Neugriechisch (neugriechisch ), die heutige Sprache der Griechen, ist die Amtssprache Griechenlands (um 10,5 Millionen Sprecher) und Zyperns (um 0,7 Millionen Sprecher) und somit eine der 24 Amtssprachen der Europäischen Union. Außerdem ist es in einigen südalbanischen und süditalienischen Gemeinden, in denen Angehörige griechischer Minderheiten leben, als lokale Amtssprache sowie in der Türkei (Istanbul) als Schulsprache zugelassen. Zusammen mit den ausgewanderten Griechen und Zyprioten sprechen weltweit über 13 Millionen Menschen Griechisch als Muttersprache. Das Neugriechische gehört zu den indogermanischen Sprachen.
Terminologie Das Neugriechische wird heute in vielen Wörterbüchern und im aktuellen Kontext (zum Beispiel in der EU) allgemein als Griechisch bezeichnet. Um es sprachlich vom Altgriechischen zu unterscheiden, das im Zusammenhang der humanistischen Bildung und der antiken griechischen Kultur meist ebenfalls nur als Griechisch bezeichnet wird, herrschen in linguistischem Zusammenhang die Begriffe Neu- und Altgriechisch vor.
Um ganz exakt die heutige offizielle Staats- und Umgangssprache Griechenlands zu benennen und auch die Grenze zu den ebenfalls neugriechischen Sprachformen Katharevousa und Dimotiki zu ziehen, wurde der englische Begriff Standard Modern Greek („Standard-Neugriechisch“) geprägt. Oft wird das Standard-Neugriechische mit der Dimotiki gleichgesetzt, was jedoch aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht völlig korrekt ist, da auch die Katharevousa einen bedeutenden Einfluss auf die Standardsprache genommen hat.
Im Neugriechischen selbst wird die Sprache wissenschaftlich korrekt als ( „Neugriechische Gemeinsprache“) bezeichnet. Daneben finden sich die untereinander austauschbaren Ausdrücke ( „das Griechische“), ( „das Neugriechische“), ( „die Griechische [Sprache]“) und ( „die Neugriechische [Sprache]“).
Geschichte
mini|Gebiete mit griechischsprachiger Mehrheit im geschlossenen griechischen Sprachgebiet, um 1900
Neugriechisch hat sich aus der Koine des Altgriechischen und damit aus dem antiken attischen Dialekt entwickelt. Den Beginn der neugriechischen Epoche setzt die Forschung wechselweise im 11. Jahrhundert (erste Epen in weitgehend neugriechischer Sprache), um das Jahr 1453 (Fall Konstantinopels) oder in der Mitte des 17. Jahrhunderts (kretische Renaissance) an.
Seit 1460 besaß die Sprache keinen offiziellen Status, wurde jedoch in den besetzten Gebieten Griechenlands sowie im gesamten Osmanischen Reich verstreut gesprochen. Nach der Griechischen Revolution wurde sie 1830 zur alleinigen Staatssprache des neu gegründeten Staates. In den folgenden hundert Jahren fand ein umfassender Bevölkerungsaustausch mit den übrigen neu gegründeten Nationalstaaten der Region statt, so dass das Griechische aus diesen weitgehend verschwand, im wachsenden griechischen Staat selbst jedoch zur Sprache der überwältigenden Mehrheit wurde. Nur in Zypern, das bis 1960 eine britische Kolonie war, kam es zu keinem derartigen Austausch. Das Griechische verbreitete sich außerdem seit dem 19. Jahrhundert durch Auswanderung in der gesamten Welt, besonders in Nordamerika und Australien. Seit dem Zweiten Weltkrieg spielt auch zunehmend die Auswanderung nach Westeuropa, insbesondere nach Deutschland und Großbritannien, eine Rolle.
Katharevousa und Dimotiki
Bis 1976 gab es für das Neugriechische zwei konkurrierende Sprachformen, die Dimotiki ( „die Volkstümliche“), die traditionelle Volkssprache, und die offizielle Katharevousa ( „die Reine“), eine weitgehend künstliche, an das klassische Griechisch angelehnte Hochsprache. Mit der Kunstsprache Katharevousa versuchten national gesinnte, gebildete Kreise des jungen griechischen Staates die Kontinuität zur „großen“ klassischen Vergangenheit zu unterstreichen. Die kompliziertere Grammatik und der veraltete Wortschatz wurden von der Bevölkerung nicht angenommen, trotzdem tobte ein jahrzehntelanger Sprachstreit zwischen den Attizisten (Befürwortern der an den attischen Dialekt des Altgriechischen angelehnten Katharevousa mit Zentrum an der Universität Athen) und den Demotizisten (Anhängern der Volkssprache mit Zentrum an der Aristoteles-Universität Thessaloniki).
Nach dem Ende der Militärdiktatur wurde die Katharevousa durch einen Parlamentsbeschluss als Amtssprache abgeschafft und spielt heute nur noch in Dokumenten der orthodoxen Kirche, in Inschriften oder in anderen schriftlichen Bereichen vereinzelt eine Rolle (z. B. die Zeitung Estia). Grundsätzlich hat sich die Volkssprache – mit der ihr eigenen Phonetik, Morphologie und Lexik – in den letzten Jahrzehnten als die gesprochene wie auch geschriebene Sprache Griechenlands durchgesetzt. Vielen gelehrten Redewendungen und Wörtern aus der Katharevousa gelang es jedoch, Eingang in die gesprochene Sprache des Volkes zu finden, sodass sich das heutige Neugriechisch als eine Synthese der Dimotiki und der Katharevousa darstellt, mit einem Mischungsverhältnis zugunsten der ersteren. Das breite stilistische und lexikalische Spektrum der heutigen Sprache, resultierend aus den erwähnten volkstümlichen wie auch gelehrten Einflüssen, macht einen wichtigen Aspekt des besonderen Reichtums des Neugriechischen aus.Christos Karvounis (2002): „[Der Kampf um die Sprache im 19.–20. Jahrhundert] beschleunigte einen Mündigkeitsprozess, durch den die volkssprachliche Grundlage mit den hochsprachlichen Elementen schließlich zusammenwuchs, was zu einer ‚Gemeinsprache‘ führte (/), die vielleicht kraftvoller und ausdrucksstärker ist als je zuvor.“Adrados (2001), S. 289: „Was wir daher gemeinhin Neugriechisch nennen, ist nicht ganz einheitlich, denn es bewahrt in seiner Phonetik und Morphologie und besonders in seinem Wortschatz zahlreiche Elemente der alten Hochsprache.“ So können auch innerhalb eines Gesprächs auf Neugriechisch Passagen wie Zitate und Sprichwörter oder einfache Hervorhebungen in der Katharevousa oder im Altgriechischen gesprochen werden, wobei entsprechende Sprachkenntnisse vorausgesetzt werden.
Heutige Sprachformen
Die neugriechische Sprache wird heute in Griechenland vergleichsweise einheitlich gesprochen und ist nur wenig dialektal zergliedert, mit Ausnahme des nur noch in wenigen Dörfern gesprochenen Tsakonischen und des vorwiegend in Nordgriechenland auf dem Land gesprochenen Pontischen. Ein Besucher Griechenlands muss kaum damit rechnen, auf griechische Menschen zu treffen, mit denen keine Verständigung auf Standardgriechisch möglich ist.
Nach der Befreiung Griechenlands, dessen Territorium zunächst nur die Peloponnes, Attika und Teile Mittel- und Westgriechenlands umfasste, wurde der peloponnesische Dialekt, der lautlich wie morphologisch der geschriebenen Katharevousa am nächsten stand, die Basis der Standardsprache. Nach der Verlegung der griechischen Hauptstadt nach Athen im Jahre 1834 überlagerte er durch den Zuzug vieler Griechen von der Peloponnes allmählich auch die alte Athener Mundart. Daneben waren auch die Mundarten der Ionischen Inseln und Konstantinopels, deren Sprecher die Athener Elite ergänzten, eng mit der peloponnesischen verwandt.Peter Mackridge: The Modern Greek Language. Oxford 1985, ISBN 0-19-815770-3.
Indes weichen die in manchen Landesteilen – z. B. auf Kreta, in Epirus, Thrakien (hier vor allem in Nord-Evros) – und auf Zypern gesprochenen Idiome so weit von der Standardsprache ab, dass man von neugriechischen Dialekten auch dann spricht, wenn die Unterschiede zwischen ihnen nicht so groß sind, wie es beispielsweise bei einigen deutschen Dialekten der Fall ist. Allerdings werden die meisten dieser Dialekte im Alltag praktisch nicht mehr verwendet.
Dialekte mini|hochkant=1.4|Wichtige Isoglossen im einheitlichen Sprachgebiet des Griechischen um 1900
Der erste Versuch, die neugriechischen Dialekte zu ordnen, stammt von Georgios Hatzidakis. Anhand der Entwicklung der unbetonten halboffenen und geschlossenen Vokale teilte er die neugriechischen Dialekte in nördliche und südliche ein. Dieser Einteilung zufolge wandeln sich in den nordgriechischen Dialekten alle unbetonten /o/ und /e/ in /u/ bzw. /i/, während alle unbetonten /i/ und /u/ ganz verstummen. In den südgriechischen Dialekten hingegen bleiben diese Vokale unverändert.G. N. Hatzidakis 1892, S. 342. Beispiele: (Standardaussprache [] > nordgriechisch []), (Standard [] > nordgriech. []), (südgriechisch [] > nordgriech. []).
Eine andere Isoglosse, nach der die neugriechischen Dialekte einzuteilen wären, ist der Erhalt oder Verlust des [n]-Auslautes bei vorwiegend neutralen Nomina. Gemäß dieser Isoglosse werden die südöstlichen, insularen Dialekte abgegrenzt, in denen der Auslaut [n] erhalten bleibt ( []) oder gar angefügt wird ( []), von den übrigen abgegrenzt, in denen er nicht vorkommt.
Eine weitere Isoglosse ergibt sich aus der Entwicklung des sogenannten „irrationalen“ intervokalischen Stützlautes : In vielen, wiederum vor allem insularen Teilen Griechenlands (Kykladen, Lesbos, Ikaria, Kreta) kann man zwischen Vokalen im Auslaut eines Wortes den eingeschobenen Konsonanten [] vorfinden, so z. B. (). In manchen Regionen Griechenlands trat der Stützlaut [] (auf Zypern der Laut k) auch zwischen dem Stammauslaut [] und der Endung /-ɔ/ in den Präsensformen, so [] > [] bzw. auf Zypern [] auf.
Weiterhin wurden als Basis für die Einteilung der neugriechischen Dialekte die folgenden phonetischen, morphologischen und syntaktischen Phänomene vorgeschlagen, die jeweils nur in einigen Teilen des Sprachgebiets auftreten: die Entnasalierung der Konsonantenkomplexe /mb/, /ng/, /nd/, beispielsweise in ([] > []), der Wandel des Lautes [] in []: ([] > []), der Erhalt oder Wegfall des Augments: [] > [], der Verlust des Genitivus personalis und Ersatz durch den Akkusativ in den nordgriechischen Dialekten: [] > [], die Nachstellung der unbetonten Formen des Personalpronomens: [] > [], [] > [].Triandafyllidis 1938, S. 66 f.
Die Dialekte des Griechischen lassen sich anhand dieser Isoglossen wie folgt aufteilen:
mini|hochkant=1.4|Dialekte in Griechenland und Zypern
Nördliche Dialekte auf dem griechischen Festland etwa nördlich einer Linie Kithairon–Chalkida, in der nördlichen Hälfte Euböas und auf den Nördlichen Sporaden, auf Thasos, Samothraki, Limnos, Lesbos und Samos. Diese Dialekte werden auch von den Minderheiten in den angrenzenden Staaten Albanien, Nordmazedonien und Bulgarien gesprochen. Der Dialekt der Sarakatsanen (griechisch , ), die im nördlichen Griechenland ursprünglich transhumante Weidewirtschaft betrieben und heute zu einem kleinen Teil auch in Rumänien und Bulgarien leben, weicht von den umgebenden Dialekten stark ab und hat einige Archaismen erhalten. Südliche Dialekte Peloponnesisch-Ionisch auf der Peloponnes, in Attika und Böotien südlich der Grenze zu den Nördlichen Dialekten, im Süden Euböas sowie auf den Ionischen Inseln Alt-Athenisch und Maniotisch: Der Alt-Athener Dialekt, der z. B. den [i]-Laut vor anderen Vokalen in betonter Stellung erhalten hat, konnte sich nur vereinzelt um die Städte Megara und Kymi sowie auf Ägina halten und steht dem noch existenten Dialekt der Halbinsel Mani nahe, der sich beispielsweise auch unter den Nachfahren maniotischer Auswanderer in dem korsischen Ort Cargèse bis ins 20. Jahrhundert halten konnte. Kretisch-Kykladisch auf Kreta, den Kykladen und in einigen Exklaven in Syrien und dem Libanon.