Gehirnwäsche (), auch Gedankenkontrolle, Bewusstseinskontrolle oder Mind Control, ist ein Konzept zur psychologischen Manipulation. Dabei wird mit Taktiken der mentalen Umprogrammierung das Selbstvertrauen und die eigene Urteilskraft der Zielperson angegriffen, um deren Grundeinstellungen und Realitätswahrnehmungen zu destabilisieren und anschließend durch neue Einstellungen zu ersetzen. Ältere Gehirnwäsche-Methoden versuchten, den psychischen Widerstand mit körperlicher Gewalt zu brechen. Theorien der Gehirnwäsche entstanden zunächst im Zusammenhang mit totalitären Staaten. Später wurde auch religiösen Gruppen (Sekten) vorgeworfen, Gehirnwäsche zu praktizieren. 1975 schloss die UNO in ihrer Erklärung über den Schutz aller Personen vor Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (Nr. 3452, 9. Dezember 1975) die Methode der Gehirnwäsche mittels manipulativer Psychotechniken ein. Ob Gehirnwäsche möglich ist, wird wissenschaftlich bezweifelt.
Wortentstehung und Verwendung Nach Klaus Mehnert liegt der Ursprung des Wortes in der volkstümlichen Wendung 洗脑, xǐ nǎo (lineare Bedeutung: waschen Gehirn), für die von den rotchinesischen Kommunisten an der Bevölkerung vollzogenen Umerziehungspraktiken. Unter Berufung auf einen Zeugen berichtet Mehnert, dass die Praktiken von chinesischen Kommunisten bereits Ende der 1920er Jahre an gefangenen Kuomintang-Soldaten ausprobiert wurden.
Hierzulande wird das Wort Gehirnwäsche zumeist auf den englischen Begriff brainwashing zurückgeführt. Dieser ging durch einen Artikel Brain-Washing Tactics Force Chinese into Ranks of Communist Party, der 1950 in den Miami News erschien, in den englischen Sprachschatz ein. Der Autor, Edward Hunter, war auf Vertragsbasis von der CIA angeheuert worden, um Artikel über Gehirnwäsche in der Presse zu verbreiten.A. Jacobsen: ‘The Pentagon's Brain. Little, Brown and Company, New York 2015, ISBN 978-0-316-37176-6, S. 105. Der Begriff wurde dann auch zu Propagandazwecken während des Koreakriegs verwendet, z. B. um auf dem angeblichen Geständnis des Kriegsgefangen Frank Schwab basierende koreanische Anschuldigungen der biologischen Kriegsführung seitens der USA zu unterminieren.J. T. Richardson: ‘Brainwashing‘ as Forensic Evidence. In: S. J. Morewitz, M. L. Goldstein (Hrsg.): Handbook of Forensic Sociology and Psychology. Springer, New York 2014, ISBN 978-1-4614-7177-6, S. 77–85, . Als nach dem Waffenstillstand 1953 21 Amerikaner, die in Kriegsgefangenschaft gewesen waren, erklärten, in Nordkorea bleiben zu wollen, konnten sich die US-Behörden das nicht anders erklären, als dass sie einer Manipulationstechnik unterworfen worden waren, die sie selbst nicht kannten. Daraufhin erklärte CIA-Direktor Allen Welsh Dulles, das nächste große Projekt der Geheimdienste sei der brain warfare, und legte ein entsprechendes Forschungsprogramm auf.Eva Horn: Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-17707-3, S. 404 f.
Andere Quellen führen den Begriff Gehirnwäsche auf den Schriftsteller George Orwell zurück, der 1948 seinen dystopischen Roman 1984 über den perfekten totalitären Präventions- und Überwachungsstaat veröffentlichte. Wenn der Roman auch eine Gehirnwäsche schildert, kommt der Begriff darin nicht vor. Der Begriff habe sich jedoch im Volksmund durchsetzen können. Der Psychologe Hans-Eberhard Zahn hält die Bezeichnung für unseriös; denn „es wird ja gar nichts aus dem Gehirn gewaschen oder getilgt, sondern im Gegenteil: Es wird einiges hineingesetzt.“ Zahn präferiert deshalb die Begriffe Zersetzung oder Umprogrammierung, da ein Gehirn nicht wie ein Computerspeicher gelöscht werden könne; vielmehr werde die „Software“ verändert.Kristal Davidson: Gehirnwäsche. Von Geheimdiensten, Wissenschaftlern und Agenten. In: Das Erste. 14. November 2014. Umgangssprachlich werden auch massive psychische Beeinflussungen als Gehirnwäsche bezeichnet.OVG Münster, Beschluss vom 31. Mai 1996, Az.: 5 B 993/95, abgedruckt in NVwZ. 1997, S. 302.
Der wissenschaftliche Name ist Mentizid. Es gibt auch einen Teil-Mentizid. Dieser Begriff bedeutet den ganzen oder Teilverlust der Persönlichkeit. Forscher verwenden auch die Ausdrücke Coercive Persuasion, Mind Control, Thought Reform, Mental Programming.Bärbel Schwertfeger: Der Griff nach der Psyche – welche Folgen umstrittene Trainings und Therapieangebote haben können. PDF-Download.
Funktionsweise Die amerikanische Psychologieprofessorin Margaret Singer beschreibt Gehirnwäsche als eine sich in sechs Schritten vollziehende nicht sichtbare soziale Anpassung: Die zu manipulierende Person werde dabei in Unkenntnis gelassen über das Geschehen und ihre eigene Veränderung, ihre Umgebung und vor allem ihre Zeit werde strikt kontrolliert, in ihr werde ein Gefühl von Machtlosigkeit erzeugt, ein System von Belohnung und Strafe werde installiert, in dem Verhaltensweisen, die an die frühere Identität der zu manipulierenden Person erinnern, unterdrückt werden; schließlich werde ein in sich geschlossenes logisches System und eine autoritäre Machtstruktur installiert, die kein Feedback und keine Änderung ohne Zustimmung oder Anordnung der Führung zulässt.Bärbel Schwertfeger: Der Griff nach der Psyche – welche Folgen umstrittene Trainings und Therapieangebote haben können. PDF-Download, S. 5f.
Laut Hubert Michael Mader von der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres wird Gehirnwäsche bzw. mentale Umprogrammierung nuanciert, mit sorgfältig aufeinander abgestimmten Programmen, schleichend und subtil durchgeführt, damit die Betroffenen nicht bemerken, wie sie schrittweise gefügig gemacht werden und bei ihnen bestimmte Verhaltensweisen fremdgesteuert ausgelöst werden. Die Betroffenen sollen nicht erkennen, wie ihr Verhalten in die beabsichtigte Richtung gelenkt wird, indem soziale und psychologische Faktoren durch direkte oder unterschwellige Beeinflussung geschickt manipuliert werden. Gewaltanwendung sei dabei nicht zwingend erforderlich. Heutige Psychogruppen und Sekten würden zur Manipulation ihrer Adressaten auf jahrzehntelang erforschte und entwickelte Psychotechniken zurückgreifen, um ihre Manipulationsprogramme zu perfektionieren. Methoden zur Verhaltensänderung durch mentale Umprogrammierung würden jede Form der Kritik unterdrücken. Sie seien durch die Diffamierung von Kritikern gekennzeichnet. In Ermangelung sachlicher Argumente behaupteten die Protagonisten diverser Psychogruppen, Kritiker hätten grundsätzlich nie recht. Dabei würden sie oft mit Unterstellungen arbeiten: Indem sie ihren Kritikern persönliche Rachemotive oder menschliche Schwäche andichteten, werde versucht, sie unglaubwürdig zu machen. Die Argumentationsmuster rechtsextremer Kreise, die der Verbreitung ihrer „Wahrheit“ dienen, seien durch latente Verbalattacken und Aggressivität geprägt, bei militanten Gruppen finde sich auch offene Gewaltbereitschaft.Hubert Michael Mader: Studien und Berichte. Politische Esoterik – eine rechtsextreme Herausforderung. Landesverteidigungsakademie, Wien 1999, S. 107, 130 f.
Geschichte Erste moderne Versuche, Gehirnwäschemethoden zu entwickeln und einzusetzen, waren die Schauprozesse während der Säuberungen unter Stalin in der Sowjetunion in den Jahren 1936 bis 1938. Dazu wurden Methoden der mittelalterlichen Inquisition studiert.James T. Richardson: Brainwashing Claims and Minority Religions Outside the United States: Cultural Diffusion of a Questionable Concept in the Legal Arena. In: Brigham Young University Law Review. Nr. 4, 1996.
Während der ersten Jahre des Aufbaus des Machtbereiches wurden unter Mao Zedong mit ähnlichen Methoden Umerziehungsprogramme durchgeführt, die vom chinesischen Volk als Gehirnwäsche bezeichnet wurden. Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 wurden Zehntausende von Professoren und Studenten zur Umerziehung aufs Land geschickt.Balzac und die kleine chinesische Schneiderin. Bei: amnesty.at
MKULTRA Edgar H. Schein und Robert J. Lifton untersuchten Mitte der 1950er Jahre im Auftrag der US-Regierung amerikanische Soldaten, die während des Koreakrieges in Gefangenschaft geraten waren. Man wollte herausfinden, was die Chinesen Neuartiges mit den amerikanischen Kriegsgefangenen gemacht hatten, dass diese in unerwartetem Maße mit den Chinesen zusammenarbeiteten und weitere unerklärliche Verhaltensänderungen zeigten; unter anderem brach das Vertrauen unter den Gefangenen völlig zusammen.Robert J. Lifton: Thought Reform and the Psychology of Totalism: a study of “brainwashing” in ChinaEdgar H. Schein: Coercive persuasion, A socio-psychological analysis of the “brainwashing” of American civilian prisoners by the Chinese Communists. Die CIA betrieb von 1953 bis in die 1970er Jahre ein als MKULTRA bezeichnetes geheimes Forschungsprogramm über Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle. Tausende Personen wurden in Menschenversuchen unter Drogen oder extremen Stress bis hin zur Folter gesetzt. Der Leiter des Programms Sidney Gottlieb erklärte 1977 in einer Aussage vor dem Senate Subcommittee on Health and Scientific Research, die angestrebte Bewusstseinskontrolle sei nicht möglich, da es wegen des unvorhersehbaren Effekts, den Drogen auf Menschen haben, unmöglich sei menschliches Verhalten in einer gezielten Weise zu verändern.Sephen Kinzer: The Poisioner In Cief: Sidney Gottlieb And The CIA Search For Mind Control. Macmillian Publishing, New York 2019, ISBN 978-1-250-14043-2, S. 231–242.Terry Gross: The CIA's Secret Quest For Mind Control: Torture, LSD And A ‘Poisoner In Chief‘. npr.org, 9. September 2019. Der Kulturwissenschaftler Timothy Melley bezeichnet die Vorstellung, man könne eine Person durch Gehirnwäsche sozusagen umdrehen, als „wesentliche Phantasievorstellung der Nachkriegszeit“.“a quintessential fantasy of the postwar period”. Timothy Melley: The Covert Sphere, Terrorism, and the Legacy of the Cold War. In: Grey Room. No. 45: On Brainwashing: Mind Control, Media, and Warfare. 2011, S. 19–40, hier S. 21.
Gehirnwäsche vor Gericht In den 1970er Jahren spielte der Begriff im Prozess gegen Patty Hearst eine Rolle, die 1974 von der linksextremen Symbionese Liberation Army entführt worden war, sich einige Zeit später der Gruppe angeschlossen und an einem Banküberfall beteiligt hatte. Hearsts Anwälte argumentierten vor Gericht, sie sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Das Gericht erklärte sie aber für voll verantwortlich und verurteilte sie zu einer Gefängnisstrafe.Elizabeth Aileen Young: The use of the “Brainwashing Theory” by the Anti-cult Movement in the United States of America, pre-1996. In: Zeitschrift für junge Religionswissenschaft. Band 7, 2012, S. 1–13, hier S. 8. Weil das Gericht die Argumentation der Anwälte aber nicht von vornherein ausgeschlossen hatte, galt Gehirnwäsche von nun an als rechtsfähiger Terminus. Die Plattform Anti-Cult-Movement, der neben Mitarbeitern verschiedener Regierungsbehörden und nichtstaatlicher Gruppen (unter anderem auch Evangelikale) angehören, erklärte den erhöhten Zulauf zu neuen religiösen Bewegungen damit, dass diese ihre Anhänger einer Gehirnwäsche unterziehen würden, weiters ließen auch Eltern ihre Kinder nun zum Teil gegen deren Willen und mit teilweise rabiaten Methoden „deprogrammieren“.Hans G. Kippenberg: Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-49466-6, S. 50 f.; Elizabeth Aileen Young: The use of the “Brainwashing Theory” by the Anti-cult Movement in the United States of America, pre-1996. In: Zeitschrift für junge Religionswissenschaft. Band 7, 2012, S. 1–13, hier S. 1 ff.