Emil Lehmann (* 18. November 1880 in Turn bei Teplitz, Nordböhmen, Österreich-Ungarn; † 22. August 1964 in Dresden) war ein sudetendeutscher Volkskundler und Volksbildner sowie völkischer Publizist.
Biographie Emil Lehmann war der Sohn eines Baumeisters in Turn (Trnovany) im nordböhmischen Bezirk Teplitz. Er studierte Germanistik, klassische Philologie und Philosophie an der Karl-Ferdinands-Universität Prag (als Schüler von Adolf Hauffen und August Sauer), in Heidelberg und Berlin. Mit einer Arbeit über Hölderlins Lyrik wurde er 1903 in Prag zum Dr. phil. promoviert. Ab 1906 unterrichtete er als Mittelschullehrer in Graz und ab 1908 als Gymnasialprofessor in Landskron im Schönhengstgau, einer deutschen Sprachinsel in Ostböhmen. Von der großdeutschen Ideologie geprägt, war er in der Habsburgermonarchie ab 1908 Mitglied der Deutschradikalen Partei und unterstützte den Abgeordneten Karl Hermann Wolf, der den Wahlbezirk von Landskron im Wiener Reichsrat vertrat. Ab 1912 gehörte er selbst der Stadtvertretung von Landskron an. Vom Militärdienst war er wegen Untauglichkeit befreit, stattdessen widmete er sich in der Zeit des Ersten Weltkriegs volkskundlichen Studien.Tobias Weger: Emil Lehmann. In: Michael Fahlbusch u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Teilband 1. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, S. 419–423, hier S. 419.
Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie stand Lehmann dem Deutschen Nationalrat von Landskron vor (in der kurzlebigen Provinz Sudetenland, die sich Deutschösterreich anschließen wollte) und engagierte sich in der Böhmerlandbewegung. Im Januar 1919 war er an der Formulierung der deutschnationalen „Schreckensteiner Leitsätze“ beteiligt. Nachdem auch die mehrheitlich deutschsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik zugeordnet worden waren, wurde Lehmann von Mai 1919 bis September 1920 aus dem Schuldienst suspendiert. Mit Josef Blau war er von 1919 bis 1932 Herausgeber der Zeitschrift Heimatbildung. Bei der ersten Wahl zum tschechoslowakischen Parlament trat er 1920 als Kandidat der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP). Er verfehlte den Einzug in die Nationalversammlung, wurde aber Bürgermeister-Stellvertreter in Landskron.Tobias Weger: Emil Lehmann. In: Michael Fahlbusch u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Teilband 1. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, S. 419–423, hier S. 420.
Ab 1920 durfte Lehmann wieder unterrichten, nun als tschechoslowakischer Staatsbediensteter, wurde aber 1922 nach Aussig und im Jahr darauf nach Teplitz versetzt, bevor er 1926 nach Landskron zurückkehrte. Parallel dozierte er in zahlreichen Volkshochschul- und Sommerkursen in der Tschechoslowakei, Österreich und dem Deutschen Reich. Während eines „Heimatbildungskurses“ in Kežmarok/Käsmark 1921 trug er zur Bildung einer Kollektividentität der deutschen Minderheit in der Slowakei als „Karpatendeutsche“ bei. Er war einer der Initiatoren des 1924 in Aussig gegründeten Deutschen Verbands für Heimatforschung und Heimatbildung. Dessen Vorsitz übernahm Franz Josef Umlauft, Lehmann wirkte aber als graue Eminenz des Verbands.Tobias Weger: Emil Lehmann. In: Michael Fahlbusch u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Teilband 1. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, S. 419–423, hier S. 421. Nach ständigen Konflikten mit der tschechoslowakischen Unterrichtsverwaltung wegen seiner politischen Aktivität schied er 1928 aus dem Staatsdienst aus.
Emil Lehmann wurde 1928 Geschäftsführer der „Gesellschaft für deutsche Volksbildung in der Tschechoslowakischen Republik“ in Reichenberg in Nordböhmen. Seine Stelle wurde vom Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) und dem Deutschen Ausland-Institut mitfinanziert. Die Gesellschaft erwarb 1932 das Jugendheim der Reichenberger Textilfirma Liebig und wandelte es in ein Volksbildungshaus namens „Goetheheim“ um. Dieses diente sowohl als Volkshochschule als auch als „Umschlagplatz völkischen Gedankenguts“ und diente als Veranstaltungsort von Fortbildungen für Akteure des sudetendeutschen völkischen Milieus. Nach der Selbstauflösung und dem Verbot der DNSAP 1933 wurde Lehmann Mitglied der Sudetendeutschen Heimatfront unter Konrad Henlein, die sich 1935 in Sudetendeutsche Partei umbenannte. Im Mährisch-Ostrauer Hochverratsprozess (oder Patscheider-Prozess, nach dem Hauptangeklagten Richard Patscheider, einem Lehrer aus Troppau) gegen sudetendeutsche Nationalsozialisten wurde auch Lehmann 1936 zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt. Er nutzte jedoch eine vorübergehende Freilassung auf Kaution und flüchtete mit Hilfe des bereits zuvor aus der Tschechoslowakei geflohenen Hans Krebs in den NS-Staat.Tobias Weger: Emil Lehmann. In: Michael Fahlbusch u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Teilband 1. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, S. 419–423, hier S. 422.
Dort ließ er sich in Dresden nieder, wo er eine Anstellung an der Lehrerbildungsanstalt erhielt und Honorarprofessor für Volksorganisation und Volkskunde an der Technischen Universität Dresden wurde. Durch seine Publikationen in dem Wissensfach der Ostforschung, Volksorganisation und Volkskunde erhielt er noch Jahrzehnte später Anerkennung. Am 13. März 1939 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Dezember 1938 aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.429.481).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/25190476 Im Jahr 1940 verlieh ihm die NS-Regierung die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Die Stiftung F. V. S. zeichnete ihn 1943 mit dem Joseph-Freiherr-von-Eichendorff-Preis für das „Deutschtum im Sudetenland, in Böhmen, Mähren und der Slowakei“ aus.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Lehmann 1945 pensioniert. Mehrere seiner Schriften wurden in der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt: U-Boot und Stacheldraht (Ostpreußischer Heimatverlag, Heiligenbeil 1931)http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-l.html Heimgekehrte Grenzlande im Südosten (zusammen mit Adolf Helbok; Reclam, Leipzig 1939)http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-h.html Auf heiliger Landesmark (Kraus, Reichenberg 1941) Volkskunde in der Volksschule (Dürr, Leipzig 1943)http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-l.html Die Bedeutung der Volksforschung im deutsch-slawischen Grenzraum (Burgverlag, Krakau 1944)
Dennoch blieb Lehmann in der DDR und lebte bis zu seinem Tod 1964 im Dresdner Ortsteil Loschwitz.
Sein Sohn Ernst Lehmann engagierte sich nach 1945 in Westdeutschland in Vertriebenenorganisationen und dem völkischen Witikobund. Er pflegte auch das publizistische Erbe des Vaters, indem er dessen 1925 mit Hans Krebs verfasste Monographie Wir Sudetendeutsche 1992 unter dem Titel Sudetendeutsche Landeskunde im rechtsextremen Kieler Arndt-Verlag erneut auflegte, diese aber um einige antisemitische Passagen kürzte.
Werke Verzeichnis in H. Herrmann, H. 1940 Deutsches Volkstum auf Vorposten, 1918 Sudetendeutsche Heimatgaue, 43 Hefte, 1919 ff. Landskroner Heimatbuch, 1918, 1920 Landskroner und Schönhengster Heimatbücherei 1919 ff. Hölderlins Lyrik (Dissertation), 1922 Neue Volkssagen aus dem Schönhengstgau 1924 Der Sudetendeutsche. Eine Gesamtbetrachtung, Potsdam 1925 Sudetendeutsches Grenzlandvolk, Dresden (Stimmen der Landschaft, 8) mit Hans Krebs: Wir Sudetendeutsche, 1925, 1937, ab 1992 unter dem Titel Sudetendeutsche Landeskunde, Kiel. Volkskunde in der Volksschule, 1938 mit Fritz Ranzi und Adolf Helbok: Heimgekehrte Grenzlande im Südosten – Ostmark. Sudetengau. Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Ein Handbuch. Philipp Reclam jun., Leipzig 1939.
Literatur Hugo Herrmann (Hrsg.): Emil Lehmann, der Volkskundler und Volksbildner. Zu seinem 60. Geburtstag gewidmet von Freunden und Mitarbeitern. Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus, Reichenberg 1940. Rudolf Lochner: Emil Lehmann. Ein Volkserzieher im deutschen Außengrenzland. Bohemia 6 (1965), S. 508–514. Heribert Sturm: Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, herausgegeben im Auftrag des Collegium Carolinum (Institut), Bd. II, R. Oldenbourg Verlag München 1984, ISBN 3-486-52551-4, S. 412, mit weiteren Literaturhinweisen. Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-631-57104-0, S. 610, Eintrag Lehmann, Emil. Tobias Weger: Emil Lehmann. In: Michael Fahlbusch u. a. (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Teilband 1. 2. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, S. 419–423.
Weblinks
Professoren im Volkstumskampf
Einzelnachweise
Kategorie:Verurteilte Person (NS-Täter) Kategorie:Volkskundler Kategorie:Hochschullehrer (Technische Universität Dresden) Kategorie:Person (Sudetenland) Kategorie:Person der völkischen Bewegung Kategorie:DNSAP-Mitglied Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Vereinsfunktionär Kategorie:Tschechoslowake Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1880 Kategorie:Gestorben 1964 Kategorie:Mann