In der Marx’schen Arbeitswerttheorie bezeichnet Mehrwert die Differenz zwischen dem Wert einer Ware und der (geringeren) Wertsumme aus dem Wert der zur Herstellung dieses Produkts notwendigen Arbeitskraft (variables Kapital) und dem Wert der für die Herstellung dieses Produkts nötigen Produktionsmittel, d. h. Rohstoffe, Vorprodukte, anteiligen Maschinen- und Energiekosten usw. (konstantes Kapital).

Theoriegeschichte Den Begriff „Mehrwert“ () verwendete 1824 schon William Thompson in seiner Untersuchung An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth Most Conducive to Human Happiness.William Thompson: An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth Most Conducive to Human Happiness, London 1824, S. 167,169. Ausgabe 1850 bei Google Books Wie Engels und KautskyMEW 21, S. 506. gegenüber Anton Menger nachweisen, bezeichnet Thompson mit diesem Terminus den zusätzlichen Profit, den ein Maschinen einsetzender Kapitalist im Vergleich zu einem Handwerker erzielt. Daneben spricht Thompson auch von „Zusatzwert“ (), mit welchem er den insgesamt neu geschaffenen Wert oder Neuwert (m+v) meint. Auch Marx selbst benutzt den Ausdruck bereits in seinem Artikel über das Holzdiebstahlgesetz,MEW 1, S. 135,136,139. dort allerdings im Sinne von Entschädigungen, die der Waldbesitzer erhält.

Marx' Mehrwertbegriff hat einen kritischen Aspekt. In seinen ökonomischen Studien Theorien über den Mehrwert kritisierte Marx die Klassiker Adam Smith (1723–1790) und David Ricardo (1772–1823) dafür, dass sie keinen allgemeinen Mehrwertbegriff entwickelt und stattdessen den Mehrwert nur in seinen verschiedenen Formen wie dem Profit und der Grundrente untersucht hätten. Das habe zu Widersprüchen geführt.

Thomas Hodgskin (1787–1869), der oft als sozialistischer Ricardianer oder Linksricardianer bezeichnet wird, betrachtete es als unmoralisch, dass die Arbeiter ein Mehrprodukt schaffen, das sich die Kapitalisten aneignen. Zwar rezipierte Marx solche Autoren, aber seine Wert- und Mehrwerttheorie unterscheiden sich von Linksricardianern wie Hodgskin. Marx hielt die Warenproduktion nicht für die dem Wesen des Menschen angemessene bzw. natürliche Produktionsweise und fasste das Prinzip des Äquivalententauschs nicht als natürliche Gerechtigkeit auf. Marx wollte erklären, wie im Kapitalismus Ausbeutung möglich ist, obwohl die Lohnarbeiter als formal freie Subjekte gemäß dem Wertgesetz grundsätzlich das Äquivalent dessen bekommen, was ihre Arbeitskraft wert ist. Auf der Basis der Marktgesetze ist der Kapitalismus also grundsätzlich nicht „ungerecht“. Marx will die Ausbeutung auch gar nicht moralisieren. Diese Art der Kritik lehnt er ab und macht sich darüber lustig. In Das Kapital geht es neben einer Kritik der bestehenden politischen Ökonomie auch darum, die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise zu verstehen. Es gilt den Mehrwert nicht als zufälliges Phänomen, sondern als notwendiges Moment kapitalistischer Entwicklung zu begreifen. Mehrwertproduktion und -aneignung erfolgt und reproduziert sich auf der Grundlage des Wertgesetzes.

Der Mehrwertbegriff in der Kritik der politischen Ökonomie Karl Marx schreibt in Das Kapital: „Wir wissen jedoch bereits, daß der Arbeitsprozeß über den Punkt hinaus fortdauert, wo ein bloßes Äquivalent für den Wert der Arbeitskraft reproduziert und dem Arbeitsgegenstand zugesetzt wäre. Statt der 6 Stunden, die hierzu genügen, währt der Prozess z. B. 12 Stunden. Durch die Betätigung der Arbeitskraft wird also nicht nur ihr eigener Wert reproduziert, sondern ein überschüssiger Wert produziert. Dieser Mehrwert bildet den Überschuss des Produktenwerts über den Wert der verzehrten Produktbildner, d. h. der Produktionsmittel und der Arbeitskraft.“Marx: Das Kapital, S. 307f. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3616f (vgl. MEW Bd. 23, S. 223)

Mehrwert als Spezifikum der kapitalistischen Produktionsweise Ebenso wie „Wert“ ist „Mehrwert“ eine ökonomische Kategorie, die nur im Kapitalismus volle Gültigkeit besitzt. Ökonomisches Ziel aller vorkapitalistischen Gesellschaften war die Produktion von Gebrauchswerten, also von konkret nützlichen Gegenständen. Soweit die unmittelbaren Produzenten (z. B. Bauern) mehr Gebrauchswerte produzierten, als sie selbst verbrauchten, gab es ein Mehrprodukt. Die Aneignung dieses Mehrprodukts durch herrschende Klassen geschah i. d. R. unmittelbar durch Zwang (z. B. als Fronarbeit).

Der kapitalistischen Produktionsweise geht es nicht primär um die Aneignung von Gebrauchswerten. Sie impliziert die Verallgemeinerung der Warenproduktion und ist am Tauschwert orientiert. Ihr primäres Ziel ist die Erzeugung und Aneignung von Mehrwert. Mehrwert ist das spezifische Produkt der kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Nach Marx zeichnet sich eine sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft unter anderem dadurch aus, dass es in ihr keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln, keine Waren, kein Geld und kein Kapital gibt. Im ersten Band von Das Kapital bemerkt er, dass in einer post-kapitalistischen Gesellschaft der Arbeitstag auf die notwendige Arbeit reduziert wäre. Diese wäre jedoch länger. Die Arbeiter würden höhere Bedürfnisse entwickeln; ebenso müssten sie die Arbeitszeit, die sie unter kapitalistischen Bedingungen als Mehrarbeit erbringen, einsetzen, um gesellschaftliche Fonds beispielsweise für zukünftige Investitionen zu bilden.

Die Kapitalformel rechts|200px|Logo Marx analysiert im ersten Band von Das Kapital die kapitalistischen Marktbeziehungen zunächst in zweierlei Formeln:

die einfache Warenzirkulation W - G - W (Ware - Geld - Ware) die Kapitalbewegung G - W - G' (Geld - Ware - mehr Geld)

Der Austauschprozess W - G - W meint den Austausch von Waren gleichen Werts und unterschiedlichen Gebrauchswertes; Geld übernimmt hierbei eine Vermittlerfunktion. Jemand produziert und verkauft eine Ware, die für ihn keinen Gebrauchswert darstellt, um mit dem Geld eine Ware zu kaufen, mit der er ein Bedürfnis befriedigen möchte. Das Geld ist verausgabt. Der Prozess findet sein Maß am Bedürfnis und endet mit dessen Befriedigung.

Im Falle von G - W - G' wird Geld zu Kapital. Damit diese Formel für den Kapitalisten ökonomisch sinnvoll ist, kommt es auf das G' an, d. h. auf die Vergrößerung der ursprünglichen Geldsumme. Die Differenz von G' und G ist der Mehrwert m. Den Mehrwertbegriff unterscheidet Marx im dritten Kapitalband vom Profitbegriff.

G' wird Ausgangspunkt eines neuen Kreislaufs. Geld ist also Ausgangs- und Endpunkt einer Bewegung. Die Kapitalverwertung wird zum Selbstzweck. Die Bewegung ist ohne immanentes Ende. Jedes G‘ ist endlich und muss wieder vorgeschossen werden, um Kapital bleiben zu können. Die Bewegung ist maßlos, da sie nicht auf ein äußeres Bedürfnis bezogen ist, das ein Genug angibt. Der Gebrauchswert ist hier bloß Voraussetzung der Verkäuflichkeit.

Dass der Kapitalist eine möglichst große Verwertung anstrebt, führt Marx nicht primär auf die moralischen oder psychischen Eigenschaften des Kapitalisten zurück, sondern verweist auf den Sachzwang der Konkurrenz. Nur wenn ein Kapitalist möglichst viel Mehrwert erzielt, kann er immer wieder in sein Unternehmen investieren bzw. modernisieren, um gegen seine Konkurrenten zu bestehen; ansonsten riskiert er, als Kapitalist unterzugehen.

Kapital ist wesentlich Wert in Bewegung bzw. Wert, der sich verwertet. Der Kapitalist als solcher ist der Träger der Kapitalbewegung. Er ist Kapital, das mit Bewusstsein und Willen ausgestattet ist; das Kapital ist hingegen das automatische Subjekt: es ist eigentlich leblos, aber es bestimmt die Bewegung.

Doppelt freier Lohnarbeiter Marx erklärt im ersten Kapitalband, wie Mehrwert entsteht. Er will zeigen, dass Mehrwert kein zufälliges Produkt ist, sondern ein normales Moment der kapitalistischen Produktionsweise. Zur Vereinfachung der Erklärung führt Marx aus, dass der Warentausch, der durch Geld vermittelt ist, in Reinform stattfindet: es werden nur Wertäquivalente getauscht und die Preise entsprechen dem Wert der Waren. Er argumentiert im Kapitel „Die Verwandlung von Geld in Kapital“ dafür, dass man mit der Handelssphäre allein die Mehrwertbildung nicht erklären kann. Die grundlegende Quelle des Mehrwerts ist die produktive Arbeit, die auf einem bestimmten Klassenverhältnis beruht.

Zunächst widerspricht Marx der Behauptung, dass der Handel Mehrwert produziert, weil der Käufer die Ware für nützlicher hält als der betreffende Verkäufer und daher die Ware für den Käufer wertvoller ist. Nach diesem Ansatz werden keine gleichen Wertobjekte getauscht und der Käufer erhält etwas Wertvolleres. Nach Marx rührt diese Ansicht daher, dass der Gebrauchswert mit dem Tauschwert der Ware verwechselt wird.

Marx räumt ein, dass die Prämisse, wonach nur Wertäquivalente getauscht werden, in Wirklichkeit nicht immer gilt. Würde sie jedoch aufgegeben, wäre der Mehrwert auch dann nicht befriedigend erklärbar. Um dies zu zeigen, geht Marx verschiedene Fälle durch. Wenn der Kapitalist als Verkäufer einen Preisaufschlag erheben könnte und die anderen Kapitalisten diesen Preisaufschlag weitergeben, dann müsste er seinen Gewinn als Käufer beim „G-W“ wieder verlieren. Ähnliches gälte, wenn jemand unter Wert kaufen könnte. Ferner sei zu beachten, dass die Käufer und Verkäufer selbst entweder Produzenten sind oder Produzenten vertreten. Die Ansicht, der Mehrwert resultiere aus einem nominellen Preisaufschlag oder dem Privileg, über Wert zu verkaufen, setze voraus, dass es eine bestimmte unproduktive Klasse gebe. Diese kauft und konsumiert, aber sie selbst verkauft und produziert nicht. Dieser Fall erfordert, dass die Warenbesitzer der unproduktiven Klasse Geld umsonst geben, damit diese Klasse von den Warenbesitzern überteuerte Waren kaufen kann. So hätten zum Beispiel kleinasiatische Staaten dem Römischen Reich Tribut zahlen müssen, mit dem Rom überteuerte Waren von ihnen gekauft habe. Die kleinasiatischen Staaten hätten sich so aber nicht bereichern können. Schließlich konstruiert Marx einen Fall, in dem ein listiges Individuum A eine Ware über ihrem Wert an B verkauft und B diesen Betrug nicht erwidern kann. Zwar erzielt A einen Gewinn, aber dieser Gewinn ist nur der Verlust von B. Tauscht A beispielsweise etwas im Wert von 50 gegen etwas im Wert von 100, dann macht A einen Gewinn von 50 und B einen Verlust von 50. Die Wertsumme bliebe aber 150. Gesamtgesellschaftlich wäre der Wert nicht gewachsen, sondern nur umverteilt.

Es bedarf der Produktionssphäre, um die Mehrwertbildung zu erklären. Der Kapitalist muss eine Ware finden, die mehr Wert schafft, als sie selbst kostet: die menschliche Arbeitskraft. Die Wertvergrößerung entsteht durch produktive Anwendung menschlicher Arbeitskraft. Damit das Geld in der Hand des Kapitalisten zum Kommandomittel über menschliche Arbeit wird, braucht es den »doppelt freien Lohnarbeiter«. Im Gegensatz zum Sklaven oder Leibeigenen ist er frei seine Arbeitskraft zu verkaufen, an wen er will, aber auch „frei“ von Eigentum an Produktionsmitteln, so dass er seine Arbeitskraft verkaufen muss.

Marx betont, dass die Zirkulationssphäre dennoch notwendig für die Mehrwertbildung ist. Betrachtet man einen Warenproduzenten in Isolation, so kann er den Wert einer vorhandenen Ware nicht verwerten. Er könnte Wert hinzufügen, indem er weiter daran arbeitet. Wenn er beispielsweise Leder besitzt, so könnte er es zu Stiefeln verarbeiten. Der Stiefel wäre wertvoller als das Leder, aber der Wert des Leders hätte sich nicht verwertet, sondern wäre konstant geblieben. Zu diesem Argument aus dem Kapitel über die Verwandlung von Geld in Kapital lässt sich hinzufügen, dass nach Marx Wert überhaupt nur in Produktion und Zirkulation entsteht; eine Ware in Isolation betrachtet, hat keinen Wert, sondern dieser Wert konstituiert sich erst in der Tauschbeziehung zu anderen Waren.

Der Wert der Arbeitskraft