Kritische Weißseinsforschung () ist ein transdisziplinäres Studienfeld und beschreibt kulturelle, historische und soziologische Aspekte von Menschen, die sich unter Verweis auf ihre Hautfarbe als weiß identifizieren. Ebenso geht es um die soziale Konstruktion von Weißsein als Statuszeiger. Anders als die klassische Rassismusforschung legt die Kritische Weißseinsforschung somit den Fokus nicht primär auf die Erfahrungen von Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren. In Extremfällen wie der White Supremacy untersucht die Weißseinsforschung Konstrukte, die Rassismus rechtfertigen oder begünstigen. Ab 2005 hat das Konzept Eingang in wissenschaftliche Arbeiten im deutschen Sprachraum gefunden.Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005. Der daraus entstandene Begriff „Critical Whiteness“ ist keine einheitliche Theorie. Unterschiedliche Autoren und Gruppen nutzen ihn in unterschiedlicher Weise.Serhat Karakayali, Vassilis S. Tsianos, Juliane Karakayali: Blackbox Critical Whiteness. Zur Kritik neuer Fallstricke des Antirassismus: Eine Intervention. In: Academia.edu.Artur Dugalski, Carolina Lara, Malik Hamsa: Farbenblindheit ist auch keine Lösung: Critical Whiteness ist ein sinnvolles Werkzeug zur Rassismuskritik. In: akweb.de, 19. Oktober 2012. Der Ansatz wird verschiedentlich kritisiert.
Etablierung Die seit Beginn der 1990er Jahre am populärsten von Toni Morrison initiierte Wendung in der Forschung zum Rassebegriff und Rassismus richtet weniger den Blick auf die Objekte desselben im Sinne von black studies, sondern auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und von rassifizierenden Prozessen profitieren. Im akademischen Diskurs der USA entwickelte sich seit den 1990er Jahren eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Critical Whiteness: In den letzten Jahren hat es insbesondere in feministischen und (post-)kolonialen Analysen einen Paradigmenwechsel gegeben, bei dem sich der Blick vom Unterschied auf die Norm, vom Marginalen zum Zentrum verschoben hat – ein Blickwechsel, bei dem nicht nur das Andere, das Nicht-Normale als Projektion entlarvt, sondern auch das Eigene, die Norm selbst, als Konstrukt, als Inszenierung kenntlich gemacht wird.Vgl. Warth: 1998 und Busse: Weiß-sein In: Diskuss Mit der Idee der „Privilegiengalerie“ schuf Peggy McIntosh bereits 1988 eine Liste, in der sie die Privilegien weißer und männlicher Menschen benannte. (PDF; 1,1 MB) iub.edu; Davon ausgehend hat sich in Europa, auch in Deutschland, der Begriff Kritische Weißseinsforschung entwickelt. Quelle: Susan Arndt: Weißsein. Die verkannte Strukturkategorie Europas und Deutschlands und Susan Arndt: Mythen des weißen Subjekts: Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. . Viele Perspektiven der Kritischen Weißseinsforschung fanden seitdem Eingang in die Praxis von Universitäten und Betrieben, etwa durch Anti-Rassismus-Trainings.Ulrike Marz: Critical Whiteness. Theoretische Einordnung und Grenzen des Ansatzes für die Rassismuskritik in Deutschland. In: Andreas Stahl et al. (Hrsg.): Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik. Tiamat, Berlin 2022, ISBN 978-3-89320-296-6, S. 15–46, hier S. 34.
Die Kategorie Weißsein Wo es um gesellschaftlich gebildete Normen wie „White Supremacy“ geht, die Rassismus verursachen oder begünstigen, ist „Weißsein“ eine etablierte Kategorie zur kritischen Analyse auf der Basis systematischer historischer Untersuchungen sozialer und politischer Bezüge.Vgl. Carmen P. Thompson: Historical analysis provides a necessary framework for considering the social and political moorings that have established whiteness as a category of analysis. Quelle: Carmen P. Thompson: Towards a Bibliography of Critical Whiteness Studies Histories of Whiteness University of Illinois at Urbana-Champaign. | Vgl. zu White Supremacy ebenfalls den Überblick zur Literatur bei Thompson, insb.: Gilmore, Glenda Elizabeth. Gender and Jim Crow: Women and the Politics of White Supremacy in North Carolina, 1896–1920. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1996; Horne, Gerald. „The White Pacific.“ In Race War: White Supremacy and the Japanese Attack on the British Empire. New York: New York University Press, 2004; Lipsitz, George. „Swing Low, Sweet Cadillac: White Supremacy, Antiblack Racism and the New Historicism.“ American Literary History 7 (1995): 700–725.; Hooks, bell. „Madonna: Plantation Mistress or Soul Sister?“ In Black Looks: Race and Representation, 157–164. Boston: South End Press, 1992, bell hooks, Weißsein in der Schwarzen Vorstellungswelt, in: Dies., Black Looks, Berlin – dort: „white supremacist terror“ S. 207 (Vgl. auch Eske Wollrad: Körperpolitik – feministisch-antirassistische Reflexionen zu Weißsein als Mythos und Terror.: 5–10 d'agost, 2003 Universitat Autònoma de Barcelona. ). Vgl. auch: Susan Arndt: Weiß-Sein, Roland Barthes la vaccine und die afrikanisch-feministische Literatur, („rhetoric of supremacy“) Die Umkehr der rassifizierenden Perspektive auf den „Anderen“, hin zur Untersuchung der gesellschaftlichen Norm des „Weißseins“, als Ursprung der Rassifizierung, wird seit 2005 in einigen Arbeiten auf die Situation im deutschsprachigen Raum angewandt.Claudia Breger: Rezension zu: Eggers, Maureen M.; Kilomba, Grada; Piesche, Peggy; Arndt, Susan; (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2006. In: H-Soz-u-Kult, 29. September 2006 Einzelstudien: Broeck, Sabine: White Amnesia – Black Memory American Women’s Writing and History. Frankfurt a. M. 1999; (vgl. Susan Arndt: Weiß-Sein, Roland Barthes la vaccine und die afrikanisch-feministische Literatur, ) Wachendorfer, Ursula: Weiß-Sein in Deutschland. Zur Unsichtbarkeit einer herrschenden Normalität, In: Susan Arndt (Hrsg.): AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster 1. Auflage. 2001. 2. Auflage. 2006; Walgenbach, Katharina: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur. Koloniale Diskurse zu Geschlecht, ‚Rasse‘ und Klasse im Kaiserreich, Frankfurt am Main 2005; Wollrad, Eske: Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion, Königstein 2005; Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005; Tißberger, Martina; Dietze, Gabriele; Hrzán, Daniela; Husmann-Kastein, Jana (Hrsg./eds.): Weiß – Weißsein – Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus Critical Studies on Gender and Racism, Frankfurt am Main, 2006 Siehe: In den USA ursprünglich ein Kampfbegriff, ist „Weißsein“ dort zu einer fruchtbaren wissenschaftlichen Kategorie entwickelt worden.
Mit dieser Kategorie sind gesellschaftliche Modelle (cultural models) und ihre Schemata (Patterns) gemeint, die entweder rassistisch begründeten Herrschaftsverhältnissen oder einer DominanzkulturDer Begriff „Dominanzkultur“ wurde von Birgit_Rommelspacher geprägt. Vgl.: Birgit Rommelspacher: Dominanzkultur. Texte zur Fremdheit und Macht. Olanda Verlag Berlin 19##, ISBN 3-929823-29-2. zugerechnet werden können. Anwendungsgebiete sind Ethnisierung, Kolonialismus und Postkolonialismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Feminismus.
Weißsein als Kategorie soll ermöglichen, die Konstruktion des „Weißen“ als des Einen und Eigentlichen, d. h. als bestimmende Norm im Verhältnis zu dem Abweichenden, Minderen, Anderen wahrzunehmen (White Normativity). Die Entwicklung und Veränderung allgemeiner gesellschaftlicher Normen wird als Diskurs aufgefasst. So wird beispielsweise der „Kolonialismus“ als Diskurs betrachtet, der Wissen und „Wahrheiten“ (z. B. den rousseauischen „Edlen Wilden“ im Gegensatz zum „Zivilisierten Weißen“) hervorgebracht hat, die ihrerseits Vorstellungen von „Weißsein“ als Norm beinhalten und bis heute Einfluss besitzen. Dabei lässt sich mittels der Kategorie „Weißsein“ betrachten, wie der Einzelne Konzepte und Objekte rassistischer Diskriminierung wahrnimmt.Vgl. Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005. Dort zur Terminologie: Susan Arndt: Weißsein. Die verkannte Strukturkategorie Europas und Deutschlands, S. 24–28, mit Literatur. Vgl. auch: . Zum Thema Weißsein und Kolonialismus vgl. ferner Arndt (Hrsg.): AfrikaBilder. 1. Auflage. 2001, S. 17r
In der Kritischen Weißseinsforschung wird Weißsein in Verschränkung „mit anderen Strukturkategorien“ gesehen – „etwa Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Bildung, Religion, Mobilität oder Gesundheit. Weißsein als interdependente Kategorie gestaltet sich damit dynamisch und komplex, ohne dabei aber einer Verhandelbarkeit zu unterliegen, die es erlaubt, einzelne Weiße off-white zu setzen“ (Arndt).Susan Arndt: Weißsein und Kritische Weißseinsforschung (Zusammengestellt aus: Susan Arndt: Weißsein. Die verkannte Strukturkategorie Europas und Deutschlands und dieselbe: Mythen des weißen Subjekts: Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005) Mit InterdependenzZur breiten Diskussion um diesen Begriff siehe Birgit Rommelspacher, Interdependenzen. Ein (altes) Thema in Frauenbewegung und feministischer Theorie in Deutschland, 2006 ist gemeint, dass Weißsein im Zusammenhang mit unterschiedlichen Unterdrückungsformen betrachtet wird. Die Kategorie „Weißsein“ ist im Prozess der Vergesellschaftung somit nicht relevanter als andere Formen der Unterdrückung.Susan Arndt: Weißsein. Die verkannte Strukturkategorie Europas und Deutschlands. S. 24–28, in: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005
Argumentation der Kritischen Weißseinsforschung Es wird, auch in der Kritik am Rassismus, selten hinterfragt, welche Normen und Werte dazu führen, dass Personen rassistisch diskriminiert werden. Eine typische Beobachtung ist zum Beispiel, dass Rassismus – unter Weißen – als Thema irrelevant erscheint, wenn die betroffenen Personen nicht anwesend sind. Kritisch betrachtet, beginnt hier bereits der Ausschluss von Personen. Denn Rassismus erscheint nur als relevant, wenn „schwarze“ Personen zum Gegenstand der Betrachtung werden. Dadurch erscheint Rassismus als Problem „schwarzer“, nicht aber als Problem „weißer“ Menschen. Auf diesen Trugschluss wird aufmerksam gemacht, wenn beschrieben wird, welche Normen Personen gesellschaftlich ausschließen oder von Personen verlangen, sich in die dominierende Kultur zu integrieren.Wachendorfer, Ursula (2001;2006): Weiß-Sein in Deutschland. Zur Unsichtbarkeit einer herrschenden Normalität, In: Susan Arndt (Hrsg.): AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland, Münster 1. Auflage. 2001, 2. Auflage 2006.
Ein kritischer anti-rassistischer Ansatz ist es dabei, die Blickrichtung zu wechseln und statt des „Schwarzseins“ das „Weißsein“ als Problem zu betrachten. „Weißsein“ wird hier als Normalität wahrgenommen, die erst z. B. in der Kritischen Weißseinsforschung analysiert und im politischen Widerstand gegen Unterdrückung und Machtausübung aufgedeckt bzw. auch dekonstruiert werden soll.Rezension h-soz-kult , Radio FSK: Interview mit Susan Arndt , jeweils zu: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005