mini|links|Eierschalenkeramik

Die Longshan-Kultur () war eine späte neolithische Kultur am mittleren und unteren Gelben Fluss in China. Bereits 1928 entdeckte Wu Jinding in Chengziya am Gelben Fluss im Osten der Provinz Shandong erste Spuren dieser Kultur. Die archäologische Stätte ist nur 1 km von der Stadt Longshan entfernt, nach der die Kultur ihren Namen erhielt. 1930 und 1931 wurden hier erste systematische Ausgrabungen durchgeführt. Die Kultur wird je nach Quelle etwa auf die Zeit von 3200 v. Chr. bis 1850 v. Chr. datiert.

Entdeckungsgeschichte Ein besonderes Merkmal der Longshan-Kultur war ihre hohe Kunstfertigkeit in der Töpferei, insbesondere die Verwendung der Töpferscheibe. Sie produzierte eine dünnwandige und polierte schwarze Keramik, die in Nordchina weitverbreitet war und auch im Tal des Jangtsekiang bis hin zur Südostküste Chinas gefunden wurde.Li Feng: Early China: A Social and Cultural History, Cambridge University Press, 2013, ISBN 978-0-5218-9552-1, S. 35.John K. Fairbank, Merle Goldman: China: A New History, 2. Auflage, Harvard University Press, 2006, ISBN 978-0-674-03665-9, S. 32.

Bis in die 1950er Jahre galt diese schwarze Keramik als wichtigstes Erkennungsmerkmal, und alle ihre Fundstätten wurden der Longshan-Kultur zugeordnet.Bo Sun: The Longshan culture of Shandong, in: Anne P. Underhill (Hrsg.): A Companion to Chinese Archaeology, John Wiley & Sons, 2013, ISBN 978-1-4443-3529-3, S. 437.Li Liu: The Chinese Neolithic. Trajectories to Early States, Cambridge 2005, ISBN 978-0-521-81184-2. S. 6–7. In der ersten Auflage seines einflussreichen Überblickswerks The Archaelogy of Ancient China (1963) beschrieb der taiwanesische Archäologe Kwang-chih Chang das gesamte Fundgebiet als „Longshan-Horizont“ und postulierte damit eine relativ einheitliche Kultur, die sich von einem Kerngebiet in der zentralchinesischen Ebene aus allmählich ausgebreitet habe.Li Liu: The Chinese Neolithic. Trajectories to Early States, 2005, S. 2. Neuere Entdeckungen haben eine deutlich größere regionale Vielfalt zutage gefördert als bis dahin angenommen. Viele lokale Kulturen, die Chang dem „Longshan-Horizont“ zugerechnet hatte, gelten heute als eigenständige Kulturen und der Begriff „Longshan-Kultur“ ist nun auf das mittlere und untere Tal des Gelben Flusses beschränkt.Chunqing Zhao: The Longshan culture in central Henan province, c.2600–1900 BC, in Anne P. Underhill (Hrsg.): A Companion to Chinese Archaeology, John Wiley & Sons, 2013, ISBN 978-1-4443-3529-3, S. 237. So wird beispielsweise die zeitgleiche Kultur am unteren Jangtsekiang heute als Liangzhu-Kultur bezeichnet.

Gleichzeitig versuchten Forscher der regionalen Differenzierung der Longshan-Kultur im Talbereich des Gelben Flusses durch eine entsprechende Nomenklatur gerecht zu werden. Daher unterschieden sie regionale Varianten in Henan, Shanxi und Shaanxi von der in Shandong angetroffenen Longshan-Kultur. In der vierten Auflage seines Werks (1986) verwarf Chang das Modell einer einheitlichen, auf die zentralchinesische Ebene ausgerichteten Kultur und stellte stattdessen ein Modell unterschiedlicher regionaler Kulturen vor, deren Entwicklung durch die Interaktion zwischen den Regionen angeregt wurde – ein Phänomen, das er als „chinesische Interaktionssphäre“ bezeichnete.Li Liu, Xingcan Chen: The Archaeology of China: From the Late Paleolithic to the Early Bronze Age, Cambridge University Press, 2012, ISBN 978-0-521-64310-8, S. 17.Li Feng: Early China: A Social and Cultural History, 2013, S. 18. Ebenfalls in den 1980er Jahren schlug Yan Wenming den Begriff „Longshan-Epoche“ vor, um damit die spätneolithischen Kulturen des 3. Jahrtausends v. Chr. in der gesamten Region zu erfassen, wobei er der zentralchinesischen Ebene die führende Rolle zuschrieb.Li Liu, Xingcan Chen: The Archaeology of China: From the Late Paleolithic to the Early Bronze Age, 2012, S. 16.Li Feng: Early China: A Social and Cultural History, 2013, S. 20–21.

Dörfer; soziale Struktur Während der Longshan-Kultur wurden Dörfer mit Wällen aus Stampflehm (hang-t'u) errichtet, und zwar als Dauerwohnungen auf Anhöhen längs der Flüsse. Der Lehm wurde dafür in einer Verschalung schichtenweise festgestampft. Im Gegensatz dazu war das Yangshao-Dorf lediglich zeitweise benutzt und unbefestigt.

Die Longshan-Kultur war patriarchal. Das ist aus der Anordnung der Skelette in den Gräbern erkennbar, in denen die Frau dem Mann zugeordnet wurde. Dagegen war die frühere Yangshao-Kultur (5000–2000 v. Chr.) offenbar noch matriarchal. Es finden sich auch Schmuckstücke aus Jade. Es gab also eine Oberschicht, die sich zur Longshan-Zeit entwickelte und deren Existenz sich auch in den Gräbern spiegelt.

Ein weiteres Kennzeichen der Longshan-Kultur ist das Auftauchen des Knochenorakels (Scapulomantie), für das man Knochen durchbohrte und glühende Holzstückchen hineinsteckte, um die Risse zu deuten.

Ackerbau und Viehzucht Wie die vorangegangene Yangshao-Kultur war die Longshan-Kultur eine Agrargesellschaft. Die wichtigste Nutzpflanze war die Kolbenhirse, doch es wurden auch Überreste von Rispenhirse, Reis und Weizen gefunden. Reiskörner wurden in Shandong und im südlichen Henan entdeckt, auf der Liaodong-Halbinsel sogar ein kleines Reisfeld. Bei den Ausgrabungen stießen die Archäologen auf verbesserte Ackerbaugeräte, die Longshan-Chinesen zum Ausgraben, Ernten und Mahlen von Getreide verwendeten.Bo Sun: The Longshan culture of Shandong, in: Anne P. Underhill (Hrsg.): A Companion to Chinese Archaeology, 2013, S. 448.Chunqing Zhao: The Longshan culture in central Henan province, c.2600–1900 BC, in Anne P. Underhill (Hrsg.): A Companion to Chinese Archaeology, 2013, S. 249.

Das Schwein war der wichtigste Fleischlieferant. Schafe und Ziegen wurden offenbar im 4. Jahrtausend v. Chr. auf dem Lössplateau domestiziert, sind um 2800 v. Chr. in West-Henan nachweisbar und dienten anschließend auch zunehmend in den Regionen am mittleren und unteren Gelben Fluss als Nutztiere.Li Liu: The Chinese Neolithic. Trajectories to Early States, 2005, S. 59. Hunde wurden ebenfalls verzehrt, insbesondere in Shandong, während die Rinderzucht eine geringere Rolle spielte.

Die Longshan-Chinesen züchteten auch in kleinerem Umfang Seidenraupen und waren dadurch zur Seidenproduktion fähig.John K. Fairbank, Merle Goldman: China: A New History, 2. Auflage, 2006, S. 33.

Keramik mini|Schwarzer Weinkrug, Chinesisches Nationalmuseum Die Longshan-Keramik war die erste Keramik in China, die mittels der Töpferscheibe hergestellt wurde. In der früheren Yangshao-Keramik findet sich kein Hinweis auf Töpferscheiben. Auch Verbesserungen des kontrollierten Reduktionsbrands brachten Fortschritte bei der Herstellung der Tonwaren. Kennzeichnend für die Longshan-Kultur ist vor allem ihre schwarze, oft glänzend polierte, sehr dünnwandige Keramik. Gefäße dieser Art zeigen klar gegliederte, durch Profile und Rillen deutlich artikulierte Formen. Einige von ihnen waren Vorläufer späterer Formen von Bronzegefäßen. Daneben gab es auch rote und weiße Tonwaren und graue Gebrauchskeramik.Roger Goepper: Das alte China. Geschichte und Kultur des Reiches der Mitte, C. Bertelsmann Verlag, München 1988, ISBN 3-570-06749-1, S. 40.

Vor allem in den östlichen Küstengebieten der Longshan-Kultur fanden sich dreibeinige Henkelgießkannen der Typen gui und he aus weißem Ton. Diese offenbar von professionellen Töpfern produzierte Keramik wurde wohl ausschließlich für rituelle Zwecke verwendet. Dass die Chinesen dieser Kultur häufig elementare Kultpraktiken ausübten, belegt auch die Auffindung der Überreste von Schulterblättern von Rindern, Schafen und Schweinen, die zu Orakelzwecken erhitzt wurden.

Frühe Periode Bei Ausgrabungen in den 1950er Jahren in Shanxian im westlichen Henan wurde eine zweite Phase der Fundstätte Miaodigou (3000–2600 v. Chr.) identifiziert, die eine Übergangsperiode zwischen der vorangegangenen Yangshao-Kultur und der späteren Longshan-Kultur in Henan darstellt.Li Liu, Xingcan Chen: The Archaeology of China: From the Late Paleolithic to the Early Bronze Age, 2012, S. 9. Eine Minderheit der Archäologen schlug vor, diese Phase, die zeitgleich mit der späten Dawenkou-Kultur in Shandong stattfand, stattdessen der Yangshao-Kultur zuzuordnen; die meisten Altertumsforscher beschreiben sie jedoch als frühe Periode der Henan-Longshan-Kultur.Wangping Shao: The formation of civilization: the interaction sphere of the Longshan period, in: Sarah Allan (Hrsg.): The Formation of Chinese Civilization: An Archaeological Perspective, Yale University Press, 2005, ISBN 978-0-300-09382-7, S. 88. Einige Gelehrte vertreten die Ansicht, dass die späte Dawenkou-Kultur als frühe Phase der Shandong-Longshan-Kultur zu betrachten sei.

Fundstätten der Miaodigou-II-Kultur befinden sich in West- und Zentral-Henan, im südlichen Shanxi und im Tal des Wei-Flusses in Shaanxi.Chunqing Zhao: The Longshan culture in central Henan province, c.2600–1900 BC, in Anne P. Underhill (Hrsg.): A Companion to Chinese Archaeology, 2013, S. 238.David J. Cohen, Robert E. Murowchick: Early complex societies in Northern China, in: Colin Renfrew, Paul Bahn (Hrsg.): The Cambridge World Prehistory, Bd. 2, Cambridge, UK 2014, ISBN 978-1-107-02378-9, S. 793. Die an diesen archäologischen Stätten aufgefundenen Werkzeuge weisen gegenüber der vorangegangenen Yangshou-Kultur signifikante Verbesserungen auf. Die Landwirtschaft wurde intensiviert, und der Verzehr von domestizierten Tieren (Schweine, Schafe und Rinder) nahm stark zu. Ähnlichkeiten des Keramikstils der Miaodigou-II-Fundstätten in Zentral-Henan mit jenen der späten Dawenkou-Kultur im Osten und der späten Qujialing-Kultur im Süden deuten auf Handelskontakte zwischen diesen Regionen hin. Außerdem breiteten sich Gründungen von Siedlungen der mittleren und späten Dawenkou-Kultur (3500–2600 v. Chr.) nach Zentral-Henan und Nord-Anhui aus, was mit der Zeit des maximalen Meeresspiegelanstiegs zusammenfällt.Li Liu: The Chinese Neolithic. Trajectories to Early States, 2005, S. 30.

Späte Periode Die späte Phase der Longshan-Kultur (2600–2000 v. Chr.) in den Gegenden am Mittellauf des Gelben Flusses trat gleichzeitig mit der klassischen Shandong-Longshan-Kultur auf.Li Liu, Xingcan Chen: The Archaeology of China: From the Late Paleolithic to the Early Bronze Age, 2012, S. 216. Die meisten Wissenschaftler datieren das Chalkolithikum Chinas in die Epoche der späten Longshan-Kultur.Alexander A. Bauer, Cornelius Holtorf, Emma Waterton, Margarita Díaz-Andreu García, Neil Asher Silberman: The Oxford Companion to Archaeology, Oxford University Press, 2012, ISBN 978-0-19-507618-9, S. 142.

Mehrere regionale Varianten der späten Longshan-Kultur wurden in der Gegend des mittleren Gelben Flusses registriert, darunter Wangwan III in West-Henan, Hougang II im nördlichen Henan und südlichen Hebei, Taosi im Einzugsgebiet des Fen He in Süd-Shanxi sowie mehrere Gruppen archäologischer Stätten am Mittellauf des Jing He und Wei He, die gemeinsam als Kexingzhuang II oder Shaanxi-Longshan-Kultur bezeichnet werden.Wangping Shao: The formation of civilization: the interaction sphere of the Longshan period, in: Sarah Allan (Hrsg.): The Formation of Chinese Civilization: An Archaeological Perspective, 2005, S. 88, 90.

mini|500px|Regionale Kulturen aud lokale Zentren im Tal des mittleren und unteren Gelben Flusses im späten 3. Jahrtausend v. Chr.