mini|hochkant|Ein feste Burg in Johann Spangenbergs Gesangbuch, Magdeburg 1545 Ein feste Burg ist unser Gott ist ein Kirchenlied, dessen Text von Martin Luther wohl vor 1529 geschrieben wurde. Die Melodie galt lange ebenfalls als sein Werk, entstand aber zumindest unter Mitarbeit von Johann Walter. Das Lied ist für den Protestantismus von großer Symbolkraft.
Entstehungsgeschichte Der Text ist angelehnt an den Psalm 46, „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke“. Die Frage, ob Luther auch die Melodie tatsächlich komponiert hat, spaltete im 19. Jahrhundert die Musikwissenschaftler. Nach Michael Fischer ist Luther (nur) „vermutlich […] auch Urheber der Melodie“; nach evangelisch.de ist es „umstritten“, „ob die Melodie von Luther komponiert wurde“.. In: evangelisch.de. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, 31. Oktober 2011, abgerufen am 21. Januar 2013. Nach Christa Maria Richter kann man „davon ausgehen, dass die Melodie […] ein Gemeinschaftswerk Luthers und Walters gewesen ist, wenn sie nicht sogar überwiegend von Walter stammt“.Christa Maria Richter: Johann Walter (1496–1570) – Begründer der evangelischen Kirchenmusik. Leben und Werk (= Schriften des Torgauer Geschichtsvereins, Bd. 13). Sax Verlag, Beucha / Markkleeberg, 2020.
Die älteste überlieferte Quelle stellt die Augsburger Form und Ordnung geistlicher Gesang und Psalmen von 1529 dar.Jakob Dachser: Form vnd ordnung Gaystlicher Gesang vnd Psalmen/ auch etlich Hymnus/ welche Gott dem Herren zů lob gesungen werden. Auch das Fr#[ue]egebett/an statt der B#[ae]pstischen erdichten Meß zůhalten. Philipp Ulhart d. Ä., Augsburg 1529 (Eintrag im VD 16).Inge Mager: Martin Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ und Psalm 46. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie Band 30 (1986), S. 87–96, hier S. 95 (digitale-sammlungen.de). Gedruckt wurde das Lied auch im Erfurter Gesangbuch von Andreas Rauscher (1531). Da das Lied in der Ausgabe des Klug’schen Gesangbuchs von 1533 enthalten ist, wird vermutet, dass es auch in der verlorengegangenen Erstausgabe dieses Gesangbuchs von 1529 veröffentlicht wurde, möglicherweise auch schon 1528 im ebenfalls verlorengegangenen Gesangbuch von Hans Weiss. Über den genauen Zeitpunkt und Anlass der Entstehung gehen die Angaben auseinander. Die Spanne reicht dabei von 1521 bis 1530.Friedrich Klippgen (Hrsg.): Martin Luther. Sämtliche deutsche geistliche Lieder – In der Reihenfolge ihrer ersten Drucke. Niemeyer, Halle 1912, S. 17–18. Nach einer Auffassung entstand das Lied bereits 1527, möglicherweise unter dem Eindruck der nahenden Pest.Friedrich-Karl Hildebrand: Ein’ feste Burg ist unser Gott. Ev. Gesangbuch Nr. 362. In: Gemeindebrief „brücken bauen“. September/Oktober 2003 ( [abgerufen am 23. März 2020]). Nach anderer Meinung wurde das Lied von Luther möglicherweise ursprünglich als Kampflied gegen die osmanischen Invasoren verfasst. Wieder andere meinen, dass sich das Lied gegen die Altgläubigen richte, die sich der Reformation und – aus Sicht Luthers und seiner Anhänger – dem Wort Gottes verweigerten, und weisen darauf hin, dass 1529 die „Protestanten“ auf dem Reichstag zu Speyer eine eigene Religionspartei geworden seien.
Musikalische Fortentwicklung mini|hochkant=2.0|UrsprünglicheNoten nach Andrew Wilson-Dickson: Geistliche Musik – Ihre großen Traditionen – Vom Psalmengesang zum Gospel. Brunnen Verlag, Gießen 1994, S. 63. und spätereNoten nach Neues Choralbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Bärenreiter, Kassel/Basel, Ausgabe 440, 1956, S. 55. Fassung des Melodieanfangs
Bis zum 18. Jahrhundert wurde der lebendige Rhythmus der früheren Fassungen aus dem 16. Jahrhundert zunehmend geglättet (siehe Notenbeispiel). Die Melodie ist dadurch ruhiger und eingängiger geworden.Andrew Wilson-Dickson: Geistliche Musik – Ihre großen Traditionen – Vom Psalmengesang zum Gospel. Brunnen Verlag, Gießen 1994, S. 63.
Chorsätze des Liedes schufen u. a.: Stephan Mahu (vor 1544) Johann Walter (1544) Martin Agricola (1544) Johannes Eccard Hans Leo Haßler Johann Hermann Schein Melchior Franck (4stg. 1602, 5stg. 1631) Johann Philipp Krieger (1688)
Auch gibt es eine Reihe von Orgelwerken über das Lied: Michael Praetorius: Fantasie über „Ein feste Burg ist unser Gott“ Dieterich Buxtehude: Choralbearbeitung BuxWV 184 Johann Sebastian Bach: Choralbearbeitung BWV 720 Charles Valentin Alkan: Impromptu op. 69 über „Ein feste Burg ist unser Gott“ für Pedalflügel oder Orgel Wilhelm Rudnick: Reformation. Fantasie über Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ op. 33a Max Reger: Choralfantasie über „Ein feste Burg ist unser Gott“ op. 27 (1898) Max Reger. Choralvorspiele „Ein feste Burg ist unser Gott“ op. 67 Nr. 6 und op. 79b Nr. 2 Max Reger: Choralvorspiel „Ein feste Burg ist unser Gott“ op. 135 a, Nr. 5. Sigfrid Karg-Elert: Phantasie „Ein feste Burg ist unser Gott“ op. 65 Nr. 47 (1909) Wilhelm Middelschulte: Toccata über „Ein feste Burg ist unser Gott“ (1907) Walter Schindler: Kleine Toccata über „Ein feste Burg ist unser Gott“ (1949) Jean Langlais: „Ein feste Burg ist unser Gott“ (Nr. 4 aus dem Livre oecoménique von 1968) Zoltán Gárdonyi: Präludium „Ein feste Burg“ (1985) Denis Bédard: Fantaisie sur « Ein’ Feste Burg ist unser Gott » (2001) Johannes Matthias Michel: Fantasie über „Ein feste Burg ist unser Gott“ (2012) Zsolt Gárdonyi: Toccata „Ein feste Burg“ (2017)
Ferner wird das Lied auch in verschiedenen größeren musikalischen Werken zitiert: Michael Altenburg: (als Teil des Gaudium Christianum, 1617) Das Lutherische Schloß oder Feste Burgk a 19 Johann Sebastian Bach: Choralkantate Ein feste Burg ist unser Gott, BWV 80 Georg Friedrich Händel: An Occasional Oratorio (HWV 62) in der Arie To God, our strength Gottfried Heinrich Stölzel: Te Deum (ca. 1720) Felix Mendelssohn Bartholdy: 5. Sinfonie „Reformations-Sinfonie“, letzter Satz Richard Wagner: Kaisermarsch (WWV 104) Otto Nicolai: Kirchliche Festouvertüre, große Orchesterfuge Giacomo Meyerbeer: Die Hugenotten (Oper), als Kampflied ein häufig wiederkehrendes Motiv Jacques Offenbach: Ba-ta-clan (Operette, 1855), Variation im Finale mit dem Text „Hosanna, Tod … ich liebe dich“ Ludwig Meinardus: Luther in Worms, Oratorium (1872), op. 36 Richard Strauss: Friedenstag Max Reger: Der 100. Psalm op. 106, Luthers Melodie wird in der Schlusssteigerung der abschließenden (Doppel-)Fuge als cantus firmus von Blechbläsern gespielt. Alexander Glasunow: Finnische Fantasie C-Dur op. 88 (1909); der Choral bildet das Hauptmotiv der zweiten Hälfte des Werkes und soll wohl die Zugehörigkeit Finnlands zum orthodoxen Russland demonstrieren. Finnische Skizzen E-Dur op. 89 (1912); hier wird der Choral im Finale des 2. Satzes („Festzug“) zitiert. Julius Eastman: Gay Guerrilla (1979). Hier kämpft sich die Choralmelodie am „dramaturgischen Höhepunkt“ des Stücks durch eine dissonante Wall of Sound.Patricia Martin, Mirela Zuhlali, Benedikt Ter Braak, Kai Schumacher: Booklet zur CD Julius Eastman: Evil Nigger, Gay Guerrilla. Live at Moers-Festival 2020. Martin Zeller: Reformationskantate (2017), letzter SatzSo klingt Reformation. In: evang-wien.at, abgerufen am 10. Februar 2020.
Wirkungsgeschichte mini|„Ein feste Burg ist unser Gott“ am Turm der Schlosskirche Wittenberg (1890) mini|Portalinschrift an der Georgenkirche in Eisenach mini|Inschrift an der altlutherischen Heilig-Geist-Kirche in Görlitz mini|Sockelinschrift Lutherdenkmal (Lutherstadt Wittenberg) mini|Postkarte: Martinstag Erfurt 1913 mini|Der Beginn der vierten Strophe auf einer altlutherischen Kirchentür
Das Lied wurde im 19. Jahrhundert für den Protestantismus von großer Symbolkraft; Heinrich Heine bezeichnete es als „Marseiller Hymne der Reformation“,Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. In: Der Salon. Zweiter Band. Hoffmann und Campe, Hamburg 1834, S. 80 (). Friedrich Engels als „Marseillaise der Bauernkriege“.Brief an Schlüter, 1885. In: Karl Marx und Friedrich Engels über Kunst und Literatur. Berlin 1948, S. 241 f. Zitiert nach: Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten (= Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Volkskunde. Band 4). Band 1. Akademie-Verlag, Berlin-DDR 1955, , S. XXXV. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Lied in Zeiten äußerer Bedrängnis oder zum Bekenntnis des eigenen Glaubens von Protestanten gesungen. So berichtet Michael Hirschfeld davon, dass evangelische Vertriebene in den 1940er Jahren gezielt Luthers Lied gesungen hätten, als sie erstmals in einer katholischen Kirche des Oldenburger Münsterlandes, in das sie von den Behörden zugewiesen worden waren, einen Gottesdienst hätten feiern dürfen.Michael Hirschfeld: Katholisches Milieu und Vertriebene. Eine Fallstudie am Beispiel des Oldenburger Landes 1945–1965. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2002, S. 299.
Die typische lydische Quartwendung in der Melodie, versteckt im Mittelteil auf die Worte „Der alt böse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint“, ist als Kopfmelodie zu Brüder, zur Sonne, zur Freiheit verwendet worden.Norbert Linke: Über Schwierigkeit und Notwendigkeit, melodische Herkunftsnachweise zu sichern. In: Deutsche Johann Strauss Gesellschaft (Hrsg.): Neues Leben. Heft 53 (2016/Nr. 3), , S. 54–59.
Darüber hinaus erfuhr Ein feste Burg ist unser Gott beginnend mit den Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts eine nationale Aufladung als Kampflied über den engeren religiösen Sinn hinaus. Davon zeugen die Einbindung in national-deutsch ausgerichtete Feiern wie das Wartburgfest 1817 oder die Einweihung des Lutherdenkmals in Worms 1868.. In: luther2017.de, abgerufen am 16. November 2012.Michael Fischer: Religion, Nation, Krieg. Der Lutherchoral Ein feste Burg ist unser Gott zwischen Befreiungskriegen und Erstem Weltkrieg (= Populäre Kultur und Musik. Band 11). Waxmann, Münster 2014, ISBN 978-3-8309-2901-7. Einen Höhepunkt erreichte die national-militaristische Instrumentalisierung während des Ersten Weltkriegs, als insbesondere die Zeilen „Ein feste Burg ist unser Gott“ sowie „Und wenn die Welt voll Teufel wär“ weite Verbreitung fanden (beispielsweise auf Kriegsansichtskarten). In diesem Kontext stand das Lied für das Selbstbild des von allen Seiten bedrohten Deutschland, das im Vertrauen auf Gott jedoch über alle Gegner dieser Welt triumphieren würde.Michael Fischer: Militarisierte Hymnologie. Das Lutherlied Ein feste Burg ist unser Gott im Ersten Weltkrieg. In: Kirchenmusikalisches Jahrbuch. 94. Jahrgang 2010, S. 93–102; doi:10.30965/9783657773299_008.. In: dva.uni-freiburg.de, abgerufen am 16. November 2012.
Auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg hielt bisweilen eine nationalprotestantische Deutung als Kampflied an. So formulierte etwa der Schriftsteller Ernst Jünger, der sich unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und des Krieges eigentlich von der Idee des Nationalstaates abgewandt hatte, noch im November 1947 in einem Tagebucheintrag:Ernst Jünger: Jahre der Okkupation. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1958, S. 289. „‚Ein feste Burg ist unser Gott‘, 1529. Wenn die Völker Heersäulen auf dem Marsch ins Unbekannte gleichen, steigt dieses Lied aus der germanischen Zunge auf. Es ist die genaue Fortsetzung des Heliand. Gott ist der Schirmherr im Kampf und Waffenspender, sein Sohn ‚der rechte Mann‘, der Vorkämpfer. Die Spuren Luthers bleiben in unserem Schicksal unauslöschlich; er tritt in jede unserer großen Entscheidungen ein. Viel weniger an seiner Lehre und an seinen Reformen als an seiner zum Wort gewordenen Gestalt wird jede Wiedergeburt der Una sancta scheitern, wenn anders sich nicht ein Papst der Zukunft finden sollte, der die Autorität aufbrächte, ihn zu kanonisieren und unter die Kirchenväter einzureihen.“ In der erneuerten Dauerausstellung des Lutherhauses Eisenach wird die wechselvolle Geschichte von Ein feste Burg ist unser Gott seit dem Jahr 2022 interaktiv dargestellt.Ausstellung im Lutherhaus erweitert, ZeitOnline, 10. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022.