mini|Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow (1945) mini|Unterschrift Molotows (1944) mini|Unterschrift in lateinischen Buchstaben (Geheimes Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt 1939)

Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow (, wissenschaftliche Transliteration ; eigentlich ; *  in Kukarka, Russisches Kaiserreich; † 8. November 1986 in Moskau, Sowjetunion) war ein führender sowjetischer Politiker und einer der engsten Vertrauten Josef Stalins.

Das Mitglied der Bolschewiki nahm bereits als Student an der Februarrevolution und am Oktoberputsch des Jahres 1917 aktiv teil. Von 1926 bis 1957 gehörte Molotow dem Politbüro und damit der obersten Führungselite der Sowjetunion an. Er war außerdem Regierungschef (1930–1941) und Außenminister (1939–1949, 1953–1956) seines Landes. Als solcher war er im August 1939 maßgeblich am Zustandekommen des Hitler-Stalin-Pakts beteiligt. Gegen Ende der Herrschaft Stalins und erneut 1957 unter dessen Nachfolger Chruschtschow wurde Molotow entmachtet. Die Kommunistische Partei schloss ihn 1962 aus, rehabilitierte ihn jedoch 1984 und nahm ihn wieder auf. Bis zu seinem Lebensende verteidigte Molotow die Regierungspraktiken und Verbrechen des Stalinismus.

Leben Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin wurde in der Kleinstadt Kukarka bei Wjatka im nordöstlichen europäischen Russland 1890 als Sohn eines Verwalters geboren. Nach einer in der Sekundärliteratur zuweilen auftauchenden, jedoch nicht klar belegten AngabeZ. B. Friedrich Saathen: Von Kündern und Ketzern. Biographische Studien zur Musik des 20. Jahrhunderts. Böhlau, Wien 1986, ISBN 3-205-05014-2. soll er ein Neffe des bekannten Komponisten Alexander Skrjabin gewesen sein, dies gilt jedoch heute als widerlegt.Simon Sebag Montefiore: Am Hof des roten Zaren. Frankfurt/Main 2006.Roxanne Cogan: V. M. Molotov, Los Angeles Times, 1. Januar 1987 (Leserbrief einer Enkelin von Alexander Skrjabin, englisch) 1921 heiratete er die Politikerin Polina Semjonowna Schemtschuschina, mit der er eine Tochter hatte.

Aufstieg Er war bereits seit 1906 – also im Alter von 16 Jahren – Mitglied der Bolschewiki in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Er nahm – wie viele Kommunisten – für seine illegale Arbeit im Russischen Kaiserreich einen Tarnnamen an; in seinem Fall lautete er Molotow, abgeleitet von („Hammer“).

1909 wurde er erstmals verhaftet und musste zwei Jahre in einem sibirischen Lager verbringen. Ab 1911 studierte er am Polytechnischen Institut in Sankt Petersburg. Er schrieb für die illegale Prawda, die kommunistische Parteizeitung der Bolschewiki, deren Chefredakteur seit 1912 Josef Stalin war. 1913 wurde Molotow erneut verhaftet und nach Irkutsk in Sibirien deportiert. 1915 gelang ihm die Flucht, woraufhin er in die Hauptstadt Petrograd zurückkehrte. Hier wurde er Mitglied im Parteikomitee der Stadt.

Revolutionsjahr 1917 Als mit der Februarrevolution von 1917 die Zarenherrschaft in Russland beendet wurde, waren nur wenige Bolschewiki frei und in Petrograd aktiv tätig. Molotow leitete in diesen Tagen die Prawda. Die Bolschewiki hatten in Russland nur etwa 20.000 Mitglieder, die unter der Anleitung eines kleinen Büros des Zentralkomitees in Petrograd arbeiteten und von den Arbeitern Schljapnikow und Saluzki sowie dem Studenten Molotow geführt wurden. Molotow forderte in einem Manifest die Schaffung einer provisorischen revolutionären Regierung.

Im März 1917 übernahmen die Haftentlassenen Lew Kamenew, Josef Stalin und Matwei Muranow sowie Jakow Swerdlow die Parteiführung. Der junge Molotow ordnete sich diesen erfahrenen Revolutionsführern unter. Er war wieder Redakteur der nun von Kamenew und Stalin geleiteten Parteizeitung Prawda und wurde nach und nach zum engsten Mitarbeiter Stalins.

Stalin und Kamenew revidierten die von Molotow in der Prawda vertretene Linie einer sofortigen Machtübernahme durch die Sowjets und die Bolschewiki. Erst mit der Rückkehr von Wladimir Iljitsch Lenin setzte dieser die Linie der sofortigen Machtergreifung durch eine Revolution im neu eingerichteten Politbüro durch. Molotow schrieb:Leo Trotzki: Stalin. Pawlak und Kiepenheuer-Verlag, Köln, ISBN 3-88199-074-7, S. 294.

Molotow wurde nun Mitglied des Petrograder Sowjets. Unter der Führung von Lenin und Trotzki wirkte er – der noch kein Mitglied des Politbüros war – bei der Vorbereitung der Oktoberrevolution aktiv mit.

Von 1920 bis 1921 war er als Nachfolger von Stanislaw Kossior Erster Sekretär (Vorsitzender) der Kommunistischen Partei der Ukraine.

Im Zentrum der Macht Auf dem X. Parteitag der bolschewistischen Partei, der KPR(B) von 1921 verloren die Trotzki-Anhänger (unter anderem Krestinski) ihre Ämter als Parteisekretäre, und die Stalin-Anhänger Molotow, Jaroslawski sowie Michailow wurden vom 16. März 1921 bis zum 27. März 1922 Sekretäre des Sekretariats des Zentralkomitees (ZK) der Partei. Molotow wurde in dieser Zeit als „verantwortlicher Sekretär“ bezeichnet. Das Sekretariat des ZK und das Organisationsbüro der Partei wurde seit 1921 vom Politbüromitglied Stalin als „Erster Sekretär“ und seit April 1922 als Generalsekretär geführt. Von 1921 bis zum 21. Dezember 1930 blieb Molotow Sekretär des ZK.

Am 1. Januar 1926 stieg er schließlich mit Stalins Hilfe in das höchste politische Gremium der Sowjetunion auf – er wurde Vollmitglied im Politbüro und blieb dies bis zum 29. Juni 1957. Somit konnte er sich 31 Jahre in diesem Machtzentrum halten.

Stalins Aufstieg mini|Molotow mit Ribbentrop anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im August 1939 in Moskau

1926 bestand das Politbüro aus den Vollmitgliedern Josef Stalin, Leo Trotzki, Grigori Sinowjew, Nikolai Bucharin, Michail Tomski und Alexei Rykow. Es gelang Stalin auf dem XIV. Parteitag, das Politbüro durch die Aufnahme seiner Gefolgsleute Molotow, Michail Kalinin und Kliment Woroschilow zu seinen Gunsten zu erweitern. Durch verschiedene Koalitionen im Politbüro wurden zunächst 1926 Sinowjew und Trotzki (also die „Linken“), 1929 bzw. 1930 dann Bucharin, Tomski und Rykow (also die „Rechten“) aus den Machtzentren der Partei durch die Stalinisten entfernt. Sie alle wurden auf Stalins Befehl zwischen 1938 und 1940 hingerichtet; Tomski kam seiner Ermordung durch Selbstmord zuvor.

Als enger Vertrauter Stalins erwies Molotow sich Anfang der 1930er Jahre als einer der führenden Antreiber der Entkulakisierung und gehörte unter Stalin zum mächtigsten Herrschaftszirkel der Sowjetunion, zu dem neben ihm Kirow († 1934), Woroschilow, Grigori Ordschonikidse († 1937), Lasar Kaganowitsch, Walerian Kuibyschew († 1935) sowie auch Kalinin gezählt werden. In dieser Zeit war Molotow nach Stalin die unbestrittene Nummer zwei in der Sowjethierarchie. Aus der deutschen Delegation, die 1939 wegen des Nichtangriffspaktes verhandelte, wird berichtet: „Allein Molotow sprach mit seinem Chef (Stalin) wie unter seinesgleichen.“

Der nach außen stets korrekt wirkende Molotow war nicht nur Stalin absolut ergeben, sondern auch ein kaltblütiger Machtvollstrecker, der die Massenexekutionen der Zeit der Stalinschen Säuberungen und der Moskauer Prozesse befürwortete. So trägt beispielsweise das Sitzungsprotokoll des Politbüros vom 5. März 1940, das den Beschluss zur Erschießung der polnischen Offiziere beim Massaker von Katyn beinhaltet, auch seine Unterschrift.Tomasz Mianowicz: Die Sowjetmorde von Katyn, Charkow und Twer im April 1940. In Franz W. Seidler, Alfred de Zayas (Hrsg.): Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert. Mittler, Hamburg 2002, ISBN 3-8132-0702-1, S. 149.

Regierungsarbeit mini|Am 28. September 1939 unterzeichnet Molotow im Kreml den Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag.Im Hintergrund: Ribbentrop und Stalin.

Vom 19. Dezember 1930 bis zum 7. Mai 1941 war Molotow Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Ministerpräsident). Er löste in diesem Amt den geächteten Rykow ab. Nach 1941 übernahm Stalin selbst dieses Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte. Molotow war 1941–1946 sowie 1953–1957 Erster Stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (ab 1946 Ministerrat). Er war mitverantwortlich für die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft von 1928 bis 1933, die politischen Säuberungen von 1936 bis 1939 sowie die Moskauer Prozesse von 1938 bis 1940.

Nach dem Münchner Abkommen zwischen Großbritannien, Frankreich, Italien und dem Deutschen Reich über die Teilung der Tschechoslowakei suchte 1939 die sich bedroht fühlende UdSSR einen Partner. Um Deutschland einen Wechsel in der Außenpolitik der Sowjetunion zu signalisieren, übernahm Regierungschef Molotow zusätzlich das Amt des Außenministers (Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten) und löste Maxim Litwinow ab, der jüdischer Abstammung war. Molotow blieb bis 1949 Außenminister und bekleidete nach Andrei Wyschinski dieses Amt erneut von 1953 bis 1956. Die Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien führten zu keinem Abschluss. So konnte – für die Weltöffentlichkeit überraschend – in Anwesenheit von Stalin am 24. August 1939 in Moskau der von Molotow und dem deutschen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop ausgehandelte deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) unterzeichnet werden. Acht Tage später löste Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus.

Zweiter Weltkrieg Am 27./28. September 1939 handelten Molotow und von Ribbentrop in Moskau ergänzend zum Nichtangriffspakt einen „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ zwischen der Sowjetunion und Deutschland aus. Diesem folgten streng geheime Zusätze (beispielsweise über die Annexion der Baltenstaaten), die erst 30 bis 50 Jahre später im Wortlaut bekannt wurden.

mini|Molotow wird vom Reichsaußenminister von Ribbentrop (rechts) verabschiedet, Berlin, 14. November 1940

Vom 12. bis 14. November 1940 weilte Molotow in Berlin, da Deutschland der Sowjetunion ein Angebot unterbreitet hatte, Mitglied eines Dreimächtepaktes zu werden und ein neues Geheimabkommen miteinander abzuschließen. In Berlin traf er Außenminister Joachim von Ribbentrop und Reichskanzler Adolf Hitler. Dieser hatte bei ihrem ersten Treffen seinen Plan zur Neuaufteilung der Welt unterbreitet, an der sich die Sowjetunion, so sein Vorschlag, beteiligen sollte. Feliks Chuev, Molotov remenbers. Inside Kremlin Politika. Conversations weht Felix Chuev, Chicago 1993, S. 18. Dabei sollten die Interessensphären so aufgeteilt werden, dass Italien den afrikanischen Raum, Deutschland Europa und die UdSSR die asiatische Sphäre in Besitz nehmen sollte. Die Hinterhältigkeit des dabei von Deutschland verfolgten Zieles durchschaute Molotow jedoch. Sie bestand darin, die Sowjetunion aus Europa hinauszudrängen, sie in einen Konflikt mit England, dessen Kolonien sich dort befanden, hinein zu manövrieren. Bei ihrem zweiten Treffen stritten beide Verhandlungspartner über dreieinhalb Stunden zu Details ihrer früheren Vereinbarungen, und Molotow konnte Hitler in der Finnlandfrage der Lüge überführen. Mit Verweis auf einen Bombenalarm brach dieser daraufhin das Gespräch ab. Somit blieben die Verhandlungen ergebnislos. Ein halbes Jahr später unterzeichnete Molotow den Neutralitätspakt mit Japan.

Im Mai 1941 übernahm Stalin von Molotow den Vorsitz im Rat der Volkskommissare, den dieser seit 1930 innegehabt hatte.

Einige Stunden nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion vom 22. Juni 1941 bezeichnete Molotow diesen in einer Rundfunkansprache als unprovozierten Aggressionsakt und erklärte, dass die Sowjetunion bis zum Sieg kämpfen werde. Stalin war – in Erkenntnis seiner falschen politischen Einschätzungen – zu dieser Zeit nicht bereit, selbst eine Erklärung gegenüber dem Sowjetvolk abzugeben.