miniatur|MBT-Label miniatur|MBT-Schuh

Masai Barefoot Technology (MBT, dt. Massai-Barfusstechnik), auch unter dem Label Swiss Masai bekannt, ist der Markenname für die Bodenkonstruktion einer Fussbekleidung des Herstellers Masai Group International in Winterthur. Das Unternehmen meldete im Mai 2012 Konkurs an.Andreas Möckli: Schweizer Schuhfirma MBT am Ende. Tages-Anzeiger vom 10. Mai 2012.

Wirkungsweise Kennzeichnend für die MBT ist eine konvex in Laufrichtung abgerundete Sohlenform mit einem eingefügten Fersenweichteil (dem „Masai-Sensor“). Bedingt durch die dadurch absichtlich weich und „wabbelig“ gemachte Schuhbodenkonstruktion verliert der Fuss den für eine physiologische Fortbewegung kennzeichnenden Halt. Das wirkt sich auf grössere Teile der Halte- und Stützmuskulatur aus, weil der Körper aktiv im Gleichgewicht gehalten werden muss. Dies soll nach Angaben des Herstellers die Koordinationsfähigkeit verbessern und zusätzliche Teile der Skelettmuskulatur beanspruchen.

Einsatzbereiche und Schulungen miniatur|Modell: M. Walk Men, Gr. 43 (gebraucht) Um den sachgerechten Einsatz zu gewährleisten, setzte man bis Ende 2008 auf ein Gutscheinsystem. Jedem gekauften Paar war ein Gutschein für eine einstündige Einweisung bei einem Instruktor (speziell geschulte Personen aus medizinischen Berufen, häufig Physiotherapeuten; nie MBT-Händler) beigelegt. Ab 2009 kam das Gutscheinsystem nicht mehr zur Anwendung. Stattdessen setzte das Unternehmen vermehrt Informationsbroschüren und DVDs ein. Darüber hinaus wurden die Fachverkäufer verstärkt geschult.

Das Gehen und Laufen in MBT-Schuhen erfordert Übung und ist nur für ebene Untergründe geeignet, weil auf unebenen Naturböden (Waldpfad) die Gefahr einer schuhbedingten Verletzung steigt. Leistungsbezogenes, schnelles Dauerlaufen führt zu einem unergonomischen und plumpen Auftreten. Grund dafür ist der in MBT-Schuhen erforderliche abweichende Bewegungsablauf: die hauptsächlich pendelartig aus dem Kniegelenk heraus erfolgende Beinbewegung. Bei schnellerem Laufen hingegen kommt die Hüftbeugemuskulatur stärker zum Einsatz, die Beine werden stärker angehoben und die Schritte sind raumgreifender: ein Bewegungsablauf, der mit der MBT-Konstruktion nicht harmonisch durchzuführen ist.

Daher empfahl MBT kein Jogging, sondern ein an die Voraussetzungen des Schuhs angepasstes „Slow Running“. Dieses zeichnet sich durch eine aufrechtere Körperhaltung und kleinere Schritte bei einer höheren Schrittfrequenz aus. Laut Aussagen des Unternehmens Masai Barefoot Technology lief der Langstreckenläufer B. Hollywood in einem MBT 900 Meilen in 22 Tagen.Masai Marketing & Trading AG: Ausdauertraining. In: MBT im Sport. Prävention. Training. Regeneration. Rehabilitation Nr. 1, 2009, S. 12. Neben verschiedenen Schulungen für Instruktoren werden auch Fachhändlerseminare und Trainerkurse für „Masai Walking“ angeboten. Der Hersteller bildet gegen Bezahlung auch Schuhreparateure (Schuhmacher) in der Instandsetzung der MBT-Schuhe aus.

Produktion Das Fersenweichteil kann sich, weil es aus einem offenzelligen Schaummaterial besteht, bei Nässekontakt vollsaugen. In den Pflegehinweisen wird der Käufer darauf hingewiesen, Salz, Fett, Dünger, Eiweiss oder Blut sowie „aggressive Flüssigkeiten“ nicht mit dem Sohlenaufbau in Berührung kommen zu lassen. Diese und weitere Pflegehinweise sind mit dem Verweis verbunden, dass nur bei deren Einhaltung die gesetzliche Gewährleistung gewährt werden könne.Masai Marketing & Trading AG: Pflegehinweise. In: Die Revolution geht weiter. Nr. 2, 2009, S. 40. Wenn Schuhmacher nach dem Material der Brandsohle gefragt werden, geben sie „Pappendeckel“ an. Ein Blick unter die losen Einlegesohlen beweist dies: Dort befindet sich – auch für den Laien erkennbar – imprägnierte Pappe.

Seit dem Jahr 2009 bietet MBT die sogenannte „Dual Board“-Sohlenkonstruktion als Alternative zur „alten Integrated Shank“-Konstruktion. Die neue Konstruktion vereint den „Shank“, welcher für die Stabilität der Sohle verantwortlich ist, mit der Brandsohle. Daher finden sich in den neueren Modellen auch keine Brandsohlen aus „Pappendeckel“ mehr.Masai Marketing & Trading AG: MBT Sohlenkonstruktionen. In: Die Revolution geht weiter. Nr. 2, 2009, S. 8.

Die Fertigungsorte (Südkorea, Indonesien, Vietnam und China) bedingen Fragen nach einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Passformen (Gradierungssprünge zwischen den ausgewiesenen Schuhgrössen, Einhalten der Brandsohlengrösse in Relation zur genannten Längengrösse und die Grössenverhältnisse einzelner Schaftteile) werfen Fragen auf hinsichtlich der fachlichen Kompetenz der Entwickler und Schuhfertiger. Als die Deutsche Schuhfachschule MBT-Schuhe untersuchte, deckte sie dementsprechend mehrere schuhtechnologische Widersprüche und Fragwürdigkeiten auf.

Gesundheitliche Auswirkungen MBT-Schuhe sind nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch aus schuhfachlicher Sicht und im Besonderen wegen der durch sie angeblich zu erzielenden gesundheitlichen Effekte sehr umstritten.

Eine 2008 an der Universität Freiburg durchgeführte Untersuchung verglich das regelmässige Tragen von MBT-Schuhen über acht Wochen mit einem ebenfalls über acht Wochen viermal wöchentlich durchgeführten sensomotorischen Training. Die Autoren kommen hier zu dem Schluss: „Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die deutlichen funktionellen Anpassungen nach einem sensomotorischen Training auch durch das Tragen von MBT-Schuhen erzielt werden. Sowohl das Ausmass der trainingsbedingten Funktionsanpassung als auch die Dynamik sind jedoch geringer ausgeprägt.“K. Korsten, G. Mornieux, N. walter, A. Gollhofer: Gibt es Alternativen zum sensomotorischen Training. In: Schweizerische Zeitschrift für «Sportmedizin und Sporttraumatologie». Nr. 56, 2008, S. 150–155.

Eine sportmedizinische Untersuchung der Universität Tübingen versuchte im Jahr 2003 herauszufinden, ob eine Verbesserung der Koordinationsfähigkeit nach einem sechswöchigen neuromuskulären Training festzustellen sei, wenn eine Versuchsgruppe zusätzlich zum standardisierten Training mit MBT trainierte, und kam zu dem Ergebnis: „Es zeigte sich keine signifikante Verbesserung der Koordinationsfähigkeit der Versuchsgruppe (mit MBT) gegenüber der Kontrollgruppe (ohne MBT).“ Abschliessend meinten die Wissenschaftler: „Weiterführend sind gezielte Analysen […] notwendig, um […] Trainingseffekte durch Therapiegeräte wie der Masai Barfuß Technologie (MBT) nachzuweisen.“C. Beyerlein: Effekte eines neuro-muskulären Trainings auf die Koordinationsfähigkeit nach Ruptur des vorderen Kreuzbandes, unter Berücksichtigung der Masai Barfuß Technologie. In: Krankengymnastik – Zeitschrift für Physiotherapeuten. Nr. 56, 2009, S. 1610–1627. Neben einem neuromuskulären Training bringt das Tragen von MBT-Schuhen demnach keinen zusätzlichen Nutzen für die Koordinationsfähigkeit.

Inzwischen nimmt auch das Marketing des Handels Abstand von allzu überzogenen Werbeversprechen. So vergleicht die Internetseite eines Fachgeschäfts mit Bezug auf die Herstellerwerbung die Schuhe mit einem Sportgerät und erklärt: „Es ist wie bei Stöckelschuhen: Trägt man sie dauernd, bekommt man schlechte Füsse, aber ab und zu ist OK.“Fachgeschäft Daldosch: Eine klare Zusage zu einem erwarteten Nutzen der Schuhe fehlt dort jedoch.

Weitere Aspekte Träger von MBT-Schuhen haben unter kalten Umgebungsbedingungen eher warme Füsse als Träger vergleichbaren Schuhwerks mit einem normalen Schuhboden, weil die höhere Muskelaktivität, verursacht durch die Ausgleichsbewegungen im MBT-Schuh, für eine bessere Durchblutung der Füsse sorgt.

Kritiker werfen wegen der Fertigung in Fernost Fragen hinsichtlich der sozialen und arbeitsrechtlichen Bedingungen sowie der Einhaltung von Umweltschutzstandards auf. Nach eigenen Angaben habe sich MBT einem Code of conduct im Bereich Umwelt und Soziales unterworfen. (abgerufen am 12. November 2007)

Namenskonvention Die Schuhe bewirken absichtlich eine Instabilität des Gangs und des Stehens. Daher richtet der Träger den Oberkörper reflektorisch auf, um den Schwerpunkt möglichst lotrecht über der Auftrittsstelle zu halten und das Gleichgewicht zu bewahren.B. M. Nigg, S. Hintzen, R. Ferberer: Effect of an unstable shoe construction on lower extremity gait characteristics. In: Clinical Biomechanics. Nr. 21, 2006, S. 82–88.P. New, J. Pearce: The Effects of Masai Barefoot Technology Footwear on Posture: An experimental designed study. In: Physiotherapy Research International. Nr. 12, 2007, S. 202. Diese aufrechte Haltung des Oberkörpers, die kennzeichnend für eine gesunde Körperhaltung und unter anderem auch für den kenianischen Volksstamm der Massai charakteristisch ist, führte zu dem Wort „Masai“ in der Namensgebung.

Das Wort Barfuß ist jedoch irreführend, weil diese Fussbekleidung das genaue Gegenteil des Barfussgehens bewirkt. Mit Hilfe des aus 26 Knochen bestehenden Fussskeletts mit seinen vielen Gelenkflächen und Muskeln vermag der Mensch durch eine propriozeptive Wahrnehmung des Untergrunds feinste Unebenheiten allein mit den Füssen perfekt auszugleichen und somit auszubalancieren, ohne dass der restliche Körper hierfür benötigt wird. Die Massai sind hierfür ein gutes Beispiel, weil dieser Stamm sich barfuss fortbewegt.

Die Bedeutung des Wortes „physiologisch“ wird vom Hersteller in einer sehr eigenwilligen und den allgemeingültigen Erklärungen dieser beiden Begriffe sogar zuwiderlaufenden Definition verstanden: „MBT ist die erste physiological Footwear – das heißt Footwear, die einen positiven Einfluss auf den gesamten Körper hat“, heisst es auf der Website. Das Wort physiologisch wird hier im Sinne von nicht krankhaft, in der Folge also gesund, genutzt. Die ehemalige Logounterschrift „physiological footwear“ ist 2009 auch durch den Werbeslogan „The anti-shoe“ ersetzt worden. Dieser soll die besonderen Eigenschaften des Schuhs hervorheben.

Geschichte, Entwicklung Der Erfinder des Systems, der Schweizer Ingenieur Karl Müller, hatte Rückenprobleme, die er bei einem mehrjährigen Asienaufenthalt durch regelmässiges Spazierengehen auf den extrem weichen Böden der Reisfelder verbessern konnte. Dadurch angeregt, entwickelte er für sich selbst einen Schuh, der harte, ebene Böden zu weichen, „unebenen“ Böden machte. Dieser Prototyp führte 1996 zur kommerziellen Vermarktung.

Gelegentlich gibt es Irritationen über den Ursprung der Erfindung, die auch die afrikanische Volksgruppe der Massai für sich beansprucht. Demnach habe man dort, wo traditionell kein Schuhwerk getragen wird, zur Vermeidung von Verletzungen aus Geldmangel auf alte Autoreifen zurückgreifen müssen, die dem Schuh die runde Form gaben.Vom Flamingo-See zum Götter-Vulkan – Ein Safari-Abenteuer in Tansania. Ein Film von Werner Zeppenfeld. WDR-Fernsehen, 7. Januar 2012, 15:40 Deren „Reifenschuhe“ sind u. a. durch Sportereignisse wie z. B. den London-Marathon im westlichen Kulturkreis bekannt geworden.Jasmin Fischer: London-Marathon auf Reifen-Sohlen – Sechs Massai-Krieger aus Tansania sind beim London-Marathon mitgelaufen. Mit Schuhen aus alten Autoreifen schafften sie es ins Ziel. Westdeutsche Zeitung online, 13. April 2008 Für einen Zusammenhang zwischen den „Maasai-Tires“ und den MBT-Schuhen, wie er gelegentlich angenommen wird,Beispiel für die Annahme eines Zusammenhangs: Die Aneignung der Maasai-Sandale auf „Ethno::log“, 5. März 2007 oder dafür, dass Müller bei seinem Asien-Aufenthalt von den Schuhen der Massai Kenntnis gehabt haben könnte, gibt es aber offenbar keine Belege.