hochkant=1.2|mini|Mehterhâne, Miniaturen aus dem Surname-i Vehbi, 1720 Mehterhâne (, auch mehter takımı oder mehter) ist der seit dem 17. Jahrhundert gängige osmanische Name für Musikkapellen, die nach 1453 einheitliche Besetzungen erhielten und hauptsächlich als Militärmusikkapellen und Repräsentationsensembles des Sultans und weiterer osmanischer Würdenträger sowie innerhalb von Zünften für die Öffentlichkeit tätig waren. Dabei gründeten sie auf Traditionen, die im frühtürkischen und im osmanischen sowie insgesamt im islamischen Kulturbereich bereits bestanden.

Herleitung des Namens Das osmanische Wort mehter (alter Plural: mehterān)Karl Steuerwald: Türkisch-deutsches Wörterbuch. stammt von den beiden nahezu bedeutungsgleichen persischen Wörtern mih (deutsch: groß) und ter (deutsch: sehr groß) ab. Mehter bezeichnete demnach den einzelnen privilegierten, mit höchsten (mehter) militärischen und repräsentativen Aufgaben betrauten Musiker, der zur Unterscheidung vom auch mehter genannten Bediensteten im Zelt des Sultans manchmal als çalıcı mehter tituliert wurde.Kurt und Ursula Reinhard, Wilhelmshaven 1984, Band 1, S. 172. Die entsprechenden herrschaftlichen Kapellen besaßen Unterkünfte, die spätestens seit dem 17. Jahrhundert als mehterhâne bezeichnet wurden. Dieser Ortsbegriff wurde auf die Instrumentalensembles übertragen. Im modernen Türkisch fand sich dafür der Name mehter takımı (von türkisch takım; deutsch: Trupp, Mannschaft, Zug).

Vorgeschichte und Etablierung der mehterhâne mini|Eine Militärkapelle mit Trompeten und Pauken sowie herrschaftlichen Fahnen und Standarten in Erwartung eines Festzugs.Richard Ettinghaus: Die arabische Malerei. Genève 1979. Die arabische Illustration von 1237 zeigt, dass es den tabılhâne ähnliche Formationen in deren Frühzeit im gesamten islamischen Bereich gab.Siehe auch :Datei:Yahyâ ibn Mahmûd al-Wâsitî 005.jpg, :Datei:SchoolOfTabriz9.jpg und :Datei:Baysonghori Shahnameh battle-scene.jpg. Bestimmte Instrumente oder Instrumentalgruppen als herrschaftliche Insignien mit repräsentativer und militärischer Funktion wurden im türksprachigen Bereich bereits in den Orhan Göktürk- und şine-Uzu-Inschriften des 8. Jahrhunderts erwähnt. In Mahmūd al-Kāschgharīs diwān lughāt at-turk („Sammlung der Dialekte der Türken“) aus dem 11. Jahrhundert wird der Terminus tuğ für die Militärmusikgruppen verwendet.

Zur Zeit Osman Ghazis galten die Instrumente boru, zil, davul und nakkare neben Rossschweif und Standarte als Insignien des Herrschers. Die Ensembles wurden nun tabılhâne oder tabl-ü'alem mehter genannt; ihre Aufführungen trugen die Bezeichnung nevbet.

Nach der Eroberung Konstantinopels unter Sultan Mehmed II. im Jahre 1453 wurde in der Nähe des neuen Sultanspalastes ein zunächst nevbethâne, später auch mehterhâne genannter Gebäudekomplex errichtet, in dem die mehterān als Musiker mit militärischen und repräsentativen Aufgaben untergebracht wurden.Sanal, Istanbul 1964, S. 16–19. Etwa gleichzeitig entstanden mehter-esnafe genannte mehter-Zünfte, die neben den höfisch-militärischen vor allem zivile Funktionen übernahmen.Sanal, Istanbul 1964, S. 23–26.

Mit der Expansion des osmanischen Reiches ergab sich die Notwendigkeit, auch außerhalb Konstantinopels in den jeweils neu eroberten Gebieten mehterhâne für die osmanischen Würdenträger einzurichten. Die Größe der Besetzung wurde nach Ansehen und Rang des Würdenträgers gesetzlich geregelt.Gültekin Oransay, München 1962, S. 105. Neben den Landstreitkräften wurde auch die Marine mit mehterhâne ausgestattet.

Im 17. Jahrhundert gab der Reiseschriftsteller Evliya Çelebi allein für Konstantinopel 1000 mehter-Musiker, darunter 300 des Sultanshofes, an. Weitere mehterhâne bestanden damals auch in Stadtteilen außerhalb der Mauern und in den wichtigen Bastionen und Festungen.Ralf Martin Jäger, Eisenach 1996, S. 55ff.

Musikalische Funktionen mini|Mehterhâne, Miniatur von 1568 Die frühesten bildlichen Darstellungen in osmanischen Miniaturen zeigen ab dem 16. Jahrhundert die mehterhâne als Militärkapellen während der Kriegszüge, besonders dann, wenn diese unter der Führung des Sultans geschahen.Darstellungen beispielsweise in Nurhan Atasoy: Turkish miniature painting. Istanbul 1974; Esin Atıl: Süleymanname. Washington 1986; Géza Fehér: Türkische Miniaturen aus den Chroniken der ungarischen Feldzüge. Budapest 1976 und Wiesbaden 1978. Über die strategische Rolle der mehterhâne gibt es keine genaueren osmanischen Aufzeichnungen. Während des Kampfgeschehens spielte sie durchgehend. Signale der nafīr (Trompeten) regulierten die Maßnahmen. Am Ende der Schlacht oder beim Rückzug schwieg die Musik.Ralf Martin Jäger, Eisenach 1996, S. 63. Es existieren jedoch teilweise ausführliche Berichte der europäischen Gegner, auf die besonders die Beteiligung der mehterhâne am Aufmarsch des Heeres und an Militärparaden der Osmanen Eindruck machte. Selten werden dabei allerdings die musikalischen Qualitäten gewürdigt. Eine Ausnahme davon stellt Christian Friedrich Daniel Schubarts Beschreibung von 1784/85 dar, der die mehterhâne − wie damals üblich, den Janitscharen zuordnet:Christian Friedrich Daniel Schubart: Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst. 1806 posthum im Druck erschienen.

„Der Charakter dieser Musik ist kriegerisch, da er auch feigen Seelen den Busen hebt. Wer aber das Glück gehabt hat, die Janistscharen selbst musicieren zu hören, deren Musikchöre gemeiniglich achtzig bis hundert Personen stark sind; der muß mitleidig über die Nachäffungen lächeln, womit man unter uns meist die türkische Musik verunstaltet [...] Kurz, die türkische Musik ist unter allen kriegerischen Musiken die erste, aber auch die kostbarste, wenn sie so vollkommen seyn soll, als es ihre Natur, und ihr heroischer Zweck erheischt.“

Verwertbare Berichte über weitere musikalische Funktionen der mehterhâne wurden erst spät aufgeschrieben. Eine Hauptquelle stellt dabei eine italienisch verfasste Abhandlung Ali Ufkîs dar, die 1667 in der deutschen Übersetzung Nicolaus Brenners unter dem Titel Serai Enderum. Das ist: Inwendige beschaffenheit der Türckischen Kayserl: Residentz zu Constantinopoli die newe Burgk genant / sampt dero Ordnung und Gebraͤuchen [...] veröffentlicht wurde.Ali Ufki: Serai Enderum. Das ist: Inwendige beschaffenheit der Türckischen Kayserl: Residentz zu Constantinopoli die newe Burgk genant / sampt dero Ordnung und Gebraͤuchen [...] Band 6. Johann Jacob Kürner, Wien 1667, Nr. 21, S. 74–82; . Ufkî erstellte zudem eine handschriftliche Sammlung türkischer bzw. osmanischer Musik, in der er auch mehter-Melodien erfasste.Der Titel lautet Mecmua-i Sâz ü Sez und ist 1976 im Reprint in Istanbul erschienen. Er nennt zwei Gruppen von Musikern in den mehterhâne des Sultans, nämlich eine Gruppe, die innerhalb des Sultanspalastes untergebracht war, und eine, die außerhalb in nevbethâne untergebracht war. Beide Gruppen gehörten zu den tabl üʾalem-mehter, den Pauken- und Fahnen-mehter.Sanal, Istanbul 1964, S. 8–23.

Die immer wiederkehrenden Aufgaben der letzteren Gruppe bestanden im Spielen der Morgenmusik eine Stunde vor Sonnenaufgang, in der musikalischen Umrahmung von Empfängen und Ehrungen, in der Begleitung von offiziellen Ausflügen des Sultans, im Beschließen des Tages eineinhalb Stunden nach Sonnenuntergang sowie dem An- und Abkündigen der nächtlichen Sperrstunde und innerhalb des Jahreszyklus des Fastenmonats ramazan.Ralf Martin Jäger, Eisenach 1996, S. 56ff.

Die im Privatbereich des Sultans, im Enderun, dienende Gruppe übernahm es, zu staatlichen Anlässen innerhalb des Palastbezirks Musik zu machen und den Sultan persönlich im privaten Bereich sowie bei inoffiziellen Ausflügen wie Bootsfahrten auf dem Bosporus musikalisch zu unterhalten.

Beide Gruppen unterstanden dem Mir-i alem, dem Kommandeur aller Militärkapellen und obersten Verantwortlichen für alle Flaggen und Banner des Herrschers. Von ihnen müssen die mehterān der mehter-esnafı genannten Zünfte unterschieden werden. Sie wirkten ausschließlich im zivilen Bereich, beispielsweise bei Hochzeiten und Beschneidungsfeiern.

Die mehterhâne der osmanischen Würdenträger in Konstantinopel und in den Provinzen nahmen sich die großherrlichen mehterhâne als Vorbild, waren aber geringer besetzt.Sanal, Istanbul 1964, S. 20–23.

Instrumente und Besetzungen Zwar werden bereits in frühtürkischen und frühosmanischen Quellen verschiedene, später in den mehterhâne verwendete Instrumente der Militärmusik genannt, eine reglementierte Besetzung hat es aber nicht gegeben. Sie entwickelte sich erst nach 1453 in der neuen Residenzstadt Konstantinopel. Genauere Beschreibungen gibt es erst seit Salomon Schweiggers Newe Reyßbeschreibung auß Teutschland nach Constantinopel von 1608. Umfänglicheren Aufschluss geben einige im 17. Jahrhundert erschienen osmanische Werke: Ali Ufkîs Mecmua-i Sâz ü Sez (Sammlung von Musik und Wort) und sein oben genanntes Werk Serai Enderum, Evliya Çelebis Seyahatnâme (Reisetagebuch) sowie Dimitrie Cantemirs Kitâbu 'Ilmi'l-Mûsikí alâ Vechi'l-Hurûfât (Buch der schriftlichen Musikwissenschaft).

Nach diesen Quellen bildet das Instrumentenpaar zurna (Kegeloboe) und davul (Zylindertrommel, auch köbürge, küvrüğ, tuğ, tavul, tuvıl oder tabıl genannt) den Grundstock der Ensembles. Hinzu treten nafīr (gerade Langtrompete), boru (gewundene Trompete), nakkare (kleines Kesseltrommelpaar), tabılbaz (großes Kesseltrommelpaar, auch tavlumbaz, davulbaz oder kuş davulu) genannt, zil (Paarbecken), in späterer Zeit auch çağana (Schellenbaum)Der Schellenbaum kam unter der Bezeichnung çağana erst im 18. Jahrhundert nach dem Vorbild westlicher Militärmusik hinzu. Welches osmanische Instrument vorher mit çağana gemeint war, ist ungewiss. Der in Evliya Çelebis Seyahatnâme beschriebene und manchmal als çağana interpretierte Gegenstand çevgan ist kein Musikinstrument, sondern der Schlagstock für ein osmanisches Reiterballspiel. Siehe Memo G. Schachiner, Wien 2007, S. 28–36. sowie gelegentlich mehter düdüğü (ein nicht mehr identifizierbares flötenartiges Instrument), kös (große Kesseltrommel, auch kûz genannt, wahrscheinlich nur von berittenen Spielern verwendet) und def (einfellige Rahmentrommel, wohl eher ein Bestandteil der mehter-esnafı).

Die Besetzung der mehterhâne war chorisch. Die Anzahl der Musiker je Instrument richtete sich nach dem musikalischen Anlass und dessen Bedeutung sowie nach dem Rang dessen, dem die mehterhâne angehörte. So hatte der Großwesir Köprülü Mehmed Pascha 1659 eine neunfach besetzte Kapelle (dokuz katlı mehter), unbedeutendere Würdenträger dagegen kleinere Kapellen.Sanal, Istanbul 1964, S. 20.

Die Mehterhâne-i Tabl-ü Âlem-i Hassa des Sultans war vor allem bei von ihm angeführten Feldzügen bis zu 16fach besetzt (onaltı katlı mehter). In Ausnahmefällen wurden bis zu 150 köszen (Pauker) eingesetzt.

Dass die mehterhâne des Sultans einen besonderen Rang innehatten, zeigt sich nicht nur an der Besetzung, sondern auch daran, dass sie unter der militärischen Führung eines im Rang eines ağa stehenden Hauptmannes, des çorbacıbaşı, und der musikalischen Leitung eines mehterbaşı standen. Traditionsgemäß waren ihnen zudem Fahnenträger (sancaktar) und Träger des Rossschweifes (tuğcu) zugeordnet, was ihre großherrliche Bedeutung hervorhob.

Zu der instrumentalen Besetzung kommen bei textierten Melodien Singstimmen hinzu, die von den Mitgliedern der mehterhâne – in der Regel außer den Bläsern, vor allem den melodieführenden zurnazen – ausgeführt wurden.Memo G. Schachiner, Wien 2007, S. 41.

Merkmale der Musik Überlieferung