mini|hochkant|Porträt, Vicente López Portaña, 1830 mini|hochkant|Porträt, Franz Xaver Winterhalter, Paris, 1841
Maria Christina von Bourbon, Prinzessin Beider Sizilien (spanisch María Cristina de Borbón, princesa de las Dos Sicilias; deutsch auch (Marie) Christine von Neapel; * 27. April 1806 in Palermo; † 22. August 1878 in Le Havre) war als vierte Ehefrau König Ferdinands VII. von Spanien von 1829 bis 1833 Königin von Spanien und Mutter der Königin Isabella II. Nach dem Tod ihres Gatten (1833) fungierte sie bis 1840 als Regentin für ihre minderjährige Tochter, bevor sie die Regentschaft an den General Baldomero Espartero übergeben musste. Nach dem Sturz Esparteros übte sie von 1843 bis zu ihrer Exilierung 1854 als Königinnenmutter Einfluss auf ihre nun formal selbständig regierende Tochter aus. Ab 1854 lebte sie meist außerhalb Spaniens.
Leben
Herkunft und Jugend
Maria Christina wurde als zweite Tochter aus der zweiten Ehe des damaligen Kronprinzen und späteren Königs Franz I. beider Sizilien mit der Infantin Maria Isabel von Spanien geboren. Sie wuchs in einer großen Familie auf, da sie sieben Brüder und sieben Schwestern hatte. Die Gräfin von Blessington fand an ihrem Aussehen Gefallen: Sie besitze nahezu makellose Gesichtszüge, schöne Zähne, ausdrucksvolle Augen und ein bezauberndes Lächeln. Die lebhafte, heitere Prinzessin zeigte frühzeitig eine Vorliebe für Jagd und Feste sowie eine gewisse Begabung für die Malkunst.
Ehefrau Ferdinands VII., Königin von Spanien (1829–1833)
Als der dreimal verwitwete König Ferdinand VII. von Spanien 1829 von kastilischen Räten aufgefordert wurde, seinem Lande zuliebe noch eine vierte Ehe einzugehen, ließ die neapolitanische Infantin Luisa Carlota, Gattin von Ferdinands Bruder Don Francisco de Paula, ein Porträt ihrer jüngeren Schwester Maria Christina anfertigen und schlug diese als Heiratskandidatin vor. Tatsächlich entschied sich der 45-jährige, frühzeitig gealterte und gichtkranke spanische König für Luisa Carlotas erst 23-jährige Schwester und ließ durch Gesandte um deren Hand anhalten. Der Neapolitanische Hof stimmte zu und Maria Christina reiste nach Madrid. Dort fand am 11. Dezember 1829 ihre mit großem Gepränge veranstaltete Hochzeit mit Ferdinand VII. statt, der sich bis ins neue Jahr andauernde Freudenfeste anschlossen. Ihr Gemahl war mit ihr eng verwandt, da er ihr Onkel mütterlicherseits war (ihre Mutter war eine jüngere Schwester Ferdinands und wie dieser ein Kind Karls IV. von Spanien). Ihr Großvater väterlicherseits, Ferdinand IV. von Neapel, war darüber hinaus ein Bruder Karls IV. Ferdinands VII. erste Frau, Maria Antonia von Bourbon-Sizilien (1784–1806) war eine Schwester von Maria Christinas Vater, Franz I.
Der spanische König war von seiner jungen Gemahlin entzückt, die bald auf ihn großen Einfluss ausübte. Bis zu seiner Heirat mit Maria Christina hatte er kein überlebendes Kind gezeugt. Während die gemäßigten und liberalen Parteien nun ihre Hoffnung auf einen Thronerben aus der zu erwartenden Nachkommenschaft der neuen Königin setzten, favorisierten die Absolutisten als Thronfolger den Infanten Don Carlos, der Ferdinands jüngerer Bruder war. Maria Francisca von Portugal, die Gattin von Don Carlos, und ihre Schwester, Maria Teresa, Prinzessin von Beira, rivalisierten mit Maria Christina und deren Schwester Luisa Carlota um Einfluss am Hof. Bald nach ihrer Heirat wurde die Königin schwanger und erreichte, dass ihr Gatte am 29. März 1830 die Erbfolgeregelung dahingehend änderte, auch wieder die weibliche Thronfolge zuzulassen (siehe Carlismus). Bereits 1789 hatte Karl IV. das nur männliche Sukzession erlaubende Salische Gesetz aufgehoben; allerdings hatte dieser Erlass keine formelle Rechtsgültigkeit erlangt. Ferdinand VII. setzte nun aber diese bislang geheim gehaltene Pragmatische Sanktion durch ihre Veröffentlichung in Kraft. Der so um die Thronfolge gebrachte Infant Don Carlos und dessen Anhänger, die Carlisten, leisteten gegen diese Entscheidung erbitterten Widerstand. In der Folge gebar Maria Christina ihrem Gatten zwei Töchter:
Isabella, als Isabella II. 1833–1868 Königin von Spanien (* 10. Oktober 1830, † 10. April 1904) Luisa Fernanda, Gräfin von Montpensier (* 30. Januar 1832, † 2. Februar 1897)
1832 trug Ferdinand VII. bei einem Kutschenunfall auf dem Weg zu seinem Sommerpalast La Granja schwere Kopfverletzungen davon. Seine Gemahlin pflegte ihn hingebungsvoll. Einige Monate später, am 14. September 1832, erkrankte der König so gefährlich, dass seine Ärzte Lebensgefahr diagnostizierten. Maria Christina beriet sich mit dem konservativen Justizminister Francisco Tadeo Calomarde. Dieser warnte davor, dass im Falle der Erbfolge ihrer Tochter ein Bürgerkrieg drohe. Die erschreckte Königin bat ihren Gemahl, sobald er sich etwas erholt hatte, um die Rücknahme seiner Thronfolgeänderung und Wiederherstellung des Salischen Gesetzes. Ferdinand VII. signierte am 18. September einen diesbezüglichen, bis zu seinem Tod geheimzuhaltenden Erlass, der jedoch bald publik wurde. Ihre nach La Granja geeilte Schwester Luisa Carlota kritisierte ihre Feigheit und bewog sie zu einer Sinnesänderung. Der am Weg der Genesung befindliche und ebenfalls umgestimmte König proklamierte am 4. Oktober Maria Christina für die Dauer seiner Rekonvaleszenz zur Regentin. Sie entließ das bisherige Kabinett und ernannte ein neues, dessen Vorsitz ab dem 29. November Francisco Cea Bermúdez innehatte. Zur Stärkung ihrer Position setzte sie auf Zusammenarbeit mit den Liberalen, obwohl sie durchaus nicht liberal gesinnt war. Unter anderem erließ sie eine allgemeine Amnestie, um sich gegen mögliche künftige Widerstände der Carlisten breiten Rückhalt zu verschaffen. Außerdem suchte sie ihr gewogene Männer auf hohe militärische und administrative Posten zu setzen. Ferdinand VII. annullierte am 31. Dezember 1832 sein Dekret vom 18. September und übernahm am 4. Januar 1833 die Leitung der Staatsgeschäfte wieder selbst, starb aber bereits am 29. September desselben Jahres. Mit seinem Tod hinterließ er den Thron seiner dreijährigen, nun zur Königin ausgerufenen Tochter Isabella II., für die Maria Christina die Regentschaft führte. Dieser zur Seite stand zunächst die Regierung unter dem Vorsitz von Cea Bermudez.Angel Martínez de Velasco: Ferdinand VII. In: Die spanischen Könige. C. H. Beck, München 1997, ISBN 3-406-42782-0, S. 221ff.
Regentin von Spanien (1833–1840)
miniatur|Königin Maria Christina Wappen
Don Carlos, der im Exil in Portugal lebte, bestritt weiterhin den Thronfolgeanspruch Isabellas und proklamierte sich als Carlos V. zum König. Seine Anhänger erregten insbesondere in Navarra und im Baskenland Nordspaniens Aufstände, so dass sich sofort nach dem Tod Ferdinands VII. der jahrelange Erste Carlistenkrieg (1833–1840) entwickelte. Russland, Preußen, Österreich, der Papst und die bourbonischen Staaten in Italien erkannten die Herrschaft Maria Christinas nicht an, sehr wohl aber Frankreich und England. Innenpolitisch bevorzugte sie vor allem Unterstützung von Seiten der oligarchischen rechts-liberalen Moderados („Gemäßigten“), musste aber im Laufe ihrer Regentschaft auf die häufig konträren Regierungsprogramme ihrer jeweiligen Ministerien eingehen und den mit der moderaten Partei in ständigem Streit liegenden links-liberalen Progresistas („Fortschrittlichen“) öfters entgegenkommen. Letztere stützten sich auf die städtischen Unter- und Mittelschichten und setzten sich für die Volkssouveränität ein. miniatur|Familie Franz’ I. beider Sizilien, Maria Christina links von der Büste Maria Christina heiratete bereits am 28. Dezember 1833 heimlich in zweiter Ehe einen Unteroffizier der königlichen Leibgarde, Agustín Fernando Muñoz y Sánchez. Nach einer Version war sie auf den jungen Mann aufmerksam geworden, als er ihr sein Taschentuch zur Stillung einer kleinen Nasenblutung reichte, nach einer anderen Darstellung soll er ihr bei einer Fahrt nach La Granja, als die Pferde ihrer Kutsche durchgingen, das Leben gerettet haben. Ihre zweite Ehe blieb am spanischen Hof nicht geheim und sollte in der Folge bedeutend zur zunehmenden Unbeliebtheit Maria Christinas beitragen. Mit Muñoz hatte sie mehrere Kinder:
María Amparo Muñoz, Gräfin von Vista Alegre (* 17. November 1834, † 19. August 1864) María de los Milagros Muñoz, Marquesa de Castillejo (* 8. November 1835, † 9. Juli 1903) Agustín Muñoz, Herzog von Tarancón (* 15. März 1837, † 15. Juli 1855) Fernando Muñoz, Herzog von Riánsares und Tarancón (* 27. April 1838, † 7. Dezember 1910) María Cristina Muñoz, Marquesa de la Isabela (* 19. April 1840, † 20. Dezember 1921) Antonio de Padua Muñoz (* 23. Dezember 1842, † 1847) Juan Muñoz, Graf von Recuerdo (* 29. August 1844, † 2. April 1863) José Muñoz, Graf von Gracía (* 21. Dezember 1846, † 17. Dezember 1863)
Cea Bermúdez musste bereits am 15. Januar 1834 dem gemäßigten Liberalen Francisco Martínez de la Rosa als Regierungspräsidenten Platz machen. Dieser führte Spanien auf den Weg in eine konstitutionelle Monarchie. Er entwarf eine von der Regentin am 10. April 1834 in Kraft gesetzte, der französischen Charte von 1814 nachgebildete Verfassung (Estatuto Real). Sie regelte nur die Zusammensetzung und Ordnung der Cortes, schränkte aber die absolute Macht der Krone relativ wenig ein. So hatte die Regentin etwa weiterhin das Recht auf Gesetzesinitiativen. Aufgrund eines extremen Zensus waren nur die wohlhabendsten Bevölkerungsschichten in den Cortes vertreten. Die Progressisten waren damit nicht zufrieden und verlangten die Wiedereinführung der freiheitlicheren Verfassung von 1812. Außenpolitisch betrieb die Regentin eine Annäherung an Großbritannien und Frankreich. Mit diesen Ländern und dem ebenfalls unter dynastischen Wirren leidenden Portugal schloss Spanien die am 22. April in London unterzeichnete und gegen die restaurative Heilige Allianz gerichtete Quadrupelallianz. Am 24. Juli 1834 eröffnete Maria Christina im Palast Buen-Retiro persönlich die neuen Cortes. Im gleichen Monat gelangte Don Carlos nach Navarra zu seinen Truppen. Der sich ausbreitende Bürgerkrieg, in dem auch auf beiden Seiten ausländische Hilfstruppen mitkämpften, wurde äußerst grausam geführt.
Der zunehmend unpopulär gewordene Martinez de la Rosa übergab den Präsidentenposten der Regierung am 7. Juni 1835 an den bisherigen Finanzminister und Grafen von Toreno, José María Queipo de Llano Ruiz de Saravia, dessen Portefeuille als Minister nun Juan Álvarez Mendizábal übernahm. Dieser Vertreter der Progresistas wurde am 25. September desselben Jahres neuer Ministerpräsident, nachdem er durch Anhänger der Konstitution von 1812 in mehreren Städten ausgelöste Aufstandsbewegungen hatte beschwichtigen können. Auf sein Betreiben wurden im Oktober 1835 durch ein Dekret Maria Christinas zahlreiche Klöster aufgehoben und deren eingezogene Güter zur Aufbesserung der durch die Ausgaben für den Bürgerkrieg zerrütteten Staatsfinanzen zum Verkauf bestimmt. Die Regentin weigerte sich aber im Frühjahr 1836, die von ihm vorgeschlagenen, unzureichenden Maßregeln zur Beseitigung der Wirtschaftskrise in Kraft zu setzen. Nach seiner Entlassung am 15. Mai trat der Moderado Francisco Javier Istúriz Montero an seine Stelle. In der Nacht zum 13. August 1836 meuterte eines der in San Ildefonso stationierten Milizregimenter, zog nach dem Lustschloss La Granja, wo Maria Christina sich aufhielt, und zwang sie, angeblich, indem sie das Leben ihres zweiten Gatten Muñoz bedrohte, die Verfassung von 1812 anzunehmen. Sie autorisierte die Bildung eines neuen Kabinetts unter dem Vorsitz des progressiven Politikers José María Calatrava und zog am 17. August in Madrid ein. Istúriz und die anderen Minister der vorigen Regierung waren bereits geflohen. Calatrava berief zum 24. Oktober 1836 die Cortes ein, die Maria Christina am 19. November 1836 als Regentin bestätigten und die Verfassung von 1812 im gemäßigten Sinn revidierten. Auf diese geänderte Konstitution schwor Maria Christina am 18. Juni 1837 den Eid.