Die Technokultur ist eine Jugendbewegung, die sich während der 1990er Jahre entwickelte, und beschreibt die Subkultur um die Musikrichtung Techno als Technoszene im engeren und die elektronische Tanzmusik im weiteren Sinn.
Musik
Im Vordergrund der Technoszene steht elektronische Musik, die aufgrund ihrer rhythmisch-monotonen Struktur oder ihres sphärischen Klanges an alte Stammesrituale erinnert. Tanz und Ekstase sind auch hier wichtige Bestandteile. Die weitgehend textfreie, manchmal auch melodiefreie Musik eröffnet in ihrer Abstraktheit unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Die Technoszene betrachtete sich von Anfang an als friedliche Bewegung, in der Toleranz und Akzeptanz, aber auch Hedonismus große Bedeutung zugeschrieben bekamen: Viele unterschiedliche Menschen vereint von der Begeisterung für eine gemeinsame Musik. Viele Veranstaltungen griffen Themen der Hippie-Bewegung auf, wie „Summer of Love“ oder „Woodstock-Festival“. Unter anderem durch die Loveparade entstand schnell das Motto „Peace, Love, & Unity“. Andere interpretierten Techno als Pop-Avantgarde, als Weiterentwicklung von Innovationen, die die Futuristen, die konkrete Musik und die Atonal-Festivals vorbereitet hatten.
Im Rahmen der Kommerzialisierung stellten sich auch in der Einstellung zur Musik Veränderungen ein, die innerhalb der Clubszene kontrovers diskutiert wurden. An die Stelle der oben genannten Philosophien trat zunehmend eine Haltung des stimulierten Konsums, nach dem Motto „Höher, Schneller, Weiter“. So etablierten sich auch in der Technokultur schnell charakteristische Muster, die oft mit den Schlagworten Erlebnis- oder Spaßgesellschaft zusammengefasst wurden (zum Teil als Kompensation zur modernen Leistungsgesellschaft interpretiert). Ihre Prioritäten liegen stärker auf Freizeitkonsum und Unterhaltung. Mit schrillen und farbenfrohen Outfits heben sie sich von der Elterngeneration ab und wollten Lebensfreude zum Ausdruck bringen. Technologie und Energie zählten zu den grundlegenden Elementen der Bewegung.
Während Techno 1994 als neue Jugendkultur besonders stark an Popularität gewann, wurde von Jürgen Laarmann und DJ WestBam der umstrittene Begriff „Raving Society“ verkündet, mit der Vision, die Technokultur durch weiteren Zuwachs auf die gesamte Gesellschaft übertragen zu können.
Tonträger mini|Transparente, grüne Schallplatte aus Vinyl
Da die Musik meist vom DJ präsentiert und überwiegend im Underground zelebriert wurde, erschienen die ersten Platten meist nur in kleiner Auflage und waren großteils ausschließlich auf Vinyl erhältlich. Durch das Mitschneiden von ganzen DJ-Sets auf Musikkassetten wurde das sogenannte Mixtape ein begehrtes Objekt. Mit zunehmender Verbreitung des Datenformates MP3 entstanden die ersten Netlabels, deren Künstler ihre Musik zum freien Download zur Verfügung stellten.
Neben der altbewährten Schallplatte nutzen viele DJs heute Abspieler für digitale Medien wie CDJs (Pioneer), Denon DJ oder Computer, auf denen Programme über einen Controller gesteuert werden.
Ein Digital Vinyl System ermöglicht es, herkömmliche Plattenspieler mittels Timecode-Vinyl als Controller zu verwenden. Hierbei ist die Latenz mittlerweile so gering, dass in der Regel kein Unterschied zu herkömmlichen Schallplatten feststellbar ist.
Kleidung mini|Zwei Raver auf der Loveparade in Tel Aviv
In ihren Anfängen war die Szene durch individuelles Auftreten und ausgefallene Bekleidungsideen geprägt. Beliebte Themen waren Plastik-Ästhetik, verschiedene Fetisch-Stile, 1970er-Jahre, Second-Hand-Optik, Tarnkleidung, Retro-Sportkleidung und Science Fiction. Auf frühen Partys wurden zum Teil auch Schutzanzüge oder orange Warnwesten, Trillerpfeifen sowie Gas- und Atemschutzmasken getragen. Ein weiterer verbreiteter Stil war das Tragen von Schnullern, oft in Kombination mit weißen Handschuhen oder Glowsticks. Großer Beliebtheit erfreuten sich T-Shirts, zum Teil auch Jacken oder Basecaps, mit szenetypischen Motiven oder Logos von Plattenlabels, populären Techno-Clubs oder Veranstaltungen. Bald waren in der Mode auch 1970er-Jahre Sportanzüge, Second-Hand-Schlaghosen und andere Elemente der oben genannten Themen vertreten. Nach 1992 entwickelten sich daraus erste kommerzielle Mode-Trends, die von der Bekleidungsindustrie aufgegriffen und unter dem Begriff Clubwear oder Streetwear angeboten wurden. Bei Clubwear handelte es sich seitdem immer öfter um teure Markenartikel, manchmal auch kombiniert mit verschiedenen Accessoires. Entsprechend nahm die Vereinheitlichung der getragenen Kleidung immer mehr zu. Auch auf Partys in den Clubs begannen sich zeitverzögert verschiedene gleichförmige Stile aus enganliegenden Nylon-Shirts, engen Nylon-Steppwesten, Neopren-Jacken, Nietengürteln, Kleidungsstücken aus Flokati, sowie Schlaghosen oder Plateauschuhen zu etablieren und individuellere Kleidungsstil-Varianten mehr und mehr abzulösen. Verbreitete Zubehörartikel waren Arm- und Halsbänder, Federboas, Ringe und UV-Knicklichter (auch als „Glowsticks“ bezeichnet, wurden beim Tanzen benutzt, um Figuren darzustellen) sowie Plattentaschen. Auch das Piercing etablierte sich als Modeaccessoire, vor allem im Gesicht, unter bestimmten Anhängern der Technobewegung, wobei Keith Flint, Sänger und Tänzer der Band The Prodigy, maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte.Anne Schinke: Piercing in Deutschland: Eine historisch-analytische Betrachtung. Grin Verlag, 2007, ISBN 978-3-638-69180-2.
mini|hochkant=0.7|rechts|Raver mit Federboa Beliebte Marken waren beispielsweise Meucci, Amok, JP, Cordon, Freeman T.Porter, PsychoCowboy bei Kleidung, S-Wear oder Buffalo bei Schuhen. Diese Form der Kleidung sorgte jedoch innerhalb der Szene für einige Kontroversen bezüglich Kommerz, Underground und Individualität.
Auch entwickelten sich unterschiedliche Dresscodes für die verschiedenen Unterbereiche der Szene. So kleidete sich zum Beispiel der typische Gabber-Anhänger deutlich anders als der typische Raver, aber es blieben gemeinsame Grundzüge erkennbar.
Heutzutage bleibt der Kleidungsstil der Technokultur genau wie ihre Anhängerschaft heterogen. Während in Clubs wie dem Berliner Berghain offenbar ein dem Gothic entlehnter dunkler Farbstil favorisiert wirdPaulina Czienskowski: So kommen Sie garantiert ins „Berghain“ rein, welt.de, 15. August 2014, abgerufen am 1. November 2016 – was nicht zuletzt am Türsteher Sven Marquardt zu sehen ist – sind in manchen anderen Clubs oder auf Großveranstaltungen nicht selten bunte Accessoires wie leuchtende Armbänder und viel nackte Haut zu sehen. Auf Festivals wie der Fusion vermischen sich ebenfalls bunte Elemente aus der Antifa-Bewegung mit der Hippiekultur.
Design Nachdem die Techno-Kultur anfangs noch etliche genre-fremde visuelle Elemente älterer Musikszenen aufgriff (so orientierte die Gestaltung von Techno-Compilations und -Alben sich häufig an House und der „Working Class“-Ästhetik der EBM-Szene), entwickelte sie ab etwa 1991, insbesondere im Grafikdesign, allmählich eine eigene Bildersprache, die schon kurze Zeit später Eingang in andere Kulturbereiche fand und die Entstehung einer eigenen Techno-Kunst forcierte.
Der Ursprung dieser Kunstform liegt u. a. in der Ausarbeitung szeneeigener Flyer, d. h. „Programmzettel“, meist im A6-Format, die der Ankündigung von Techno-Veranstaltungen in den Techno-Clubs dienen. Diese waren zu Beginn zwar noch mit wechselhaften, ausgefallenen Motiven bedruckt, bald bildete sich jedoch ein eigener Stil mit eigenen Schrifttypen heraus. Zunächst wurden dabei aufwendige Computeranimationen mit typisch synthetischen Farben (zum Beispiel grelle Neontöne) bevorzugt, begleitet von Schrifttypen, die eckige, ebenfalls technisch-„computerhafte“ Formen aufwiesen.Martin Pesch, Markus Weisbeck: Techno Style. Musik, Grafik, Mode und Partykultur der Techno-Bewegung, Edition Olms, Zweite Auflage, Hombrechtikon/Zürich, 1996, ISBN 3-283-00290-8, S. 100.
Parallel dazu entwickelte sich ein minimalistischer Stil, in dem die Gestaltungselemente auf ein Minimum heruntergefahren wurden und in denen Schwarz-Weiß und nur zwei- oder dreifarbige Gestaltungen eine Rolle spielten; die Schrifttypen dieser Bewegung waren ähnlich simpel wie die früherer Computer. Auch gab es Richtungen, die sehr eigene Design-Stile entwickelten, wie etwa die Hardcore-Techno-Sparte, die sich am Design von Horrorfilm-Kinoplakaten und Horror-Comic-Bereich orientierten, oder die vom „psychedelischen“ Design der 1960er Jahre beeinflusste Psytrance-Bewegung.
Ab etwa 1995 vervielfältigten sich die Stilformen im Techno-Design allerdings deutlich; es wurden zudem vermehrt „Retro“-Elemente eingebaut, die an frühere Epochen erinnern.
Um welche Stilrichtung des Techno es sich handelt, ist daher häufig bereits am Design zu erkennen. Minimalistische, schwarz-weiße Designs deuten meist auf Acid Techno oder Freetekno-Veranstaltungen hin, während aufwändig und futuristisch gestaltete Flyer, mit Einsatz von Farben und Science-Fiction-ähnlichen Gestaltungselementen, und manchmal auch Fotos von Models oder DJs, meist auf Veranstaltungen des Hardtechno- oder Schranz-Stils hinweisen. In der Goa-Szene werden häufig indische Motive und psychedelische Muster verwendet.
Veranstaltungen mini|Raumgestaltung im Deli an der Schillingbrücke
Aufgrund der Bedeutung von Ekstase und Tanz in der Techno-Kultur haben sich auch Tanzveranstaltungen (Partys: Partys in Clubs, Open-Air-Partys, Spontan-Partys, Raves etc., siehe unten) zu den charakteristischsten Veranstaltungsarten der Techno-Szene entwickelt. Im Vergleich zu anderen Jugend-Musik-Kulturen spielt die Veranstaltungsform des Konzerts im Techno-Bereich kaum eine Rolle.
Mit den Ursprüngen der Techno-Bewegung sind vor allem Partys in kargen Räumen mit düsterer Atmosphäre, Industrie-Charakter und wenig Einrichtung verbunden, wie zum Beispiel dunkle Keller, leerstehende Lagerhallen und alte Fabrikgelände. Die Örtlichkeiten werden Techno Clubs oder einfach „Clubs“ genannt. Erstmals wurden hier verschiedene Tracks nicht nacheinander abgespielt, sondern von einem DJ auf gleiche Geschwindigkeit gebracht und zusammengemixt. Die Clubs sind oft nach dem früheren Zweck der Räumlichkeiten benannt, wie Tresor (Tresorräume des Kaufhauses Wertheim), Bunker, Rohstofflager oder E-Werk. Sie sind mit ihren regelmäßigen Veranstaltungen noch heute eine wichtige Institution der Technokultur.
Techno-Veranstaltungen haben aufgrund der monotonen Musik und des Drogenkonsums starke Ähnlichkeiten mit ethnischen Trance- und Tanzritualen. Gefeiert wird länger und exzessiver als in gewöhnlichen Diskotheken. So entwickelten sich auch schnell sogenannte Afterhour-Veranstaltungen, die im Anschluss an die eigentliche Party beginnen und besucht werden, um die Nacht ausklingen zu lassen oder noch weiter hinauszuzögern.
Mit dem sehr schnellen Wachstum der Szene gab es zusätzlich immer häufiger große Einzelveranstaltungen, sogenannte Raves wie die Mayday, die Nature One auf der Raketenbasis Pydna bei Kastellaun und die Timewarp in Mannheim.
Bei der Beurteilung dieser Veranstaltungen gehen die Meinungen in der mittlerweile sehr vielfältigen Technoszene sehr weit auseinander. Manchen sind diese zu kommerziell, allerdings werden unterschiedliche Raves sehr unterschiedlich beurteilt. Kritisiert wird auch die so genannte Ballermann-Mentalität auf manchen Raves. Kritiker bevorzugen häufig kleine („undergroundigere“) Clubs.
mini|links|Freeteknoparty mini|Loveparade 1995 am Wittenbergplatz