mini|Postkarte von Mata Hari

Die Femme fatale [] (frz. für „verhängnisvolle Frau“) ist eine besonders attraktive und verführerische Frauenfigur in Kunst und Literatur. Dieser Typus wird mitunter mit magischen oder dämonischen Zügen ausgestattet, die es ihr ermöglichen, Männer erotisch an sich zu binden und sie zu manipulieren. In religiösem Kontext kommt oft noch eine moralische Komponente hinzu, durch die leichtgläubige oder triebhafte Männer durch sie „schicksalhafte“ Läuterung erfahren.

Dieser Typus wird in Anlehnung an ein Gedicht von John Keats auch als La Belle Dame sans Merci oder, in Verwandtschaft zur Vampirmythologie, als Vamp bezeichnet.Vgl.: Mario Praz, 1994.

Aus moderner Sicht ist die Femme fatale eine Projektion, ein Mythos, beziehungsweise die Konstruktion eines weiblichen Stereotyps, der fast ausschließlich von männlichen Vorstellungen dominiert wird und bei dem die Dämonisierung einer ausgelebten, weiblichen Sexualität eine wesentliche Rolle spielt.Femme Fatale. Blick – Macht – Gender Hamburger Kunsthalle, aufgerufen am 5. November 2022‚Femme fatale‘ vs. ‚Femme fragile‘: Weiblichkeitsentwürfe in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts Universität Siegen, aufgerufen am 1. November 2022

Minderjährige oder sehr junge Figuren dieser Art werden auch als Fille fatale bezeichnet. Das begriffliche Gegenstück zur Femme fatale ist dagegen die Femme fragile.

Die Femme fatale in Mythologie, Kunst und Literatur mini|Lilith, Gemälde von John Collier (1892)

Die Bewertung, ob der Typus der Femme fatale eher reale Vorbilder haben könnte, oder doch eher als „Denkfigur“ zu betrachten ist, fällt je nach Betrachter völlig unterschiedlich aus:

Das Motiv der dämonischen Verführerin durchzieht die gesamte Literatur seit der altbabylonischen Zeit. Dieser Epoche entstammt die Figur des weiblichen Dämonenwesens Lilith, die als Urbild der Femme fatale gesehen werden kann und deren Gestalt in den folgenden Jahrtausenden immer wieder neu aufgegriffen und neu gelesen wurde, etwa in der Bibel, im jüdischen Volksglauben oder in mittelalterlicher kabbalistischer Überlieferung. Abwechselnd wurde und wird sie unter anderem als männerzerstörender Succubus dargestellt, als hexenartige Kindsmörderin, die ungeborene Kinder im Mutterleib tötet, oder als erste Frau Adams (noch vor Eva), die aus dem Paradies verbannt wurde (oder, je nach Interpretation, freiwillig daraus floh), weil sie sich weigerte, sich Adam unterzuordnen (auch in sexueller Hinsicht – im sogenannten Alphabet des Bin Sira entzündet sich der Streit zwischen Lilith und Adam an der Frage, wer beim Sex oben liegen darf.Geschichte der Lilith im "Alphabet des Ben Sira" (hebräisch und englisch))

Biblische Beispiele sind JuditJudit – von der biblischen Heldin zur Femme fatale literaturkritik.de, aufgerufen am 5. November 2022 Maria MagdalenaVon der Apostelin zur Femme fatale Deutschlandfunk, aufgerufen am 5. November 2022 SalomeHeloise Danna: Representing the Femme Fatale, the Case of Salome (englisch) Academia.edu, aufgerufen am 5. November 2022 und DelilaFemme fatale oder Prostituierte, dazwischen nichts. Staatsoper Unter den Linden, aufgerufen am 5. November 2022 mini|Circe bietet Odysseus den Becher,John William Waterhouse, 1891 In der Epik der klassischen Antike erscheinen u. a. PandoraBeyond the femme fatale: the mythical Pandora as cathartic, transformational force in selected Lulu, Lola and Pandora texts Universität Melbourne, aufgerufen am 5. November 2022 Helena, Circe und die Sirenen.

Im Mittelalter entstanden die Lieder von der Nixe Melusine, von Meliur, von Armida und das Motiv der Mahrtenehe zwischen einem Sterblichen und einem verführerischen, aber Albdruck verursachenden überirdischen weiblichen Wesen.

Die der japanischen Legende entsprungene Tamamo no Mae

Die chinesische Daji

Vamps der Literatur der frühen Neuzeit sind: Semiramis, Agrippina, Sophonisbe (bei Calderón) Die Jüdin von Toledo basierend auf Rahel la Fermosa (ca. 1610 bei Lope de Vega, ca. 1855 bei Franz Grillparzer, 1955 bei Lion Feuchtwanger), wobei sowohl die Titelfigur, als auch ihre Gegenspielerin, Königin Eleonor(e), als Femme fatale gelesen werden können „Dark Lady“ aus Shakespeares Sonetten Countess Isabella (bei John Marston) Celinde (bei Andreas Gryphius) Beispiele des 18. Jahrhunderts: Marwood und die Gräfin Orsina (beide bei Lessing) Madame Reymer (bei Diderot) Danae und Lais (bei Wieland) Matilda (in Matthew Lewis’ The Monk). Die Verführerin Adelheid (Götz von Berlichingen) und Die Braut von Korinth wurden von Goethe erdacht. Die Comtesse Blainville (in Die Geschichte des Herrn William Lovell von Ludwig Tieck) Beispiele des 19. Jahrhunderts: Die Totenbraut von Friedrich Laun Die Bergkönigin (in E. T. A. Hoffmanns Die Bergwerke zu Falun) Gräfin Romana in Ahnung und Gegenwart und Gräfin Diana in Die Entführung von Eichendorff Wanda in Venus im Pelz von Leopold von Sacher-Masoch Giulia Belcredi in Le Crépuscule des Dieux, dt. Götterdämmerung von Élémir Bourges Raoule de Vénérande in Monsieur Vénus von Rachilde Anna Karenina in Anna Karenina von Lew Tolstoi die Kokotte Nana von Émile Zola Die Femme fatale ist auch ein Motiv diverser Volkssagen. Bekanntes Beispiel dafür ist das von Heinrich Heine geschriebene Gedicht über die Loreley. Weitere Beispiele sind von Kleist das Fräulein Kunigunde (Das Käthchen von Heilbronn), von Friedrich de la Motte-Fouqué die Nixe Undine, von E. T. A. Hoffmann Der Elementargeist, und von Oscar Wilde die tanzende Tochter der Herodias in Salome.

Das bekannteste Bühnenwerk mit einer Femme fatale ist die Oper Carmen von Georges Bizet; sie greift ein Werk von Prosper Mérimée auf. mini|Alma Mahler-Werfel 1900, vielfältig künstlerisch verewigte Femme fatale des frühen 20. Jahrhunderts

In Gerhart Hauptmanns Dramen treten eine ganze Reihe von Vamps auf. Eines der bekanntesten Beispiele schuf Frank Wedekind mit der Kindfrau Lulu, dem Prototyp des modernen Vamps (Erdgeist; Die Büchse der Pandora).

Weitere Beispiele des frühen 20. Jahrhunderts sind die „Künstlerin“ Rosa Fröhlich (in Heinrich Manns Professor Unrat), Alpha (in Robert Musils Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer), Luise (Lu) Dercum (in Jakob Wassermanns Laudin und die Seinen), Temple Drake (in William Faulkners Die Freistatt) und Alraune (in Hanns Heinz Ewers’ Alraune. Die Geschichte eines lebenden Wesens, zwischen 1918 und 1952 sechsmal verfilmt).

Die Figur der Jolene im gleichnamigen Lied der Musikerin Dolly Parton, eines der meistgecoverten Lieder, ist eine Femme Fatale, beschrieben und besungen aus der Position ihrer Konkurrentin.

Die Kulturhistorikerin Camille Paglia sieht die Femme fatale als wichtigste Figur unter den „dämonischen Archetypen des Weiblichen, die für die unbeherrschbare Nähe der Natur“ stünden. „Je weiter die Natur im Westen zurückgedrängt wird, um so häufiger taucht die Femme fatale auf: als Wiederkehr des Verdrängten. Sie ist die Ausgeburt des schlechten Gewissens, das der Westen gegenüber der Natur hat.“ Sie sei eine „Extrapolation aus biologischen Gegebenheiten der Frau“, erscheine „als medusische Mutter oder als frigide Nymphe […]. Ihre kühle Unnahbarkeit lockt, fasziniert und zerstört. Sie ist keine Neurotikerin, höchstens Psychopathin. […] ihr eignet eine amoralische Fühllosigkeit, eine ruhige Gleichgültigkeit gegen die Leiden derer, die sie anzieht und an denen sie teilnahmslos die Wirkung ihrer Macht beobachtet.“ Sie sei „bedrohlich, weil sie bleibt, ruhig, gelassen und lähmend. Ihrer Bleiben ist eine dämonische Last, […] sie ist Stachel, Inbegriff widerborstiger verderbter Sexualität. Ihr Stachel bleibt.“Camille Paglia, Sexualität und Gewalt oder: Natur und Kunst (entnommen aus Die Masken der Sexualität), München, DTV, 1992, S. 41–48.

Die Femme fatale in der Wirklichkeit Auch realen Frauen wurden und werden immer wieder Eigenschaften einer Femme fatale zugeschrieben, besonders häufig in der Zeit des Fin de Siècle. Eine der Grundvoraussetzungen, die damals dazu beitrugen, eine Frau mit dem Image der Femme fatale zu belegen, war eine offen ausgelebte Sexualität, die sich beispielsweise in einer größeren Anzahl wechselnder Liebhaber oder Ehemänner äußerte. mini|Wasserschlangen II (Freundinnen II), Gemälde (1904–1907) von Gustav Klimt. Die vordere Figur stellt Ea von Allesch dar. Als eine der bekanntesten Verkörperungen des Typs galt Alma Mahler-Werfel, verheiratet mit Gustav Mahler, Walter Gropius und zuletzt Franz Werfel sowie zeitweise Geliebte von Alexander von Zemlinsky, Oskar Kokoschka und einigen anderen. Ein weiteres Beispiel war die Modeschriftstellerin Ea von Allesch, die unter anderem Beziehungen mit Alfred Polgar und Hermann Broch hatte, für Gustav Klimt und andere Maler als Aktmodell arbeitete und die eines der realen Vorbilder für die Figur der Alpha in Robert Musils Drama Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer war; sie galt zugleich als Femme fatale und als Femme fragile. Diese Doppelzuschreibung traf zeitweise auch auf Lina Loos zu. Zur Femme fatale wurden auch die Schriftstellerin Gina Kaus, die Autorin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-SaloméLou Andreas-Salomé – eine Femme fatale? in Tabula-Rasa-Magazin sowie die Tänzerin und Spionin Mata Hari stilisiert. Während es üblicherweise der männliche Blick ist, der einer Frau die Attribute einer Femme fatale zuordnet, gibt es doch ebenso etliche Beispiele, in denen auch Frauen dieses Rollenbild literarisch reflektieren. Zu erwähnen sind hier etwa der Einakter Die Sphinx von Lina Loos oder der Roman Der Teufel nebenan von Gina Kaus (verfilmt als Teufel in Seide).

Die Femme fatale im Film Stummfilmzeit Im Film erscheint der Typus der Femme fatale seit der Stummfilmzeit. Schauspielerinnen, die solche Charaktere wiederholt verkörpert haben, sind in den USA z. B. Theda Bara, Alla Nazimova und Gloria Swanson (1899–1983), und in Deutschland Fern Andra und Pola Negri. Ein charakteristisches deutsches Filmbeispiel ist Robert Wienes expressionistischer Film Genuine aus dem Jahr 1920, in dem die Femme fatale buchstäblich das Blut der Männer, die ihr erotisch verfallen, trinkt und so auf einprägsame Weise die Etymologie des Worts „Vamp“ erläutert.

Dem Filmjournalisten Robert Porfirio zufolge sei sexuelle Erniedrigung ein gängiges expressionistisches Motiv und zugleich typisch für die Romantik des Fin de Siècle. Dieses Motiv erscheine im Expressionismus „oft in Gestalt einer Femme fatale, die ein geachtetes Mitglied der Bourgeoisie an sich fesselt und es zur öffentlichen Demütigung zwingt“. Man könne darin den „Lohn der Sünde“ sehen, gleichzeitig passe es aber gut zu dem expressionistischen Interesse an der Darstellung extremer Gefühlszustände, die mit Libido und Schuld verbunden seien. Die Beispiele angesehener Professoren, die in den Filmen ihren Femmes fatales Seidenstrümpfe anziehen oder Fußnägel lackieren, kommentiert Robert Porfirio: „Die rituelle Tönung dieser Erniedrigungsakte legt Gemeinsamkeiten von Freudianismus, Expressionismus und Film Noir in ihrer Verknüpfung von Sex, Sadismus und Fetisch nahe“.Robert Porfirio, Motiv: Sexuelle Erniedrigung in Der Film Noir, Hrsg. Alain Silver und James Ursini, Köln, Könemann, 2000, S. 84 f.

1940er Jahre Die Femme fatale ist die zentrale Frauenfigur des amerikanischen Film noir der 1940er und 1950er Jahre.

Zu nennen sind hier unter anderem: Bridget O’Shaughnessy (Mary Astor) in Die Spur des Falken (1941) Helen Grayle/Velma Valento (Claire Trevor) in Murder, My Sweet (1944) Phyllis Dietrichsen (Barbara Stanwyck) in Frau ohne Gewissen (1944) Alice Reed (Joan Bennett) in Gefährliche Begegnung (1944) Vera (Ann Savage) in Umleitung (1945) Vivian Sternwood (Lauren Bacall) in Tote schlafen fest (1946) Gilda Mundson Farrell (Rita Hayworth) in Gilda (1946) Kitty Collins (Ava Gardner) in Rächer der Unterwelt (1946) Cora Smith (Lana Turner) in Im Netz der Leidenschaften (1946) Martha Ivers (Barbara Stanwyck) in Die seltsame Liebe der Martha Ivers (1946)