Ernst Lehmann (* 11. September 1906 in Graz, Österreich-Ungarn; † 1990 in Pulheim) war ein sudetendeutscher Volkstumsideologe, Ostforscher und Vertriebenenfunktionär. Der evangelische Pastor gehörte mit Eugen Lemberg und Karl Valentin Müller zu den ideologischen Vorkämpfern der sudetendeutschen Volkstumsbewegung in der Zwischenkriegszeit, im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland. Lehmann war Mitbegründer des völkischen Witikobundes.
Leben Ernst Lehmann war der Sohn des Gymnasiallehrers Emil Lehmann, der sich nach dem Ersten Weltkrieg als Volkskundler, Volksbildner und völkischer Publizist hervortat. Der Sohn studierte evangelische Theologie an den Universitäten Wien, Leipzig, Marburg, Linz und Prag. Ab 1929 absolvierte er das Vikariat, 1930 wurde er zum Pastor ordiniert. Als Pfarrer der Deutschen Evangelischen Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien leitete er zunächst eine Gemeinde im nordböhmischen Neustadt an der Tafelfichte, dann in Friedland.Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 610.
Lehmann war Mitglied in völkisch-deutschnational geprägten Organisationen wie dem Deutschen Turnverband, Bund der Deutschen und Deutscher Kulturverband, die für den „Schutz des Deutschtums“ in den nach dem Ersten Weltkrieg zur Tschechoslowakei gekommenen Gebieten eintraten. Er trat 1934 der Sudetendeutschen Heimatfront bzw. Sudetendeutschen Partei (SdP) unter Konrad Henlein bei, 1938 war er im SdP-Nachrichtendienst tätig. Nach der Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland im selben Jahr war er außerplanmäßiger Schulrat im Reichsgau Sudetenland. Er stellte ein Aufnahmegesuch in die NSDAP, das aber 1939 wegen seines geistlichen Berufs abgelehnt wurde. Von 1941 bis 1943 als Dozent an der Lehrerbildungsanstalt Reichenberg, anschließend leistete er bis 1945 Kriegsdienst.Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 611. In Veröffentlichungen dieser Zeit, wie Volksgemeinschaft aus Nachbarschaften (1944), vertrat Lehmann die nationalsozialistische Rassenideologie und befürwortete in letzter Konsequenz auch deren Vernichtungspolitik.Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 289.
Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wirkte Lehmann als Vertriebenenseelsorger in Hessen. Er leitete eine Betreuungsstelle des Evangelischen Hilfswerks. In der Nachkriegszeit war er als „Multifunktionär“ im sudetendeutschen Verbandswesen aktivTobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 288. und Mitglied im Witikobund, der 1948 hauptsächlich von vormaligen NSDAP- und SS-Angehörigen gegründeten völkisch-deutschnationalen „Gesinnungsgemeinschaft“ der Sudetendeutschen.
Zusammen mit Eugen Lemberg, mittlerweile Kulturreferent im Bundesvertriebenenministerium, gründete er 1955 die Bundesarbeitsgemeinschaft für deutsche Ostkunde im Unterricht.Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 291. Lehmann war Schriftleiter von deren vierteljährlich erscheinender Zeitschrift Deutsche Ostkunde. Zudem leitete er die Sudetendeutsche Fachstelle für deutsche Ostkunde. Diese Organisationen setzten sich für Ostkunde als Unterrichtsgegenstand an Schulen in der Bundesrepublik Deutschland ein, wie es in den 1950er-Jahren von Kultusministerien und vom Deutschen Bundestag beschlossen wurde. Damit war eine Behandlung der Ostgebiete des Deutschen Reiches sowie der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete im östlichen Mittel-, Ost- und Südosteuropa, aus denen die Deutschen infolge der Niederlage NS-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg geflohen oder vertrieben worden waren, gemeint. Ostkundlern wie Lehmann kam es dabei weniger auf die Vermittlung historischen, geographischen oder volkskundlichen Wissens an, sondern vielmehr darauf, das Anspruchsdenken auf die „verlorenen Gebiete“ bei der jungen Generation wachzuhalten, auf den „Gesichtspunkt der Wiedergewinnung der angestammten Heimat“.
Er gehörte mit Lemberg zum Netzwerk der Ostforscher, welche auch nach 1945 im Sinne der völkischen Ideologie die Kulturleistungen der Deutschen in Ostmitteleuropa überhöhten und die ihrer slawischen Nachbarn abwerteten. Völkische Stereotype gegenüber Osteuropa verbanden sie in der Zeit des Kalten Kriegs mit antikommunistischen.Eva Hahn: Das völkische Stereotyp ‚Osteuropa‘ im Kalten Krieg. Eugen Lembergs ‚Erkenntnisse‘ über Osteuropa aus der Sicht der historischen Stereotypenforschung. In: Hans Henning Hahn, Elena Mannová (Hrsg.): Nationale Wahrnehmung und ihre Stereotypisierung (= Mitteleuropa – Osteuropa. Band 9). Peter Lang, Frankfurt am Main 2007, S. 401–442.
Im sudetendeutschen Milieu fand Lehmann große Anerkennung, Kritiker warfen ihm hingegen sein deutschnational-völkisches Gedankengut vor, der Witikobund wird vielfach als rechtsextrem eingestuft. In seinem 1979 veröffentlichten Erinnerungsband Um tiefere Wurzeln erläuterte er offen und ausführlich die kulturhistorischen Kontinuitäten zwischen der völkischen NS- und der Vertriebenenideologie sowie in den personalpolitischen Netzwerken.Biographische Skizzen, in: Bohemistik, ein Projekt der Arbeitsstelle „Historische Stereotypenforschung“ am Institut für Geschichte der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Publikationen Um tiefere Wurzeln. Sudetendeutsche Erinnerungen am Abgrund der Ersatzreligion, Verlagshaus Sudetenland, München 1979 Eingliederung der Vertriebenen und Flüchtlinge in Westdeutschland als Unterrichtsaufgabe eine Handreichung, Hannover-Linden: Jäger, 1964 Mithrsg.: Um Glaube und Heimat. Evangelische Bausteine zum sudetendeutschen Geschichtsbild. Mit einer Weiterführung bis zur Gegenwart und Beiträgen über die Sonderentwicklung in Schlesien, Melsungen, Glaube und Heimat, 1957. (= Schriften der Gemeinschaft evangelischer Sudetendeutscher e.V., Folge 3/4) (Hrsg.): Der deutsche Osten im Unterricht, Weilburg/Lahn 1956
Literatur Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-631-57104-0, S. 610f, Eintrag Lehmann, Ernst.
Weblinks Biographische Skizzen, in: Bohemistik – ein Projekt der Arbeitsstelle „Historische Stereotypenforschung“
Einzelnachweise
Kategorie:Evangelischer Geistlicher (20. Jahrhundert) Kategorie:Heimatforscher (Sudetenland) Kategorie:Vertriebenenfunktionär Kategorie:Person der völkischen Bewegung Kategorie:SdP-Mitglied Kategorie:Witikobund-Mitglied Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1906 Kategorie:Gestorben 1990 Kategorie:Mann