mini|Föhrenwald, Fotos der Bewohner mini|Denkmal Lager Föhrenwald von Ernst Grünwald (1998)

Das Lager Föhrenwald wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Mustersiedlung für Beschäftigte der nahen Rüstungsbetriebe durch die Nationalsozialisten errichtet. Zu Kriegsende wurde das Lager kurzzeitig als Bleibe für die Überlebenden des Todesmarsches aus dem KZ Dachau genutzt, welcher hier endete. Anschließend wurde es zu einem DP-Lager für jüdische Überlebende des Holocausts, den sogenannten Displaced Persons. Als 1957 die letzten jüdischen Bewohner das Lager verlassen hatten, wurde es zur Unterbringung deutscher Flüchtlinge und Heimatvertriebener aus den Staaten des späteren Warschauer Paktes im östlichen Europa genutzt. 1958 wurde die Siedlung in Waldram umbenannt. Es ist heute eine Wohnsiedlung und Stadtteil der Stadt Wolfratshausen in Oberbayern.

Zwangsarbeiterlager Erbaut 1939, war die Anlage zunächst eine Wohnsiedlung von Einfamilien- und Reihenhäusern im Staatsforst von Wolfratshausen, zur Unterbringung von Beschäftigten der I.G. Farben, bzw. deren Zweigstellen Deutsche Sprengchemie GmbH (DSC) und der Dynamit Actien-Gesellschaft (DAG). Dies waren Angehörige des Reichsarbeitsdienstes in der Zeit des Nationalsozialismus, Zwangsarbeiter sowie zivile Angestellte, die vorwiegend in der Verwaltung eingesetzt wurden. Neben dem Lager Föhrenwald existierten in der Nähe noch die Lager Buchberg auf der heute sogenannten Böhmwiese gegenüber dem Rathaus von Geretsried sowie Stein, einem heutigen Stadtteil von Geretsried. Da der Umgang mit Sprengstoff in den Fabriken zu zahlreichen Unfällen führte, wurde schon früh im Lager eine Krankenstation eingerichtet, welche später zu einem Krankenhaus ausgebaut wurde. Dieses wurde nach der Umbenennung der Siedlung in „Waldram“ aufgelöst.

Lager für befreite Zwangsarbeiter und Überlebende des Todesmarsches von Häftlingen des KZ Dachau Am Kriegsende trieben die Nationalsozialisten bei der Räumung des KZ Dachau die noch lebenden Häftlinge von Dachau Anfang Mai 1945 Richtung Alpen. Dieser Todesmarsch endete bei Wolfratshausen durch die anrückenden amerikanischen Truppen. Um die befreiten noch lebenden Häftlinge unterzubringen, wurden kurzzeitig die Gebäude des Lagers als Bleibe genutzt, in denen die amerikanische Armee auch die befreiten Zwangsarbeiter der aufgelösten Rüstungsbetriebe versorgte.

Lager für Displaced Persons Aus dem Lager Föhrenwald entstand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Auffanglager für so genannte Displaced Persons (DP), die der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik entkommen waren. Daher wird das Lager Föhrenwald in der Literatur auch als DP-Lager bezeichnet.

Mit der Zeit kamen immer mehr überlebende Juden nach Föhrenwald, worauf das Lager im September 1945 von der amerikanischen Militärverwaltung zum „Jewish Displaced Person Center“ erklärt wurdehttps://www.after-the-shoah.org/foehrenwald-juedisches-dp-lager-foehrenwald-jewish-dp-camp/. Von den dort Lebenden wurde die Siedlung „Schtetl“ genannthttps://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-suchet-der-stadt-bestes-jer-294-14. Gesprochen wurde in der Siedlung Jiddisch,https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-suchet-der-stadt-bestes-jer-294-14 das nahezu alle Bewohner sprachen. Für Deutsche war der Zutritt zum gesamten „Schtetl“ verboten. Bis November 1951 stand das Lager unter amerikanischer Verwaltung.https://www.wochenanzeiger.de/article/215411.html Das DP-Lager Föhrenwald gilt als letztes Schtetl klassischer Art in Europa.

mini|links|Plan des Lagers Föhrenwald

Ab November 1945 übernahm eine internationale Hilfsorganisation, die UNRRA, die Verwaltung aller DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone. Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen > Archiv > Die Föhrenwald-Siedlung Das Lager Föhrenwald wurde danach in weitgehender Selbstverwaltung von einem lokalen Rat unter dem Vorsitz von Henry Cohen geleitet. Diese Veränderungen standen im Zusammenhang mit der Umsetzung der Vorschläge des Harrison-Reports,Wolfgang Schöl: Das neue Leben der Geschundenen. In: Süddeutsche Zeitung vom 28. Oktober 2005, Seite 38 zum 60. Jahrestag der Einrichtung des DP-Lagers Föhrenwald. der die allgemeine Lage in den DP-Lagern in Deutschland und Österreich scharf kritisiert hatte. Zwischen 1946 und 1948 war Föhrenwald mit ungefähr 5.600 Bewohnern eines der größten DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone, welches überdies europaweit am längsten bestand.Susanne Hauck, Geschichte im Zeitraffer https://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/dauerausstellung-geschichte-im-zeitraffer-1.4179337?reduced=trueFelicitasSybille Krafft: Fluchtpunkt Föhrenwald. In: Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald (Hrsg.): LebensBilder. Porträts aus dem jüdischen DP-Lager Föhrenwald. Wolfratshausen 2020, S. 13f. Im engen Zusammenleben entzündeten sich mehrfach Konflikte zwischen den Anhängern des chassidischen Rabbi Jekusiel Jehuda Halberstam und den Anhängern des Gedaljahu Lachman, einem überzeugten Zionisten, der zeitweise die Selbstverwaltung des Lagers Föhrenwald leitete.Alois Berger: Föhrenwald, das vergessene Schtetl. Ein verdrängtes Kapitel deutsch-jüdischer Nachkriegsgeschichte. Piper-Verlag, München 2023, S. 79–105.

Für die meisten Bewohner des Lagers Föhrenwald kam eine Repatriierung in ihre Herkunftsländer oder ein Verbleiben in Deutschland nicht in Frage. Die Mehrheit bemühte sich darum, nach Israel (zunächst noch britisches Mandatsgebiet) beziehungsweise in die Vereinigten Staaten oder Kanada auszuwandern. Der Zeitzeuge Majer Szanckower, welcher als Kind im Lager lebte, berichtete von der Einstellung der Bewohner, die das Lager als „Wartesaal“ betrachteten.https://www.stadtpost.de/stadtpost-neu-isenburg/majer-szanckower-gibt-einblicke-dp-lager-foehrenwald-id5432.html

Neben denjenigen, die noch auf eine Ausreise warteten, mussten zwischen 1949 und 1953 insgesamt circa 3.500 sogenannte „Rückwanderer“ zeitweise in Föhrenwald untergebracht werden. Dies waren Menschen, die bereits in andere Länder – zumeist nach Israel – ausgewandert waren, die sich jedoch dort keine Existenz hatten aufbauen können oder aus gesundheitlichen Gründen zurückkehren mussten. Diese Menschen waren daher dauerhaft auf Unterstützung des American Joint Distribution Committee und die deutsche Fürsorge angewiesen.Hans-Peter Föhrding, Heinz Verfürth: Als die Juden nach Deutschland flohen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, S. 260ff.

Dem DP-Lager Föhrenwald angegliedert war auch eine Barackensiedlung nahe Königsdorf, das ehemalige Hochlandlager. Dort wurden von der zionistischen und paramilitärischen Hagana unter Billigung der amerikanischen Besatzungsmacht Personen zu Offizieren ausgebildet und dabei auf die erwartbaren Auseinandersetzungen mit den Palästinensern um die Gründung des Staates Israel vorbereitet.Hannes Hintermeier: Woher kommt dieser blinde Fleck in der eigenen Geschichte? Schikaniert von der Polizei, bedroht von Seuchen und Hunger: Alois Berger rekapituliert das Schicksal der letzten jüdischen Siedlung Europas. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Mai 2023, S. 12.

Am 1. Dezember 1951 kam das Lager Föhrenwald unter deutsche Verwaltung und wurde zum „Regierungslager für heimatlose Ausländer“ erklärthttps://www.after-the-shoah.org/foehrenwald-juedisches-dp-lager-foehrenwald-jewish-dp-camp/. Das DP-Lager Föhrenwald wurde offiziell 1956 aufgelöst, die letzten 700 bis 800 jüdischen Bewohner mussten das Lager jedoch erst im Februar 1957 zwangsweise verlassen. Sie wurden auf neun deutsche Städte verteilt, so zum Beispiel nach München (492 Personen), Düsseldorf (73), Köln (25), Wiesbaden (23), Stuttgart (19), Hamburg (18) und Nürnberg (10).Hans-Peter Föhrding, Heinz Verfürth: Als die Juden nach Deutschland flohen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, S. 266. 125 Personen übersiedelten nach Frankfurt am Main und bezogen im ehemals jüdisch geprägten Frankfurter Ostend zwei neu errichtete Wohnblocks in der Waldschmidtstraße.Von Föhrenwald nach Frankfurt, haGalil.com, 15. Oktober 2019 2017 thematisierte eine Ausstellung im Hochbunker an der Friedberger Anlage in Frankfurt, dem früheren Standort der Synagoge Friedberger Anlage, den Weg der jüdischen DPs von Föhrenwald nach Frankfurt.Hanning Voigts: Der Weg jüdischer „Displaced Persons“. In: Frankfurter Rundschau, 5. November 2017. Zu dieser Ausstellung ist ein Katalog im Buchhandel erhältlich: Initiative am 9. November / Iris Bergmiller-Fellmeth / Elisabeth Leuschner-Gafga (Hrsg.): Displaced Persons – Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt am Main. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-95558-268-5. Siehe hierzu auch die Kurzporträts einiger Ex-Föhrenwalder in: Hans-Peter Föhrding, Heinz Verfürth: Als die Juden nach Deutschland flohen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, S. 273 ff.

Infrastruktureinrichtungen während der Zeit als jüdisches DP-Lager bis zur Umbenennung Krankenhaus, aufgeteilt auf zwei Gebäude: es wurde schon in der NS-Zeit errichtet, da es in den Munitionsfabriken oft zu Unfällen kam, welche vor allem durch den verarbeiteten Sprengstoff verursacht wurdenhttps://zentralarchiv-juden.de/bestaende/verschiedenes/dp-lager-foehrenwaldhttps://www.after-the-shoah.org/foehrenwald-juedisches-dp-lager-foehrenwald-jewish-dp-camp/https://www.stadtpost.de/stadtpost-neu-isenburg/majer-szanckower-gibt-einblicke-dp-lager-foehrenwald-id5432.html Rathaus mit Selbstverwaltung mit einem lokalen Rat (vergleichbar Gemeinderat) unter dem Vorsitz von Henry Cohen Lagerpolizei Kindergarten Poststation Volksschule Berufsschule Bibliothek Theater Gemeinschaftshaus für Versammlungen und Feiern, hier war auch die Hauptsynagoge untergebrachtFestschrift zum 50. Jubiläum als Download : https://www.eigenheimerverband.de/ov/waldram/50-jahrfeier/ Kinohttps://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-suchet-der-stadt-bestes-jer-294-14 Lagerzeitung Bamidbar Sportverein Makabi Föhrenwald mehrere Synagogen für die verschiedenen jüdischen Glaubensrichtungenhttps://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-suchet-der-stadt-bestes-jer-294-14https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-suchet-der-stadt-bestes-jer-294-14 Religionsschule (Talmud Torah Schule) Gemeinschaftsküche gemäß dem jüdischen Glauben (koscheres Essen) Hochschule für jüdische Theologie (Jeschiwa) Ritualbad (Mikwe) Feiertage für jüdisches Brauchtumhttps://www.stadtpost.de/stadtpost-neu-isenburg/majer-szanckower-gibt-einblicke-dp-lager-foehrenwald-id5432.html

Straßennamen 1939–1945 1945–1956 ab 1956 Föhrenallee Pennsylvania-Straße Faulhaberstraße Tiroler Straße Kentucky-Straße Steichelestraße Sudetenstraße (südl. Teil) Tennessee-Straße Törringstraße Sudetenstraße (nördl. Teil) Ohio-Straße Weldenstraße Metzstraße Ohio-Straße Steinstraße Kärntner Straße Missouri-Straße Scherrstraße Steierer Straße Florida-Straße Gebsattelstraße Wiener Straße Wisconsin-Straße Gebeckstraße Ostmarkstraße California-Straße Bettingerstraße Lothringer Straße Indiana-Straße Dekan-Weiß-Straße Luxemburger Straße Michigan-Straße Wolframstraße Elsässer Straße Illinois-Straße Andreasstraße Memeler Straße New-York-Straße Rupertstraße Danziger Freiheit Independence Place Kolpingplatz Saarpfalzstraße New-Jersey-Straße Korbinianstraße Adolf-Hitler-Platz Roosevelt Square Seminarplatz/ThomastraßeQuelle: www.erinnerungsort-badehaus.de

Bewohnerzahlen

Umwandlung zur Wohnsiedlung für Flüchtlinge und Heimatvertriebene Im Oktober 1955 übernahmen das durch Kardinal Joseph Wendel gegründete katholische Diözesansiedlungswerk und die Erzdiözese München und Freising das gesamte Gelände samt der Wirtschaftsgebäude. Das Siedlungswerk ließ alle Gebäude renovieren und mit einem Badezimmer ausstatten. Damit verlor das bisherige zentrale Gebäude, das gemeinschaftliche Badehaus, seine Funktion.