mini|hochkant=1.33|Karte der Kraftwerke und des Hochspannungs-Leitungsnetzes von Hydro-Québec (2008). Die Kraftwerke des Baie-James-Wasserkraftprojekts befinden sich links der Bildmitte. Als Baie-James-Wasserkraftprojekt () wird eine Gruppe von neun Wasserkraftwerken im Norden der kanadischen Provinz Québec bezeichnet. Sie befinden sich in der Region Jamésie im Einzugsgebiet des La Grande Rivière, eines 893 Kilometer langen Flusses, der in die James Bay () fließt. Seit den 1970er Jahren errichtete die Société d’énergie de la Baie-James, eine Tochtergesellschaft des staatlichen Energieversorgungsunternehmens Hydro-Québec, elf Kraftwerke. Diese besitzen eine installierte Leistung von zusammen 17.445 MW. Das Baie-James-Wasserkraftprojekt generiert damit rund die Hälfte der gesamten Elektrizitätsproduktion in Québec und übertrifft beispielsweise jene von Belgien.MRNF: L'Énergie pour construire le Québec de demain. S. 10.
Geographische Situation Die Region um die James Bay, auch als Jamésie bekannt, erstreckt sich über eine Fläche von 350.000 km² – begrenzt durch den 49. und 55. nördlichen Breitengrad, die James Bay im Westen und die Wasserscheide zum Einzugsgebiet des Sankt-Lorenz-Stroms im Osten.SEBJ: Complexe hydroélectrique de la Grande-Rivière. S. 4. Das Gelände des Gebiets ist wenig ausgeprägt und lässt sich in drei Regionen unterteilen: eine 150 km breite Küstenebene, eine hügelige Hochebene von maximal 400 Höhenmetern und die Monts Otish im Osten mit Bergen zwischen 900 und 1100 Höhenmetern.SEBJ: Complexe hydroélectrique de la Grande-Rivière. S. 18.
Das Gebiet ist Teil des Kanadischen Schilds und ruht auf einem Sockel aus magmatischem und metamorphen Gestein aus dem Präkambrium. Die Erosion während der vergangenen Kaltzeiten, die letzte endete vor 6000 Jahren, prägte das Geländerelief nachhaltig. Dabei hinterließen die zurückweichenden Gletscher Ablagerungen von Sedimenten wie Tonminerale, Schluff und Sand. Dadurch änderte sich auch das Flusssystem des Gebiets. Die natürliche Seismizität ist gering. Hingegen verursachte das Auffüllen der Stauseen vereinzelt kleinere Erdbeben. So kam es 1983 zu einem Erdbeben der Stärke 4 rund 50 km nördlich des Hauptdamms von La Grande-3.SEBJ: Complexe hydroélectrique de la Grande-Rivière. S. 21.
Das Klima der Region Jamésie ist subarktisch. Die Winter sind lang und dauern durchschnittlich vom 22. Oktober bis zum 4. Mai.SEBJ: Complexe hydroélectrique de la Grande-Rivière. S. 23. Die Sommer sind kurz und mild, mit einer durchschnittlichen Temperatur von 13,6 °C im Juli, während diese im Januar auf −22,9 °C sinkt. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt 765 mm, davon ein Drittel in Form von Schnee. Am heftigsten regnet es im Sommer, im Winter beträgt die Höhe der Schneedecke 50 bis 100 cm. Die Niederschlagsmenge ist markant niedriger als beispielsweise in Montreal, wo sie 1050 mm/Jahr beträgt.
Planungsgeschichte
Erkundung mini|Übersicht der Erkundungsgebiete Im Auftrag der Shawinigan Water and Power Company (SW&P) nahm ein Team um H. M. Finlayson zwischen 1950 und 1959 hydrologische Untersuchungen am Rivière Nottaway, am Rivière Broadback und am Rivière Rupert vor (zusammen als NBR bezeichnet).Lacasse: Baie James, une épopée. S. 34–35. Zu den untersuchten Optionen gehörte die mögliche Umleitung dieser Flüsse in den Rivière Saint-Maurice (und somit in das Einzugsgebiet des Sankt-Lorenz-Stroms), um die Leistung der acht dort befindlichen Kraftwerke der SW&P zu erhöhen.
Mit der Verstaatlichung mehrerer privater Gesellschaften im Jahr 1963, darunter der SW&P, gelangte die staatliche Hydro-Québec in den Besitz der von Finlayson durchgeführten Voruntersuchungen zum Wasserkraftpotenzial der Flüsse an der James Bay.Bourassa: L’énergie du Nord. S. 26.Bolduc, Hogue, Larouche: L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 257–258. Zunächst standen jedoch andere Projekte im Vordergrund, da sie leichter und kostengünstiger zu verwirklichen waren. Hydro-Québec ließ das große Potenzial der Flüsse im Norden vorerst ungenutzt und setzte nur minimale Ressourcen ein. 1965 sah das Forschungsprogramm des Unternehmens Erkundungen zwischen dem 52. und 55. nördlichen Breitengrad sowie hydrografische Untersuchungen in diesem Gebiet vor.Bolduc: Du génie au pouvoir. S. 112.
Ab 1967 intensivierte Hydro-Québec die Untersuchungen am La Grande Rivière und am Rivière Eastmain. Dutzende, später Hunderte von Personen wurden mit Hubschraubern und Wasserflugzeugen in die unzugängliche Region gebracht. Dort führten sie geodätische Messungen und geologische Studien durch, um geeignete Standorte für mögliche Wasserkraftwerke zu ermitteln.Lacasse: Baie James, une épopée. S. 43. Wegen Budgetkürzungen sah sich Hydro-Québec Ende 1967 gezwungen, die Erkundungstätigkeiten markant zu reduzieren. Obwohl diese zwischen 1968 und 1970 nur noch sporadisch stattfanden, hielt das Unternehmen die Planungs- und Analysearbeiten aufrecht, da die bisher gesammelten Daten ein großes Entwicklungspotenzial versprachen.Bourassa: L’énergie du Nord. S. 26–27.
„Projekt des Jahrhunderts“ mini|hochkant|Robert Bourassa Robert Bourassa, ein Abgeordneter der Nationalversammlung von Québec, traf sich im Dezember 1969 mit Roland Giroux, dem Präsidenten von Hydro-Québec, zu einem Arbeitsessen. Bourassa, der sich damals um den Vorsitz der Parti libéral du Québec bewarb, war daraufhin zunehmend davon überzeugt, dass ein großes Wasserkraftprojekt in der Region Jamésie umsetzbar und wünschenswert sei.Lacasse: Baie James, une épopée. S. 97–98. Einen Monat später wurde er zum neuen Vorsitzenden der Liberalen gewählt. Er machte den Ausbau der Wasserkraft zu einem zentralen Bestandteil des anschließenden Wahlkampfs. Im April 1970 konnten die Liberalen die Wahlen zur Nationalversammlung für sich entscheiden.
Für den früheren Ökonomen und neuen Premierminister Bourassa stellte das Baie-James-Wasserkraftprojekt die Lösung zweier Probleme dar. In seinem 1985 veröffentlichten Essay L’énergie du Nord („Die Energie des Nordens“) führte er aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung Québecs auf der Erschließung der natürlichen Ressourcen basiere. Darüber hinaus hatte er 1969 die Berechnung angestellt, dass die Nachfrage nach Elektrizität bis 1983 das Angebot um 11.000 MW übertreffen werde. Diese Einschätzung stimmte mit Voraussagen überein, die Hydro-Québec damals gemacht hatte. Sechs Monate nach der Wahl begann Bourassa zusammen mit seinem Berater Paul Desrochers an den Details zu arbeiten. Nachdem sie im September 1970 das Management von Hydro-Québec über den neuesten Stand informiert hatten, reiste er inmitten der Oktoberkrise nach New York, um Verhandlungen über die Finanzierung des Projekts zu führen.Bourassa: L’énergie du Nord. S. 27–29.
Bourassa stellte im März 1971 seinen Plan dem Kabinett vor und empfahl, die Koordination der Bauarbeiten der US-amerikanischen Bechtel Corporation zu übertragen. Als Datum der öffentlichen Bekanntmachung wählte die Regierung den 30. April 1971, den Jahrestag der Amtsübernahme, als Ort eine Parteiversammlung im Petit Colisée in der Provinzhauptstadt Québec. Vor 5000 Anwesenden versprach Bourassa, das „Projekt des Jahrhunderts“ (projet du siècle) werde 100.000 Arbeitsplätze schaffen. Gemäß Berichten von Journalisten soll die Versammlung mit „Szenen von unbeschreiblichem Enthusiasmus“ zu Ende gegangen sein.Pierre Gravel, Pierre Vennat: Sept mois après la crise d'Octobre : un projet qu'il fallait lancer en 1971!. In: Roger Leroux (Hrsg.): La Baie James, projet du siècle. La Presse, Montreal 1979, S. 7–9.
Widerstand der Nuklearlobby Unmittelbar danach wurden Stimmen gegen das Projekt laut. Seit mehreren Jahren war eine Lobby aktiv, die für die Förderung der Kernenergie eintrat. Sie umfasste Vertreter der Bundesregierung, der Atomic Energy of Canada Limited und auch von Hydro-Québec selbst. Erstmals in Erscheinung getreten war sie 1965, nachdem die Provinzregierung sich dazu entschlossen hatte, in das Wasserkraftwerk Churchill Falls zu investieren. Verschiedene hochrangige Vertreter der oppositionellen Parti Québécois sprachen sich ebenfalls gegen Bourassas Projekt aus.Bolduc: Du génie au pouvoir. S. 119.
Die Geschäftsleitung von Hydro-Québec hielt eisern am Wasserkraftprojekt fest. Präsident Roland Giroux argumentierte, internationale Großinvestoren seien „der Kernenergie gegenüber noch immer skeptisch. Wenn wir ihnen ein gutes Wasserkraftprojekt präsentieren, und Baie-James ist eines, dann werden wir bald sehen, wo ihre Prioritäten liegen.“ Ingenieur Robert A. Boyd wies auf die Unsicherheiten hin, mit denen die Kernenergie damals konfrontiert war. Er empfahl, einen gewissen Grad an Fachwissen in diesem Gebiet beizubehalten, sprach sich aber dafür aus, den Bau von Kernkraftwerken möglichst lange hinauszuzögern.Bolduc: Du génie au pouvoir. S. 113.
Bourassa erhielt unerwartete Schützenhilfe, als Alexei Kossygin, Ministerpräsident der Sowjetunion, Montreal im Oktober 1971 besuchte. Kossygin lobte das Projekt und äußerte Bedenken bezüglich des Kernenergieprogramms seines eigenen Landes. Die Sowjetunion habe diese Technologie entwickeln müssen, da das Land nicht über genügend geeignete Flüsse verfüge, um ausreichend Wasserkraftwerke und Dämme zu errichten. Die Nuklearlobby verlor zunehmend an Einfluss. Bourassa schrieb 1985 in L’énergie du Nord, bereits im Dezember 1969 hätten die Untersuchungen klar gezeigt, dass die Wasserkraft wirtschaftlicher als die Kernenergie sei.Bourassa: L’énergie du Nord. S. 33.
Einflussnahme von Hydro-Québec Am 23. Juni 1971 brachte die Regierung einen Gesetzentwurf ein, der die Schaffung der Société de développement de la Baie James (SDBJ) vorsah. Nach dem Vorbild der Tennessee Valley Authority sollte sie die wirtschaftliche Erschließung der Region Jamésie planen und umsetzen.Bolduc: Du génie au pouvoir. S. 121. Bourassa war davon überzeugt, dass die Bauarbeiten von Privatunternehmen ausgeführt werden müssten und dass Hydro-Québec nur eine Minderheitsbeteiligung halten solle. Er misstraute dem einflussreichen Staatsbetrieb, der in den 1960er Jahren zum führenden Unternehmen Québecs aufgestiegen war. Der Historiker Paul-André Linteau schreibt, Hydro-Québec sei damals wie ein „Staat im Staat“ aufgetreten.
Die Unternehmensleitung wehrte sich dagegen, ins zweite Glied abgeschoben zu werden, und übte ihrerseits Einfluss auf politische Entscheidungsträger und Medien aus. Eine Führungsrolle des Unternehmens sei notwendig, um das Vertrauen der Finanzmärkte zu gewinnen. Die Bemühungen trugen Früchte, als die Vorsitzenden zweier Oppositionsparteien und der Verleger von Le Devoir die Regierung kritisierten, ob es denn wirklich notwendig sei, ein „zweites Hydro“ zu schaffen, um die Flüsse des Nordens zu erschließen.Bolduc: Du génie au pouvoir. S. 121–123. Nach einer lebhaften Debatte verabschiedete die Nationalversammlung am 14. Juli 1971 das Gesetz 50, welches die SDBJ ins Leben rief und sie mit der Erschließung des 350.000 km² großen Gebiets zwischen dem 49. und 55. Breitengrad beauftragte.Lacasse: Baie James, une épopée. S. 152.Bourassa: L’énergie du Nord. S. 35.
Auf Drängen der Opposition hatte die Regierung einer Mehrheitsbeteiligung von Hydro-Québec zugestimmt. Das Unternehmen wollte jedoch bei der Umsetzung des Baie-James-Projekts freie Hand haben und übte weiterhin Druck aus. Am 21. Dezember 1971 schuf die Regierung als Tochtergesellschaft der SDBJ zusätzlich die Société d’énergie de la Baie James (SEBJ), verantwortlich für die Projektplanung und die Bauarbeiten an den Wasserkraftanlagen. Hydro-Québec war Mehrheitsaktionär und übernahm 1978 die vollständige Kontrolle; seither ist die SEBJ eine 100-prozentige Tochtergesellschaft.SEBJ: Complexe hydroélectrique de la Grande-Rivière. S. 2.
Standortwahl mini|Staudamm La Grande-2; in der Mitte ist die Hochwasserentlastung zu sehen, am rechten Bildrand der Damm