alternativtext=Salman Rushdie (2024)|mini|hochkant|Salman Rushdie (2024) Sir Ahmed Salman Rushdie, CH, kurz Salman Rushdie ([], , Salmān Ruschdī; * 19. Juni 1947 in Bombay, Britisch-Indien), ist ein britisch-indischer Schriftsteller. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern der englischen Gegenwartsliteratur. Seine Romane wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Daneben schreibt Rushdie Kurzgeschichten, Reiseberichte, Essays und journalistische Arbeiten. Rushdies erster großer Erfolg war der Roman Mitternachtskinder, der 1981 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Nach dem Erscheinen von Die satanischen Verse 1988 rief Ruhollah Chomeini, der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran, mittels einer Fatwa alle Muslime dazu auf, Rushdie zu töten. In der Folge lebte Rushdie lange im Untergrund. 2022 wurde ein Anschlag auf ihn verübt, bei dem er ein Auge verlor.
Leben und Werk Familie, Ausbildung und Frühwerk
Salman Rushdie wuchs in Bombay (heute Mumbai) in einer muslimischen Familie auf. Sein Vater Anis Ahmed Dehlavi, ein Anwalt und Geschäftsmann aus ehemals wohlhabender Familie, gab sich den Namen Rushdie aus Bewunderung für Ibn Ruschd, einen spanisch-arabischen Philosophen des zwölften Jahrhunderts, der in Europa unter dem Namen Averroes bekannt wurde. In Bombay besuchte er die Cathedral and John Connon School. Anis schickte seinen Sohn im Alter von 14 Jahren auf die Rugby School in England. Am King’s College der Universität Cambridge studierte Salman danach Geschichte. Bis er seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdienen konnte, arbeitete er am Theater, als freier Journalist und überwiegend als Texter in der Werbung.
Mit Grimus veröffentlichte Salman Rushdie 1975 sein erstes Werk, das ihm aber nicht den erhofften Erfolg einbrachte. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm 1981 mit dem Buch Mitternachtskinder, für das er mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde. Sein drittes Buch Scham und Schande erschien 1983.
Satanische Verse und Todesurteil
Einen weiteren Erfolg verzeichnete er 1988 mit seinem Werk Die satanischen Verse. Die in den Albträumen eines Protagonisten widergespiegelte Lebensdarstellung des Propheten Mohammed war der Anlass für den damaligen Obersten Führer des Iran Ruhollah Chomeini, Rushdie mittels einer Fatwa am 14. Februar 1989 zum Tode zu verurteilen. Begründet wurde diese Fatwa damit, das Buch sei „gegen den Islam, den Propheten und den Koran“. Chomeini rief die Muslime in aller Welt zur Vollstreckung auf. Die iranische „halbstaatliche“parastatal enterprise; Stiftung 15. Chordat setzte ein Kopfgeld von zunächst einer Million US-Dollar aus. Rushdie erfuhr von seinem Todesurteil durch eine Reporterin der BBC am Tag der Beisetzung seines langjährigen Freundes und Reisegefährten Bruce Chatwin (1940–1989).Nicholas Shakespeare: Bruce Chatwin. Eine Biographie. S. 801.
Religiöse Autoritäten in Saudi-Arabien und die Scheiche der al-Azhar-Moschee in Ägypten verurteilten die Fatwa als illegal und dem Islam widersprechend.Karen Armstrong: Muhammad. Religionsstifter und Staatsmann. S. 11 f.Karen Armstrong: Kleine Geschichte des Islam. S. 219. Dies begründeten sie mit der Tatsache, dass die Scharia es nicht gestatte, einen Menschen ohne ein Gerichtsverfahren zum Tode zu verurteilen, und es außerdem außerhalb der islamischen Welt (bzw. Staaten, in denen die Scharia angewandt wird) sowieso keine Rechtsgeltung habe. Auf der Islamischen Konferenz im März 1989 widersprachen alle Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz (Iran ausgeschlossen) der Fatwa.
Salman Rushdie erklärte gegenüber der islamischen Glaubensgemeinschaft sein Bedauern über „die Besorgnis, die die Veröffentlichung aufrichtigen Anhängern des Islam bereitet hat“. Aber auch nach dem Tode Chomeinis am 3. Juni 1989 wurde das Todesurteil aufrechterhalten. 1991 wurde das Kopfgeld der Chordat-Stiftung verdoppelt. Der Dichter lebte wegen der erhaltenen Morddrohungen in erzwungener Isolation an ständig wechselnden Wohnorten und unter Polizeischutz. Die zahlreichen Drohungen und Anschläge gegen die Verlage und die Ermordung eines Übersetzers verhinderten den Erfolg des Buches nicht; es erlangte eine weite Verbreitung. Die Drohungen wurden mehrfach vom Obersten Führer des Iran und Nachfolger Chomeinis, Ali Chamenei und von der iranischen Revolutionsgarde erneuert., Michael Rubin, AEI Middle Eastern Outlook, 1. September, 2006 (englisch).Philip Webster, Ben Hoyle, Ramita Navai: , The Times, 20. Januar 2005 (englisch).. In: meforum.org (englisch)., BBC News, 12. Januar, 2005 (englisch). Der Iran erklärte, die Fatwa könne nicht zurückgenommen werden, dies könne nur der Aussteller, der gestorben sei. Im September 2012 wurde das Kopfgeld noch einmal erhöht, auf nunmehr 3,3 Millionen Dollar.Todesdrohung besteht seit 1989 – Stiftung erhöht Kopfgeld für Salman Rushdie, Artikel auf RP Online (Online-Ausgabe der Rheinischen Post) vom 16. September 2012. 2013 hatte Rushdie schon seit einigen Jahren keinen Leibwächter mehr und wurde nicht mehr rund um die Uhr bewacht.Hans-Hermann Klare: „Ich halte Gott für eine lächerliche Idee“ In: stern.de.
Im Februar 2016 meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars, dass vierzig staatliche iranische Medien zum Jahrestag der Fatwa das Kopfgeld für den Tod Rushdies um 600.000 Dollar auf fast 4 Millionen Dollar erhöht hatten. Chamenei erklärte im Februar 2019 aus Anlass des dreißigsten Jahrestages der Fatwa gegen Rushdie, dass Chomeinis damaliges Urteil über Rushdie auf heiligen Versen basiere und unwiderruflich sei.
Flucht und Untergrund Im Untergrund war Rushdie 1993 Gast im Haus von Günter Wallraff. Da alle Fluglinien, auch die Lufthansa, sich weigerten ihn zu fliegen, initiierte Wallraff einen Boykott gegen die Lufthansa. Nachdem hunderte Vielflieger in einem Zeitungsaufruf bekundeten, auf andere Linien umsteigen zu wollen, lenkte die Lufthansa ein.„Die Gefahr, alles aufs Spiel zu setzen, schärft meinen Blick“. In Süddeutsche Zeitung Magazin, 10. Mai 2024, S. 8 ff.; abgerufen am 21. Mai 2024. Auf seiner Flucht verfasste Rushdie für seinen Sohn Zafar das Märchen Harun und das Meer der Geschichten, in dem ein Märchenerzähler die Fähigkeit verliert, Geschichten zu erzählen, weil ihm der „Geschichtenhahn“ abgedreht wird und er keinen Zugang mehr zum „Erzählwasser“ hat. Sein Sohn macht sich auf den Weg, seinen Vater zu retten. Diese Geschichte diente als Parabel auf Rushdies eigene Situation – im Untergrund und getrennt von der Familie. Rushdie erhielt viele renommierte Preise; der herausragendste ist der Aristeion-Literaturpreis der Europäischen Union für sein Gesamtwerk.
Das nächste Werk, Des Mauren letzter Seufzer, erregte bei seinem Erscheinen 1995 besonders in Indien großes Aufsehen. Sehr deutliche Anspielungen auf die Führer der Hindu-nationalistischen Bewegung von Mumbai bewirkten, dass das Buch in dieser Stadt auf den Zensur-Index gesetzt wurde.
1999 entstand das Werk Der Boden unter ihren Füßen und 2001 der Roman Fury. Eine Sammlung skurriler Erzählungen heißt East, West. 2005 veröffentlichte Rushdie den Roman Shalimar the Clown, 2006 unter dem Titel Shalimar der Narr auf Deutsch erschienen. Für sein Lebenswerk wurde Salman Rushdie 1999 von der Freien Universität Berlin sowie der Universität Lüttich mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.
mini|hochkant|links|Salman Rushdie in Warschau (2006)
Von 2004 bis 2006 war er Präsident des PEN American Center und anschließend für zehn Jahre Vorsitzender des PEN World Voices International Literary Festival. Rushdie gehört zu den Unterzeichnern des Manifestes der 12 gegen den Islamismus als neue totalitäre Bedrohung, das am 1. März 2006 in der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo veröffentlicht wurde.
Am 16. Juni 2007 teilte der Buckingham Palace mit, dass Königin Elisabeth II. beabsichtige, Rushdie zusammen mit 945 Sportlern, Kulturgrößen und Repräsentanten der Wirtschaft als Knight Bachelor in den Ritterstand zu erheben.Ein Himmel ohne Jungfrauen. In: Die Zeit, 19. Juni 2007. Die Bekanntgabe löste offizielle diplomatische Proteste im Iran und in Pakistan aus; in beiden Ländern wurden die britischen Botschafter einbestellt. Das iranische Außenministerium nannte die Entscheidung, den „verhassten Apostaten“ zu ehren, einen eindeutigen Beweis für Islamophobie unter hochrangigen britischen Beamten.IRNA: „“, 17. Juni 2007 (englisch). In Iran, Pakistan und Malaysia kam es anschließend zu teilweise gewalttätigen Straßenprotesten.Islamisten wütend über Ritterschlag für Rushdie. In: Der Spiegel, 20. Juni 2007. In Kaschmir kam die Wirtschaft einen Tag lang zum Erliegen.Rushdie – Opfer des Zorns, der Tagesspiegel, 23. Juni 2007, S. 1. Der Ritterschlag fand im Juni 2007 statt.
mini|hochkant|Salman Rushdie auf dem Literaturfest München (2017)
Nach zahlreichen Drohungen mit Gewaltausschreitungen und Mordaufruf von Islamisten sagte Rushdie die Teilnahme am größten Literaturfestival Indiens in Jaipur im Januar 2012 ab. Der gebürtige Inder hätte die Eröffnungsrede halten sollen.Stern vom 20. Januar 2012: The New Yorker vom January 20, 2012: A Writer Under Threat, Again, abgerufen am 21. Januar 2012. Rushdie selbst bekräftigte kurze Zeit später, er glaube, dass die gegen ihn erhobenen Drohungen in Wahrheit von der Polizei aus taktischen Gründen erfunden wurden, um ihn zum Rückzug zu motivieren und keine Unruhen auszulösen.„Rushdie said that he now believed the supposed plot – apparently undertaken by Mumbai criminal gangs – had been invented to keep him away from the festival and to avoid controversy“, in: „Rushdie says Indian police invented death threat“, AFP (france24.com), 22. Januar 2012.
Im Frühjahr 2007 trat er eine fünfjährige Gastprofessur als Distinguished Writer in Residence an der Emory University in Atlanta an.Salman Rushdie to Teach and Place His Archive at Emory University. Emory University Media Release, 6. Oktober 2006. Abgerufen am 10. August 2012.
Autobiographie und Messerangriff im August 2022
2012 veröffentlichte er unter dem Titel Joseph Anton seine Autobiografie. „Joseph Anton“ war der Deckname, den er sich nach Aufforderung der Polizei für sein Leben in der Anonymität zugelegt hatte. Es ist eine Kombination der Vornamen seiner beiden Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow. Das schonungslose Buch wird immer wieder als Rushdies bestes Werk angesehen.Nils Minkmar: Im Zeichen der Krähen auf faz.net. Abgerufen am 29. Juli 2013.Thomas Steinfeld: Im Lichte der Drohung auf sueddeutsche.de. Abgerufen am 29. Juli 2013.
Rushdie machte immer wieder auf die Gefahren aufmerksam, die von Religionen ausgehen können. So äußerte er sich 2015 nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo: „Religion, eine mittelalterliche Form der Unvernunft, wird, wenn sie mit modernen Waffen kombiniert wird, zu einer echten Gefahr unserer Freiheiten. Derartiger religiöser Totalitarismus hat zu einer tödlichen Mutation im Herzen des Islams geführt und wir sehen heute die tragischen Folgen in Paris.“Im englischen Original: “Religion, a mediaeval form of unreason, when combined with modern weaponry becomes a real threat to our freedoms. This religious totalitarianism has caused a deadly mutation in the heart of Islam and we see the tragic consequences in Paris today.”, veröffentlicht in einer Presseerklärung am Tag des Anschlags: Salman Rushdie condemns attack on Charlie Hebdo. Auf Rushdies Präsenz bei der Auftakt-Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2015 reagierte die iranische Regierung mit einer offiziellen Teilnahmeabsage; einige Verlage mit Sitz im Iran waren dennoch mit einem Stand vertreten,, deutschlandradiokultur.de, 12. Oktober 2015. wenn auch nicht direkt neben dem großen offiziellen Stand, der leer blieb.