Pfadabhängigkeit ist ein wissenschaftliches Konzept, das Prozessmodelle beschreibt, deren Verlauf einem Pfad ähnelt.
Wie bei einem Pfad gibt es dort Anfänge und Kreuzungen, an denen mehrere Alternativen zur Auswahl stehen. An diesen Kreuzungspunkten verhalten sich pfadabhängige Prozesse nicht deterministisch, sondern chaotisch. Ein kleiner Einfluss kann hier einen großen Effekt haben und zu einem ganz anderen Ausgang führen.
Nachdem sich eine bestimmte Alternative etabliert hat, folgt eine stabile Phase. Positive Rückkopplungseffekte verstärken den eingeschlagenen Pfad, z. B. in der Wirtschaft positive Feedback-Effekte. Kleinere Einflüsse bewirken kaum mehr eine Richtungsabweichung. Waren andere Alternativen am Kreuzungspunkt noch relativ mühelos erreichbar, wird ein bewusstes Umschwenken in der stabilen Phase deutlich aufwendiger.
So wird an einem Pfad unter Umständen selbst dann festgehalten, wenn sich später herausstellt, dass eine Alternative überlegen gewesen wäre.Paul Pierson: Politics in time. History, Institutions and Social Analysis. Princeton University Press, Princeton NJ u. a. 2004, ISBN 0-691-11715-2, S. 10 f. Pfadabhängige Prozesse sind also nicht selbstkorrigierend, sondern verfestigen unter anderem auch Fehler.
Schematisches Konzept der Pfadabhängigkeit Standard-Pólya-Prozess Das Konzept der Pfadabhängigkeit kann anhand des Standard-Pólya-Prozesses leicht verdeutlicht werden: In einer Urne befinden sich eine blaue und eine grüne Kugel. Es wird blind eine Kugel herausgezogen. Die Wahrscheinlichkeit zur Ziehung einer Farbe beträgt 0,5. Die gezogene Kugel wird wieder zurückgelegt. Es wird nun eine weitere Kugel, welche die Farbe der soeben gezogenen aufweist, hinzugefügt. Es befindet sich nun eine Kugel mehr in der Urne als vor dem Zug. Wurde demnach eine blaue Kugel gezogen, beträgt die Wahrscheinlichkeit für die erneute Ziehung einer blauen Kugel . Dieser Vorgang, auch als Standard-Polya-Prozess bezeichnet, ist pfadabhängig, da die Wahrscheinlichkeit, eine Kugel zu ziehen, welche eine gewünschte Farbe aufweist, mit der Anzahl an Kugeln jener Farbe zusammenhängt. Es liegen positive, auch „selbstverstärkende Effekte“ genannte Rückkopplungen vor. Bereits der erste Zug hat eine hohe Relevanz, da die Anzahl an Kugeln evtl. noch gering ist und das Ziehen und das darauffolgende Hinzufügen einer Kugel auf den späteren Verlauf signifikante Auswirkungen hat.
Eigenschaften positiver Rückkopplungsprozesse Der Wirtschaftswissenschaftler Brian Arthur, dessen Arbeiten zusammen mit denen Paul Davids in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre das Konzept begründeten, sah Pfadabhängigkeit als eine typische Eigenschaft ökonomischer Prozesse mit zunehmenden Grenzerträgen:W. Brian Arthur: Increasing returns and path dependence in the economy. The University of Michigan Press, Ann Arbor MI 1994, ISBN 0-472-09496-3. Multiple Gleichgewichte: Es lässt sich nicht vorhersagen, welches der potentiell möglichen Ereignisse tatsächlich eintreten wird, da jene, die zu Beginn des Prozesses eingetreten sind, einen großen Einfluss darauf ausüben, welches Ergebnis weiterführend zu erwarten ist. Eventuelle Pfadineffizienz: Ein eingeschlagener, durchaus chancenreicher Pfad kann –, über einen gewissen Zeitraum hinweg –, kleinere Erträge als seine Alternativen erwirtschaften. Lock-in: Darüber hinaus kann es zur Verhärtung eines eingeschlagenen Bewegungspfades kommen. Dieser kann folglich nur mühsam verlassen oder revidiert werden. Erfolgversprechendere Alternativen werden dabei ausgeschlossen (lock-out). Pfadabhängigkeit: Bereits die frühe Verteilung der Marktanteile hat einen großen Einfluss darauf, welches endgültige Ergebnis erreicht werden wird. Diese Marktanteile weisen sonach eine nicht-ergodische Dynamik auf.
Pfadabhängigkeit in den Wirtschaftswissenschaften Traditioneller Ansatz Traditionell konzentrieren sich die Wirtschaftswissenschaften eher auf das Auffinden von Gleichgewichtspunkten. Diese ergeben sich zum Beispiel in der neoklassischen Theorie durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Ihre Sichtweise führt zu einem Modell der Wirtschaft, das vorhersagbar und effizient ist. Jeder Schritt, der das System vom Gleichgewicht wegführt, löst negative Feedback-Effekte aus, die das System in den Gleichgewichtszustand zurückdrängen. Das Gleichgewicht kann dabei als die beste und effizienteste Verteilung der Ressourcen unter den gegebenen Umständen beschrieben werden.
Positive Feedback-Effekte In den 1980er Jahren sah sich die Negative-Feedback-Tradition wachsender Kritik ausgesetzt. Namhafte Wirtschaftswissenschaftler wandten sich Prozessen zu, bei denen im Gegenteil positive Feedback-Effekte dazu führten, Entwicklungen auf eher zufällig ausgewählten Pfaden voranzutreiben. Selbstverstärkende Momente bewirkten, dass jeder Schritt in der anfangs eingeschlagenen Richtung unangemessen durch neue Vorteile belohnt wurde, so dass sich die Richtung unabhängig von ihrer Qualität zunehmend verfestigte. Douglass North, der 1993 den Wirtschaftsnobelpreis für eine Arbeit erhielt, in der er mit Pfadabhängigkeit bezüglich Variantenbildung des Kapitalismus argumentierte, verhalf damit diesem Ansatz in den Wirtschaftswissenschaften zum Durchbruch.
Einführung neuer Technologien Technische Neuentwicklungen boten den ersten fruchtbaren Boden, auf dem Pfadabhängigkeit in der Wirtschaft studiert wurde. Komplexe Technik, die eine weite Verbreitung findet, wie etwa der PC, das Internet oder Unterhaltungselektronik, neigen zur Pfadabhängigkeit. Als selbstverstärkende Momente ergeben sich hier auf der Entwicklerseite hohe Vorleistungen, die dem Erfinder einen großen Anfangsvorteil im Wettbewerb um Standards bescheren. Experten und erste gesammelte Lernerfahrungen drängen ebenfalls dazu, die Entwicklung in der anfangs eingeschlagenen Richtung weiterzuführen. Auf der Nutzerseite gibt es Investitionen in Anschlusstechnologien, Geräte und entsprechende Ausbildungsmaßnahmen, die Koordination erfordern und dazu verleiten, den Siegerstandard schnellstmöglich zu ermitteln. Dabei kommt es nicht zu einem fairen Wettbewerb konkurrierender Alternativen. Die Entscheidung wird vorschnell getroffen, und der Selbstverstärkungsmechanismus führt nicht zu mehr Qualität, sondern zu einer Lock-in-Situation, d. h. zum Einfrieren eines möglicherweise wenig funktionalen Standards und von Nutzergewohnheiten, an die dann alle Weiterentwicklungen andocken müssen.
Beispiele Bei der QWERTY-Tastaturbelegung gab Erlerntes den Ausschlag, sie ohne weitere Prüfung vom Schreibmaschinenzeitalter in das Computerzeitalter als Standard zu übernehmen. Sie war ursprünglich vom Erfinder der Schreibmaschine gewählt worden, um mechanische Mängel der Schreibmaschine auszugleichen, die es bei der Computertastatur nicht mehr gab. Sinnvoll wäre deswegen eine ergonomische Ausrichtung gewesen, die auch vorgeschlagen wurde, sich aber nicht durchsetzte.Paul A. David: Clio and the Economics of QWERTY. In: American Economic Review. Vol. 75, Nr. 2 = Papers and Proceedings of the Ninety-Seventh Annual Meeting of the American Economic Association, 1985, , S. 332–337. Lock-ins werden immer wieder durch technische Innovationen in Frage gestellt, so auch die QWERTY-Tastatur durch einen veränderten Eingabemodus für den Short Message Service auf Mobiltelefonen, an den sich jugendliche Nutzer sehr schnell anpassten. Die QWERTY-Anordnung hält sich aber dennoch zäh, wie man an den Tastaturen von Smartphones sehen kann. Bei dem Sieg der VHS-Technik für Videorecorder gegen die Konkurrenz waren es ebenfalls keine fachlichen Vorteile, sondern geschicktes Taktieren mit den Anbietern von Filmen, das den Ausschlag gab. Der Standard behauptete sich anschließend bis zur Einführung der überlegenen DVD-Technik. Da der Webbrowser Internet Explorer von Microsoft bis zu seiner Version 8 die von der Standardisierungsorganisation World Wide Web Consortium festgelegten Standards der Auszeichnungssprachen HTML und CSS nicht korrekt beherrschte, mussten Webdesigner entweder auf bestimmte Techniken verzichten oder absichtlich fehlerhaften Code schreiben, mit dem sich zum Beispiel Code, den der IE nicht verstand, vor ihm verbergen ließ. Da der IE auf dem marktbeherrschenden PC-Betriebssystem MS Windows als Standard-Browser vorinstalliert war, hatte er auch im Internet eine beherrschende Stellung und konnte nicht einfach als fehlerhaft ignoriert werden.
Standortentwicklung Die Entwicklung von Standorten ist ein eher traditionelles Beispiel für Pfadabhängigkeit. Heute können durch eine leistungsfähige Kommunikations- und Transport-Infrastruktur räumliche Distanzen leichter überbrückt werden, so dass der Standort an Bedeutung verloren hat. Trotzdem entstehen auch heute noch Zentren für Wissensbereiche und industrielle oder Dienstleistungs-Cluster wie etwa die IT-Industrie in Bengaluru (Indien), in denen eine initiale Aufwärtsbewegung wie ein Magnet Experten, Finanzdienstleister und sonstige Infrastruktur anzieht, so dass sich der Prozess schon bald verselbstständigt und der Standort auch ohne weitere direkte Einwirkung aufblüht.
Bei der Sozial-ökologische Transformation nimmt die Pfadabhängigkeit wieder größere Bedeutung ein, da gerade ländliche oder spezialisierte Wirtschaftsgebiete sich in der Praxis eher nur pfadabhängig transformieren lassen, ohne zu großen politischen Gegenwind zu erzeugen.
Institutionen Douglass C. North fand dieselben selbstverstärkenden Effekte, die von technologischen Standards her bekannt waren, bei Institutionen wieder. Die Gründung von Institutionen ist ebenfalls aufwendig. Sie setzt Lerneffekte und Expertenbildung in Gang. Koordinationseffekte ergeben sich sowohl durch direkte Verträge von Unternehmen mit der Institution als auch durch sich neu öffnende Marktchancen, für die die Institution den Weg bereitet. Wenn erwartet werden kann, dass eine neu gegründete Institution sich durchsetzen wird, erfolgt eine Anpassung der Unternehmen oder der Bevölkerung oft schon vorausschauend.
Nach Douglass North betrifft die Pfadabhängigkeit nicht nur eine einzelne Institution, sondern die institutionelle Infrastruktur eines Staates als Ganzes. Er nennt dies die institutionelle Matrix eines Staates. Da die Menschen sich daran gewöhnen, dass Streitfälle von Institutionen geregelt werden, bereitet die Gründung einer Institution den Weg für weitere.
Institutionen sind jedoch weniger formbar als Technologien und im Vergleich zu diesen auch weniger flexibel bei der Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Wenn sie zusammenbrechen, droht ein großer Teil des in ihnen inkorporierten impliziten Wissens und damit auch der Problemlösungstechniken verloren zu gehen. Paul David weist darauf hin, dass es wegen dieser drohenden Strukturbrüche oft nicht möglich ist, einen effektiven institutionellen Wandel herbeizuführen, selbst wenn die neuen Institutionen theoretisch effizienter zu sein scheinen als die alten.Paul David: Why Are Institutions the 'Carriers of History'? Path Dependece and the Evolution of Conventions, Organizations, and Institutions. In: Structural Change and Economic Dynamics 5 (1994) 2, S. 205–220, hier: 218 f.
Wirtschaftliches Wachstum 1993 erhielt Douglass North den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeit über wirtschaftlichen und institutionellen Wandel.Liste der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Norths Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich das wirtschaftliche Wachstum länderspezifisch sehr verschieden entwickelt. Er gelangte zu der Aussage, dass Wirtschaftswachstum pfadabhängig ist, da die Motivation der Akteure in der Wirtschaft von der institutionellen Infrastruktur eines Landes abhängt und diese sich pfadabhängig entwickelt.Douglass C. North: Institutions, Institutional Change and Economic Performance. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990, ISBN 0-521-39416-3.
Organisationale Pfadabhängigkeit mini|hochkant=1.8|Verlauf pfadabhängiger ProzesseJörg Sydow, Georg Schreyögg, Jochen Koch 2009