzig.de, 17. Juni 2014, abgerufen am 29. November 2015. Die Ergebnisse der sprachwissenschaftlichen Teilstudie sind in Form von Praxisempfehlungen veröffentlicht.

Auf einer EASIT-Tagung zu Barrierefreier Kommunikation, die am 13. Februar 2020 an der Universität Hildesheim stattfand,Veranstaltung 3, auf pagines.uab.cat wurde der 28. Mai als Internationaler Tag der Leichten Sprache vorgeschlagen, der seitdem regelmäßig begangen wird.

Unterschiede zur Einfachen Sprache Die Leichte Sprache geht in der Vereinfachung weiter als die Einfache Sprache. (PDF; 198 kB) So beträgt die maximale Satzlänge bei der Einfachen Sprache meist 15 Wörter, bei der Leichten Sprache sollen Sätze „kurz“ sein. Nach Ansicht der Aktion Mensch sollen Sätze in Leichter Sprache auf 8 Wörter beschränkt sein, das Netzwerk Leichte Sprache selbst und das Deutsche Historische Museum hingegen verfassten auch längere Sätze in Leichter Sprache.Deutsches Historisches Museum: Leichte Sprache: (13 Wörter) Einfache Sprache vermeidet komplizierte Sprachelemente, macht aber einen normalsprachlichen Eindruck. Leichte Sprache hingegen weist Eigenheiten auf, die in der Normalsprache nicht vorkommen, wie Trennstriche in zusammengesetzten Wörtern und zusätzliche Zeilenumbrüche.

Kritik Bürgerschaftswahl in Bremen 2015