mini| Petrikirche von Südwesten an der Gertraudenstraße, die am Köllnischen Fischmarkt in den Mühlendamm übergeht; rechts die Einmündung der Grünstraße; am Ende der Gertraudenstraße ist links hinter der Kirche das Köllnische Rathaus zu sehen; links die Einmündung der Brüderstraße; Stahlstich des in den Jahren 1847 bis 1853 in den Formen der Neugotik wiedererrichteten Kirchengebäudes mini|Blick durch die Brüderstraße zur Petrikirche, Gemälde von Eduard Gaertner, 1863

Die Petrikirche stand auf dem Petriplatz in Alt-Berlin und gehörte als Stadtpfarrkirche von Kölln zu den ersten fünf Kirchen der Doppelstadt Berlin-Kölln. Sie wurde um das Jahr 1230 auf der höchsten natürlichen Erhebung der Köllner Talsandinsel der Spree mit 35,5 Metern über Normalnull errichtet, mehrmals um- und neugebaut. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche schwer beschädigt. Die DDR-Regierung entschloss sich gegen ihren Wiederaufbau und für die Sprengung, die 1964 erfolgte. Damit reiht sie sich in die Liste der Kirchensprengungen in der DDR ein.Heinz Seyer: Ausgrabungen in der Cöllner Petrikirche. Ein Beitrag zur Frühgeschichte von Berlin. In: Zeitschrift für Archäologie, Band 3, 1969, S. 122–140.

Geschichte

Erste Petrikirche mini|Karte von Berlin und Kölln im Anfang des 13. Jahrhunderts mit der Petrikirche (etwa beim „K“ von „Kollne“); Karl Friedrich von Klöden

In Dokumenten des Jahres 1285 wird eine Prämonstratenser-Gründung in Cölln/Kölln erwähnt, die vom Domkapitel von Brandenburg an der Havel ausgegangen war. Für diese Einrichtung entstand die erste Kirche und erhielt vom damaligen Bischof ihren Namen nach dem Apostel Petrus, dem Patron der Fischer, Schiffer und Brückenbauer. Im Jahr 1237 wird ein Pfarrer Symeon zu Kölln (Symeon plebanus de Colonia) genannt, was das Bestehen der Petrikirche zu diesem Zeitpunkt bestätigt und gleichzeitig die erste urkundliche Erwähnung Köllns ist, das später nach Berlin eingemeindet wurde.

Im Jahr 1967 vorgenommene archäologische Grabungen auf dem Kirchengelände unter dem westlichen Gehweg der Gertraudenstraße bezeugen, dass die Petrikirche, wie die Berliner Nikolaikirche, um 1200, spätestens 1230, entstanden sein muss. Es lässt sich ein Grundriss des ersten, sicher spätromanischen, Baues von 45 m × 20 m rekonstruieren, ohne dass sich ansonsten von der Bausubstanz etwas erhalten hätte. Das Aussehen der Kirche bleibt somit unklar.

Vermutlich standen am Ort der romanischen Petrikirche mindestens zwei frühere Gotteshäuser.

Die romanische Kirche wurde zweimal durch Feuer beschädigt und einmal durch einen Kirchturmeinsturz schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Kirche wies einen Hauptaltar und mehrere Nebenaltäre auf, die stiftungsmäßig durch die Cöllner Bürger und den Landesherrn unterhalten sowie durch Ablassbriefe gefördert wurden. Die Briefe bescheinigten dem jeweiligen Erwerber einen Ablass, also einen Nachlass von auferlegten Strafen, die von dem Sünder nach seiner Reue, Umkehr und kirchlich erhaltenen Beichtabsolution noch zu verbüßen waren.

Die Petrikirche befand sich im 14. Jahrhundert in schlechtem Zustand. Dies stand im Zusammenhang mit der Ermordung des Probstes Nikolaus von Bernau. Nachdem König Ludwig von Bayern im Jahr 1323 seinen Sohn Ludwig zum neuen Markgrafen gemacht hatte, stellte sich Nikolaus mit Teilen der Geistlichkeit gegen diesen neuen Landesherrn. Papst Johannes XXII. hatte dessen Ernennung abgelehnt und im folgenden Jahr König Ludwig sogar exkommuniziert. Nikolaus von Bernau hielt sich im August 1324 oder 1325 in Berlin bei seinem Amtskollegen Eberhard auf, als eine aufgebrachte Menschenmenge ihn aus dem Haus des Propstes zerrte und ihn erschlug. Sein Leichnam wurde von der entfesselten Menge daraufhin verbrannt. Der Hintergrund war wahrscheinlich die Parteinahme Nikolaus von Bernaus gegen Ludwig, während die Berliner für den Bayern eingestellt gewesen waren. Ende des Jahres 1325 wurde über Kölln und Berlin das kirchliche Interdikt durch den Bischof verhängt. Es durften keine Messen mehr gefeiert werden, jede pfarrgeistliche Tätigkeiten wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen waren verboten. Der Handel der Doppelstadt Berlin-Kölln litt erheblich, da zahlreiche Kaufleute mit Exkommunizierten keine Geschäfte machen wollten. Erst im Jahr 1335 wurde ein Sühnevertrag zwischen dem Bischof und der Stadt Berlin geschlossen, in der die Stadt zu umfangreichen Sühneleistungen, wie einen Sühnealtar in der Marienkirche, ein Sühnekreuz an der Stelle des Lynchmordes in der Spandauer Straße sowie Entschädigungszahlungen an die Angehörigen des Opfers verpflichtet wurde. Das Sühnekreuz für den Mord an Nikolaus von Bernau steht heute vor dem Haupteingang der Marienkirche in Berlin. Es wurde im 17. Jahrhundert an die jetzige Stelle gebracht. Vollständig wurde das Interdikt erst im Jahr 1345 aufgehoben. Noch 1347 verpflichteten sich die Ratsherren von Berlin und Kölln zu jährlichen Zahlungen an die Stadt Bernau für Gedächtnismessen und Kerzen.Hartmut Kühne: Die Bernauer Marienkirche als Propstei-, Pfarr- und Bürgerkirche von ihrer Gründung bis zur Reformation. In: Hartmut Kühne, Claudia Rückert (Hrsg.): Kirche in der Stadt, Die Marienkirche in Bernau und ihre Ausstattung. Berlin 2017. S. 29–46, hier S. 31. Somit waren in der Petrikirche annähernd zwei Jahrzehnte keine Messen mehr gehalten und keine Sakramente mehr gespendet worden, sodass der Bauzustand erheblich litt.Claudia M. Melisch, Marina Wesner: St. Petri-Kirche. Berlin Story Verlag, Berlin 2008, S. 53–55.

Zweite und dritte Petrikirche mini|Petrikirche von Süden mit Kirchhof, um 1690 mini|Blick durch die Brüderstraße auf die Petrikirche, um 1690 mini|hochkant=1|Entwurf zum Turm der Petrikirche, um 1730 mini|Barocke Petrikirche als südlicher Abschluss der Brüderstraße;Kupferstich nach einer Vorlage von Franz Ludwig Catel, 1808

Vermutlich zeitgleich mit der Neuerrichtung des Chores der Berliner Nikolaikirche begann man im späten 14. Jahrhundert mit einem Umbau der Köllner Petrikirche im gotischen Stil. Die Ostung der Kirche wurde beibehalten. Der untere Teil der Wände blieben wohl erhalten und bestanden aus Feldsteinen. Der rechteckige, dreischiffige und fünfjochige Bau in Hallenform ging in einen langen, leicht eingezogenen Chorbereich mit polygonaler, umgangsloser Apsis über. In Richtung der Scharrenstraße und zur Gertraudenstraße gab es jeweils einen polygonal schließenden Kapellanbau. An den Kapellanbau zur Gertraudenstraße schloss sich ab 1505 zusätzlich eine Marienkapelle auf rechteckigem Grundriss an. Die zweijochige Kapelle zur Ehre der Gottesmutter Maria war von einem Bäckermeister Fritze gestiftet worden. Im Jahr 1517 bewilligte Kardinal Albrecht von Brandenburg einen eigenen Ablass. Im Folgejahr 1518 gestattete der gebürtige Berliner Johann II. von Blankenfelde in seiner Funktion als Erzbischof von Riga einen weiteren Ablass für den Corpus-Christi-Altar. Der schiefergedeckte Cöllner Kirchbau war insgesamt etwa 64 Meter lang und circa 17 Meter breit.

Joachim II., Kurfürst von Brandenburg und Herzog von Preußen sowie Neffe von Albrecht von Brandenburg, führte im Jahr 1539 die Reformation ein. Nach Beratungen mit Philipp Melanchthon übernahm man die reformatorische Praxis der Priesterehe statt des bisherigen Zölibates und des Laienkelches beim Abendmahlsgottesdienst sowie die Lehre von der Rechtfertigung nach Martin Luthers theologischer Vorstellung. Ansonsten bemühte man sich, die überlieferten katholischen Traditionen beizubehalten.Walter Delius: Kurfürst Joachim II. von Brandenburg und das Konzil von Trient. In: Martin Greschat, Johann Friedrich Gerhard Goeters (Hrsg.): Reformation und Humanismus. Witten 1969, S. 195–211.Gustav Kawerau: Joachim II. In: Realencyclopädie für protestantische Theologie und Kirche, 9, 1901, S. 223–227.Andreas Stegmann: Die Kirchenpolitik des brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. In: Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte, 71, 2017, S. 42–148.

Die Petrikirche wurde im Jahr 1555 renoviert und im Jahr 1605 deckte man Kirchen- und Turmdach neu ein. Dabei fand man angeblich im Turmknopf eine Urkunde, die besagt haben soll, dass der Turm im Jahr 1440 errichtet oder zumindest erneuert worden war. Im Jahr 1606 stattete man die Petrikirche mit einer kunstvoll geschnitzten Kanzel aus. Etwas später folgte die Stiftung eines Renaissance-Altars. Umfangreiche Bauerhaltungsmaßnahmen erfolgten in den Jahren 1615 und 1675. Bereits im Jahr 1663 hatte der Cöllnische Rat dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg mitgeteilt, dass der Turm der Petrikirche sich in derart desolatem Zustand befände, dass er abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden müsse. Allerdings kam es nur zu einer Reparatur des bisher bestehenden Turmes. Als der Turm wiederum große Schäden aufwies, wurde der obere Teil schließlich abgerissen und man schloss den stehengebliebenen Stumpf mit einem Walmdach. Eine Zeichnung aus der Zeit um das Jahr 1690 gibt den Bauzustand zu dieser Zeit wieder.Claudia M. Melisch, Marina Wesner: St. Petri-Kirche. Berlin 2008, S. 55–56.

Im Jahr 1615 ging von der Petrikirche der Berliner Tumult aus. Es handelt sich hierbei um innerprotestantische konfessionelle Unruhen, die sich in der Karwoche 1615 in Berlin-Kölln ereigneten.Gabriel Almer: Calvinista Aulico-Politicus, Konfession und Herrschaft in Brandenburg-Preußen (ca. 1660–1740). Berlin 2016, S. 85–86.

Kölln und Alt-Berlin schlossen sich im Jahr 1709 zusammen, auch die Kirchenorganisation der Residenzstadt wurde entsprechend angepasst. Ab 1717 erfolgte ein umfangreicher Umbau der Kirche unter Leitung von Martin Heinrich Böhme, nunmehr im barocken Baustil. Neben einer von Johann Conrad Koch angefertigten Kanzel betraf dies vor allem den Bau eines neuen Kirchturms, der von Johann Friedrich Grael geplant und mit dessen Bau 1726 begonnen wurde. Kurz vor Fertigstellung des Turms, als er eine Höhe von 108 Metern erreicht hatte, traf am 29. Mai 1730 ein Blitz das Baugerüst des Turmes und die Kirche und richtete schweren Schaden an, sodass das Bauwerk praktisch von Grund auf neugestaltet werden musste. Den Wiederaufbau leitete ab 1731 zunächst wieder Grael und ab 1733 Philipp Gerlach. Im zeitigen Frühjahr 1734 konnte „die Helmstange von 26 Zentner Gewicht aufgerichtet“ werden. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. hatte sich bereit erklärt, die Baukosten mit 30.000 Talern zu finanzieren. Der von ihm ausgeübte Druck, die Kirche möglichst schnell fertigzustellen, führte zu einer unsachgemäßen Bauausführung, sodass der Turm am 28. August 1734 einstürzte. Vor allem stürzte die „schwere steinerne Krone eines Turmes“ herab. Sie wurde von den Anwohnern geborgen und im Keller eines benachbarten Wohnhauses eingelagert.

Eine einberufene Untersuchungskommission, bestehend aus Johann Carl Stoltze, Friedrich Wilhelm Diterichs, Philipp Wilhelm Nuglisch und Johann Gottfried Kemmeter, bestätigte die Korrektheit von Graels Entwurf. Trotzdem wurde Grael im Januar 1735 verhaftet und Stoltze zu seinem Nachfolger ernannt. 1737 lieferte Titus de Favre einen neuen Entwurf für den Wiederaufbau des Turms. Gemeinsam mit Stoltze übernahm er 1738 die Bauleitung. Der Bau wurde aber nicht vollendet. Der Kirchenraum erhielt 1750 eine neue Orgel von Johann Peter Migendt mit drei Manualen und 50 Registern.Jakob Adlung: Musica mechanica Organoedi. Berlin 1768, S. 198

Am 20. September 1809 brannte die Kirche erneut bis auf die Grundmauern ab. Die Trümmer wurden abgeräumt. Rund 40 Jahre lang stand an dieser Stelle die Ruine und es wurde darum gestritten, ob hier ein Park entstehen sollte oder noch einmal ein Kirchengebäude.

Vierte Petrikirche mini|Grundriss der neogotischen Kirche mini|Blick vom Spittelmarkt durch die Gertraudenstraße zur Petrikirche, 1901 mini|Blick von der Grünstraßenbrücke über den Spreekanal durch die Grünstraße zur Petrikirche, 1903 mini|hochkant|Kriegsbeschädigte Petrikirche von der Grünstraße aus gesehen, 1951