mini|Jörg Haider vor einem Fernsehduell zur Nationalratswahl 2008

Jörg Haider (* 26. Jänner 1950 in Goisern; † 11. Oktober 2008 in Köttmannsdorf) war ein österreichischer Politiker des rechtspopulistischen sogenannten Dritten Lagers. Haider war zwischen 1971 und 1975 Bundesobmann des Rings Freiheitlicher Jugend und von 1986 bis 2000 Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Im April 2005 spalteten sich unter seiner Federführung zahlreiche Funktionäre von der FPÖ ab und gründeten die Partei Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ). Er war von 1989 bis 1991 sowie von 1999 bis zu seinem Tod Landeshauptmann von Kärnten.

Herkunft und Bildung

Elternhaus Haiders Eltern heirateten 1945. Sein Vater Robert Haider (* 26. März 1914; † 18. März 2004), ein unehelicher Sohn der aus Goisern stammenden Fleischhauerstochter Theresia Haider (* 9. März 1896; ab 1919 verheiratete Pichler), war Schuhmacher. Seine Mutter Dorothea Haider (* 10. Oktober 1918; † 14. Juni 2016) wurde als Tochter des Gynäkologen und Primararztes am Linzer Allgemeinen Krankenhaus Karl Rupp und dessen aus Bruneck stammender Ehefrau Hermine Webhofer im Heimatort der Mutter geboren. Beide Eltern waren überzeugte Nationalsozialisten. Robert Haider war bereits in den 1930er-Jahren ein „Illegaler“, das heißt Mitglied der zu jener Zeit in Österreich verbotenen NSDAP. Er floh über die Grenze ins Deutsche Reich, trat dort der paramilitärischen Österreichischen Legion der SA bei und war aktiv am nationalsozialistischen Juliputsch von 1934 beteiligt. Nach dem „Anschluss“ 1938 war er zunächst Gaujugendwalter der Deutschen Arbeitsfront in Linz. Im Zweiten Weltkrieg wurde er an der West- und Ostfront mehrfach verwundet und kehrte als Leutnant in die Heimat zurück. Die Mutter war Führerin im Bund Deutscher Mädel. Nach der Befreiung 1945 musste Robert Haider Massengräber für die zuvor von der SS im KZ Ebensee Ermordeten ausheben. Als ehemaliger nationalsozialistischer Funktionär wurde er von den Alliierten ins Internierungslager Glasenbach gebracht und war als „Illegaler“ von den Entnazifizierungsgesetzen der ersten Nachkriegsjahre besonders betroffen. Im Zuge des Verbotsgesetzes 1947 wurden er und seine Frau als „minderbelastet“ eingestuft. Haider senior fand Arbeit in einer Schuhfabrik und wurde später freiheitlicher Parteisekretär für den Bezirk Gmunden.; bzw.: Gerd Hollenstein, in: Ausblicke – Zentrum für Österreichstudien, 2001, Jg. 7, H. 2. Politisch waren die Eltern weiterhin dem nationalistischen Lager verbunden und nahmen Hermann Foppa, den letzten Obmann der Großdeutschen Volkspartei Österreichs und Reichstagsabgeordneten der NSDAP, zum Taufpaten für ihren Sohn Jörg.Hubert Gaisbauer: Unverloren – trotz allem. 2000, S. 32.

Jugend und Ausbildung

Jörg Haider wurde katholisch getauft, besuchte von 1956 bis 1960 – mit Wilfried Scheutz als Klassenkamerad und Hubert von Goisern einige Klassen unter ihm – die Volksschule in Bad Goisern und anschließend bis 1968 das Gymnasium in Bad Ischl, wo er auch bei der schlagenden Schülerverbindung Pennal-konservative Verbindung Albia Bad Ischl aktiv wurde. Nach der Matura leistete er 1968–1969 seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger. Sein Entlassungsdienstgrad war der übliche Wachtmeister.

Anschließend inskribierte Haider die Studienrichtungen Rechtswissenschaften und Staatswissenschaften an der Universität Wien,Politische Laufbahn Haiders auf cenjur.de wo er 1973 zum Doktor der Rechte promoviert wurde. Sein Mentor war Günther Winkler.Die Presse: Aus der Kurve des Lebens getragen, 12. Oktober 2008. Seit 1969 war er in der fakultativ schlagenden Wiener akademischen Burschenschaft Silvania aktiv, in der er nach dem Studium weiterhin als Alter Herr Mitglied blieb.Die Akademische Burschenschaft Silvania ist inzwischen in der 1978 gestifteten Akademischen Jägerschaft Silvania Wien aufgegangen. Haider ist über diesen Weg Alter Herr der Jägerschaft Silvania geworden. Eine seiner Mensuren focht Haider gegen den späteren FPÖ-Politiker Norbert Gugerbauer.Serge Pascal Morcevic: Haiders Freunde – Buberl-Partie oder Brain-Trust? In: Rolf-Josef Eibicht (Hrsg.): Jörg Haider – Patriot im Zwielicht? DS-Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-9805844-1-0, S. 196. Später wurde Haider auch Alter Herr der Akademischen Burschenschaft Südmark Wien,Helge Dvorak: Nationalratswahlen in Österreich – Waffenstudenten in der neuen Bundesregierung. In: Burschenschaftliche Blätter, 99. Jg. (1984), H. 2, S. 58. die 1971 durch die Wiener Burschenschaften Alemannia, Moldavia und Silvania bei Weiterbestehen der jeweiligen Altherrenverbände gegründet worden war.Bernd Lindinger: Die österreichischen akademischen Korporationen und ihre Entwicklung nach 1945. In: Martin Graf (Hrsg.): 150 Jahre Burschenschaften in Österreich. Gestern, heute, morgen. Ares-Verlag, Graz 2009, ISBN 978-3-902475-82-4, S. 75.

Nach seiner Promotion arbeitete er unter anderem mit Peter Kostelka (SPÖ) bis 1976 als Universitätsassistent am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien unter Günther Winkler.

Politische Karriere

Haider fungierte im Laufe seiner Karriere in verschiedenen Positionen innerhalb der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), unter anderem für 14 Jahre als Parteichef. Unter seiner Führung erlebte die FPÖ ein stetiges Steigen in der Wählergunst, die ihren Zenit bislang bei den Nationalratswahlen 1999 erreichte. Die FPÖ wurde außerdem zur stimmenstärksten Partei in Kärnten. Allerdings wird Haider auch als hauptverantwortlich für die größte Wahlniederlage in der österreichischen Parteiengeschichte angesehen (Verlust von fast zwei Dritteln der Wählerstimmen bei der Nationalratswahl 2002). Seine Politik sorgte im Laufe der Zeit für zahlreiche Kontroversen und führte zu zahlreichen Parteiaustritten.

Anfänge (1966–1985)

Erste öffentliche Aufmerksamkeit erlangte Haider 1966, als er sich an einem Redewettbewerb des als deutschnational eingestuften Österreichischen Turnerbundes in Innsbruck beteiligte: Er gewann ihn mit dem Beitrag Sind wir Österreicher Deutsche?Haiders politische Karriere in der FPÖ begann als Vorsitzender (Funktionsbezeichnung: Bundesjugendführer) des Rings Freiheitlicher Jugend in den Jahren 1971 bis 1975.

1976 wurde Jörg Haider Parteisekretär in Kärnten, 1979 zog er als damals jüngster Abgeordneter für die FPÖ in den österreichischen Nationalrat ein. Als die SPÖ 1983, nach dem Verlust der absoluten Mehrheit, eine Koalition mit der FPÖ bildete, hatte er Ambitionen auf das Amt des Sozialministers, wurde aber schließlich Obmann der betont deutschnationalen Kärntner FPÖ. In dieser Funktion kritisierte er in den Folgejahren häufig den liberaleren Flügel der FPÖ um Vizekanzler und Bundesparteiobmann Norbert Steger. Die FPÖ Kärnten konnte als einzige FPÖ-Landesorganisation bei Landtagswahlen (1984) Stimmenzuwächse verbuchen.

Politischer Aufstieg (1986–1999)

Mit Hilfe des deutschnationalen Flügels konnte er am 13. September 1986 bei einem Parteitag in Innsbruck Steger als Vorsitzenden der FPÖ ablösen. Auf diesen Führungswechsel hin kündigte Bundeskanzler Franz Vranitzky die Koalition mit den Freiheitlichen auf. Bei den darauf folgenden Nationalratswahlen konnte die FPÖ vor allem dank Haider ihr Ergebnis verdoppeln. Hauptthemen seiner Wahlreden waren Privilegienabbau und Kritik an den herrschenden politischen Verhältnissen. Im Inlandsreport bezeichnete er die österreichische Nation als eine „ideologische Missgeburt“.DÖW: , Zitat ORF-Inlandsreport 18. August 1988 (3. Absatz): „Das wissen Sie ja so gut wie ich, dass die österreichische Nation eine Missgeburt gewesen ist, eine ideologische Missgeburt.“ Haider drängte fast alle Personen, die ihn bei seinem Aufstieg in der FPÖ unterstützt hatten, aus ihren Funktionen. Mario Ferrari-Brunnenfeld, der Haiders Ernennung zum Landesparteigeschäftsführer 1976 maßgeblich gefördert hatte, erhielt von Haider 1988 ein Funktionsverbot in der FPÖ und wurde anschließend verspottet. Kriemhild Trattnig, die als politische Ziehmutter Haiders galt, wurde anlässlich des Parteitages 1992 in Gastein zum Ziel einer Mobbingkampagne und wurde durch den mit Dirndlkleid als Trattnig verkleideten Gernot Rumpold als „Vertreterin der Goldhauben-Frauen“ geschmäht. Trattnig trat noch während des Parteitags aus der FPÖ aus.Walter Ötsch: Haider light. Handbuch für Demagogie. Czernin Verlag, Wien 2000, S. 145.

1989 wurde er nach mehr als 13 Prozent Zugewinn bei der Landtagswahl mit Unterstützung der ÖVP-Abgeordneten zum Landeshauptmann von Kärnten gewählt. Haider wurde somit als erstes FPÖ-Mitglied zum Landeshauptmann eines österreichischen Bundeslandes. Nach einem Misstrauensantrag von ÖVP und SPÖ verlor er dieses Amt 1991 wieder. Anlass für den Misstrauensantrag war eine Äußerung Haiders in einer Debatte über Arbeitslosigkeit im Kärntner Landtag am 13. Juni 1991: „Na, das hat’s im Dritten Reich nicht gegeben, weil im Dritten Reich haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik gemacht, was nicht einmal Ihre Regierung in Wien zusammenbringt. Das muss man auch einmal sagen.“zitiert nach Czernin 2000, S. 31. Später entschuldigte er sich für diese Äußerung.Spiegel.de: Haider entschuldigt sich für Nazi-Jargon

Nach seiner Abwahl in Kärnten wurde Haider wieder Klubobmann der FPÖ im Parlament. Die Partei konnte in der Folge bei einer Reihe von Landtagswahlen deutliche Zugewinne verzeichnen, zum Teil sogar im zweistelligen Prozentbereich.

Bis etwa 1993 befürworteten Jörg Haider und die FPÖ den Beitritt Österreichs zur damaligen Europäischen Gemeinschaft, doch sprachen sie sich später gegen den EU-Beitritt Österreichs aus. Haider galt bis zum Ende als erklärter EU-Skeptiker. Anders als die FPÖ sprach er sich selbst jedoch für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union aus.

Am 15. März 1999 gewann die FPÖ mit Haider als Spitzenkandidat mit einem Stimmenanteil von 42,09 % die Wahl zum Kärntner Landtag. Die FPÖ wurde damit erstmals die stimmenstärkste Partei in einem Bundesland. Am 8. April 1999 wurde Haider nur mit den Stimmen der FPÖ-Abgeordneten zum zweiten Mal zum Landeshauptmann gewählt.

Bei den Nationalratswahlen im selben Jahr wurde die FPÖ unter seiner Führung hinter der SPÖ nach Stimmen zweitstärkste Partei – knapp vor der ÖVP, bei Gleichstand an Mandaten. Zunächst verhandelten SPÖ und ÖVP über eine Regierungsbildung. Diese Gespräche scheiterten im Dezember 1999. Daraufhin strebten ÖVP und FPÖ eine Koalitionsregierung an. Haider war an den Verhandlungen maßgeblich beteiligt.

Rückzug in die Landespolitik (2000–2004) Die neue ÖVP/FPÖ-Koalitionsregierung unter ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel als Kanzler nahm Anfang Februar 2000 ihre Arbeit auf; Haider gehörte der Bundesregierung Schüssel I nicht an. Die Regierungsbeteiligung der FPÖ löste internationale Proteste aus, da die FPÖ im Ausland teilweise als rechtsextreme Partei angesehen wurde und FPÖ-Obmann Haider mit fremdenfeindlichen und antisemitischen Äußerungen Anstoß erregt hatte. Bereits Ende Januar kam es zu Sanktionen durch die damals 14 übrigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (nicht jedoch der EU selbst). Die Regierungen dieser Länder stellten diplomatische und politische Kontakte mit Österreich vorübergehend ein. Die Länder Tschechien, Norwegen, Kanada und Israel schlossen sich den Sanktionen an. Auf den Straßen Wiens kam es zu regelmäßigen Donnerstagsdemonstrationen von Gegnern der Regierungskoalition. Auch im Ausland wurde gegen eine Regierungsbeteiligung der FPÖ demonstriert.