mini|Mantes-Teppich, Detail, mit Tier- und Jagdszenen, 16. Jh., Louvre mini|Fragment eines safawidischen Teppichs in „Vasentechnik“, Südostpersien, frühes 17. Jahrhundert
Ein Persischer Teppich ist ein schweres Gewebe, hergestellt für einen weiten Bereich nützlicher und symbolischer Zwecke, der in Afghanistan, Iran und den umgebenden Gebieten des ehemaligen Perserreichs hergestellt wird. Perserteppiche werden zum eigenen Gebrauch, zum Handel vor Ort und für den Export produziert. Der persische Teppich ist ein Grundbestandteil persischer Kunst und Kultur. Als Perserteppich ist er umgangssprachlich im deutschen Sprachraum bekannt. Innerhalb der Gruppe der Orientteppiche hebt sich der persische Teppich durch besondere Vielfalt und künstlerische Qualität seiner Farben und Muster heraus. 2010 wurde die „traditionelle Kunst des Teppichknüpfens“ in Fars und in Kashan (Kaschanteppiche) in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Persische Teppiche unterschiedlicher Art wurden zur gleichen Zeit von Nomadenstämmen, in Dörfern, städtischen und Hofmanufakturen geknüpft. Diese grobe Einteilung nach der gesellschaftlichen Schicht, für die Teppiche hergestellt wurden, steht für unterschiedliche, gleichzeitig nebeneinander bestehende Traditionen, und spiegelt die lange und reiche Geschichte Irans und der dort lebenden Völker wider.
Die Teppiche aus den Hofmanufakturen der Safawiden in Isfahan des 16. Jahrhunderts sind für ihre vielfältigen, reichen Farben und künstlerischen Muster weltberühmt. Die safawidischen Motive und Muster beeinflussten die Hofmanufakturen der umliegenden Großmächte der islamischen Welt und wurden während des gesamten späteren Perserreichs bis hin zur letzten kaiserlichen Dynastie Irans immer wieder neu geknüpft. In Städten und Marktzentren wie Täbris, Kerman, Maschhad, Kaschan, Isfahan, Nain und Ghom werden Teppiche in unterschiedlichen Techniken und Materialien, Farben und Mustern von hoher Qualität hergestellt. Nomaden und Einwohner ländlicher Dörfer knüpfen Teppiche mit kräftigeren und manchmal gröberen Mustern bzw. stark vereinfachten (beinahe diagrammartigenBasil W. Robinson: Vorwort. In: Karl Schlamminger, Peter Lamborn Wilson: Weaver of Tales. Persian Picture Rugs / Persische Bildteppiche. Geknüpfte Mythen. Callwey, München 1980, ISBN 3-7667-0532-6, S. 7.) Figuren, die heute als die authentischsten und traditionsverbundensten Teppiche Irans angesehen werden.
Während Zeiten politischer Unruhen oder unter dem Einfluss kommerzieller Produktion erlebte das Kunsthandwerk des Teppichknüpfens Perioden des Niedergangs. Als besonders schwerwiegend erwies sich die Einführung minderwertiger synthetischer Farben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Teppichknüpfen spielt auch heute noch eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben des modernen Irans. Die moderne Produktion ist durch die Wiederbelebung der traditionellen Färbekunst mit Naturfarben und der traditionellen Muster gekennzeichnet, aber auch durch die Erfindung moderner, innovativer Muster, die in der jahrhundertealten Handwerkstradition hergestellt werden. Handgeknüpfte persische Teppiche werden seit ihrer ersten Erwähnung in antiken griechischen Schriften bis in die heutige Zeit als Objekte von hohem künstlerischem und Gebrauchswert und Prestige in aller Welt geschätzt.
Geschichte mini|Der Pasyryk-Teppich, ältester erhaltener Knüpfteppich, 5. Jh. v. Chr. Herstellungsort umstritten.
Frühgeschichte: circa 500 v. Chr. bis 200 n. Chr. Persische Teppiche werden erstmals gegen 400 v. Chr. vom griechischen Autor Xenophon in seinem Werk Anabasis erwähnt:
„αὖθις δὲ Τιμασίωνι τῷ Δαρδανεῖ προσελθών, ἐπεὶ ἤκουσεν αὐτῷ εἶναι καὶ ἐκπώματα καὶ τάπιδας βαρβαρικάς“, (Xen. anab. VII.3.18) Danach ging er zu Timasion dem Dardanier, denn er hatte gehört, dass dieser einige fremdländische Trinkgefäße und Teppiche hatte. „καὶ Τιμασίων προπίνων ἐδωρήσατο φιάλην τε ἀργυρᾶν καὶ τάπιδα ἀξίαν δέκα μνῶν.“ [Xenophon, Anabasis VII,3,27] Timasion trank auch auf seine Gesundheit und schenkte ihm einen silbernen Kelch und einen Teppich, der 10 Minen wert war.Kyrou Anabasis/Z in el.wikisource.org (griechisch).
Xenophon beschreibt persische („fremdländische“) Teppiche als kostbar und eines diplomatischen Geschenks wert. Es ist nicht bekannt, ob diese Teppiche geknüpft waren oder mithilfe einer anderen Technik hergestellt worden sind, bspw. als Flachgewebe oder Stickerei, aber es erscheint interessant, dass die erste Erwähnung von Perserteppichen in der Weltliteratur sie schon in einen Kontext von Luxus, Prestige und Diplomatie stellt.
Aus der Zeit der Achämeniden (553–330 v. Chr.), Seleukiden (312–129 v. Chr.) und Parther (ca. 170 v. Chr. – 226 n. Chr.) haben keine Teppiche die Zeit überstanden.
Sassanidenzeit: 224–651 Das Sassanidenreich, welches das Partherreich ablöste, war über 400 Jahre hinweg neben dem benachbarten Byzanz eine der führenden Mächte seiner Zeit.International Congress of Byzantine Studies: Proceedings of the 21st International Congress of Byzantine Studies, London, 21–26 August 2006. Vol 1–3. Ashgate Pub Co, 2006, ISBN 0-7546-5740-X, S. 29. Die Sassaniden etablierten ihre Herrschaft ungefähr innerhalb der Grenzen, die schon von den Achämeniden gesetzt worden waren. Ihre Hauptstadt war Ktesiphon. Diese letzte persische Dynastie vor der Ankunft des Islam folgte dem Zoroastrianismus als Staatsreligion.
Wann und wie genau die Perser begonnen haben, Teppiche zu knüpfen, ist noch unbekannt, aber das Wissen um ihre Herstellung und die Kenntnis geeigneter Designs für textile Bodenbedeckungen war in dem Byzanz, Anatolien und Persien umfassenden Gebiet sicher schon länger bekannt. Anatolien, zwischen Byzanz und Persien gelegen, war schon seit 133 v. Chr. unter römischer Herrschaft. Geografisch und politisch, in wechselnden Bündnissen als auch durch Handel, verband Anatolien das Byzantinische mit dem Perserreich. Auf künstlerischem Gebiet entwickelten beide Reiche ähnliche Stile und dekoratives Vokabular, wie aus Mosaiken und der Architektur des römerzeitlichen Antiochia deutlich wird. Ein türkisches Teppichmuster, abgebildet auf Jan van Eycks Gemälde Madonna des Kanonikus Joris van der Paele konnte auf spätrömische Ursprünge zurückgeführt und in Verbindung gebracht werden mit umayyadischen Bodenmosaiken aus Khirbat al-Mafdschar. Die Architektur-Elemente im Baukomplex von Khirbat al-Mafdschar werden als beispielhaft für die Aneignung und Weiterentwicklung präislamischer Muster in der frühen islamischen Kunst angesehen (Broug, 2013, S. 7.).
Flachweberei und Stickerei waren während der Sassanidenzeit bekannt. Fein gearbeitete sassanidische Seidenstoffe haben sich in europäischen Kirchen erhalten, wo sie häufig benutzt wurden, um Reliquien darin einzuhüllen. Mehr Textilien dieser Art blieben in tibetischen Klöstern erhalten, von wo sie von Mönchen mitgenommen wurden, die vor der Chinesischen Kulturrevolution nach Nepal flohen. Auch aus Begräbnisstätten wie in Astana, auf der Seidenstraße nahe Turfan gelegen, sind ähnliche Funde erhalten. Das hohe künstlerische Niveau der persischen Weber geht aus den Berichten des arabischen Historikers at-Tabarī über den Bahār-e Kisra, oder „Frühling des Ḵosrow“-Teppich (Pers.: فرش بهارستان, Frühlingsteppich) hervor, der als Kriegsbeute den arabischen Eroberern von Ktesiphon 637 n. Chr. in die Hände fiel. Die Beschreibung, die at-Tabarī von dem Teppich gibt, macht es eher unwahrscheinlich, dass dieser Teppich einen geknüpften Flor besaß.
Fragmente von Knüpfteppichen aus Fundstätten im nordöstlichen Afghanistan, wahrscheinlich aus der Provinz Samangan, wurden mit Hilfe der Radiokarbonmethode auf den Zeitraum zwischen Ende des zweiten Jahrhunderts bis zur frühen Sassanidenzeit datiert. Einige dieser Fragmente zeigen Abbildungen von Tieren wie verschiedenen Hirschen (manchmal zu Prozessionen aufgereiht wie auf dem Pasyryk-Teppich), oder verschiedene geflügelte Fabeltiere. Kette, Schuss und Flor sind aus grob gesponnener Wolle. Die Fragmente sind mit asymmetrischen Knoten wie in späteren persischen und fernöstlichen Teppichen geknüpft. Alle drei bis fünf Schussreihen sind Stränge ungesponnener Wolle und Streifen aus Stoff und Leder eingewoben. Diese Fragmente werden heute in der Al-Sabah-Sammlung im Haus der Islamischen Kunst (Dar al-Athar al-Islamyya), Kuwait, aufbewahrt.
Die Teppichfragmente, obwohl zuverlässig in die frühe Sassanidenzeit datierbar, scheinen jedoch in keiner Beziehung zu den prachtvollen Hofteppichen zu stehen, die die arabischen Eroberer beschreiben. Ihre grobe Knüpfung und die Einarbeitung von Flor auf der dem Boden zugewandten Seite sprechen eher dafür, dass diese Gewebe der besseren Wärmedämmung gegen die Bodenkälte gedient haben. Angesichts ihrer grob gezeichneten Tier- und Jagddarstellungen geht man eher davon aus, dass diese Teppiche von und für Nomaden hergestellt worden sind.
Ausdehnung des Islam und Kalifenherrschaft: 651–1258 Die arabische Eroberung Persiens führte 651 zum Ende des Sassanidenreichs und zum Niedergang der zoroastrischen Religion in Persien. Persien wurde ein Teil der Islamischen Welt und von Kalifen regiert.
Arabische Geografen und Historiker, die durch Persien reisten, berichten erstmals auch von Teppichen als Bodenbedeckung. Der unbekannte Autor des Hudūd al-ʿĀlam berichtet, dass in Fārs Teppiche geknüpft wurden. 100 Jahre später berichtet al-Muqaddasī von Teppichen aus dem Qaināt. Yāqūt ar-Rūmī erwähnt im 13. Jahrhundert Teppiche aus dem iranischen Azerbaidschan. Der große arabische Reisende Ibn Battūta berichtet, dass ein grüner Teppich vor ihm ausgebreitet wurde, als er die Winterresidenz des Bakhthiarischen Atabeg in Izeh besuchte. Die Berichte deuten darauf hin, dass während des Kalifats in Persien Teppiche durch Nomadenstämme oder in ländlichen Werkstätten hergestellt worden sind.
Die Herrschaft der Kalifen über Persien endete, nachdem das Kalifat der Abbasiden mit der Eroberung von Bagdad dem Mongolenreich unter Hülegü unterlegen war. Die Abbasiden zogen sich in das Mamluken-Sultanat von Kairo zurück. Der Mamluken-Sultan Baibars setzte den Abbasiden al-Mustansir II. 1261 als nächsten Kalifen ein. Obwohl ohne politischen Einfluss, konnte die Dynastie doch ihre religiöse Autorität bis zur Eroberung Ägyptens 1517 durch das Osmanische Reich behaupten. Unter der Mamluken-Dynastie wurden in Kairo großformatige Teppiche hergestellt, die als „Mamluken-Teppiche“ bekannt sind.
Invasion der Seldschuken und turko-persische Tradition: 1040–1118 mini|Teppichfragment aus der Eşrefoğlu-Moschee, Beyşehir, Türkei. Seldschukenzeit, 13. Jahrhundert mini|links|100px|Teppich aus der Alaeddin-Moschee, Konya, 13. Jh., 320 × 240 cm
Mit der Invasion Anatoliens und Nordwest-Persiens durch die Seldschuken entwickelte sich eine eigene türkisch-persische Tradition. Fragmente von Knüpfteppichen wurden in der Alâeddin-Moschee in der türkischen Stadt Konya und der Eşrefoğlu-Moschee in Beyşehir gefunden, und in die Zeit des Sultanats der Rum-Seldschuken (1243–1302) datiert. Weitere Teppichfragmente wurden in Fustāt aufgefunden. Diese Fragmente geben eine Vorstellung davon, wie Seldschuken-Teppiche ausgesehen haben mögen. Die Funde aus Ägypten beweisen auch, dass schon zu dieser Zeit Exporthandel getrieben worden ist. Ob und wie diese Teppiche die persische Produktion beeinflusst haben, ist noch unbekannt, weil aus dieser Zeit keine eindeutig persischen Teppiche existieren, oder wir sie nicht als solche identifizieren können. Es wird angenommen, dass die Seldschuken zumindest neue Muster nach Persien eingeführt haben, wenn nicht sogar das Handwerk des Teppichknüpfens selbst.
Mongolisches Ilchanat (1256–1335) und Timuridenreich (1370–1507) mini|Mongolischer Prinz, den Koran studierend. Illustration von Rashid-ad-Din’s Dschami' at-tawarich, Täbris (?), 1. Viertel 14. Jh.