mini|Kirchtürme der Stiftskirche in Neustadt an der Weinstraße Die gotische Stiftskirche St. Ägidius in Neustadt an der Weinstraße ist das größte Gotteshaus der pfälzischen Stadt, die im Mittelalter eine der Residenzen der Kurpfalz war. Die Doppelkirche verfügt durch das nachträgliche Einfügen einer Trennwand über einen katholischen und einen protestantischen Teil.

Lage Die Kirche steht im Zentrum der Stadt. Mit dem Chor konventionell nach Osten ausgerichtet, schließt sie den mittelalterlichen Marktplatz nach Norden zum Kartoffelmarkt hin ab. Mit ihren beiden unterschiedlichen Türmen ist sie ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt.

Geschichte Bau- und Stiftsgeschichte mini|hochkant|Die Stiftskirche vom Marktplatz gesehen mini|Langhaus und Chorbereich der Stiftskirche; vom Dachreiter aus nach hinten erstreckt sich der katholische Kirchenteil mini|Evangelischer Teil mit dem expressionistischen Mosaik von August Babberger mini|Chor der Stiftskirche Neustadt mit dem Hochaltar der Jesuiten Pfalzgraf Rudolf II. verfügte testamentarisch, die aus dem 13. Jahrhundert stammende Pfarrkirche St. Ägidius seiner Residenz Neustadt an der Weinstraße in eine Memoria – also eine Gebets- und Gedenkstätte – für das Haus Wittelsbach umzuwandeln, und wünschte dort begraben zu werden. Nach seinem Tode am 4. Oktober 1353 bestattete man ihn wunschgemäß im Altarbereich der Neustadter Pfarrkirche St. Ägidius.Quelle nach Johann Goswin Widder, Versuch einer vollständigen Geographisch-Historischen Beschreibung der Kurfürstlichen Pfalz am Rheine, Band 2 ().

1356 stiftete der Nachfolger, Kurfürst Ruprecht I., aufgrund des testamentarischen Willens seines Bruders Rudolf II. das Liebfrauen-Kollegiatstift Neustadt, als Memoria für die gemeinsame Familie.Zum Gründer des Stiftes und zum Stiftungszweck der Memoria für das Haus Wittelsbach In der Gründungsurkunde bezeichnete Kurfürst Ruprecht als Motivation, neben dem vordergründigen Zweck der Grablege und Memoria, ausdrücklich die Sorge um einen möglichst feierlichen, häufigen und gottgefälligen Gottesdienst in Neustadt.Kurfürst Ruprecht über seine zusätzlichen Beweggründe zur Gründung des Stiftes Neustadt/Weinstraße ().

Er ließ die romanische Pfarrkirche St. Ägidius mit einem prachtvollen Chor nach Osten hin erweitern. Dieser Neubau (der heutige kath. Teil der Neustadter Stiftskirche) wurde laut einer Pfeilerinschrift 1368 begonnen, als Baumeister ist 1394 ein Meister Marck bezeugt. Der Hauptaltar der Gesamtkirche rückte durch den erweiterten Chorbereich ein gutes Stück nach Osten und der Altarbereich der alten Pfarrkirche, wo Rudolf II. begraben worden war, befand sich nunmehr am Übergang vom Vorgängerbau zum neuen Chor. An dieser Stelle (direkt unter der heutigen Trennwand) begrub man 1377 auch Rudolfs 2. Ehefrau Pfalzgräfin Margarete von Sizilien-Aragon, an der Seite ihres Gatten. Nach und nach errichtete man zum neuen Chor auch ein neues Langhaus mit Paradies und den beiden Kirchtürmen. Als „Liebfrauenkirche“ wurde das Gotteshaus St. Maria geweiht, die traditionell als Patronin des Hauses Wittelsbach gilt; der Heilige Ägidius trat als Nebenpatron in den Hintergrund. Die 15 Stiftsherren mit einem infulierten (= ehrenhalber zum Tragen einer Mitra berechtigten) Dekan an der Spitze hatten täglich für das Fürstenhaus Wittelsbach zu beten, die Messe zu zelebrieren und an jeweiligen Todestagen verschiedener Familienmitglieder, feierliche, ewige Jahrgedächtnisse (Seelenmessen am Todestag) zu feiern. Für manche Fürstlichkeiten waren eigene „Seelenwärter“ bestellt, die sich gebetsmäßig hauptsächlich um die Seele eines bestimmten Verstorbenen kümmerten.Quelle zu einem Neustadter Seelenwärter für Kurfürstin Beatrix von Berg ().

Auch der Gründer, Kurfürst Ruprecht I. und seine Gemahlin Beatrix von Berg ließen sich in der Stiftskirche begraben, jedoch bereits im neuen Chor. Ihre Gräber befinden sich dort im Mittelgang, kenntlich durch Bronzeinschriften.

1556 führte Kurfürst Ottheinrich die Reformation in der Kurpfalz ein und verbot den katholischen Kult. Das Stift leistete unter seinem letzten Dekan Laurentius Kercher zähen Widerstand, wurde aber 1566 endgültig aufgelöst und ging an die neue protestantische Pfarrei über. Damit geriet auch der Stiftungszweck als Gebetsstätte für die Verstorbenen des Hauses Wittelsbach in Vergessenheit. Die Pfälzer Kurfürsten wechselten mehrfach ihr Bekenntnis zwischen evangelisch-lutherisch und reformiert; mit ihnen musste auch das ganze Land und die Stiftskirchengemeinde in Neustadt jeweils das Bekenntnis wechseln.Zur Einführung der Reformation in der Kurpfalz

Schließlich gewährten die mittlerweile wieder katholisch gewordenen Kurfürsten dem früheren Glauben die freie Ausübung und ließen die wenigen verbliebenen Katholiken in Neustadt zunächst von den Kapuzinern, ab 1700 von den Jesuiten betreuen. Die Stiftskirche wurde ab 1698 simultan genutzt. Die kurpfälzische Religionsdeklaration von 1705Zur Kurpfälzischen Religionsdeklaration von 1705 bestimmte in § 17, dass in Oberamtsstädten wie Neustadt, wo sich nur eine Kirche und nicht mehrere befänden, diese durch eine Scheidemauer zu unterteilen sei, wobei der Chor stets den Katholiken, das Kirchenschiff aber den Protestanten zufalle.Friedrich Burkhardt und Paul Habermehl: Die Neustadter Pfarrchronik der Jesuiten, Seiten 60–61, Historischer Verein der Pfalz, 2008. Entsprechend verfuhr man auch in Neustadt; am 21. November 1705 sprach man den Katholiken das alleinige Nutzungsrecht am (Stifts-)Chor des Gotteshauses zu, während die Protestanten das größere Langhaus mit Pfarrchor und den Türmen erhielten. 1707/08 trennte man gemäß dem Landesgesetz beide Teile der Stiftskirche mit der heute noch existierenden Mauer voneinander ab (jetzige Rückwand des katholischen Kirchenbereichs). Die Jesuiten ließen im katholischen Teil (Chor der Gesamtkirche) den prächtigen barocken Hochaltar fertigen, dessen obere Gelbglas-Gloriole dem Apsisaltar des Petersdomes in Rom nachempfunden ist und sie nahmen das stiftungsgemäße Gebetsgedenken für das Haus Wittelsbach wieder auf. In dieser Zeit wirkten hier herausragende Männer, wie der weltweit bekannte Moraltheologe Pater Edmund Voit oder Pater Jakob Baegert, zuvor Indianermissionar in Amerika, der in Neustadt eine umfangreiche Landesbeschreibung Kaliforniens verfasste, die dort zu den grundlegenden historischen Quellenwerken zählt.

Das Marienpatrozinium wurde 1862 auf die von König Ludwig I. von Bayern großteils finanzierte, benachbarte Marienkirche übertragen. Die katholische Pfarrgemeinde Neustadt hatte sie erbaut, da ihr der Chor der Stiftskirche zu klein geworden war. So trat der alte Patron St. Ägidius wieder in den Vordergrund des nunmehr eher selten genutzten katholischen Chores.

Die Aufteilung der Stiftskirche dauert bis heute an. Eine 2009 geplante Entfernung der Trennmauer wurde aufgegeben, da man zu dem Schluss kam, dass sich beide Kirchenteile seit 1707 getrennt weiterentwickelt haben (der katholische Teil ist beispielsweise barockisiert) und sich auf der protestantischen Seite der Scheidewand ein wertvolles Mosaik von August Babberger aus dem frühen 20. Jahrhundert befindet. Außerdem hat die Denkmalbehörde die historische Trennmauer selbst als herausragendes Denkmal pfälzischer Kirchengeschichte eingestuft. 2010 wurde der katholische Teil durch das zuständige Bistum Speyer seiner diözesanen Gemeinde des tridentinischen Ritus übergeben.

Der Dekan des Liebfrauenstiftes Neustadt bekleidete in vorreformatorischer Zeit an der Universität Heidelberg automatisch das Amt eines der 4 Konservatoren, die als Rat des Kanzlers über die akademischen Rechte und Freiheiten wachten.Quelle zum Amt des Neustadter Stiftsdekans an der Universität Heidelberg Dekan Heilmann von Wattenheim († 1411) bekleidete auch das Amt eines päpstlichen Bevollmächtigten für die an der Universität Heidelberg existierenden Privilegien des Hl. Stuhls und die ihm direkt unterstehenden Patronatspfarreien der Hochschule.

Weil mit dem Kirchenneubau in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auch die Gründung einer eigenen Stiftsschule verbunden gewesen war, wählte 1964 das älteste Gymnasium Neustadts den Namen des Erbauers Kurfürst Ruprecht.

Nach Christenmassakern in seiner Heimat besuchte 1861 Gregor Ata, der melkitisch-katholische Erzbischof von Homs in Syrien, die Stiftskirche, um in Neustadt Almosen für seine verwüstete Diözese zu sammeln.Generaliensammlung Diözese Speyer, Rundschreiben Nr. 349 vom 15. Februar 1861.

Grabinschriften von Stiftsgeistlichen Im äußeren Mauerwerk der Kirche sind an verschiedenen Stellen insgesamt 10 Grabinschriften von Stiftsklerikern eingehauen, eine weitere im Inneren an einer Säule des Langhauses. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1450 und 1561. Die bedeutendste Person darunter ist der letzte Stiftsdekan Laurentius Kercher († 1561). Die beiden spätesten Inschriften von 1561, als das Stift bereits kurz vor der zwangsweisen Auflösung stand, sind qualitativ die schlechtesten. In der letzten Grabschrift, gewidmet dem Stiftsvikar Nikolaus Schöneck aus Iggelheim, verstorben am 26. Dezember 1561, noch acht Monate nach dem letzten Dekan, heißt es, er sei aus der Welt geschieden „mit zu Gott gerichtetem Geist, in der Hoffnung auf eine bessere Zeit“.Silke Burkhardt: Berühmte Grabdenkmäler in der Stiftskirche Neustadt, Historischer Verein der Pfalz, Bezirksgruppe Neustadt, 1984

mini|Epitaphien von Kurfürst Ruprecht I. (links) und seiner Gattin Beatrix von Berg (rechts) mini|Kurfürstengrab, heutiges Aussehen mini|Kurfürst Ruprecht III. von der Pfalz (als deutscher König Ruprecht I.), Gemälde an der Chordecke mini|Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz, Gemälde an der Chordecke

Grablege und Memoria In der Stiftskirche sind fünf Mitglieder der Fürstenfamilie Wittelsbach bestattet: Pfalzgraf Rudolf II. (1306–1353) Margarete von Sizilien-Aragon (1331–1377), zweite Ehefrau des Pfalzgrafen Rudolf II. Kurfürst Ruprecht I. (1309–1390) Beatrix von Berg (um 1360–1395), zweite Ehefrau des Kurfürsten Ruprecht I. Blanca von England (1392–1409), Tochter des englischen Königs Heinrich IV. und erste Ehefrau des Kurfürsten Ludwig III.

Laut dem erhaltenen ersten Seelbuch des Liebfrauenstiftes bestehen dort außerdem ewige Messstiftungen (Jahrgedächtnisse) für insgesamt 13 Wittelsbacher. Neben den bereits aufgeführten, in der Kirche bestatteten (mit Ausnahme von Margarete von Sizilien-Aragon) sind dies:Lukas Grünenwald: Wittelsbachische Denkmäler und Jahrgedächtnisse in der Stiftskirche zu Neustadt an der Haardt. In: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz, Band XIX, Speyer, 1895 Herzog Ludwig II. von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein († 2. Februar 1294) Herzog Rudolf I. von Oberbayern und Pfalzgraf bei Rhein († 11. August 1319) Kurfürstin Elisabeth von Namur († 29. März 1382; erste Gemahlin Ruprecht I.) Kurfürst Ruprecht II. von der Pfalz († 6. Januar 1398) Kurfürstin Beatrix von Sizilien-Aragon († 12. Oktober 1365), Ehefrau Ruprecht II. von der Pfalz und Tochter des Königs Peter II. von Sizilien Ruprecht III., deutscher König und Kurfürst von der Pfalz († 18. Mai 1410) Königin und Kurfürstin Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg († 26. Juli 1411, Gemahlin Ruprechts III.) Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz († 12. Dezember 1476), der auch das Fürstenhaus Löwenstein begründete

In der Zeit der Jesuiten kam noch ein Jahrgedächtnis hinzu, für: Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz († 8. Juni 1716)

Ein zweites Seelbuch, das evtl. noch weitere Wittelsbacher Messstiftungen enthielt, ging nach der Auflösung des Stiftes verloren.