Absolute Beginners (kurz: ABs) ist eine Bezeichnung für erwachsene Menschen ohne Beziehungserfahrung. Beziehung ist hierbei als eine Liebesbeziehung zu verstehen, die sich durch ein enges zwischenmenschliches Vertrauensverhältnis, körperliche Zärtlichkeit und sexuelle Aktivität auszeichnet. Im Unterschied zu ihren Altersgenossen verfügen diese Menschen über keine, nur sehr bruchstückhafte oder lange zurückliegende Erfahrungen mit Liebesbeziehungen.
Begriffsverwendung Der Begriff Absolute Beginners wird seit Ende der 1990er Jahre im deutschsprachigen Raum von den Betroffenen als Selbstbezeichnung innerhalb der Online-Community verwendet. Vereinzelt wird dieser Begriff auch von den Medien oder in den Sozialwissenschaften verwendet.Vergleiche die Presseartikel unter Weblinks.Sprenger: Männliche Absolute Beginner. Ein kommunikationswissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung von Partnerlosigkeit. Wiesbaden 2014.
Herkunft des Begriffs In der deutschen Sprache gab es früher keinen gängigen, kurzen und prägnanten Begriff für Menschen ohne sexuelle Beziehungserfahrung. Die Bezeichnung „Jungfrau“ wird für jugendliche oder erwachsene Menschen ohne sexuelle Erfahrung verwendet. Mittlerweile veraltete Begriffe, zu denen „alte Jungfer“, „reiner Jüngling“, „Junggeselle“ und „Hagestolz“ zählen, bezogen sich ursprünglich darauf, dass diese Leute unverheiratet blieben, was allerdings Liebschaften oder sonstige Beziehungen nicht generell ausschloss.Noch nie Sex. Leben in Wartehaltung. Goethe-Institut, abgerufen am 7. September 2021.
Der Begriff Absolute Beginners kam 1998 auf, als das erste deutschsprachige Internetforum zum Thema eingerichtet wurde, dessen Begründer die Bezeichnung dem gleichnamigen Song von David Bowie entlehnte. In dem Forum tauschten registrierte Mitglieder sich erstmals öffentlich über die Gründe für ihre Beziehungsunerfahrenheit aus und suchten gemeinsam nach Auswegen aus ihrem Zustand.Maja Roedenbeck: Und wer küsst mich? Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt. Berlin 2012, S. 41.Absolute Beginner Treff AB-Treff, abgerufen am 7. September 2021.
Merkmale des AB-Zustands Ein kennzeichnendes Merkmal ist die Unfreiwilligkeit, wodurch sich die Erscheinung von der Asexualität, dem Zölibat und Bewegungen wie „Wahre Liebe Wartet“ unterscheidet. Ein weiteres Charakteristikum stellt der Umstand dar, dass der Betroffene unter seinem Zustand leidet. Neben den negativen Folgewirkungen des Fehlens einer Beziehung unterliegen die Betroffenen nicht selten dem Leidensdruck, den Zustand der Unerfahrenheit zu beenden. Mit fortschreitendem Alter wird dies als zunehmend schwieriger empfunden, da sich der Abstand zu den Beziehungserfahrungen Gleichaltriger vergrößert. Die Betroffenen schämen sich oftmals für den Zustand und verheimlichen diesen gegenüber der persönlichen Umgebung. Beide Empfindungen führen oft zu weiteren Hemmungen. Durch die Erwartungshaltung im eigenen Umfeld fühlen Betroffene sich oft zusätzlich unter Druck gesetzt.Ungeküsst. Wenn die Liebe auf sich warten lässt. ZDF, abgerufen am 7. September 2021.
Als Richtgröße für den Zeitpunkt, ab dem ein unerfahrener Mensch als AB gilt, hat sich in der Foren-Szene das chronologische Alter von 20 Jahren durchgesetzt.Maja Roedenbeck: Und wer küsst mich? Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt. Berlin 2012, S. 54. Menschen, die bereits sexuelle Erfahrungen gemacht haben, aber bislang ohne Beziehung geblieben sind, werden ebenfalls zu den Absolute Beginners gezählt.Maja Roedenbeck: Und wer küsst mich? Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt. Berlin 2012, S. 29–30, S. 86, S. 108.
Robin Sprenger unterscheidet zuerst Männer mit fester Beziehung von männlichen Singles, dann Absolute Beginners von anderen Singles durch fehlende sexuelle Erfahrung. Laut Sprenger ist ein Absolute Beginner ein Single ohne sexuelle Erfahrung und älter als 18.
Organisation/Austausch Es gibt keine formale Organisation der Absolute Beginners, jedoch besteht eine rege Internetkultur, die über Foren und Chats interagiert und kommuniziert. Es gibt mehrere deutschsprachige Foren zum Austausch erwachsener Menschen, die unfreiwillig keine oder nur geringe Beziehungserfahrungen gemacht haben, wobei der mit diversen geschützten Diskussionsgruppen ausgestattete, „AB-Treff“ die größte Plattform für internen Austausch Beziehungsloser ist. Als zweitgrößtes Forum kann das „Absolute Beginner Forum“ gelten. Absolute Beginner Forum Das kleinere Forum „Absolute Beginners: Unerfahren“ hat seine Aktivität mittlerweile eingestellt, außerdem gibt es einige Kleinstforen und -gruppen.
In einigen großen deutschen Städten haben sich Selbsthilfegruppen zum Thema Absolute Beginners gebildet, deren Teilnehmer sich turnusmäßig (ein- oder zweimal im Monat) zusammenfinden.
Gründe für Beziehungsunerfahrenheit Im Jahre 2004 wurde das erste deutschsprachige Buch über die Absolute Beginners veröffentlicht. Mittlerweile sind weitere Bücher zum Thema erschienen, darunter eine Diplom-Arbeit und eine Dissertation.Siehe die unter Literatur aufgeführten Bücher.
Ein Ergebnis dieser Publikationen ist, dass es den typischen AB nicht gibt. Das gängige Klischee des männlichen ABs, der mit 40 Jahren noch zuhause bei seinen Eltern lebt und dadurch potentielle Partnerinnen abschreckt, trifft in der Realität ebenso wenig auf die Mehrzahl der Fälle zu wie das der beziehungslosen Frau, der alle männlichen Kandidaten „nicht gut genug“ sind.Maja Roedenbeck: Und wer küsst mich? Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt. Berlin 2012, S. 47. Genauso wenig stimmen die Vermutungen, dass männliche ABs sich vor allem aus Informatikern rekrutieren oder weibliche ABs zwangsläufig still und ungesellig sind.Maja Roedenbeck: Und wer küsst mich? Absolute Beginners – Wenn die Liebe auf sich warten lässt. Berlin 2012, S. 48.
Die von Arne Hoffmann und Maja Roedenbeck interviewten beziehungslosen Männer waren von Beruf u. a. Lehrer, Pilot, Anwalt, ArbeitsloserArne Hoffmann in: Leben ohne Sex: Selbsthilfe für erwachsene Jungfrauen, in: Spiegel Online vom 10. August 2008. und Student, Informatiker und Sozialpädagoge. Die beziehungslosen Frauen übten die Berufe Erzieherin, Bankkauffrau, Steuerberaterin, Bibliothekarin und Sekretärin aus. Die Vielfalt der Berufe lässt den Schluss zu, dass kein Zusammenhang zwischen Beruf und unfreiwilliger Beziehungslosigkeit besteht. Die Beziehungsunerfahrenheit ist somit nicht auf Angehörige bestimmter gesellschaftlicher Schichten oder sozialer Gruppen beschränkt.Arne Hoffmann in: Leben ohne Sex: Selbsthilfe für erwachsene Jungfrauen, in: Spiegel Online vom 10. August 2008.
Eine weit verbreitete Annahme ist, dass der Status als Absolute Beginner in der äußeren Erscheinung der Betroffenen begründet ist. Diesem Erklärungsansatz widerspricht die Sexualtherapeutin Monika Büchner: Die überwiegende Mehrzahl der männlichen und weiblichen ABs hätte eine durchschnittliche äußere Erscheinung, teilweise befänden sich sehr attraktive Menschen unter den ABs.Monika Büchner: Für die Liebe ist es nie zu spät: Absolute Beginner – wenn Sie das erste Mal noch vor sich haben. J. Kamphausen, Bielefeld 2016, S. 30, S. 47.
Aus der Vielzahl der von ihnen ausgewerteten Biographien konnten die Autoren einige wiederholt vorkommende Faktoren in den Lebensläufen und dem Verhaltensprofil der Betroffenen herausarbeiten, die als Ursachen für Beziehungslosigkeit anzusehen sind:
SchüchternheitHoffmann, S. 186; Roedenbeck, S. 139; Sprenger S. 211; Büchner, S. 43 – In der Auflistung werden die verwendeten Publikationen aus Gründen der Übersichtlichkeit nur unter Nennung der Autorennamen und Seitenzahl zitiert. Zu den vollständigen Titelangaben siehe die Literaturangaben. geringes Selbstbewusstsein, Minderwertigkeitsgefühle, niedriger Selbstwert – allgemein und in Bezug auf die Einschätzung der eigenen Attraktivität als PartnerWickenhöfer, S. 42; Hoffmann, S. 135, S. 187, S. 222; Sprenger, S. 211; Büchner, S. 43. Fehlen der notwendigen sozialen Kontakte zum Kennenlernen potentieller Partner und zum BeziehungsaufbauWickenhöfer, S. 58–60; Hoffmann, S. 223. Unvermögen zum Smalltalk und FlirtWickenhöfer, S. 61–64; Hoffmann, S. 222; Sprenger, S. 301–303. die beispielsweise im Fehlen von alters- oder geschlechtsspezifischem Modebewusstsein begründete Unfähigkeit, die eigene Person in angemessener Form als sexuell attraktiv darzustellenHoffmann, S. 222. zu hohe oder unrealistische Ansprüche an einen PartnerWickenhöfer, S. 71; Hoffmann, S. 223; Roedenbeck, S. 49; Büchner, S. 45. problematische Einstellungen zu Körperlichkeit, zu Liebesbeziehungen und zum anderen GeschlechtWickenhöfer, S. 39; Büchner, S. 41. wenig ausgeprägtes geschlechtsspezifisches VerhaltenHoffmann, S. 222; Roedenbeck, S. 175–176. keine oder mangelnde Kenntnisse der gesellschaftlichen Konventionen über die Anbahnung von Liebesbeziehungen, in deren Folge verbale, paraverbale oder nonverbale Kommunikation potenzieller Partner oder die eigenen Erfolgsaussichten nicht erkannt werdenWickenhöfer, S. 63; Hoffmann, S. 140–141. zu große Angst oder zu viel falscher Respekt, um eine sexuell intendierte Kontaktaufnahme zu initiieren längerfristige Fokussierung auf einen Wunschpartner aus dem unmittelbaren Umfeld, welcher seinerseits das Interesse an einer Partnerschaft nicht erwidertHoffmann, S. 223; Roedenbeck, S. 176. Unvermögen zu für den Aufbau dauerhafter Beziehungen erforderlichen Verhaltensweisen, z. B. Kompromissbereitschaft gegenüber Wünschen und Ansichten anderer schlechter seelischer Gesundheitszustand wie beispielsweise psychische Erkrankung (Depression, Soziale Phobie, Asperger-Syndrom oder Dysmorphophobie) Angst vor Nähe und Intimität, BindungsangstRoedenbeck, S. 29. unglückliche familiäre Situation während der Kindheit, z. B. fehlende Zärtlichkeiten, verfrüht erfolgte Einnahme der Erwachsenenrolle, der Wegfall des Vaters als männliche Identifikationsfigur für den Sohn oder übermäßig behütetes AufwachsenWickenhöfer, S. 37–40; Hoffmann, S. 217. Emotionale oder körperliche MissbrauchserfahrungBüchner, S. 41–42. Posttraumatische Belastungsstörung Mobbing-Erfahrungen in Kindheit und JugendHoffmann, S. 149–150, S. 163, S. 217; Roedenbeck, S. 51. ein gestörtes Körperschema oder stark negatives Körperbild, z. B. ausgelöst durch eine EssstörungSexualität: Unfreiwillig Jungfrau Spektrum, abgerufen am 7. September 2021. zufallsbedingte ungünstige Lebensläufe, insbesondere während der Pubertät, z. B. längere Krankheit, Scheidung der Eltern, Umzüge, Außenseitertum – einschneidende Ereignisse, die davon abhalten, erste Erfahrungen mit Liebe und Sex zu sammelnWickenhöfer, S. 44–49; Hoffmann, S. 217; Roedenbeck, S. 50–51. demographische Ungleichgewichte (z. B. „Männerüberschuss“)Sprenger, S. 72 ff.Heiratsmarkt und Marriage Squeeze. Analysen zur Veränderung von Heiratsgelegenheiten in der Bundesrepublik. Universität Heidelberg. Abgerufen am 1. September 2014.
Insgesamt sind mehr Männer als Frauen von ungewollter Beziehungslosigkeit betroffen. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat über 1.100 Erwachsene in Deutschland zu dem Thema befragt und stellte fest, dass 5 Prozent der befragten Männer sowie 2 Prozent der befragten Frauen noch keine sexuellen Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hatten. Bisher wurde nur wenig zu dem Thema geforscht, eine amerikanische Studie unter der Leitung von Denise Donnelly kam jedoch zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der befragten Absolute Beginners ein stark negatives Körperbild hatten.
In der Untersuchung von Robin Sprenger wird die Ursachenvielfalt als gordischer Knoten beschrieben. Demnach sind Einzelursachen nicht geeignet, Erklärungsansätze für die Gesamtheit der Betroffenen zu liefern, allerdings können sie im Einzelfall durchaus hinreichend sein.Robin Sprenger: Männliche Absoluter Beginner. Ein kommunikationswissenschaftlicher Ansatz zur Erklärung von Partnerlosigkeit. Wiesbaden 2014, S. 115.