Die mittelalterlichen Landkirchen auf der schwedischen Insel Gotland sind Steinkirchen, die durch kriegerische und andere zerstörende Einwirkungen kaum verändert worden sind. Sie entstanden während einer Periode von etwa 200 Jahren und ähneln sich in vielerlei Hinsicht. mini|Gothem, durch das Portal des mittelalterlichen Pfarrhofes gesehen mini|Dichte frühmittelalterlicher Landkirchen in Dänemark und Südschweden. Die verschiedenen graubraunen Farbtöne bezeichnen die durchschnittlichen Abstände: dunkel unter 2,5 km, mittel 2,5–5 km und hell 5–7,5 km. Zurzeit gibt es auf Gotland 95 genutzte Kirchen, von denen 92 aus dem Mittelalter stammen. Von den mindestens 17 verfallenen oder zerstörten Kirchen befinden sich 13 im Hauptort Visby. Die ältesten erhaltenen Kirchengebäude sind die in der Gutasaga erwähnten Asylkirchen von Atlingbo, Fardhem und Stenkyrka.
Geschichte der Landkirchen auf Gotland Holzkirchen Von den Holzkirchen aus der Anfangszeit des Christentums auf Gotland ist keine erhalten geblieben. Es waren entweder Stab- oder Bohlenkonstruktionen. Bei Restaurierungsarbeiten an der Kirche von Hemse wurden im Jahr 1896 große Teile einer Stabkirche aus der Zeit um 1100 entdeckt, deren Westteil im Historischen Museum in Stockholm wiederaufgebaut wurde.Die ersten gotländischen Kirchen waren vermutlich Gehöftkirchen, die von vermögenden Privatleuten errichtet wurden. (…) Es scheint niemals die Absicht bestanden zu haben, für Gotland ein eigenes Bistum zu errichten. Anfangs weihten zufällig anwesende Bischöfe die Kirchen und Friedhöfe. Später wurde mit dem Bischof von Linköping, der am nächsten residierte, vereinbart, dass er jedes dritte Jahr Visitationen und andere bischöfliche Amtsgeschäfte auf Gotland verrichtet. Die Eingliederung in das Bistum Linköping dürfte zu Beginn des 12. Jahrhunderts erfolgt sein. Die Gutasage berichtet auch davon, dass die erste Kirche, die Botair aus Akebäck bei Kulstäde errichtete, niedergebrannt wurde. Die Reste einer Stabkirche aus dem naheliegenden Eke wurden dendrochronologisch in denselben Zeitraum datiert.Lennart Karlsson: Signums svenska konsthistoria, Band 3 Den romanska konsten. Bokförlaget Signum, Lund 1995, ISBN 91-87896-23-0. Ebenfalls bei Restaurierungsarbeiten wurde das Fundament einer Stabkirche unter der Kirche von Silte gefunden. Obwohl keine Holzreste mehr vorhanden waren, konnte das gesamte Fundament mitsamt der steinernen Drainage freigelegt werden. Auf der Innenseite der Kirche wurden kleinere Kalksteinplatten und auf der Außenseite größere Steine verwendet.Carl Norman: Synpunkter beträffande grunden till stavkyrkan i Silte. (PDF; 1,3 MB) In: Fornvännen, 1976. Außerdem konnten unter dem Putz des heutigen steinernen Chores, auf der Seite des Langhauses, Spuren des Daches der Vorgängerkirche freigelegt werden. Darüber hinaus sind Reste von Holzkirchen noch bei den Kirchen in Guldrupe und Sproge gefunden worden.
Romanische Kirchen (1150–1250) mini|Triumphkreuz und Madonna (links) in der Kirche von Öja, Gotland mini|Taufstein des 12. Jahrhunderts aus der Kirche von Stenkyrka Gegen Ende des 11. Jahrhunderts wurde damit begonnen, einen Teil der Holzkirchen durch Steinkirchen zu ersetzen. Aufgrund der unterschiedlichen Geologie der Insel und der leichten Abbaubarkeit des Gesteins verwendete man als Baumaterial überwiegend Kalkstein und im Süden Sandstein. Die ältesten romanischen Kirchen haben sockellose Wände und undekorierte Portale. Später folgen geschlagene, beinahe fugenlos verlegte Quader, profilierte Sockel und Säulenportale. Die Rundbogenfriese enden am Dachfuß. Die Eingänge von Langhaus und Chor liegen im Süden. Die Architektur ist nordisch geprägt; der Dombau von Lund war offenkundig beispielgebend. Ab 1164 n. Chr. zeigen sich die Einflüsse des einheimischen Zisterzienserklosters von Roma, die dekorative Ausschmückung verliert sich. Der gerade Chorabschluss kommt statt der Apsis auf, und die Dreifenstergruppe geht letztlich in Spitzbögen über. Die ältesten Kirchenmalereien vermitteln byzantinische Eindrücke. Später kommen schwedische oder französische Einflüsse zur Geltung. Die zeitgenössische Steinplastik ist aufgrund der Rohmaterialnähe besonders in den Taufsteinen vertreten, die auch ein bedeutsamer Exportartikel Gotlands waren und über die Hafenstädte der südlichen Ostseeküste nach Norddeutschland gelangten. Die verschiedenen Werkstätten prägten das Bild, ohne dass man die Mehrzahl der Künstler kennt. Ein Hegwald gilt als der frühe Meister der Steinmetzkunst auf Gotland. Ein Merkmal der Epoche sind auch die Triumphkreuze, die sich als Importe aus Frankreich deutlich von der lokalen Steinplastik abheben. Darunter ragen das Kreuz von Öja und die Madonna von Viklau heraus.
Gotische Kirchen (1250–1400) Im 13. Jahrhundert begann man damit, die meisten älteren romanischen Kirchen dem gotischen Stil entsprechend umzubauen. Häufig endete dies bei der Umgestaltung des Chorbereichs. Das kann durch die Pest in der Mitte des 13. Jahrhunderts, den Bürgerkrieg der Bauern gegen Visby von 1288 oder Waldemar Atterdags Plünderung von 1361, aber auch durch andere Gründe verursacht sein. Zum Ideal wurde der kurze, breite Kirchenraum mit vier, von einem Pfeiler im Langhaus getragenen, Gewölben. Größere Kirchen hatten bis zu vier Pfeiler, die mit den seitlichen Mauern neun Gewölbe trugen. In Lau sind es sogar sechs Pfeiler und zwölf Gewölbe. Oft waren die Kirchen allerdings zweischiffig. Der apsislose Chor wurde breiter und mit drei sehr schlanken Fenstern versehen. Die Türme der Kirchen erhöhten sich, hatten große Schallöffnungen und elegante Galerien.
Die Südseite blieb die Eingangsseite und wurde durch Verzierungen, vor allem an den Chorportalen, geschmückt. Kolonnetten, Akanthusmalerei, Figurenschmuck am Kapitellband und reliefgeschmückte Tympanonsteine prägen das Bild. Das spitze Giebelfeld (Wimperg genannt), in dem oft die Auferstehung oder Christus als Weltherrscher als Relief erscheint, reicht mitunter bis zum Dach. Auf die Geschlechtertrennung beim Gottesdienst weist das einfach gehaltene Nordportal, der mitunter von einer älteren Kirche stammende Fraueneingang. Die Wände sind mit Bildfolgen oder zwölf Konsekrationskreuzen bemalt. Die Gewölbe und Decken schmücken Ranken und Figuren. Im Triumphbogen und als Triumphkreuze sind keltenkreuzartige Ringkreuze dargestellt, wie sie heute noch bei Mittsommerfeiern üblich sind. Ein anderes Element sind die noch weitgehend erhaltenen, teils noch byzantinisch geprägten mittelalterlichen Glasmalereien.
Die Einflüsse auf die Landkirchen gingen im Übergangszeitraum zwischen Romanik und Gotik von dem eng mit dem Rheinland und mit Westfalen verbundenen Visby aus, wo in dieser Zeit viele Kirchen entstanden, die den westdeutschen Kunststil nach Gotland brachten, der in den Landkirchen seine nordische Sonderausformung erhielt. Die gotische Architektur des Kirchenbaus von Visby erreichte das Land aber nicht vollständig. Noch im 14. Jahrhundert baute der „Meister Egypticus“ Kirchen (Grötlingbo, Hablingbo, Väte), die trotz gotischer Spitzbogen den schwereren romanischen Baulinien huldigen und zum Höhepunkt der Inselarchitektur gehören. Der auch Kontragotik genannte Stil ist ebenfalls auf dem Kontinent spürbar.
Spätmittelalterliche Kirchen (1400–1530)
Während der dänischen Herrschaft über die Insel verarmte die Kirchenkunst. Neubauten entstanden nicht mehr. Umbauten wurden mehr schlecht als recht zu Ende geführt. Der Innenschmuck wurde künstlerisch einfacher, aber pathetischer und ausdrucksstärker. Der „Passionsmeister“ genannte unbekannte Künstler oder seine Werkstatt erstellt viele der Werke, darunter die Darstellung des Jüngsten Gerichts in der Kirche von Lummelunda. Aber auch avanciertere Künstler wie der „Othemsmeister“ (Kirchen von Othem und Fide), der „Unionsmeister“ (Kirche von Barlingbo) und ein an den mittelschwedischen Künstler Albertus Pictor erinnernder Meister (Kirche von Öja) sind vertreten. Die in dieser Zeit entstehenden Flügelaltäre sind eindeutig norddeutsche Importe. Noch 1521 erhielt die Kirche von Linde einen Altar aus Lübeck geschenkt. Einzigartig aus dieser Zeit ist die Reiterstatue Ivar Axelsson Totts, die in der Johanneskirche stand und heute in Gotlands Fornsal in Visby steht.
Gotländische Besonderheit Von 94 Landkirchen auf Gotland haben acht ein dreischiffiges, 37 ein zweischiffiges und 49 ein einschiffiges Langhaus. Mit einem Anteil der zweischiffigen Kirchen von mehr als einem Drittel weist Gotland eine einmalige Häufung dieser ansonsten eher seltenen Bauform auf.
Protestantische Kirchen Die Reformation brachte kaum Veränderungen, da die verwirrenden kirchlichen Verhältnisse keine neuen gefestigten Vorstellungen initiierten. Erst als Gotland Ende des 16. Jahrhunderts ein eigenes Stift wurde, machte sich eine neue Entwicklung bei der Kircheneinrichtung bemerkbar. Herausragend waren die Kanzeln, deren älteste (von 1548) in der Kirche von Grötlingbo erhalten blieb. Weitere finden sich in Alskog (1586), Fide (1587), Björke (1594), Rone (1595), Fröjel (1600?) und Martebo. An Kanzel und Baldachin vollzog sich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts die entscheidende künstliche Gestaltung, bei der die Walnusskanzel des norddeutschen Barock für die einheimischen Künstler zum Vorbild wurde. Auch die Kirchenbänke bzw. die Spiegel der Banktüren werden nun gestaltet. Der Kirchenraum wurde auf die evangelische Liturgie umgestaltet. Auch die Flügel der Altäre verarmten künstlerisch zu Texttafeln mit Bibelzitaten. Ab 1630 verbreiteten sich die skulptierten und bemalten Sandsteinaltäre von Burgsvik über die Insel. Davon sind noch 40 erhalten, die aber zumeist aus der künstlerisch abfallenden Spätzeit stammen. Der in Visby ansässige Stadtmaler Johan Bartsch und sein gleichnamiger Sohn schufen im ausgehenden 17. Jahrhundert zahlreiche Altarbilder. Die künstlerische Eigenständigkeit Gotlands verlor sich nach dem Anschluss an Schweden im Jahre 1645 immer mehr. Im 17. Jahrhundert endete die Gewölbemalerei und wurde zur Plafondmalerei. Die Architektur blieb von der Veränderung nahezu unberührt. Der Vergrößerung der Gemeinden durch den Bevölkerungszuwachs im 18. und 19. Jahrhundert begegnete man durch Lettnerbauten im westlichen Teil des Langhauses. Auf dem Lettner fanden die Orgeln ihren Platz.
Entwicklungen vom 11. bis 14. Jahrhundert
Stabkirche Stabkirche mit Chor und Apsis (aus Stein) romanische Steinkirche mit Apsis romanische Steinkirche mit Apsis und Turm (im Westen) Umbauten verschiedener Art neuer Chor Verlängerung des Langhauses und neuer Chor romanischer Neubau und final gotischer Turm Abriss des romanischen und Bau eines gotischen Turms Vollendung der gotischen Kirche
Kurischer und byzantinischer Einfluss auf Gotland Byzantinische Einflüsse auf Gotland sind während der ersten Phase des nordischen Mittelalters, das 1050 n. Chr. begann, nicht übermittelt. Die Kultur Gotlands unterschied sich jedoch bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts deutlich von der der übrigen Ostseeanrainer, einschließlich der der Schweden, wo noch lange Zeit die heidnischen Sväerkönige herrschten. Das weiterhin selbständige Gotland war ihnen vermutlich bereits ab dem 9. Jahrhundert tributpflichtig.
Laut Sagenübermittlung und spärlichen anderen Hinweisen versuchten schwedische Herrscher, wie Ivar Vidfamne und Harald Hildetand, bereits seit dem 7. Jahrhundert in Kurland im Baltikum Fuß zu fassen, scheiterten aber immer wieder. In seiner „Vita sancti Anscharii“ von 876 erwähnt Rimbert, ein Schüler des Bischofs Ansgar von Bremen, Kämpfe zwischen Wikingern und Kuren im Jahre 855. Der Warägerfürst Rurik ließ sich 862 in Nowgorod nieder, das schnell ein wichtiger Handelsplatz wurde. Thietmar von Merseburg erwähnt bereits im Jahre 1016 St. Peter als Kirche für die westlichen Kaufleute.