Pellestrina ist eine schmale, mehr als 11 km lange Insel am Nordwestende der Adria und bildet einen Teil des Abschlusses der Lagune von Venedig in Richtung offener See. Nördlich von Pellestrina erfüllt der Lido diese Funktion, südlich Sottomarina. Die langen Inseln bilden eine Art Sanddüne, die an der Ostseite bereits im 18. Jahrhundert stark befestigt wurde.
Politisch zählt Pellestrina mit seinen 3711 Einwohnern (Stand: 2018)Irene Giada: Il mercato matrimoniale: una ricerca sull’isola di Pellestrina, Tesi di laurea, Padua 2019, S. 24 f. zur Stadt Venedig.
Spätestens seit dem 6. Jahrhundert durchgehend besiedelt, spielten vor allem Fische und Muscheln eine wesentliche Rolle bei der Selbstversorgung und dem Handel, aber auch der Bau von Wasserfahrzeugen; zudem spielte die Herstellung von Spitzen bester Qualität durch die Frauen der Insel lange eine bedeutende Rolle. Wie überall in der Lagune gewinnt der Tourismus zunehmend an Bedeutung. Dabei versucht man, Fahrrad- und Autoverkehr zu trennen. Die Anbindung an die Nachbarinseln, an Chioggia, Lido und Venedig erfolgt durch Autofähren und die für die Lagunenstädte so bedeutenden Vaporetti.
Nur wenige Gebäude aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert sind erhalten geblieben, da die Insel mehrfach von Naturkatastrophen und Kriegen heimgesucht und zeitweise völlig entvölkert worden ist. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich die Einwohnerzahl von bis zu 10.000 um beinahe zwei Drittel reduziert. Heute existieren fünf Kirchen auf der Insel, hinzu kommt ein Museum, das Piccolo Museo Laguna Sud in San Pietro in Volta, das sich mit der südlichen Lagune und ihrer Geschichte befasst. Im Süden, auf der Insel Ca’ Roman, befindet sich ein Naturschutzgebiet, das eine Vorstellung vom ursprünglichen Zustand der Insel gibt.
Name Der Name Pellestrina leitet sich von der alten Bezeichnung Pristene (lat.: Portus Prestenae) ab. Schon im Römischen Reich bestanden Kanäle (fossae), die, wie die fossa Clodia, bis Chioggia reichten. Sie gestatteten Booten die Fahrt nach Pellestrina und weiter nach Metamaucum (unweit des späteren Malamocco). So konnte der Verkehr von Ravenna über diese Wasserwege nach San Pietro di Castello, Murano, San Giacomo in Paludo und Torcello bzw. Altinum reichen.
Nach einer damit zusammenhängenden Erklärung war es ein Philistos († 356 v. Chr.), der von Dionysios I. von Syrakus nach Adria verbannt worden war, und der dort für die Etsch einen Durchfluss in die Adria schaffen sollte. Diese Gräben wurden fossiones Philistinae genannt. Aus diesen wurden in den Nachbargebieten fosse Pristine, woraus schließlich Pelestrina, dann endlich Pellestrina geworden sein soll.Vincenzo Lagioia: L’impegno la passione l’obbedienza. Olinto Marella intellettuale e sacerdote tra Otto e Novecento, tesi, Bologna 2013, S. 6 (online, PDF).
Geographie mini|links|Karte der Lagune von Venedig, entstanden in den Jahren vor 1886, veröffentlicht 1893 mit späteren Korrekturen bis 1901 mini|Blick über den Nordteil von Pellestrina über den Malamoccokanal zum Lido, rechts das Hochwasserschutzprojekt im Bau (2012) mini|Die Murazzi, fotografiert vor 1904 Pellestrina erstreckt sich südlich des Lido – von diesem durch den Malamocco-Kanal getrennt – in südlicher Richtung einerseits bis kurz vor Chioggia, wird also nach Süden vom Chioggia-Kanal begrenzt, andererseits bis Sottomarina. Im Westen befindet sich die Lagune von Venedig, im Osten die Adria. Pellestrina bildet dabei eine langgestreckte Sandbank, die zwischen der Lagune und dem Meer entstanden ist. Trotz der Länge von 11,5 km beträgt ihre Fläche nur 2,28 km², weil sie sehr schmal ist – ihre Breite schwankt zwischen 25 und 210 m.Irene Giada: Il mercato matrimoniale. Una ricerca sull’isola di Pellestrina, Tesi di laurea, Padua 2019, S. 20. Das Nordende heißt Santa Maria del Mar, das Südende Ca’ Roman; letzteres bildet eine Art Halbinsel.
Die Insel wird seit dem 18. Jahrhundert durch Wellenbrecher aus großen Steinen und eine begehbare Mauer (murazzi) aus istrischen Marmorblöcken, die mittels Puzzolanzement (siehe: Puzzolane) zusammengehalten werden, vor der Wucht der Wellen geschützt. Die Höhe der Mauer beträgt bis zu 10 m. Sie fällt zur Lagunenseite steil ab. Die Breite an der Basis beträgt ca. 14 m, die Länge 15 km.
Pellestrina zerfällt in vier Sestieri, analog zu den sechs Stadtteilen im historischen Zentrum Venedigs. Diese vier Inselteile wurden nach den Familien benannt, die im späten 14. Jahrhundert die Insel wieder aufbauen sollten, nämlich den Familien Vianello, Busetti, Zennaro und Scarpa. Neben dem Ort Pellestrina existieren zwei frazioni, nämlich Portosecco im Norden und San Pietro in Volta im Süden. Der Name Portosecco (trockener Hafen) geht darauf zurück, dass sich an dieser Stelle lange eine Durchfahrt befand, die geschlossen wurde. Nördlich davon befand sich eine eigene Insel mit dem Namen Albiola.
Auf der Meerseite befindet sich ein teilweise mittels Grundsaugbaggern angelegter Strand. Er wird durch Steindämme, die Pennelli, unterteilt und durch einen weichen, unter Wasser liegenden Deich etwa 400 m östlich des Ufers geschützt. Die 18 Buhnen und der Strand wurden in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre anstelle eines künstlichen Riffs gebaut, das von der Republik Venedig zum Schutz vor Sturmfluten errichtet worden war.
Flora und Fauna Von der ursprünglichen Flora und Fauna konnte, trotz intensiver menschlicher Nutzung und der globalen Veränderungen, einiges erhalten, manches wiederhergestellt werden. Dazu gehören zwei Gebiete auf und nahe der Insel, die von besonderer Bedeutung sind.
Vor Pellestrina und San Pietro in Volta befinden sich in einer Tiefe von etwa 20 m die Tégnue, ital. trattenute, weil dort die Netze hängen bleiben konnten. Dabei handelt es sich um Kalkformationen auf dem Meeresboden, die ökologische Nischen mit tiefen Felsschluchten bilden, die von Algen, Mollusken und anderen Tier- und Pflanzenarten bewohnt sind. Für Meeresbewohner sind sie von großer Bedeutung, so für Goldbrasse, Wolfsbarsch und Tintenfische, für die die Tégnue ein wichtiger Zufluchtsort sind, letztere sowie Kalmare laichen dort. Hervorzuheben sind zudem Brauner und Großer Roter Drachenkopf sowie der Corvina genannte Meerrabe. Daneben leben dort Europäischer Hummer und Moschuskrake, Zwergdorsch und Meeraal. Im Museo della Laguna Sud, 2007 eingerichtet in der ehemaligen Schule C. Goldoni, finden sich entsprechende Exponate; das Haus befasst sich aber auch mit der menschlichen Kultur des Gebietes. mini|Der vielfach als gefährdet geltende Ziegenmelker brütet im Süden von Pellestrina Besonders hervorzuheben ist das Schutzgebiet Ca’Roman im Süden von Pellestrina, eines der wenigen Küstenbiotope der oberen Adria, das von der Zementierung, dem Strandtourismus und der damit verbundenen Infrastruktur verschont geblieben ist. Dort, zwischen der Lagune von Venedig und der Adria leben Arten, die mit natürlich geformten Küsten und Dünen verbunden und mit diesen überall im Rückgang begriffen sind. Diese Art von Lebensräumen war für die oberadriatischen Küstenlandschaften charakteristisch, zumal in diesem Klima mediterrane Arten des Südens sehr viel häufiger vertreten sind, als im Hinterland. In den Jahren 1992 bis 2011 wurde 152 Vogelarten beobachtet, darunter Brutvögel wie Seeregenpfeifer, Austernfischer, Ziegenmelker, Sperber, Zwergohreule, aber auch die Samtkopf-Grasmücke; inzwischen sind rund 200 Arten registriert worden. Erfasst wurden zudem 107 Käferarten, von denen zwölf als biogeografisch wichtig eingestuft werden.Uccelli presenti a Ca’Roman.
Geschichte Besiedlung (6. Jahrhundert), Zerstörungen durch Franken und Ungarn (um 809, bzw. 900) Die erste dauerhafte menschliche Besiedlung lässt sich nicht belegen, erst ab 568, nachdem Flüchtlinge vor den Langobarden in der Lagune eingetroffen waren, lässt sich eine Besiedlung fassen. Beim Angriff König Pippins auf Venedig, eines der Söhne Karls des Großen, wurde Pellestrina um 809 wohl weitgehend zerstört. Seine Armee zog von Chioggia her kommend über die Lidi, die Sandbänke zwischen der Lagune und der Adria, entlang der Küste, um die seinerzeitige Lagunenhauptstadt Metamaucum nahe dem späteren Malamocco anzugreifen.
Um 900 wurde die Siedlung von Ungarn niedergebrannt, die wohl den gleichen Weg nahmen, allerdings griffen sie mit zahlreichen Booten an; in Erinnerung an diese Katastrophe soll die Kirche San Pietro errichtet worden sein. Dem Dogen Pietro Tribuno gelang es, die Invasoren bei Albiola zu besiegen, dem späteren San Pietro in Volta.Richard J. Goy: Chioggia and the Villages of the Venetian Lagoon. Studies in Urban History, Cambridge University Press, 1985, S. 113.
Aus dem Jahr 965 stammt der erste Nachweis einer Kirche auf dem nördlichen Lido (San Pietro), ein Bauwerk, das möglicherweise nach der Ungarninvasion errichtet worden ist.
Ob Pellestrina von der verheerenden Flut getroffen wurde, die Metamaucum, die einstige Hauptstadt der Lagune und Sitz des Dogen kurz nach 1100 zerstörte, ist unklar. Um 1177 jedenfalls erscheint erstmals der Name „Pellestrina“ in einer Liste der Lagunenorte. Dort versuchte man sich, trotz der Risiken, im Weinanbau, der vor allem von Winzern aus Chioggia betrieben wurde, aber auch in der Meersalzgewinnung, die ein Staatsmonopol darstellte.
Älteste Kirche (12. Jahrhundert), Küstenschutz (ab 1316 fassbar) mini|links|Fassade der Kirche Ognissanti (Allerheiligen) mini|Innenraum der Kirche 1164 erscheint in einer Quelle Weinanbau auf der Insel. Dort befand sich um 1170 ein Wald, der bosco di Pelestrina, von dem nichts geblieben ist. Auch besaßen dort einige Familien Allodialgüter. Zudem erscheint eine Kirche namens San Daniele dort. Auf dieses Kirchengebäude scheint die spätere Ognisanti-Kirche jedoch nicht zurückzugehen.
Die ersten größeren Ausbesserungen am Küstenschutz begannen 1316, erneut 1334. Ausdrücklich wird angemerkt, dass das Meer die Insel überschwemmt habe.Richard J. Goy: Chioggia and the Villages of the Venetian Lagoon. Studies in Urban History, Cambridge University Press, 1985, S. 114. Am 15. Februar 1340 wurden Lido und Pellestrina überschwemmt. Unter dem Dogen Bartolomeo Gradenigo wurden im selben Jahr die bis dahin der Rechtsprechung des Dogen unterstellten Städte in der Lagune, nämlich Pellestrina, Poveglia und Malamocco, je eigenen Rettori unterstellt. Zudem entstand mit dem Ofitio sopra i Lidi eine auf Dauer angelegte Einrichtung, die im Bereich Küstenschutz durchgreifende Rechte bis hinunter nach Chioggia erhielt. Offenbar überschnitten sich dabei dessen Rechte mit denjenigen des Podestà von Chioggia, wie aus einem Schreiben des Dogen Antonio Venier hervorgeht. Dass die Probleme drängend waren, geht aus drei lettere ducali hervor, also Schreiben des jeweiligen Dogen, die ab 1335 detaillierte Anweisungen gaben.
Zerstörung durch Genuesen und Neubesiedlung (ab 1385) Es erwies sich, dass im venezianischen Verteidigungssystem die Lidi der Schwachpunkt waren, insbesondere Pellestrina. Nach dem Chioggia-Krieg musste die von den Genuesen, die in die Lagune eingedrungen waren, zerstörte Insel in den 1380er Jahren komplett neu besiedelt werden. Dazu erteilte der Podestà von Chioggia 1385 den vier Familien Vianello, Busetti, Zennaro und Scarpa den Auftrag, die jeweils in einem Abschnitt der Insel zuständig waren. Bei dieser Gelegenheit wurde die Lücke, die die langgestreckte Insel bis dahin aufwies, also der Porto, geschlossen. Wann dies genau geschah, ist nicht klar, doch 1425 war die Durchfahrt verschwunden. Seither hat sich die Topographie der Insel nur noch wenig verändert, wenn auch die Wiederbesiedlung viel Zeit in Anspruch nahm, und, schon wegen des Mangels an Baumaterial, zu Anfang nur in geringem Maße möglich war. Daher existieren aus dem frühen 15. Jahrhundert auch nur äußerst wenige Dokumente. Der gemeinsame Besitz der vier besagten Clans führte dazu, dass die Insel, manchmal auch nur ihr nördlicher Teil, als Corregio bezeichnet wurde.