Der Naturalismus ist die Auffassung, dass die Welt als ein rein von der Natur gegebenes Geschehen zu begreifen ist. Er geht davon aus, dass alles natürliche Ursachen hat und dass es nichts Übernatürliches gibt. Diese Annahme, die oft auch durch den Spruch „Alles ist Natur“ pointiert wird, lässt für sich genommen offen, wie der Begriff der Natur zu umgrenzen ist. Versteht man unter Natur allein die physische Natur, so ergibt sich aus dem Spruch „Alles ist Natur“ eine materialistische oder physikalistische Position. Derartige Theorien vertreten, dass auch der Geist oder das Bewusstsein Teil der physischen Natur sei oder alternativ gar nicht oder höchstens als Illusion existiere.
Die naturalistische Position geht auf die griechische Antike zurück: Natur (physis) bezeichnete hier all das, was nicht vom Menschen geschaffen ist. Der Mensch selbst ist ein Naturwesen wie alle anderen Kreaturen auch. Auch spätere Veränderungen eines natürlichen Gegenstandes (z. B. pflügen, zerlegen, hegen) machten aus ihm keinen Kulturgegenstand. Dies galt allein für das komplexe Zusammenfügen natürlicher Komponenten zu vollkommen neuen Werken (z. B. Werkzeuge, Kunstwerke, Bauwerke). Die Naturvorstellung einiger antiker Philosophen entspricht in gewisser Weise der intuitiven Leitkategorie des alltäglichen Denkens.Gregor Schiemann: 1.5 Natur – Kultur und ihr Anderes. In: Friedrich Jaeger, Burkhard Liebsch (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 2004, ISBN 3-476-01881-4, S. 64.
Als Naturalismus kann seit dem frühen 17. Jahrhundert jede Lehre bezeichnet werden, die allein die Natur zum Grund und zur Norm aller Erscheinungen erklärt. Dies entstand vor allem aus der Motivation heraus, sich von übernatürlichen Phänomenen im religiösen Sinne abzugrenzen. Ein so verstandener Naturalismus lehnt etwa die Existenz von Wundern und übernatürlichen Wesen ab.
Bei modernen naturalistischen Theorien seit Anfang des 20. Jahrhunderts steht jedoch oft der Begriff der Naturwissenschaft und nicht der Begriff der Natur im Vordergrund. Dabei wird argumentiert, dass die Naturwissenschaften zu den grundlegenden Beschreibungen der Strukturen der Welt führten und in diesem Sinne philosophischen, geisteswissenschaftlichen und alltäglichen Methoden überlegen seien. Der methodische Naturalismus gilt in den gegenwärtigen Naturwissenschaften als Paradigma.Steve Olson: Evolution in Hawaii: A Supplement to Teaching about Evolution and the Nature of Science. National Academies Press (US), Washington (DC) 2004, ISBN 0-309-10586-2, S. 12: „Science requires that scientific explanations of phenomena be based on events or mechanisms that can be observed in the natural world.“ Online-Auszug Für einen Naturalisten in diesem Sinn sind die Naturwissenschaften für die Beschreibung und Erklärung der Welt „das Maß aller Dinge“.Wilfrid Sellars: Science, Perception and Reality. Routledge and Kegan Paul, London 1963, ISBN 0-924922-50-8, S. 173.
Der Supranaturalismus ist eine zum Naturalismus konträre Gegenposition, die insbesondere im Zusammenhang mit Offenbarungsreligionen vertreten wird.
Merkmale und Varianten naturalistischer Theorien Naturalistische Theorien teilen den Anspruch, ein Weltbild zu entwerfen, das an den Erklärungsmethoden der Naturwissenschaften orientiert ist. In diesem Sinne lassen sich einige typische Merkmale des Naturalismus identifizieren: Realismus, Physikalismus, Religionskritik, Reduktionismus, eine Eingrenzung auf die Methoden der Naturwissenschaften und eine Ablehnung der Metaphysik. Diese Merkmale sind aber nicht zwingend, zwingend ist nur die Ablehnung übernatürlicher Entitäten (Götter, Teufel, Wunder, Wiedergeburt, Karma, unsterbliche Seele und Ähnliches). Als übernatürlich gilt, was nicht mit den Naturgesetzen vereinbar ist.
Es ist also keines dieser Merkmale notwendig und es werden folglich sehr verschiedene Varianten des Naturalismus vertreten. In einer generellen Klassifikation naturalistischer Positionen wird häufig zwischen einem ontologischen (auch metaphysischen) und einem methodischen Naturalismus unterschieden. Während der ontologische Naturalismus eine These über die Natur der Welt formuliert (etwa: Die Welt besteht allein aus physischen Teilchen und ihren Eigenschaften), betrachtet der methodische Naturalismus die Orientierung an den Methoden der Naturwissenschaften als zentrales Merkmal des Naturalismus.
Ein naturalistisches Menschenbild erlangte größere Popularität erstmals durch die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Auf diesem aufbauend vertraten auch Marx und Engels ein materialistisches, wissenschaftliches Weltbild. Allerdings enthält der Marxismus noch zahlreiche soziologische und politische Komponenten, die nicht Teil des Naturalismus sind.
Moderne naturalistische Positionen, die sich auf die Erkenntnisse der Evolutions- und Humanbiologie stützen und traditionelle erkenntnistheoretische, sozialwissenschaftliche und psychologische Probleme mit Hilfe der Biologie zu klären versuchen, sind die evolutionäre Erkenntnistheorie und die Soziobiologie. Derartige Ansätze werden von ihren Gegnern als biologistisch bezeichnet.
Inwiefern sich die naturalistische Auszeichnung der Naturwissenschaften selbst argumentativ begründen lässt, bleibt in der Debatte umstritten. Antinaturalisten halten die naturalistische Perspektive auf die Welt daher häufig für eine nicht begründbare Einstellung, die anderen Weltbildern oder Glaubenssystemen argumentativ in keiner Weise überlegen ist.Etwa Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. Veränderte Ausgabe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1980, ISBN 3-518-11011-X, S. 45.
Religionsphilosophie mini|Ludwig Feuerbach entwickelte eine naturalistische Religionsphilosophie. (Stich von August Weger) Zunächst werden natürliche Phänomene im Naturalismus oft in Abgrenzung zu religiösen oder mystischen Phänomenen verstanden. Die religionskritische Komponente des Naturalismus hat insbesondere in den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt.John Ryder: American philosophic naturalism in the twentieth century. Prometheus Books, Amherst 1994, ISBN 0-87975-894-5. Die Kernthese dieses frühen Naturalismus lautet, dass es keine Phänomene gibt, die sich grundsätzlich einer naturwissenschaftlichen Beschreibung widersetzen. So erklärte etwa Thelma Lavine: „Der Nerv des naturalistischen Prinzips ist, dass die naturwissenschaftliche Analyse nicht auf ein bestimmtes Gebiet eingeschränkt werden darf, sondern auf jeden Phänomenbereich ausgedehnt werden kann.“Thelma Lavine: Naturalism and the Sociological Analysis of Knowledge. In: Yervant Krikorian: Naturalism and the Human Sprit. Columbia University Press, New York 1944, S. 185.
In Bezug auf Religionen hat dies zwei Konsequenzen. Zum einen soll es keine religiösen Phänomene geben, die sich grundsätzlich einer wissenschaftlichen Beschreibung entziehen. Dies impliziert die Ablehnung eines immateriellen Gottes, aber auch aller übernatürlichen Phänomene, etwa von Wundern oder übersinnlichen Erfahrungen. Zudem enthält ein so verstandener Naturalismus auch die positive These der wissenschaftlichen Erforschbarkeit religiöser Phänomene. Eine in diesem Sinne naturalisierte Religionsphilosophie findet sich bei Ludwig Feuerbach, der religiöse Phänomene als sozialpsychologisch erklärbare Projektionen verstand. Für Naturalisten können also auch Religionen als psychologische, soziale oder biologische Phänomene Objekte wissenschaftlicher Forschung sein. Eine solche wissenschaftliche Forschung geschieht etwa in der Religionspsychologie. Eine neuere Disziplin ist die so genannte Neurotheologie, in der Verbindungen zwischen Gehirnprozessen und religiösen Erfahrungen hergestellt werden sollen.
Noch heute kann man beobachten, dass der Naturalismus bei einigen Vertretern mit einer offensiv atheistischen Einstellung verbunden ist; Beispiele hierfür sind etwa Daniel Dennett und Richard Dawkins. Andererseits spielt die Frage nach religiösen Phänomenen in der gegenwärtigen Naturalismusdebatte nur eine untergeordnete Rolle, da die Naturwissenschaft sich bewusst nur mit Fragen auseinandersetzt, die sich mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen lassen. Diese Beschränkung hat nicht zwangsläufig zur Folge, dass Naturalisten das „Übernatürliche“ als nicht-existent ablehnen, sondern es ist lediglich nicht Gegenstand der Theorienbildung. So sind etwa viele Evolutionsbiologen theistische Evolutionsbefürworter, die gleichermaßen an Gott als Schöpfer der Naturgesetze und Evolutionsmechanismen glauben.Ingo Brigandt: Kreationismus und Intelligent Design. In: Philipp Sarasin, Marianne Sommer (Hrsg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02274-5, S. 352–353.
Insofern kann man den Naturalismus nicht durch seine religionskritischen Aspekte definieren, da die meisten naturalismuskritischen Positionen der Gegenwart nicht mit religiösen Ideen verbunden sind. So ist es für die gegenwärtige Naturalismuskritik oft zentral, für die Autonomie der Kultur- und Geisteswissenschaften zu argumentieren oder auf die Probleme naturwissenschaftlicher Theorien des Geistes hinzuweisen. Ein weiteres Thema gegenwärtiger Antinaturalisten ist die Subjektivität und Perspektivengebundenheit moderner Naturwissenschaften. All diese Themen sind unabhängig von religiösen Fragen, weswegen die Religionskritik nicht als das definierende Merkmal des gegenwärtigen Naturalismus angesehen werden kann. Darüber hinaus sind unter anderem nach Gerhard Lenski und Robert Merton bis in die Gegenwart religiöse Überzeugungen und konfessionell motivierte Verhaltensmuster von Belang, namentlich Protestantismus und Pietismus hätten wesentliche Grundlagen für die heutigen Naturwissenschaften geschaffen.I. Bernard Cohen (Hrsg.): Puritanism and the Rise of Modern Science: the Merton Thesis. Rutgers University Press, 1990, ISBN 0-8135-1530-0.Piotr Sztomka: Robert K. Merton. In: George Ritzer (Hrsg.): Blackwell Companion to Major Contemporary Social Theorists. Blackwell Publishing, 2003, ISBN 1-4051-0595-X, Google Print, S. 13.
Realismus