Die Berti sind eine afrikanische Ethnie im Westen des Sudan, deren Siedlungszentrum in den Tabago-Hügeln von Nord-Darfur liegt. Ein weiteres Siedlungsgebiet befindet sich nach einer Wanderungsbewegung im 19. Jahrhundert im Westen Kurdufans. Ihre Gesamtzahl beträgt einige zehntausend Menschen.
Lage Das Gebiet der Berti liegt im Distrikt Mellit nördlich von al-Faschir, der größte Ort heißt ebenfalls Mellit. Nordöstlich der Stadt liegt an der ganzjährig befahrbaren Erdstraße der kleinere Ort Sayyah, weiter nordöstlich führt diese Straße zu den vulkanischen Tabago-Hügeln, die mit relativ fruchtbaren Böden zwischen etwa 700 und 1000 Meter hoch sind. Der größte Teil der Bevölkerung lebt in den umgebenden Dörfern, außerhalb dieses Siedlungsstreifens erstreckt sich nach allen Seiten Wüste mit alten Sanddünen oder Trockensavanne. Der Jahresniederschlag beträgt im Durchschnitt 300 Millimeter und fällt in drei Monaten ab Juli.
Die meisten Berti leben verstreut in kleinen Siedlungen mit teilweise weniger als 100 Einwohnern. Die Gehöfte sind kreisförmig oder annähernd quadratisch und von einem Zaun aus Hirsestroh umgeben. Darin befinden sich ein bis drei aus Ziegel gemauerte Rundhäuser, deren Kegeldächer mit Hirsestroh oder Gras gedeckt sind, und einige Unterstände mit Flachdächern auf Pfosten.
Das gesamte Gebiet war im anhaltenden Darfur-Konflikt mehrfach umkämpft. Im November 2007 waren Mellit und Sayyah Regierungsgarnisonen, in den Dörfern patrouillierten Einheiten der SLA. (PDF; 1,3 MB) Karte des Gebiets. Eintrag der Hilfsprogramme Stand Juli 2005 (PDF; 7,4 MB) Detailkarte der Universität Bern Laut der Aussage des Stammesführers der Berti, Sadiq al Mellih Ahmadai, vom Oktober 2006 ist sein Volk unbeteiligt zwischen die Fronten geraten.Darfur’s Berti tribe distances its self from belligerent parties. Sudan Tribune, 18. Oktober 2006
Ein weiteres Siedlungsgebiet liegt im Südosten von Darfur um die Orte Umm Keddadda (östlich von al-Faschir) und Taweisha (nördlich von Ed Daein). Dorthin sind Ende des 18. Jahrhunderts viele Berti als Teil einer allgemeinen Wanderungsbewegung vom Norden in den Osten Darfurs ausgewandert. Kleinere Kolonien wurden um 1900 bei Um Ruwaba in den Nuba-Bergen und in Gedaref gegründet, einige Berti fanden in der Mitte des 20. Jahrhunderts Arbeit im Dschazira-Projekt.
Wirtschaft Auf regenbewässerten Feldern werden im Hackbau verschiedene Hirsearten, Erdnüsse, Sesam und Okra zur Selbstversorgung angepflanzt. Verek-Akazien, deren Gummisaft vermarktet wird, gedeihen wild oder in Plantagen. Das dazwischen angepflanzte Karkadeh kann ebenfalls exportiert werden. Benötigt eine Familie zusätzliche Arbeitskräfte, zum Beispiel für den Hausbau, werden Verwandte oder Nachbarn mobilisiert, die mit Hirsebier verköstigt werden. Reiche Haushalte stellen arme Berti oder Meidob an, um die Felder zu ernten oder das Vieh zu hüten.
Rinder und Ziegen werden während der Regenzeit im Dorf, in der Trockenzeit um Wasserstellen auf der Weide gehalten. Kamele und Schafe verbleiben ganzjährig außerhalb des Dorfes. Die Weideflächen für Großvieh sind seit langem zu einer gerichtlich und handgreiflich zu klärenden Landfrage geworden und müssen im Streit mit den umliegenden Volksgruppen wie den Zayyadia, Meidob oder Kababisch (letzteres sind arabische Nomaden aus Nord-Kurdufan) abgegrenzt werden.
Herstellung und Gebrauch von Töpferwaren ist Frauenarbeit. Eine Spezialität der Berti sind Tongefäße, die nach dem Brennen mit Graphitpaste (kangal) für den Marktverkauf bemalt werden.
Geschichte Berti siedeln möglicherweise seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Darfur, falls das in der damaligen Reisebeschreibung des Giovanni Lorenze d’Anania bei der Stadt Uri (nahe Ain Farah) im damaligen Tunjur-Reich von Nord-Darfur erwähnte Volk Saccae der früheren Eigenbezeichnung der Berti Siga entspricht. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Siedlungsgebiet der Berti dem Sultanat von Darfur einverleibt, das zur selben Zeit den Islam als Staatsreligion einführte. Gemessen daran, dass das 1795 von Sultan Abd al-Rahman eingeführte Verbot von Hirsebier (allgemein im Sudan Merisa) kaum Beachtung fand – Bier wurde sogar von den Frauen in seinem Palast weiterhin gebraut, war der Islam noch nicht tief im Volk angekommen. Sufi-Heilige, die zugleich Händler waren, kamen ab dem 18. Jahrhundert aus dem ägyptischen Ort Asyut auf einer Handelsroute, genannt Darb el arba'in (arabisch: „40-Tages-Route“), die weiter ins südliche Darfur führte. Sufi-Bruderschaften (Tariqa) gab es, anders als weiter östlich in Sudan, nicht vor Ende des 19. Jahrhunderts.
Die ebenfalls Berti genannte Sprache, die neben dem Zaghawa zu den Ost-Saharischen Sprachen gehört ist ausgestorben, da die Berti den in Darfur gesprochenen Dialekt der arabischen Sprache angenommen haben. Bis um 1960 war die alte Sprache zumindest noch teilweise verständlich, vermutlich war sie noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreitet. Einige Sprachlaute des Berti, die sonst im Arabischen nicht vorkommen, haben überlebt, beispielsweise η, ferner einige Wörter wie beispielsweise baghū, wie das Hirsebier heißt, und dūlaη für den Tontopf, in dem das Bier aufbewahrt wird.Ladislav Holy 1991, S. 20
Religion und Kultur Lokale Tradition des Islam Die Berti sind Anhänger eines besonderen volksislamische Glaubensvorstellungen enthaltenden sunnitischen Islam der in Sudan üblichen malikitischen Rechtsschule. Im Gegensatz zu den Zaghawa, mit deren islamischer Religion lokale Traditionen verschmolzen sind, unterscheiden die Berti sprachlich zwischen āda (Mehrzahl: awāid), „Gewohnheit“ und dīn, „Religion“ genannten Praktiken. Das lokale Gesetz (āda) wird als Hilfsquelle der Schari'a verstanden. Traditionen, die dem Islam nicht völlig zuwiderlaufen, sind konfliktfrei im Alltagsglauben integriert. Gegenüber den allgemeinen Vorschriften des Islam (Sunna) sprechen die Berti von ihrem Gewohnheitsrecht als Sunna Berti. Davon unterscheiden sich die awāid, die nicht als Bestandteile des Koran oder der Hadithen gesehen werden und die dennoch für die meisten Berti keinen Glaubenskonflikt bedeuten. Wie es bei anderen sudanesischen Volksgruppen – in vielen muslimischen Gesellschaften in Afrika allgemein – üblich ist, werden die islamischen Pflichten von den Männern, die traditionellen Rituale eher von den Frauen gepflegt. Die Rituale werden in diese zwei Klassen geteilt. Berti nehmen an kollektiven Ritualen eher teil, als dass sie von Einzelnen zu praktizierende Glaubensgebote befolgen. Der Fastenmonat Ramadan ist daher eine von der Gemeinschaft eingehaltene und intensiv erlebte religiöse Pflicht. Männer halten sich strikt daran, Frauen etwas weniger.Ladislav Holy 1991, S. 10 f, 22
Jedes Dorf hat eine Moschee, die im einfachsten Fall aus einem flachen, mit Stroh gedeckten Dach besteht, das von Holzpfosten getragen und von einer niedrigen Umfassung aus Dornenbüschen abgegrenzt wird. Der islamische Glaube ist mehr auf kollektiver, denn auf individueller Ebene angekommen. Die beiden islamischen Jahresfeste Id al Fitr und Id ul Adha werden von der gesamten erwachsenen Bevölkerung begangen, die täglichen Gebete dagegen kaum durchgeführt. Allgemein beten nur die fūgarā (Plural von faki, einfacher Islamgelehrter) fünfmal täglich. Abdullahi Osman El-Tom schätzt, dass weniger als fünf Prozent der Berti Koranschulen besuchen und zwischen ein und zwei Prozent der Bevölkerung fūgarā sindAbdullahi Osman El-Tom: Drinking the Koran: The Meaning of Koranic Verses in Berti Erasure. In: Africa: Journal of the International African Institute, Vol. 55, No. 4, (Popular Islam) 1985, S. 414–431, hier S. 415.
Freitagsgebete werden nicht in allen Dörfern abgehalten, da hierfür 13 Gläubige erforderlich sind, die auch in Dörfern mit 300 bis 400 Einwohnern normalerweise nicht zusammenkommen. Islamische Gebote werden zur Beibehaltung gewisser Rituale und Gewohnheiten elastisch interpretiert. So ist nach wie vor das leicht alkoholische Hirsebier nicht nur Getränk, sondern durch seinen Stärkegehalt auch ein Hauptnahrungsmittel. Der lange Weg nach Mekka wird als Entschuldigung für die nicht unternommene Pilgerreise (Haddsch) angegeben. Der Besuch eines Heiligenschreins in der Umgebung dient dafür als Ersatz. Es gibt nur wenige Schreine eines Sufi-Heiligen (allgemein qubba), da die islamische Heiligenverehrung keine große Rolle spielt. Die qubbas werden meist von kinderlosen Frauen oder Kranken besucht.
Der Ursprungsmythos der Berti kennt einen weisen Fremden, Muhammad Yanbar (Yanbar: „mit großem Turban“) als Urvater der Abstammungslinie. Auf ihn lassen sich alle Herrscher zurückführen. Mit seinen direkt vom islamischen Gott empfangenen übernatürlichen Kräften gelang es ihm als erstes, den Hunger im Land und seinen Gegner, den bisherigen Urmenschen der Berti, den Riesen Namudu zu vertreiben. Es ist eine Bekehrungsgeschichte: Die Weisheit hat ihren Ursprung in Mekka. Mit der Bekehrung zum Islam musste die Arabisierung der Vorfahren als Voraussetzung für die Übernahme der neuen arabischen Kultur einhergehen.
Faki Im Dorf lebt mindestens ein Islamgelehrter (faki) der für das Wohlergehen der Gemeinschaft und die Durchführung religiöser Rituale zuständig ist. Dazu gehören für den Dorf-Faki (faki al-hilla) die Leitung von Hochzeiten und Begräbnissen und die Durchführung von Regenzauber. Dürre wird als ein Zeichen Gottes für Gier, Selbstsüchtigkeit und mangelnden Respekt für Ältere angesehen. Fūgarā sollen auch Vögel von den Feldern abhalten, ebenso schayātīn und dschinn (Plural dschūnun) von den Dörfern. Sie fertigen meist nach Auftrag Amulette, die von den Berti stets bei sich getragen werden und die handgeschriebene astrologische Formeln, einige der 99 Namen Allahs oder sonstige religiöse Texte enthalten. Koransuren und andere religiöse Formeln werden vom faki beidseitig auf eine hölzerne Tafel geschrieben, der Text wird dann mit Wasser abgewaschen, und das gesammelte Heilwasser (mihāi) wird gegen Krankheiten, Unfruchtbarkeit, für gute Geschäfte und als Schutz vor übler Nachrede getrunken. Bei einer Epidemie, Dürre, Heuschreckenplage oder Buschfeuer bedarf es großer Gegenmaßnahmen. Der ganze Koran muss abgewaschen werden, wozu der faki al-hilla einige fūgarā aus den Nachbardörfern einlädt, die den Koran in der Dorfmoschee abschreiben. Die Macht des Korans kommt zur Entfaltung, wenn das Wasser von der gesamten Dorfbevölkerung getrunken worden ist.Ladislav Holy 1991, S. 21–33
Mittels Wahrsagen versucht der faki, verschwundenes oder gestohlenes Vieh zu finden oder die mögliche Antwort des Mädchens auf ein Heiratsangebot vorherzusagen, er gibt über das Befinden entfernt lebender Verwandter Auskunft und schätzt den wirtschaftlichen Erfolg von Marktgeschäften ein. Die meisten Männer kennen für einfache Fragen die ramul (von ramla, „Sand“) genannte Methode, bestimmte mit dem Finger in den Sand gedrückte Punkte zu interpretieren. Nur dem faki steht für schwierige Aufgaben das sagit al-kitāb („Herleiten aus dem Buch“) zur Verfügung, bei dem er mit astrologischen Formeln (Kombination von Zahlen und Buchstaben) operiert, die sich in seiner persönlichen religiösen Zitatensammlung (umbatri) befinden. Fūgarā werden wegen ihrer islamkundlichen Kenntnisse und ihrer magischen Fähigkeiten geachtet und respektiert, geschätzte fūgarā können durch ihre Tätigkeit zu Wohlstand gelangen.
Fūgarā trinken selbst keinen Alkohol, respektieren aber den allgemeinen toleranten Umgang mit Hirsebier; häufig braut auch die Frau eines faki Hirsebier für sich, ihre Kinder und für Gäste des Hauses. Insgesamt sind Gewohnheitsrituale ein zentrales Element der Berti-Identität, der soziale Druck der Mehrheitsgesellschaft sorgt für die Lebendigkeit der Traditionen.Ladislav Holy 1991, S. 221
Rituale