Die Thüringen war das dritte Schiff der Helgoland-Klasse, Großkampfschiffe der deutschen Kaiserlichen Marine. Die Kiellegung der Thüringen fand im November 1908 auf der AG-Weser-Werft in Bremen statt. Nach dem Stapellauf am 27. November 1909 und der Fertigstellung begann der Dienst in der Marine am 1. Juli 1911. Das Schiff war mit zwölf 30,5-cm-Geschützen in sechs Doppelgeschütztürmen ausgerüstet und hatte eine Höchstgeschwindigkeit von 21 Knoten (39 km/h). Die Thüringen wurde für die meiste Zeit ihrer Laufbahn, einschließlich des Ersten Weltkriegs, dem I. Geschwader der Hochseeflotte zugeordnet.
Zusammen mit ihren drei Schwesterschiffen, der Helgoland, der Ostfriesland und der Oldenburg, nahm die Thüringen an allen wichtigen Flottenmanövern des Ersten Weltkrieges in der Nordsee gegen die britische Grand Fleet teil, u. a. an der Skagerrakschlacht am 31. Mai und 1. Juni 1916, der größten Seeschlacht des Krieges. Die Thüringen beteiligte sich an den schweren nächtlichen Kämpfen in dieser Schlacht, u. a. an der Versenkung des britischen Panzerkreuzers Black Prince. Sie kämpfte auch gegen die Kaiserlich Russische Marine in der Ostsee, wo sie im August 1915 am erfolglosen ersten Vorstoß in die Rigaer Bucht teilnahm.
Nach dem Ende des Kriegs im November 1918 wurden die meisten Schiffe der deutschen Hochseeflotte während der Friedensverhandlungen in Scapa Flow interniert. Die vier Schiffe der Helgoland-Klasse durften sich in deutschen Gewässern aufhalten. Somit wurde ihnen die Zerstörung der deutschen Flotte in Scapa Flow erspart. Die Thüringen und ihre Schwesterschiffe wurden schließlich den alliierten Mächten im Rahmen von Kriegsreparationen abgetreten. Nachdem die Thüringen im April 1920 an Frankreich übergeben worden war, diente sie als Zielschiff für die französische Marine. Sie wurde vor Gâvres versenkt und zwischen 1923 und 1933 dort abgewrackt, auch wenn Teile des Schiffes noch vorhanden sind.
Geschichte Bau mini|Linienschiff Thüringen um 1910 noch unter Handelsflagge.
Der Bau der Thüringen wurde von der Kaiserlichen Marine unter der vorläufigen Bezeichnung „Ersatz Beowulf“ beauftragt, als Ersatz für das alte Küstenpanzerschiff Beowulf. Den Zuschlag zum Bau bekam die Bremer AG Weser. Am 2. November 1908 begannen die Arbeiten unter der Baunummer 166 mit der Kiellegung. Ein Jahr später, am 27. November 1909, fand der Stapellauf statt. Die Schiffstaufe übernahm die Herzogin Adelheid von Sachsen-Altenburg, und Großherzog Wilhelm Ernst hielt die dazugehörige Rede. Die Ausrüstungsmaßnahmen, u. a. die Fertigstellung der Aufbauten und der Einbau der Bewaffnung, dauerten bis Juni 1911. Nach seiner Fertigstellung mussten sechs Pontonbarkassen am neuen Linienschiff zur Reduzierung seines Tiefgangs angebracht werden, um es die Weser flussabwärts bis zur Nordsee schleppen zu können. Die Thüringen, benannt nach der mitteldeutschen Landschaft, wurde am 1. Juni 1911 in die deutsche Hochseeflotte aufgenommen, weniger als drei Jahre nach Beginn der Arbeiten. Mit Kosten in Höhe von 46,314 Millionen Mark war sie das teuerste Schiff ihrer Klasse.
Das Schiff hatte eine Länge von 167,2 m bei einer Breite von 28,5 m, einen Tiefgang von 8,94 m und eine Wasserverdrängung von 24.700 Tonnen bei voller Last. Sie wurde von drei vertikalen Verbunddampfmaschinen mit dreifacher Dampfdehnung angetrieben. Fünfzehn Wasserrohrkessel versorgten die Maschinen mit dem nötigen Dampf. Die Maschinen hatten eine maximale Leistung von 39.944 PS (25.701 kW), die eine Höchstgeschwindigkeit von 21 Knoten (39 km/h) ermöglichten. Die Thüringen bunkerte bis zu 3.200 Tonnen Kohle, so dass sie 10.200 km bei einer Marschgeschwindigkeit von 10 Knoten (19 km/h) zurücklegen konnte. Nach 1915 wurden die Kessel umgerüstet: Es sollte Öl auf die Kohle gesprüht werden, um die Brennleistung zu steigern. Das Schiff konnte bis zu 197 Tonnen Öl bunkern.
Die Hauptbewaffnung der Thüringen bestand aus zwölf 30,5-cm-L/50-Geschützen in sechs Doppelgeschütztürmen, mit einem Turm am Bug, einem Turm am Heck und zwei Türmen an jeder Schiffsflanke. Die weitere Bewaffnung bestand aus vierzehn 15-cm-L/45-Geschützen und vierzehn 8,8-cm-L/45-Geschützen. Nach 1914 wurden zwei der 8,8-cm-Geschütze durch 8,8-cm-Flugabwehrkanonen ersetzt. Zusätzlich besaß die Thüringen sechs 50-cm-Unterwasser-Torpedorohre, eines am Bug, eines am Heck und jeweils zwei an den Breitseiten. Ihre Hauptpanzerung sowie die Panzerung auf den Hauptgeschütztürmen hatte eine Stärke von 300 mm. Die Deckpanzerung war 63,5 mm dick.
Dienstgeschichte Nach ihrer Inbetriebnahme am 1. Juli 1911 durchlief die Thüringen verschiedene Erprobungen auf hoher See, die bis zum 10. September abgeschlossen wurden. Am 19. September wurde sie zusammen mit ihren Schwesterschiffen dem I. Geschwader der Hochseeflotte zugeordnet. Danach nahm sie an einzelnen Schulungsmanövern teil. Diesen folgten Übungsmanöver des ersten Geschwaders und spätere Flottenmanöver im November. Die jährliche Sommerkreuzfahrt im Juli und August, die normalerweise in Richtung Norwegen ging, wurde durch die Zweite Marokkokrise unterbrochen. Infolgedessen führte die Kreuzfahrt lediglich in die Ostsee.
Die Thüringen und die übrige Flotte durchliefen im Verlauf der nächsten zwei Jahre Einzel-, Geschwader- und Flottenmanöver. Im Oktober 1913 wurde William Michaelis zum Schiffskommandanten befördert; diesen Posten hielt er bis Februar 1915.
Am 14. Juli 1914 begann die jährliche Sommerkreuzfahrt in Richtung Norwegen. Während dieser letzten Kreuzfahrt der Kaiserlichen Marine in Friedenszeiten führte die Flotte Übungsmanöver vor Skagen durch, bevor sie in die norwegischen Fjorde am 25. Juli einlief. Am folgenden Tag trat die Flotte als Ergebnis des österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien die Rückreise nach Deutschland an. Die gesamte Flotte versammelte sich am 27. Juli vor Kap Skudenes, bevor sie in ihren Heimathafen zurückkehrte, wo sie sich in erhöhter Bereitschaft aufhielt. Am nächsten Tag brach der Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien aus, und innerhalb einer Woche waren alle führenden europäischen Mächte im Konflikt verwickelt, dem Ersten Weltkrieg. Seit dem 29. Juli hielt sich die Thüringen zusammen mit den anderen Schiffen des ersten Geschwaders in Wilhelmshaven auf. Während des ersten Kriegsjahres war der evangelische Pastor Martin Niemöller als Offizier auf der Thüringen im Einsatz. Niemöller wurde bekannt als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime.
Erster Weltkrieg mini|Die Anordnung der Hochseeflotte am Vormittag des 16. Dezember 1914 während des Angriffs auf Scarborough, Hartlepool und Whitby
Die Thüringen nahm am ersten Einsatz der deutschen Flotte vom 2. bis 3. November 1914 in der Nordsee teil. Während dieses Einsatzes stieß man auf keine britischen Schiffe. Ein zweiter Einsatz fand vom 15. bis 16. Dezember statt. Dieser Einsatz war zurückzuführen auf eine Strategie von Admiral Friedrich von Ingenohl, dem Kommandanten der Hochseeflotte. Admiral von Ingenohl beabsichtigte den Einsatz der Schlachtkreuzer, um Städte entlang der britischen Küste anzugreifen. Die Kreuzer aus dem Aufklärungsverband unter dem Befehl des Konteradmirals Franz Hipper sollten einzelne Schiffe der britischen Flotte herauslocken, um sie anschließend durch die Hochseeflotte zu zerstören. Am frühen Morgen des 15. Dezember verließ die deutsche Flotte ihren Heimathafen und griff die englischen Küstenstädte Scarborough, Hartlepool und Whitby an. Am selben Abend näherte sich die deutsche Schlachtflotte mit zwölf Großkampfschiffen, u. a. die Thüringen und ihre drei Schwesterschiffe, und acht kleineren Kriegsschiffen einem isolierten Geschwader von sechs britischen Schlachtschiffen in einer Entfernung von bis zu 10 Seemeilen (19 km). Einzelne Scharmützel zwischen den Zerstörern im Schutz der Dunkelheit überzeugten von Ingenohl davon, dass er es mit der gesamten britischen Grand Fleet zu tun hatte. Da Kaiser Wilhelm II. angeordnet hatte, die deutsche Flotte nicht unnötigerweise zu gefährden, brach von Ingenohl das Gefecht ab, und die Schlachtflotte kehrte in Richtung Deutschland zurück.
Am 24. Januar 1915 fand das Gefecht auf der Doggerbank statt, bei der das erste und zweite Schlachtgeschwader des britischen Vizeadmirals David Beatty die Schlachtkreuzer der deutschen I. Aufklärungsgruppe angriffen. Die Thüringen und die restlichen Schiffe der Hochseeflotte liefen aus, um die zahlenmäßig unterlegenen deutschen Schlachtkreuzer zu verstärken. Das I. Geschwader verließ den Hafen zusammen mit den Schiffen des II. Geschwaders um 12:33 Uhr. Die Hochseeflotte traf zu spät ein und konnte keine britischen Schiffe entdecken, fuhr zurück und ankerte um 19:05 Uhr wieder auf der Schillig-Reede vor Wilhelmshaven. In der Zwischenzeit kam der Große Kreuzer Blücher unter schweren Beschuss und wurde versenkt, der Schlachtkreuzer Seydlitz wurde durch Beschuss schwer beschädigt. Ingenohl wurde danach am 2. Februar durch Kaiser Wilhelm II. seines Postens enthoben und durch Admiral Hugo von Pohl ersetzt.
mini|links|Erkennungszeichnung eines Schlachtschiffes der Helgoland-Klasse
Die acht Schiffe des ersten Geschwaders zogen am 22. Februar 1915 in die Ostsee zwecks Verbandsübungsmanöver, die bis zum 13. März andauerten. Nach ihrer Rückkehr in die Nordsee nahmen die Schiffe an einer Anzahl von Einsätzen teil, die allesamt ohne Zwischenfall verliefen, am 29.–30. März, 17.–18. April, 21.–22. April, 17.–18. Mai und 29.–30. Mai. Die Thüringen und die anderen Schiffe der Hochseeflotte hielten sich im Hafen bis zum 4. August auf, als das erste Geschwader zwecks einer Reihe weiterer Übungsmanöver zurück in die Ostsee zog. Danach wurde das Geschwader den Marinestreitkräften zugeordnet, die im August 1915 versuchten, die russische Marine aus der Rigaer Bucht zu vertreiben. Die Angriffskräfte umfassten die acht Schlachtschiffe des ersten Geschwaders, die Schlachtkreuzer Von der Tann, Moltke und Seydlitz, einige Kleine Kreuzer, 32 Zerstörer und 13 Minensuchboote. Der Plan sah vor, Wege in den russischen Minenfeldern freizuräumen, damit die russischen Marinekräfte, u. a. das Linienschiff Slawa, zerstört werden konnten. Die Deutschen wollten daraufhin ihre eigenen Minenfelder verlegen, um den russischen Schiffen die Rückkehr in die Rigaer Bucht zu verwehren. Die Thüringen und die meisten anderen Großschiffe der Hochseeflotte hielten sich während des gesamten Einsatzes außerhalb der Bucht auf. Die Linienschiffe Nassau und Posen wurden am 16. August abkommandiert, die Minensuchboote zu begleiten und die Slawa zu zerstören. Sie hatten keinen Erfolg damit, das alte Schlachtschiff zu versenken. Nach drei Tagen waren aber die russischen Minenfelder freigeräumt, und am 19. August fuhr die Flotte in die Bucht hinein. Meldungen über in dieser Gegend vorhandene U-Boote der Entente sorgten dafür, dass die deutschen Schiffe sich am nächsten Tag aus der Bucht zurückzogen. Am 26. August waren die Schiffe des ersten Geschwaders wieder in Wilhelmshaven.
Vom 23. bis 24. Oktober unternahm die Hochseeflotte ihre letzte größere Offensive unter dem Befehl von Pohls, die aber ohne Kontakt mit britischen Streitkräften endete. Im Januar 1916 war von Pohl durch Leberkrebs dermaßen geschwächt, dass er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Er wurde durch Vizeadmiral Reinhard Scheer im Januar abgelöst.