Marímbula, auch Rumba-Box, seltener bass kalimba oder marimba, ist ein Lamellophon mit einem großen hölzernen Resonanzkasten, das vor allem im kubanischen Son und anderen Popularmusikstilen in der Karibik verwendet wird. Die Kernbesetzung eines traditionellen Son-Ensembles besteht aus Tres (kleine Gitarre), Bongos (Zylindertrommelpaar) und Marimbula.

Das Marimbula wurde im 19. Jahrhundert von schwarzafrikanischen Sklaven und ihren Nachkommen im Osten Kubas entwickelt. In Form und Spielweise steht das als rhythmisches Bassinstrument dienende Marimbula dem Cajón, einer ursprünglich als Trommelersatz dienenden Holzkiste, nahe und unterscheidet sich in seiner musikalischen Funktion wesentlich von den afrikanischen Lamellophontypen. Bei traditionellen Marimbulas ist der Resonanzkasten mit einer Reihe von drei bis über zehn Lamellen bestückt, die mit den Fingern gezupft werden.

Neben Kuba heißen oder hießen Lamellophone marimbula in der Dominikanischen Republik und in Cartagena (Kolumbien) sowie manimba oder manouva (auch marimba, malimba) in Haiti. Die afrikanischen Vorläufer des Marimbulas sind wahrscheinlich kleinere Lamellophone im Osten Nigerias und im angrenzenden Kameruner Grasland, deren Musiktradition im 17. Jahrhundert in die Karibik deportierte Sklaven mitbrachten. Gleichzeitig mit seiner Ausbreitung über die Karibikinseln Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte vermutlich das Marimbula nach Afrika zurück zu den Yoruba im Westen Nigerias, wo heute das für Afrika ungewöhnliche große Holzkasten-Lamellophon agídígbo gespielt wird. mini|Kubanisches Marimbula mit zehn Lamellen

Etymologie Marimba bezeichnet international verbreitete moderne Xylophone sowie unterschiedliche traditionelle Xylophone und Lamellophone im südlichen Afrika und in Ostafrika.Gerhard Kubik, 1999, S. 23 Das Wort marimba gehört zu dem in Bantusprachen verbreiteten Wortstamm -rimba oder -limba (wobei r und l in vielen Bantusprachen ein Phonem, also austauschbar sind). In mehreren Regionen im südlichen Afrika wird mit rimba oder limba ein Einton-Xylophon bezeichnet (eine einzelne über der Öffnung einer Kalebasse montierte Klangplatte). Die meisten bantusprachigen Substantive bestehen jedoch aus zwei Morphemen. Mit dem für mehrere gleiche Gegenstände dem Wortstamm vorangestellten Präfix ma- ergibt sich ein Pluralwort für ein Musikinstrument mit einer Reihe von Klangerzeugern (mehreren Lamellen). Weitere Klassenpräfixe dienen zur Unterscheidung regionaler Instrumente, so steht etwa in Chichewa ulimba und malimba für ein Xylophon. Das Wortumfeld erstreckt sich bis in den Norden Angolas, wo die Mbondo in der Provinz Malanje Xylophone madimba nennen. George T. Nurse (1970) verbindet durch Metathese den Stamm rimba/limba mit mbira/mbila für eine ebenfalls Xylophone und Lamellophone bezeichnende Wortgruppe.George T. Nurse: Cewa Concepts of Musical Instruments. In: African Music, Band 4, Nr. 4, 1970, S. 32–36, hier S. 34 Portugiesische Reisende und Kolonisatoren des 16. und 17. Jahrhunderts griffen das Bantuwort marimba auf und übernahmen es in Brasilien für praktisch alle Musikinstrumente der aus dem zentralen und südlichen Afrika verschleppten Sklaven. Bis in die 1960er Jahre existierte an der kolumbianischen Atlantikküste im Ort San Basilio de Palenque, der im 17. Jahrhundert von geflüchteten afrikanischen Sklaven gegründet worden war, noch ein marimba genannter Musikbogen.Gerhard Kubik, Tiago de Oliveira Pinto: Afroamerikanische Musik. IV. Südamerika. 2. Venezuela, Kolumbien und angrenzende Gebiete. d. Afrokolumbianische Musikinstrumente. In: MGG Online, November 2016

Marimbula wurde nach Gerhard Kubik (1999) durch Anhängen des spanischen Suffixes -ula gebildet.Gerhard Kubik: Marimba. 1. Africa and Latin America. In: Grove Music Online, 2001 Jos Gansemans (1989) verweist dagegen auf das bantusprachige Suffix -ul(a) oder -il(a) in der Bedeutung „etwas für jemanden tun“. Mit der Bantuwurzel -imba (Bedeutungsumfeld „Gesang, Melodie“) ergibt beispielsweise kwimba „singen“ und kwimbila „zu Ehren von jemand singen“. Daraus würde für marimbula „ein Musikinstrument, das zu Ehren von jemand spielt“.Jos Gansemans, 1989, S. 126f

In Kuba wird das Marimbula auch nach dem gleichnamigen Musikstil als changüi bezeichnet. Das Wort kann außerdem „Trick, Betrug“ bedeuten.Donald R. Hill: West African and Haitian Influences on the Ritual and Popular Music of Carriacou, Trinidad, and Cuba. In: Black Music Research Journal, Band 18, Nr. 1/2, Frühjahr–Herbst 1998, S. 183–201, hier S. 192

Herkunft mini|Xylophon mit 15 Klangplatten aus Zentralafrika. Untergehängte Kalebassen zur Resonanzverstärkung. Die Löcher waren mit Mirlitonen beklebt. Vor 1887 mini|Lamellophon mit einem kastenförmigen Resonanzkörper und sechs Bambuslamellen aus dem Kongobecken. 1850–1885 Die originär aus Subsahara-Afrika stammenden Lamellophone werden zusammen mit den hauptsächlich in Südostasien, Zentralasien, Südasien und Europa verbreiteten Maultrommeln als Zupfidiophone kategorisiert. Die Klangerzeugung basiert bei beiden Instrumentengruppen auf elastischen Zungen (Lamellen), die an ihrem freien Ende angezupft und dadurch in Schwingung versetzt werden. Über ihr fixiertes Ende übermitteln die Zungen die Schwingungen zur Klangverstärkung an einen Resonanzkörper. Bei den Maultrommeln wird eine Zunge durch den Mundraum verstärkt, bei den Lamellophonen übertragen mehrere Zungen die Schwingungen an ein Brett oder an einen Holzkasten. Die ältesten Instrumente beider Gruppen besaßen Zungen aus Pflanzenmaterial wie beim Lamellophon timbrh in Kamerun. Stattdessen werden heute überwiegend Metallzungen verwendet. Die traditionellen Verbreitungsgebiete beider Instrumentengruppen überschneiden sich nicht.Gerhard Kubik, 1999, S. 22. Die wenigen afrikanischen Maultrommeln gehen auf europäische Vorbilder aus der Kolonialzeit zurück. Vgl. John Wright: Jew's harp. In: Grove Music Online, 2001

Eine weitere Verbindung besteht zwischen Lamellophonen und Xylophonen über die Spielweise. Mit der These, Lamellophone seien als „tragbare Xylophone“ geschaffen worden, verwies der Musikethnologe Arthur Morris Jones (1973/74) zugleich auf die mutmaßliche Herkunft der afrikanischen Xylophone von den Malaiischen Inseln. Bei Lamellophonen sind die Lamellen symmetrisch angeordnet – die tiefsten und längsten in der Mitte, während die Klangplatten der Xylophone in einer aufsteigenden Reihe nebeneinander liegen. Wenn ein Lamellophonspieler mit beiden Daumen für die afrikanische Musik charakteristische „verzahnte“ (englisch interlocking) Rhythmen produziert, so entspricht dies demnach dem Spiel von zwei sich an einem Xylophon gegenüber und damit seitenverkehrt sitzenden Musikern. Die beiden Daumen des Lamellophonspielers entsprechen Jones zufolge der rechten Hand des einen und der linken Hand des anderen Xylophonspielers.Arthur Morris Jones: Letters to the Editor. In: African Music, Band 5, Nr. 3, 1973/1974, S. 96f; Gerhard Kubik: Lamellaphone. 4. Early history. In: Grove Music Online, 2001; Gerhard Kubik, 1999, S. 36

Ein verschiedentlich nachgewiesener Kulturtransfer von Südostasien nach Afrika fand auf dem Seeweg in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends statt.Vgl. Roger Blench: Using diverse sources of evidence for reconstructing the past history of musical exchanges in the Indian Ocean. Cambridge, 28. Juni 2014, S. 8f (veröffentlicht in: African Archaeological Review, Band 31, Nr. 4, Dezember 2014, S. 675–703) Gerhard Kubik rekonstruiert anhand sprachlicher Untersuchungen eine hypothetische Existenz von rein aus pflanzlichen Materialien bestehenden Lamellophonen seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. Erhalten sind solche Lamellophone nicht.Gerhard Kubik, 1999, S. 34 Die älteste schriftliche Quelle für Lamellophone in Afrika ist die 1609 veröffentlichte Reisebeschreibung Etiópia Oriental e vária história de cousas notáveis do Oriente des portugiesischen Missionars Frei João dos Santos (um 1570 – um 1625), der 1586 an der Küste von Mosambik im Palast des Königs ein Lamellophon mit neun Zungen spielen hörte.

Der Name marimba für ein Lamellophon taucht erstmals in der instrumentenkundlichen Beschreibung des italienischen Jesuitenpaters Filippo Bonanni Gabinetto armonico Pieno d' Instromenti sonori von 1723 auf.Filippo Bonanni: Gabinetto armonico Pieno d' Instromenti sonori. Rom 1723, Tafel CXLIV: „Marimba de Cafri“ Bonanni war selbst nie in Afrika. Woher die Abbildung stammt, ist unklar. Dem Namenszusatz nach („Marimba de Cafri“) könnte ein Instrument von der Küste des Indischen Ozeans gemeint gewesen sein, denn das italienische Wort „Cafri“ (Kaffer) ist arabischen Ursprungs und war für Araber aus Oman, die ihren Einfluss entlang der dortigen Küste bis nach Mosambik ausübten, die Bezeichnung für nichtmuslimische Afrikaner. Ansonsten wurden in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts die (west-)afrikanischen Xylophone als „Marimba“ bezeichnet.Vgl. Leo Frobenius: Der Ursprung der afrikanischen Kulturen. Verlag von Gebrüder Borntraeger, Berlin 1898, S. 183ff

Als nächster verwendete der in Brasilien geborene portugiesische Naturforscher Alexandre Rodrigues Ferreira (1756–1815) in der Beschreibung seiner zwischen 1783 und 1792 unternommenen „philosophischen Reisen“ ins Inland BrasiliensAlexandre Rodrigues Ferreira: Viagem filosófica às Capitanias do Grão-Pará, Rio Negro, Mato Grosso e Cuiabá. 1800 den Namen marimba für ein Lamellophon, das ein aus Angola stammender Sklave im Norden Brasiliens angefertigt hatte. Die detaillierte Abbildung zeigt ein Lamellophon eines heute im Südwesten Angolas vorkommenden Typs mit 16 Lamellen, der dort jedoch anders genannt wird. Offenbar war marimba bereits im 18. Jahrhundert in die portugiesische Sprache als allgemeine Bezeichnung für von afrikanischen Sklaven gespielte Lamellophone und Xylophone eingegangen. Dass der von Ferreira gezeichnete Sklave aus Südwestangola stammte, geht Gerhard Kubik zufolge auch aus Ferreiras Abbildung eines ebenfalls für dieselbe Region in Angola typischen Pluriarc hervor, der von diesem Sklaven oder seiner Umgebung gespielt wurde.Gerhard Kubik, 1999, S. 32–34

Quellen über Lamellophone in Afrika sind bis ins 19. Jahrhundert spärlich. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferten Afrikaforscher wie David Livingstone und Karl Mauch teilweise detaillierte Angaben zu den mbira im südlichen Afrika. In der ersten systematischen Zusammenstellung afrikanischer Musikinstrumente, die durch die Auswertung von Museumsbeständen erfolgte, umreisst Bernhard Ankermann (1901) das Verbreitungsgebiet der „Sansa“ genannten Lamellophone von Angola über das Kongobecken bis nach Kamerun. Das isolierte Vorkommen einer „Sansa“ bei den seefahrenden Kru in Liberia und Sierra Leone hält er für einen jüngeren Import aus Angola oder Gabun.Bernhard Ankermann: Die afrikanischen Musikinstrumente. (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 86–88

Ankermanns Vermutung, Lamellophone seien erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf dem Seeweg entlang der westafrikanischen Küste von Zentralafrika nach Sierra Leone gelangt, bestätigt Gerhard Kubik (1999). Im Südosten Nigerias und im Kameruner Grasland gibt es eine alte Tradition spezifischer Lamellophontypen (darunter das timbrh bei den Wute und das nicht mit dem gleichnamigen Xylophon zu verwechselnde mendzan bei den Tikar) mit Lamellen aus Raphiablattrippen.Gerhard Kubik, 1989, S. 60 Dagegen waren vor dem 18. Jahrhundert Lamellophone westlich des Niger unbekannt. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts begannen sich offenbar Lamellophone aus Gabun, Kamerun und Nigeria mit dem Seehandel entlang der Küste nach Sierra Leone auszubreiten.Gerhard Kubik, 1999, S. 53f In Gegenrichtung brachten aus der Karibik nach Freetown in Sierra Leone zurückgekehrte ehemalige schwarzafrikanische Sklaven die rechteckige Rahmentrommel gumbe mit und verbreiteten sie entlang der westafrikanischen Küste bis zum Golf von Guinea.