mini|Francis Schaeffer auf der L'Abri Conference in Urbana, Illinois im Jahr 1981 Francis August Schaeffer (* 30. Januar 1912 in GermantownStephen Wellum: A Brief Chronology of the Life of Francis A. Schaeffer, Website christoverall.com 10. Oktober 2022 (englisch), Pennsylvania, USA; † 15. Mai 1984 in Rochester, Minnesota, USA) war ein US-amerikanischer presbyterianischer Theologe, Pastor, Gesellschaftskritiker, Kulturphilosoph, Autor und evangelikaler Vordenker. Er wurde vor allem im englischsprachigen Raum bekannt durch seine Veröffentlichungen und die Gründung der Kommunität L’Abri Fellowship in der Schweiz. Schaeffer stand in scharfem Gegensatz zum Humanismus und theologischen Modernismus und vertrat einen „präsuppositionellen“ Ansatz, den er durch seinen Lehrer Cornelius Van Til kennengelernt hatte. Mit seiner christlichen Apologetik versuchte er von der Bibel und der Kirchengeschichte her umfassende Antworten auf die grundlegenden Fragen des Lebens, unseres Zeitalters und der westlichen Kultur zu geben. Obwohl er den wissenschaftlichen Fortschritt anerkannte, bemängelte er die ethisch-moralische Beliebigkeit und den damit verbundenen Niedergang des Westens.People & Ideas: Francis Schaeffer, Website pbs.org Schaeffer schrieb über zwanzig Bücher, die in verschiedene Sprachen übersetzt und in über drei Millionen Exemplaren gedruckt wurden.Andreas Loos: Francis Schaeffer und der Fundamentalismus, Website reflab.ch 24. September 2023
Leben Schaeffer wuchs als Einzelkind seiner teils deutschstämmigen und religiös eher liberalen Eltern Francis August Schaeffer (1877–1943), genannt Frank, und Bessie Williamson (1880–1967) (4. Juni 2006, englisch, abgerufen am 23. März 2026) im Arbeitermilieu von Germantown, das zur Stadt Philadelphia gehört, auf. Er besuchte die Pfadfinder und die Sonntagsschule der presbyterianischen Kirche, wie das damals üblich war. 1930 mit 18 Jahren in Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie las er erstmals die Bibel und wandte sich bewusst dem christlichen Glauben zu. Nach dem Wunsch der Eltern wollte er zuerst Konstrukteur werden, aber dann besuchte er ab 1931 das Hampden-Sydney College in Virginia, wo er durch den Philosophen D. Maurice Allan und den Theologen Geerhardus Vos (1862–1949) geprägt wurde. Er schloss sich der Student Christian Association an, die Gebetstreffen veranstaltete, er half in einer örtlichen Sonntagsschule für farbige Menschen mit, er war Mitglied in The Ministerial Association, The League of Evangelical Students und der Literary Society. 1935 schrieb er sich am Westminster Theological Seminary in Glenside, Pennsylvania, ein und studierte bei Cornelius Van Til, kam allerdings zu unterschiedlichen Ansichten. Gut ein Jahr später wechselte er zum Faith Theological Seminary in Wilmington, Delaware, wo er sein Studium 1938 abschloss. Dieses Seminar war im Zuge einer Spaltung der Presbyterianischen Kirche Nordamerikas neu gegründet worden (nun: die Orthodox Presbyterian Church OPC und die konservativere Bible Presbyterian Church).
Schaeffer war der erste von der Bible Presbyterian Church ordinierte Absolvent und hatte nach seiner Ausbildung Pastorate in Grove City und Chester, Pennsylvania, und in St. Louis, Missouri, inne, wo er zusammen mit seiner Frau auch eine evangelistische Arbeit unter Kindern mit dem Namen Children for Christ ins Leben rief, die bis zu 700 Kinder und die Ausbildung von jungen Leitungspersonen umfasste. Er engagierte sich zudem im American Council of Christian Churches (ACCC), einem nationalen Kirchenbündnis, das von Carl McIntire gegründet wurde und einen konservativen Gegenpol zum Federal Council of Churches (FCC) bildete, das dem Weltkirchenrat nahe stand.
1947 reiste Schaeffer im Auftrag des Unabhängigen Ausschusses der Presbyterianischen Mission (IBPFM) und der Abteilung für Außenbeziehungen des Amerikanischen Rates Christlicher Kirchen (ACCC) nach Europa, um die geistlichen Bedürfnisse junger Menschen in der Nachkriegszeit zu evaluieren. Er bereiste dreizehn Länder, besuchte vom 25. bis 29. Juli die 2. Christliche Welt-Jugendkonferenz in Oslo und organisierte später in Amsterdam eine Konferenz des International Council of Christian Churches (ICCC), wo er insbesondere den niederländischen Kunsthistoriker Hans Rookmaker kennenlernte, der zum lebenslangen Freund wurde.
1948 zog er mit seiner Familie nach La Rosiaz bei Lausanne in die Schweiz, ein Jahr später weiter nach Champéry im Unterwallis. Am 19. August 1950 besuchten Schaeffer, J. Oliver Buswell (1895–1977), G. Douglas Young, James Bennet und Peter Stam den bekannten neo-orthodoxen Theologen Karl Barth auf dem Bergli bei Zürich, doch ohne gegenseitiges tieferes Verständnis zu erlangen, und Barth lehnte in der Folge weitere Gespräche entschieden ab. 1955 gründete Schaeffer zusammen mit seiner Frau die Kommunität L’abri Fellowship („der Zufluchtsort“) im erworbenen Chalet Les Mélèzes in Huémoz-sur-Ollon, einem Bergdorf in der Westschweiz. Interessierte junge Menschen sollten einen Raum für Glaubens- und Lebensfragen erhalten, wo zudem der christliche Glaube in Freiheit und Glaubwürdigkeit gelebt würde. Bereits 1958 wurde in England eine ähnliche Gemeinschaft gegründet, später folgten weitere in Australien, Niederlande, Indien, Südkorea, Schweden und in den USA.http://www.labri.org/swiss/
1965 kehrte Schaeffer in die USA zurück, wo er an verschiedenen Universitäten lehren konnte und ab 1968 Schriften zu grundlegenden Themen verfasste, die weiter Verbreitung fanden. Die erste war The God who is there (deutsch: Gott ist keine Illusion). 1970 bis 1977 hielt er Vorlesungen an der FETA in Riehen bei Basel zu Kulturphilosophie, Zeitfragen und Apologetik. 1974 war er einer der Redner am Kongress der evangelikalen Lausanner Bewegung, wo er am 23. Juli ein Referat über christliche Orientierung in den wesentlichen Lebensbereichen der Kommunikation, Politik und den menschlichen Beziehungen hielt.Francis Schaeffer and the Whole Pie: Form and Freedom in the Church Website Lausanne Movement
Nach 1973, als das Oberste Gericht in den USA ein verfassungsmässiges Recht auf Abtreibung anerkannte, wurde er von seinem Sohn Frank dazu gedrängt, diesen Entscheid als unmoralisch und willkürlich zu kritisieren. Erst dadurch kam die Kritik an der Abtreibung in die zehnteilige Dokumentarfilmreihe Wie können wir denn leben? von 1976, die er zusammen mit seinem Sohn und dem Chirurgen und Abtreibungsgegner C. Everett Koop realisieren konnte.Christian Weisflog und Kayana Szymczak: Der Mann, der die amerikanischen Abtreibungsgegner radikalisierte, Weblink NZZ, Zürich 30. Juni 2022 (abgerufen am 3. Juli 2022)
1978 war er Mitbegründer des Internationalen Rats der Biblischen Irrtumslosigkeit in Chicago, um deren göttliche Inspiration zu bekräftigen. Noch in seinem Todesjahr 1984 hielt er Referate an Colleges in dreizehn amerikanischen Städten, um jungen Menschen seine Sichtweise des Evangeliums, des christlichen Glaubens und einer glaubwürdigen Lebensweise darzulegen.The Dissatisfaction of Francis Schaeffer. Thirteen years after his death, Schaeffer's vision and frustrations continue to haunt evangelicalism. Website Christianity Today, 3. März 1997William Edgar: Zehn Dinge, die du über Francis Schaeffer wissen solltest, Website evangelium21.net, 11. April 2016 Er starb am 15. Mai 1984 im Alter von 72 Jahren in Rochester, Olmsted, Minnesota, und wurde im dortigen Oakwood Cemetery bestattet. Sein Grab befindet sich in der Sektion 1, Abteil 120. (4. Juni 2006, englisch, abgerufen am 28. Mai 2026)
Lehre und Kritik Schaeffers Zugang zur kulturellen Apologetik war hauptsächlich von Herman Dooyeweerd, Edward John Carnell, John Gresham Machen und Cornelius Van Til beeinflusst. Er wird jedoch allgemein eher als „Kombinationalist“ bzw. „Verifikationist“ innerhalb der Apologetik gesehen denn als strenger „Präsuppositionalist“ in der Tradition Van Tils. Sein Selbstverständnis war jedoch das eines bibelgläubigen Christen und Evangelisten, dem die Gottesoffenbarung in Jesus Christus, wie sie in der Bibel bezeugt wird, zentral und entscheidend war. Mit seinen Botschaften, die auch von logischen Argumenten, historischen Hinweisen und der objektiven Realität geprägt waren, versuchte er vor allem junge Menschen aufzurütteln und sie dazu zu bewegen, sich einem biblisch geprägten Glauben zu öffnen.Yvonne Schwengeler: Menschen, die mein Leben prägten – Francis A. Schaeffer, Website ethos-magazin.ch 7. September 2018 (abgerufen am 26. September 2023) Dieser Glaube gebe Antworten auf Fragen des Lebens nach Existenz, Moral und Sinn.Marc Stein: Umgang mit der unsichtbaren Welt, Bern 2025, S. 53 Denn er habe Auswirkungen im Lebensstil, in Gesellschaft, Politik und Kultur und beschränke sich nicht auf die eigene kleine Welt der Familie, der Kirche und des Wohlstands. Mit Hilfe des Heiligen Geistes seien die göttlichen Werte Wahrheit, tätige Liebe und Schönheit gleichermaßen zu beachten, um trotz des Sündenfalls in Würde und Freiheit leben zu können. Mit dieser umfassenden Sichtweise unterschied er sich von christlichen Fundamentalisten wie Jerry Falwell, die ihn für ihre politische Agenda zu vereinnahmen versuchten.David Jäggi: Fundamentalismus contra "Neo-Orthodoxie". Francis Schaeffers theologische Prägung, sein Anliegen und die daraus resultierende Kritik an der Lehre von Karl Barth. Logos, Berlin 2013, ISBN 978-3-8325-3430-1
In seinem bekanntesten Werk Wie können wir denn leben?, dessen Titel bewusst ein Zitat aus dem Propheten Hesekiel 33,10 ist, weist Schaeffer auf die Wichtigkeit absoluter Werte für Ethik, Politik, Kunst und Wissenschaft hin. Denn nur das Absolute gebe allem Relativen Bedeutung und Sinn, was bereits Platon erkannt hätte. Mit der Aufklärung würde dagegen eine übernatürliche, göttliche Offenbarung abgelehnt, und der Rationalismus zu einer neuen absoluten Norm erhoben. Nicht mehr Gott, sondern die menschliche Vernunft bestimme nun Erkenntnis und Wahrheit. Die Wissenschaft wurde so zu einem geschlossenen System, wo Materie, Energie und Zeit seit Ewigkeiten bestehen würden. Für Gott wäre kein allgemeiner, öffentlicher Raum mehr vorgesehen, aber auch der Mensch sei zunehmend abgewertet und als Maschine oder determiniertes Wesen betrachtet worden. Der Glaube würde zur individuellen Privatsache, weil er nur noch einen Sprung ins Nichtrationale darstelle (englisch: leap of faith). Verschiedene Ideologien wie Sozialdarwinismus, Relativismus, Nihilismus und Existenzialismus würden das entstandene geistige Vaakum zunehmend ausfüllen. So gäbe es keine verbindlichen Normen und Werte mehr, alles sei gleich gültig und werde beliebig, und der Mensch habe eine schrankenlose Pseudo-Freiheit und müsse seinem Leben selbst einen Sinn geben, was sehr anstrengend und schwierig sein könne. Die Gesellschaft splittere sich zunehmend in Gruppen auf, die Beziehungen würden individueller und auch egoistischer. Ethische Grenzüberschreitungen wie Abtreibung, Sterbehilfe und Pornographie würden zunehmend legalisiert und salonfähig. Viele Christen im Westen hätten sich in eine private Blase des Wohlstands, des Friedens und des Glücks zurückgezogen und nähmen Bedürfnisse anderer Menschen und eine öffentliche Mitverantwortung kaum mehr wahr.Ingo Damith: Notizen zum Buch/Video: „Wie können wir denn leben?“ von Francis Schaeffer, Website mandelzweig.org