Ottersdorf () ist ein Dorf im mittelbadischen Teil der Oberrheinebene mit knapp 2500 Einwohnern. Es liegt zwischen dem Rhein und der Großen Kreisstadt Rastatt, zu der es seit 1971 als Ortsteil gehört. In der unmittelbaren Umgebung liegen die Dörfer Wintersdorf und Plittersdorf, mit denen zusammen es das sogenannte Ried bildet.
Geographie
Ottersdorf liegt in der Oberrheinebene. Der Ortskern ist ungefähr 2,5 km vom Rhein entfernt, der dort die Grenze zu Frankreich bildet. Der Stadtkern von Rastatt ist ca. 3,5 km entfernt.
Das Gebiet um Ottersdorf wurde in seiner natürlichen Form in den Eiszeiten geschaffen. Der Rhein verläuft seither durch die Region, wechselte aber mehrfach seinen Flusslauf. So lag Ottersdorf zusammen mit den anderen Rieddörfern im Mittelalter über ein Jahrhundert lang auf einer Rheininsel. Erst seit der Rheinbegradigung im 19. Jahrhundert ist Ottersdorf mitsamt den anderen Rieddörfern endgültig rechtsrheinisch und damit Teil Badens.
Direkt nordöstlich des Ortskerns befindet sich der Lindensee, ein ehemaliger Baggersee, wo von 1939 bis 1956 Kies abgebaut wurde. Er wird heute als Badesee genutzt.
Ein weiterer, deutlich größerer Baggersee, ist der Kaltenbachsee. Diese befindet sich südöstlich von Ottersdorf und ist nach wie vor in Betrieb. Dort wird Kies abgebaut. Er ist u. a. wegen brüchiger Böschungen zum Baden zu gefährlich. Seit 1. Mai 2023 ist er mit einem Badeverbot belegt. Um Verstöße zu verhindern, ist der See teilweise umzäunt und es können Bußgelder verhängt werden.Die neue Welle, Ottersdorfer Kaltenbachsee wird eingezäunt, 26. April 2023
Geschichte
Gründung und erste Belege
Es ist anzunehmen, dass das Gebiet um Ottersdorf nicht von den Alemannen besiedelt wurde, als diese im 5. Jahrhundert in das Elsass kamen – möglicherweise, weil ihnen das Gebiet zu feucht war. Nach der Zurückdrängung der Alemannen durch die Franken unter König Chlodwig im Jahre 496 blieben diese in der Region. Die Franken kamen vom Niederrhein her und waren im Wasserbau versiert – es mag sein, dass diese Tatsache sie zur Besiedlung bewogen hat. Ein weiterer Hinweis sind die Ortsnamen im Ried. So gibt es auch ein Wintersdorf bei Trier und ein Plittersdorf bei Bonn. Es ist möglich, dass die fränkischen Soldaten den neu gegründeten Dörfern die Namen ihrer Heimatorte gaben. Eine Ansiedlung im 6. Jahrhundert kann daher angenommen werden. Die ersten urkundlichen Erwähnungen der Siedlungen im Ried stammen aus dem 8. Jahrhundert, als sie zur elsässischen Abtei Weißenburg gehörten, was bis um 1800 der Fall war.Badisches Tagblatt, „Warum die Ottersdorfer eigentlich Elsässer sind“, 28. Mai 2012.
Ottersdorf wird zum ersten Mal in einer Kaufurkunde erwähnt, bei der es sich wahrscheinlich um eine Fälschung aus dem 12. Jahrhundert handelt. Die beschriebenen Vorgänge werden allerdings als authentisch angesehen. Darin wird der Kauf von 40 Morgen neugerodetem Land in Ottersdorf durch die Kaiserin Adelheid beurkundet, der irgendwann zwischen 984 und 996 abgewickelt worden sein muss. Das wurde als Anlass genommen, im Jahr 1994 das 1000-jährige Ortsjubiläum zu feiern. Besagtes Land wurde der damaligen Abtei Selz geschenkt, zu dessen Einflussbereich lange Zeit das ganze Ried gehörte. Der genaue Verbleib der 40 Morgen ist unbekannt.
Jedoch gibt es deutlich ältere Belege, die auch auf Ottersdorf hindeuten. In einer von Johann Kaspar Zeuss im Jahr 1842 veröffentlichten Schenkungsurkunde aus den ältesten Beständen des Klosters Weißenburg wird dokumentiert, dass am 6. Januar 774 der Großgrundbesitzer Sigibald dem Abt des Klosters Ermbert, der auch Bischof von Worms war, mehrere Schenkungen der Beinheimer Gemarkung machte. Darunter waren auch die leibeigene Bauern Ortaharius bzw. Ortharius mit seiner Frau Nana samt Kindern und Winihiarius mit seiner Frau Sigihilda. Es wird angenommen, dass aus diesen Höfen die beiden Orte Ottersdorf und Wintersdorf entstanden.Badisches Tagblatt, Sind Rieddörfer die ältesten Orte im Landkreis?, 5. Januar 2017
In den folgenden Jahrhunderten sind schriftliche Zeugnisse rar. Die erste echte Urkunde über Ottersdorf stammt aus dem Jahr 1318. Zu der Zeit verkauften die beiden Ritter Albert Röder von Schauenburg und Albert Röder von Staufenberg (bei Offenburg) ihre Einkünfte aus dem Kirchenzehnten an den Straßburger Priester Johannes von Steinbach. Dabei werden erstmals alle fünf Riedorte erwähnt, darunter auch Ottersdorf.
Ab ungefähr 1310 bis um 1464 lag das Ried und damit Ottersdorf auf einer Rheininsel. Dadurch ergaben sich zwei Möglichkeiten zur Durchfahrt des Rheins, was zu Zollstreitigkeiten führte, da man so eine Zollstelle umfahren konnte. Daher wurde ein Rheinarm geschlossen, was in einer Urkunde von 1493/1494 berichtet wird. Durch den Bau des Dammes wurden die Riedorte ein Teil von Baden. Ihre Vergangenheit als Teil des Elsass wirkte aber noch lange nach. So finden sich im ursprünglichen Ottersdorfer Dialekt, der heute kaum noch gesprochen wird, deutliche Ähnlichkeiten mit den Mundarten des angrenzenden Elsass.
Im Jahr 1595 kam es zu einem Weidestreit mit dem Nachbardorf Wintersdorf. Den Ottersdorfer Bauern wurde vorgeworfen, sie würden unberechtigt ihr Vieh auf Rübenfelder der Wintersdorfer treiben. Letztere forderten daher, dass sie auch ihr Vieh über die Ottersdorfer Rübenfelder treiben dürfen. Ein Zollschreiber aus Hügelsheim wurde dazu bestellt, um den Streit zu schlichten. Es stellte sich heraus, dass die Rübenäcker der beiden Dörfer direkt nebeneinander lagen. Allerdings führte ein Allmandweg durch das umstrittene Gebiet. Weiterhin hätten die Wintersdorfer teilweise auch Äcker auf Ottersdorfer Gemarkung. Der Unparteiische empfahl, den Ottersdorfern für das laufende Jahr ihre Äcker zu belassen, da der Rhein viel Land überspült hatte und die Ottersdorfer aus der Not heraus die Rüben gesät hätten. Für die kommenden Jahre empfahl er, dass die beiden Dörfer gemeinsam festlegten, wo Rüben anzubauen seien.
Ottersdorf während der Kriege vom 16. bis 18. Jahrhundert Bereits im Jahr zuvor, 1594, war die katholische Markgrafschaft Baden-Baden von der evangelischen Markgrafschaft Baden-Durlach besetzt worden. Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach war ein Verfechter der Protestanten und rüstete auf, was mit Hilfe angeblich freiwilliger Spenden finanziert wurde – auch in Ottersdorf wurden diese eingetrieben. Als der Dreißigjährige Krieg im Jahr 1618 ausbrach, wurde auch Ottersdorf in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem der Markgraf am 6. Mai 1622 bei Wimpfen eine Niederlage gegen die bayerischen Truppen hatte einstecken müssen, fielen diese schon im Juni in die Markgrafschaft ein. Allerdings wurde das Ried durch den damals breiteren Altrhein vor einer Besetzung bewahrt. Markgraf Wilhelm von Baden trat sein Erbe an, und die Besetzung durch Baden-Durlach war somit beendet. Die zwischenzeitlich entstandenen Schäden wurden aufgelistet und Baden-Durlach in Rechnung gestellt. Der Mangel an vielen Dingen ist bis zum Ende des Krieges 1648 dokumentiert.
Zu Beginn des Holländischen Kriegs (1672 bis 1679) hatte Ottersdorf ungefähr 200 Einwohner in 39 Haushalten. Nach dem Krieg waren es lediglich 35 Bürger. Am schwersten in Mitleidenschaft gezogen wurde das Dorf allerdings im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 bis 1697): Es wird berichtet, dass am Vormittag des 30. August 1689 die drei Rieddörfer von der Besatzung von Fort-Louis niedergebrannt worden seien. Daraufhin lagen fast alle Häuser in Schutt und Asche. Es folgten Plünderungen durch Husaren und die französische Armee. Teilweise wurden die Schäden erst dreißig Jahre später beseitigt.
Auch in den folgenden Kriegen wurde Ottersdorf in Mitleidenschaft gezogen. Auch wenn diese nicht mehr so verheerend waren wie 1689, so waren die wirtschaftlichen Schäden doch erheblich.
19. Jahrhundert mini|250px|Katholische Kirche St. Ägidius mini|250px|Altes Rathaus (bis 1910), von 1986 bis ca. 2020 Filiale der Volksbank mini|200px|Wilhelmstraße 20, bis 1840 Schulhaus mini|200px|Rathaus, von 1840 bis 1910 Schulhaus Ab 1820 entstanden drei Gebäude, die noch heute das Ortsbild prägen. Diese sind das Pfarrhaus (1826), die Kirche (1833/1834) und das Rathaus (1839/1840). Waren bis dahin kaum Steinhäuser im Dorf gestanden, wurden ab jetzt keine reinen Holzhäuser mehr errichtet. Das einzige mittelalterliche Gebäude zu jener Zeit, die Kirche, wurde durch den erwähnten Neubau ersetzt. Die Skizzen der alten Kirche gingen im Zweiten Weltkrieg verloren.
Ebenfalls ab 1820 gibt es jährliche Berichte, die die Vorgänge im Dorf recht genau belegen. Im Rahmen des Neubaus der Bundesfestung in Rastatt zogen viele Festungsarbeiter nach Ottersdorf. Die Gemeinde musste große Mengen Land abholzen lassen, damit man von der Festung aus freies Schussfeld haben würde.
1832 wurde in ganz Baden eine Gemeindereform durchgeführt, wodurch der vormalige Titel des Schultheißen abgeschafft und die Einrichtung des Bürgermeisters beschlossen wurde. Daher gab es auch in Ottersdorf ab diesem Jahr Bürgermeister.
Das Jahr 1847 war wie in vielen Teilen des Landes von großer Not geprägt, was auch Auslöser der Märzrevolution war. Die Revolutionsjahre 1848 und 1849 selbst verliefen nicht ruhig in Ottersdorf. Es gab großen Streit mit dem Pfarrer Georg Philipp Hehn, der auch von der politischen Wende im Land beeinflusst war. Hehn war offenkundig Gegner der Republik, was anscheinend nicht dem Willen der Ottersdorfer entsprach. Letztlich wurde Hehn am 4. April 1848 gewaltsam vertrieben. Ottersdorfer nahmen auch auf Seiten der Revolutionäre an den Kampfhandlungen teil. Im Juni 1849 wurde in Ottersdorf eine Bürgerwehr aufgestellt, die zunächst aus 26 Männern bestand. Bei der Belagerung der Bundesfestung Rastatt, die letztlich das Ende der Revolution besiegelte, quartierten sich preußische Truppen im Ort ein, die man versorgen musste. In der Folge mussten alle Waffen abgegeben werden, und es wurden Ermittlungen angestellt, wer an der Revolution teilgenommen hatte.
Der Deutsch-Französische Krieg verlief für Ottersdorf glimpflich – es wurden 20 Dorfbewohner eingezogen, die aber alle zurückkehrten.
Im anschließenden Kaiserreich erlebte Ottersdorf einen Wandel. Die Zahl der Pendler und Feierabendwirte nahm zu. Die Kirche wurde renoviert, eine Postagentur wurde eingerichtet, ein Schulhaus gebaut, und die Zahl der Einwohner stieg über 1000.
Erster Weltkrieg Bei Beginn des Ersten Weltkrieges verschlechterte sich die Situation nach und nach. So mussten schon 1914 die 226 Kinder der Ottersdorfer Schule von nur zwei Lehrern unterrichtet werden. Anfangs spendeten die Einwohner reichliche Lebensmittel für die Armee. Die ersten Toten waren bald zu beklagen – am 7. Oktober 1914 wurden die ersten beiden Ottersdorfer Soldaten auf dem Friedhof beerdigt. 7 weitere sollten ihnen folgen. 40 Ottersdorfer Soldaten sind in fremder Erde bestattet worden. Der Soldat Otto Groß starb 1921 an den Folgen von im Krieg erlittenen Gasvergiftungen. Zum Kriegsende hin wurde die Verbitterung über den Kaiser und die Reichsregierung immer größer. Bis zum 21. November 1918 war die Plittersdorfer Schiffbrücke für die rückkehrenden deutschen Truppen geöffnet, so dass sie auch durch das Ried zurück ins Land strömten. Einige Soldaten wollten sogar aus Verärgerung über den Kaiser ein Straßenschild „Wilhelmstraße“ herunterschlagen.
Zwischenkriegszeit 1921 wurde Ottersdorf mit elektrischen Straßenlampen ausgestattet und nach und nach die meisten Häuser an das Stromnetz angeschlossen. Ein Zahnarzt eröffnete seine Praxis und die Turnerschaft Ottersdorf wurde gegründet. Die Arbeitslosigkeit stieg zu Beginn der 1930er-Jahre überall, so dass viele Ottersdorfer im Elsass arbeiteten. Die NSDAP erhielt ab 1930 zunehmend Stimmen bei Reichstagswahlen.