mini|hochkant|Mario Draghi (2021)rahmenlos|zentriert|hochkant=0.7|klasse=skin-invert-image notpageimage|Unterschrift von Mario Draghi auf den Euro-Banknoten

Mario Draghi [] (* 3. September 1947 in Rom) ist ein italienischer Wirtschaftswissenschaftler und Zentralbänker, der vom 13. Februar 2021 bis zum 22. Oktober 2022 italienischer Ministerpräsident war. Zuvor war er vom 16. Januar 2006 bis zum 31. Oktober 2011 Gouverneur der Banca d’Italia und vom 1. November 2011 bis zum 31. Oktober 2019 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Nach einer Karriere als akademischer Ökonom in Italien arbeitete Draghi in den 1980er Jahren für die Weltbank in Washington, D.C. und kehrte 1991 nach Rom zurück, um Generaldirektor des italienischen Finanzministeriums zu werden. Nach zehn Jahren wechselte er zu Goldman Sachs und blieb dort bis zu seiner Ernennung zum Gouverneur der Banca d’Italia. In seine Amtszeit als Gouverneur fiel die Große Rezession. Er war außerdem der erste Vorsitzende des Financial Stability Board. Draghi verließ beide Rollen 2011 nach seiner Ernennung zum Präsidenten der Europäischen Zentralbank durch die Europäische Kommission. Er leitete die Institution während der Eurokrise und wurde in ganz Europa berühmt, als er 2012 in einer Rede in London ankündigte, alles zu tun, um das Scheitern des Euro zu verhindern („Whatever it takes“). Im Jahr 2014 wurde Draghi von Forbes als „achtmächtigste Person der Welt“ gelistet. 2015 stufte ihn Fortune als „zweitgrößten politischen Führer der Welt“ ein. Im Mai 2019 bezeichnete Paul Krugman ihn als „größten Zentralbanker der Neuzeit“. Darüber hinaus gilt er dank seiner Geldpolitik während der Eurokrise weithin als der „Retter des Euro“.

Im Februar 2021 wurde Draghi nach dem Rücktritt von Giuseppe Conte von Präsident Sergio Mattarella aufgefordert, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Nach erfolgreichen Verhandlungen mit der Lega (Lega), der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S), der Demokratischen Partei (PD) und Forza Italia (FI) wurde Draghi am 11. Februar als Ministerpräsident vereidigt und versprach die effektive Implementierung des COVID-19-Wiederaufbaufonds. Draghi wurde während seiner Zeit als Ministerpräsident in Meinungsumfragen in Italien hoch bewertet – The Economist ernannte Italien 2021 zum „Land des Jahres“ und hob Draghis politische Führung als zentral für die Auszeichnung hervor.

Wegen einer Regierungskrise und verlorener Misstrauensvoten kündigte Draghi im Juli 2022 seinen Rücktritt an. Präsident Mattarella akzeptierte den Rücktritt und Draghi blieb bis zu den Neuwahlen im September 2022 geschäftsführend im Amt. Seine Nachfolgerin wurde am 22. Oktober 2022 Giorgia Meloni.

Früher Werdegang Herkunft Mario Draghi wurde am 3. September 1947 in Rom geboren. Sein Vater Carlo, gebürtig aus Padua, war seit 1922 für die italienische Zentralbank tätig und wechselte zunächst zum Istituto per la Ricostruzione Industriale (IRI) und dann zur Banca Nazionale del Lavoro (BNL). Seine Mutter, Gilda Mancini, gebürtig aus Monteverde (Avellino), war Apothekerin.Munzinger-Archiv/Internationales Biographisches Archiv, Mario Draghi, abgerufen am 9. März 2018 (nicht frei zugänglich).Guy Dinmore und Ralph Atkins, Man in the News: Mario Draghi, in: Financial Times (FT.com), 29. April 2011, abgerufen am 9. März 2018 (nicht frei zugänglich). Er hat zwei jüngere Geschwister, die Kunsthistorikerin Andreina und den Unternehmer Marcello. auf ilgiorno.it vom 2. Februar 2021, abgerufen am 11. Februar 2021 (italienisch) Als Draghi fünfzehn Jahre alt war, starb sein Vater und kurz darauf auch seine Mutter. Als Waise wurde er eine Weile lang in dieser Zeit von einer Schwester des Vaters aufgezogen. Er selbst übernahm früh Verantwortung für seine jüngeren Geschwister.

Ausbildung Er besuchte das von den Jesuiten geführte Istituto Massimo, eine katholische Privatschule in Rom. Draghi war Klassenkamerad von Luca Cordero di Montezemolo und Giancarlo Magalli.

Nach dem Ende seiner Schulzeit studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Universität La Sapienza in seiner Heimatstadt, unter anderem bei Federico Caffè (1914–1987), einem namhaften Ökonomen der keynesianischen Schule. Das Studium schloss er 1970 ab.

Für seine Promotion wechselte Draghi im Anschluss an das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (USA), wo er ein Stipendium erhielt.Landon Thomas Jr. und Jack Ewing, Can Super Mario Save the Day for Europe?, in: New York Times, 30. Oktober 2011, S. BU4 (auch online). Am MIT studierte Draghi unter dem späteren Wirtschaftsnobelpreisträger Franco Modigliani, besuchte Veranstaltungen von Rudiger Dornbusch und lernte den späteren Gouverneur der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer, kennen, mit dem er auch lange über seine Promotion hinaus in Verbindung bleiben sollte. Mit seiner von Robert M. Solow mitbetreuten Arbeit Essays on Economic Theory and Applications wurde Draghi 1977 schließlich bei Modigliani zum Ph.D. der Wirtschaftswissenschaften promoviert.Mario Draghi, Essays on Economic Theory and Applications, 1976 (Digitalisat via mit.edu; PDF, 4,4 MB), S. iii f. Darin befasste er sich unter anderem mit den theoretischen Grundlagen der Währungsabwertung sowie mit dem Verhältnis von kurzfristiger Stabilisierungspolitik und langfristigen Planungszielen.Mario Draghi, Essays on Economic Theory and Applications, 1976 (Digitalisat via mit.edu; PDF, 4,4 MB), S. ii f. Draghi war der erste italienische Staatsbürger, dem am MIT ein Doktorgrad verliehen wurde.

Berufliche Laufbahn bis 2005 Von 1975 bis 1981 war Draghi als Dozent für Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Trient, Padua und Venedig tätig, ehe er 1981 auf eine Professur für Wirtschaftswissenschaften und Währungspolitik an der Universität Florenz berufen wurde. Während seiner florentiner Zeit war Draghi zwischen 1984 und 1990 auch italienischer Exekutivdirektor der Weltbank. 1991 legte er seine Professur schließlich nieder und wechselte als Generaldirektor ins italienische Finanzministerium.

Um die Jahrtausendwende warb die italienische Regierung dafür, Draghi in der Nachfolge von Michel Camdessus zum geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds zu berufen. Die Personalie stieß bei vielen anderen europäischen Regierungen aber auf Skepsis, vor allem weil mit Romano Prodi bereits ein anderer Italiener gerade erst die Präsidentschaft der Europäischen Kommission übernommen hatte. Der Posten des IWF-Direktors ging schließlich an den Deutschen Horst Köhler.

Im Mai 2000 übernahm Draghi den Vorsitz des Wirtschafts- und Finanzausschusses der Europäischen Union.James Blitz, Draghi is New Finance Chief, in: Financial Times, 27. Mai 2000, S. 9. In dieser Funktion sollte er jedoch nur kurze Zeit verbleiben: Ende 2001 trat er nach knapp zehnjähriger Amtszeit als Generaldirektor des Finanzministeriums zurück.James Blitz, Italian Treasury Chief Resigns, in: Financial Times, 8. September 2001, S. 8. Während seiner Amtszeit war Draghi federführend für die Umsetzung des bis dato größten Privatisierungsprogramms in der Europäischen Union außerhalb Großbritanniens verantwortlich.Peter T. Larsen und James Blitz, Mario Draghi to Join Goldman Sachs, in: Financial Times, 28. Januar 2002, S. 8.Carlo A. Ciampi, Mario Draghi: The Driving Force behind Privatisation, in: Financial Times, 10. Dezember 1997, Beilage „Italy: Industry and Finance“, S. III. Mit ihm sollten – letztlich erfolgreich – die italienischen Staatsfinanzen in Form gebracht werden, damit das Land im Jahr 1999 die Umstellung auf den Euro vollziehen konnte.G. Thomas Simsdec, Former Chief of Treasury Will Oversee Bank of Italy, in: New York Times (nytimes.com), 30. Dezember 2005, abgerufen am 9. März 2018. Ein Ausschuss unter seiner Führung erneuerte überdies das italienische Gesetz für Übernahmen börsennotierter Gesellschaften (das Gesetz wird umgangssprachlich auch als „Legge Draghi“ bezeichnet).Mario Draghi führt die Banca d’Italia, in: Neue Zürcher Zeitung, 30. Dezember 2005, S. 17. Draghi erwarb sich in dieser Zeit weltweit beträchtliches Renommee. Von verschiedenen Seiten erfuhr er jedoch auch Kritik für den Ablauf der Privatisierung der Telecom Italia. Der Verkauf der rund 45-prozentigen staatlichen Beteiligung an dem Unternehmen – bis dato die größte einzelne je in Europa durchgeführte PrivatisierungJames Blitz, Telecom Italia Retail Offer Four Times Subscribed, in: Financial Times, 27. Oktober 1997, S. 21. – hatte in den Leitungsgremien des Hauses über viele Monate hinweg erhebliche Führungsquerelen nach sich gezogen, für die Kritiker vor allem Planungsfehler der Regierung verantwortlich machten.James Blitz, Tommasi Quits Telecom Italia after Board Battle, in: Financial Times, 20. Februar 1998, S. 23.

Nach seinem Abschied vom Finanzministerium wurde Draghi im Jahr 2002 Managing Director und Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs International in London.Goldman Sachs, PROFESSOR MARIO DRAGHI JOINS GOLDMAN SACHS, 28. Januar 2002, abgerufen am 10. März 2018. Dort blieb er bis 2005.

Gouverneur der italienischen Notenbank (2006–2011) Ernennung und Programm Ende 2005 wurde Draghi als Nachfolger von Antonio Fazio zum künftigen Gouverneur der italienischen Notenbank (Banca d’Italia) ernannt. Fazio hatte erst zehn Tage zuvor – nachdem er sich lange Zeit Rücktrittsforderungen widersetzt hatte – sein Amt niedergelegt. Gegen ihn war wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs und geheimer Absprachen mit inländischen Bietern bei mehreren Bankübernahmen staatsanwaltlich ermittelt worden; außerdem stand er im Verdacht, während seiner insgesamt zwölfjährigen Amtszeit kostspielige Geschenke von Bankhäusern angenommen zu haben. Dies hatte das Ansehen der Notenbank in der Bevölkerung und in Investorenkreisen stark beschädigt.Tony Barber, Italy Looks to Draghi to Lift Bank’s Image, in: Financial Times, 30. Dezember 2005, S. 6. Mit Draghi verband die Politik vor diesem Hintergrund die Hoffnung, das Image der Bank wieder aufzubessern. Seine Ernennung wurde sowohl von der Regierung als auch von der Opposition getragen – was wohl auch deshalb möglich war, weil sich Draghi zuvor nie parteipolitisch positioniert hatte.Katharina Kort, Italien beendet Notenbank-Krise, in: Handelsblatt, 30. Dezember 2005, S. 33. Im Januar 2006 trat Draghi sein Amt an.Tony Barber, Draghi Takes over as Italy Bank Chief, in: Financial Times, 17. Januar 2006, S. 7. Für ihn galt als erstes die neue Amtszeitbegrenzung auf sechs Jahre (mit der Option auf einmalige Verlängerung um weitere sechs Jahre), die das Kabinett am Tag nach Fazios Ausscheiden verabschiedete.Nikos Tzermias, Begrenzte Amtszeit für Fazios Nachfolger, in: Neue Zürcher Zeitung, 21. Dezember 2005, S. 19.