mini|200px|Rathaus Köln-Kalk (Architekt: Gottfried Böhm), Kalker Kapelle und St. Marien, Köln-Kalk (2021) mini|200px|Blick vom Nordwesten auf die „blühende“ Industriestadt Kalk im Jahre 1908, kurz vor der Eingemeindung in die Stadt Köln. Im Vordergrund die Chemische Fabrik Kalk, halblinks die Kirche St. Joseph mini|200px|Der historische Wasserturm der ehemaligen Chemischen Fabrik Kalk umbaut von den KölnArcaden, links typische Kalker Altbauhäuser, die nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg in Schlichtbauweise wiederaufgebaut wurden.
Kalk ist ein rechtsrheinischer Stadtteil innerhalb des gleichnamigen Kölner Stadtbezirks 8. Der Ort, der über Jahrhunderte nur aus einigen Hofgemeinschaften und einer Pilgerkapelle bestanden hatte, entwickelte sich durch die Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer wohlhabenden Industriestadt, die im Jahre 1910 von der Stadt Köln eingemeindet wurde.
Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Stadtteil zu 90 Prozent zerstört. Nach schnellstmöglichem Wiederaufbau war Kalk über Jahrzehnte einer der größten Industriestandorte Kölns. Seit der Rezession in den 1970er-Jahren und den damit verbundenen Werksschließungen durchläuft Kalk einen Strukturwandel zum Wohn- und Verwaltungsstandort. Der hohe Ausländeranteil trägt zur Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft bei.
Das Stadtbild wird heute von Wohnhäusern aus der Gründerzeit, Kriegsbaulücken füllenden Mietshäusern aus den 1950er- und 1960er-Jahren in Schlichtbauweise, einigen Industriedenkmälern, Verwaltungsbauten sowie von großen Industriebrachen geprägt.
Geographie Der ursprüngliche Siedlungskern des Ortes lag auf einer Geländerinne der Niederterrasse des Rheins westlich eines mittlerweile verlandeten Rheinarms. Nördlich der Kalker Höfe lag ein Sumpfgebiet, welches sich vom Buchenforst bis nach Bensberg erstreckte.
Der Stadtteil Kalk grenzt im Osten mit den Gleisanlagen der Güterverkehrsstrecke Mülheim an der Ruhr–Köln an die Stadtteile Höhenberg und Vingst. Der Bahndamm der rechten Rheinstrecke und Siegstrecke trennt den Ort im Süden von dem Stadtteil Humboldt/Gremberg und im Westen von Deutz ab. Im Norden verläuft die Grenzlinie zu Buchforst weitgehend entlang der Bundesstraße 55a, der jenseits der B55a liegende Kalkberg gehört jedoch noch zu Kalk.Stadt Köln, Amt für Liegenschaften, Vermessung und Kataster (Hrsg.): Kölner Stadtkarten und Luftbilder. 3. Auflage. Eigenvertrieb (DVD-ROM)Henriette Meynen: Kalk und Humboldt/Gremberg. (= Stadtspuren. Denkmäler in Köln, Band 7). Bachem, Köln 1990, ISBN 3-7616-1020-3, S. 11–13.
Geschichte mini|Ausschnitt aus der Schenkungsurkunde, Kalka wird in der 5. Zeile als 2. Wort erwähnt
Ersterwähnung und Namensableitung In einer Schenkungsurkunde überschrieb Erzbischof Heribert von Köln im Jahre 1003 der neugegründeten Abtei Deutz zahlreiche Pfründen, so unter anderem die Pfarrkirche Deutz mit dem ihr aus den umliegenden Höfen Deutz, Kalk, Vingst, Poll, Rolshoven und Westhoven zustehenden Zehnten.Gereon Roeseling: Zwischen Rhein und Berg. Bachem, Köln 2003, S. 17. Die Ortsbezeichnung Villa Kalka oder Calke, wie der Ort in einer anderen Urkunde genannt wurde, leitet sich vermutlich von dem mittelhochdeutschen Wort Kolk ab, denn das Hofgut (lateinisch: villa) lag am Rande einer feuchten Niederung. Eine zweite Deutung vermutet den Baustoff Kalk als Namensgeber. Es könnte sein, dass die Römer während des Baus der Colonia Claudia Ara Agrippinensium das Gebiet als Lagerplatz für Kalk benutzt haben, der in den Kalksteinbrüchen auf heutigem Bergisch Gladbacher Gebiet abgebaut wurde.Heinrich Bützler: Geschichte von Kalk und Umgebung. Bilder aus alter und neuer Zeit. Eigenverlag, Köln 1910, S. 1.
Vom Hochmittelalter bis zur Frühen Neuzeit Zur Bewirtschaftung der Ländereien existierten schon vor der Überschreibung an die Abtei Deutz im Bereich der heutigen Höfe- und Engelstraße die Kalker Höff. Die Frage, ob es sich dabei um einen Hof oder um mehrere Höfe handelte, ist genauso wenig beantwortet wie die, ob zu diesem Zeitpunkt Grundherrschaft oder Lehen anderer kirchlicher Institutionen oder Adliger am Kalker Gebiet bestanden.
Das Kölner St.-Severins-Stift muss spätestens im 13. Jahrhundert über Landbesitz verfügt haben, denn im Jahre 1298 verpachtete es 50 Morgen Land auf Lebenszeit an den Chorbischof Winricus aus Troisdorf. Er verpflichtete sich, jährlich neun Malter Roggen an das Stift zu liefern (1 rhein. Malter ≈ 416 Liter). Wahrscheinlich das gleiche Stück Land wurde im Jahre 1330 den Eheleuten Sophie und Heinrich Körngin in Erbpacht gegeben.Heinrich Bützler: Geschichte von Kalk und Umgebung. Bilder aus alter und neuer Zeit. Eigenverlag, Köln 1910, S. 12. Im Jahre 1394 erwarb das Severinstift aus dem Nachlass des verstorbenen Ritters Johann vamme Hirtze den in Kalk gelegenen Hirtzhof und ein Jahr später den Kapitelshof. Mit diesen Höfen erwarb das Stift auch große Flächen außerhalb Kalks. Der gesamte Grundbesitz wurde zu diesem Zeitpunkt neu aufgeteilt und als Lehen vergeben. Der Kapitelshof, in manchen Quellen auch Stiftshof genannt, wurde vom Severinstift zum Fronhof für seine rechtsrheinischen Besitzungen erweitert. Als weiterer Hof auf Kalker Gebiet wurde im Jahre 1626 erstmals der Broicher Hof erwähnt, der östlich des Kapitelshofes lag. Vermutlich ist dieser Hof identisch mit dem Hirtzhof, dies kann aber nicht belegt werden. Belegbar ist, dass es sich bei den Bezeichnungen Stiftshof, Hellingshof und Knevelshof um den Kapitelshof handelt; der Broicherhof wurde ab 1673 in Wolfskehlhof umbenannt.
Dem Kapitelshof wurde spätestens 1529 ein Hofgericht zugeordnet, welches für Rechtsfragen der niederen Gerichtsbarkeit der zum Stift St. Severin gehörenden rechtsrheinischen Höfe zuständig war. Das Gericht trat dreimal jährlich unter Vorsitz eines Schultheißen zusammen, jeweils an den Donnerstagen nach dem Dreikönigstag, dem Weißen Sonntag und dem Johannistag. Die Dingbank des Hofgerichtes befand sich an einer Gerichtslinde in unmittelbarer Nähe der Kalker Kapelle. Das Gericht bestand bis zur Säkularisation des Severinsstifts im Jahre 1803.Heinrich Bützler: Geschichte von Kalk und Umgebung. Bilder aus alter und neuer Zeit. Eigenverlag, Köln 1910, S. 13.Historisches Archiv der Stadt Köln, Geistliche Abteilung: Nr. A 216, Severin – Hofgericht zu Kalk, Hofgerichtsprotokolle 1614 bis 1789. s. Mitt. 15, S. 90.
Etwas abseits der Höfe, an der Straße nach Brück, stand das im Jahre 1423 erstmals urkundlich erwähnte Heiligenhäuschen, das die bemalte Pietà der „schmerzhaften Muttergottes“ beherbergte. Der Bildstock wurde vermutlich als Gebetsstätte für die Bewohner des in unmittelbarer Nähe gelegenen Siechenhauses errichtet. Die an Lepra erkrankten Bewohner des Hauses durften wegen der Ansteckungsgefahr ihren Heimatort Deutz nicht mehr betreten. Sie lebten von Almosen, die sie von Passanten auf dem Hauptweg von Köln in das Bergische Land erbettelten.Geschichts- und Heimatverein Rechtsrheinisches Köln: Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde Band 13. Eigenverlag, 1987, S. 7 unter Bezug auf W. Frohn: Siechenhäuser und Verkehrsstraßen im Rheinland. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. Band 2, Bonn 1932, S. 154 und 161. mini|Kalker Kapelle 1666 mini|Karte von Kalk aus dem Jahre 1773 Vom Dreißigjährigen Krieg war Kalk insbesondere während des Schwedenkrieges betroffen. Aufzeichnungen des Paters Rupertus Hollwegh aus dem Jahre 1715 ist zu entnehmen, dass am 20. Dezember 1632 die schwedischen Truppen unter der Führung des kursächsischen Generals Wolf Heinrich von Baudissin, nachdem sie Deutz überfallen hatten, das Kalker Gebiet verwüsteten.Rupertus Hollwegh: Historie der schmerzhaften Mutter Maria zu Kalk. 1715, 3. Kapitel
Im Jahre 1665 brach im Rheinland die Pest aus, die in den umliegenden Orten zahlreiche Opfer forderte. Da Kalk von dieser Epidemie verschont blieb, wurde als Dank für den Schutz durch das Marienbild auf Initiative des Generalvikariats und des Pastors Andreas Steprath in den Jahren 1666/1667 die Kalker Kapelle erbaut. Dem Holzbildnis der Muttergottes wurden seitdem wundertätige Heilkräfte nachgesagt und so entwickelte sich die Kapelle zur Pilgerstätte. Das Siechenhaus wurde während des Holländischen Krieges im Jahre 1672 durch Soldaten zerstört.Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde Band 13. Eigenverlag, 1987, S. 7. Die Kapelle wurde, nachdem sie im Jahre 1703 durch einen Orkan zerstört worden war, im Jahre 1704 erneut aufgebaut.Henriette Meynen: Kalk und Humboldt/Gremberg. (= Stadtspuren. Denkmäler in Köln, Band 7). Bachem, Köln 1990, ISBN 3-7616-1020-3, S. 376. Zu dieser Zeit vergrößerte sich der Ort nicht weiter. Nur der Gasthof Zum vollen Anschlag wurde zur Verköstigung der Wallfahrer eröffnet. Im Jahre 1760 ließ Kurfürst und Erzbischof Clemens August eine Aufstellung aller Höfe im Amt Deutz erstellen. Aus dieser geht hervor:
„Grafliche, adelige oder Rittersitze: keine; geistliche Höff: 1, Besitzer Capitulum S. Severini; 1 Hoff gehorendt an Hackenbroch zu Köllen; gemeine Bauren-Häußer: 5; Besitzer Christian Unckel, (drei Häußer), Doktor Nuß, Neuhöffers Erben.“
Im Jahre 1784 waren die Kalker Höfe von einer Naturkatastrophe betroffen. Nachdem der Rhein ab Sankt Goar über Monate zugefroren war, führte die zuerst einsetzende Eisschmelze der Mosel dazu, dass sich durch den enormen Druck des Wassers das Eis bei Köln auf zwei bis drei Meter Höhe türmte. Daraufhin brachen die Poller Köpfe, ein Damm, der zum Hochwasserschutz von Deutz und Köln errichtet worden war. Das nachfolgende Wasser überschwemmte große Bereiche am Rande des ehemaligen Rheinarmes in Poll, Vingst und Kalk. Zwischen Stammheim und Mülheim trafen die beiden Wasserströme wieder aufeinander.Gereon Roeseling: Zwischen Rhein und Berg. Bachem, Köln 2003, S. 35. Die Kalker Höfe standen nach mündlicher Überlieferung „bis ans zweite Ofentürchen“ unter Wasser. Wie viele Kalker ihr Obdach verloren oder getötet wurden, ist nicht überliefert.Heinrich Bützler: Geschichte von Kalk und Umgebung. Bilder aus alter und neuer Zeit. Eigenverlag, Köln 1910, S. 18.
Franzosenzeit von 1789 bis 1815 Während der Franzosenzeit wurde Kalk wie auch das andere rechtsrheinische Gebiet zum Schlachtfeld der österreichischen und französischen Truppen. Nachdem die Franzosen in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1795 den Rhein überquert hatten, wurden die Österreicher bis weit in das Bergische Land zurückgedrängt. Nach einem Gegenangriff durch Erzherzog Karl mussten die Franzosen bereits eroberte Gebiete wieder freigeben. Über drei Monate lagerte das französische Heer im Nachbarort Mülheim. In dieser Zeit wurden die Kalker Höfe oft von den französischen Soldaten geplündert und die Bewohner drangsaliert. Als die Österreicher endgültig vertrieben waren, wurde der Ort nach Zeitzeugenberichten noch mehrfach von nachrückenden Truppen geplündert.Heinrich Bützler: Geschichte von Kalk und Umgebung. Bilder aus alter und neuer Zeit. Eigenverlag, Köln 1910, S. 19. mini|100px|Lithographie der schmerzhaften Muttergottes In einer alten Chronik wird berichtet, dass die Figur der schmerzhaften Muttergottes im Jahre 1813 von französischen Soldaten geraubt wurde. Die Kräfte der Soldaten sollen schon nach wenigen Kilometern an der Ortsgrenze zu Deutz nachgelassen haben. Ein Bauer namens Wiemich, der dies beobachtet hatte, soll auf Kölsch zu den Soldaten gesagt haben:
Die Soldaten seien auf den Vorschlag eingegangen, und Bauer Wiemich und seiner Magd sei es zu verdanken, dass die Figur der schmerzhaften Muttergottes noch heute in Kalk ist.