mini|Blick von St. Martin im Kofel ins Marteltall: von Morter bis zur Zufallspitze Das Martelltal (auch einfach Martell; italienisch Val Martello) ist ein nach Süden ausgerichtetes Seitental des oberen Etschtals bzw. Vinschgaus in Südtirol (Italien). Der größte Teil des Tales liegt im Verwaltungsbereich der Gemeinde Martell mit Einwohnern (Stand ). Der Taleingangsbereich gehört zur Gemeinde Latsch. mini|hochkant=1.6|
Etymologie Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Tal um 1280 als „Martel“, was nach Meinung mancher Namenkundler vom lateinischen martellum, dem „Hammer“ der Bergknappen, herrühren könnte. Vorgeschlagen wurden aber auch Ableitungen von einem lateinischen murtella („Heidelbeere“), von einem Personennamen Martel oder von einem vorrömischen Wort marra („Geröll, Steinhaufen“).
Sowohl in den ältesten Urkunden des 14. bis Ende des 17. Jahrhunderts waren sowohl Mortell als auch Martell im Gebrauch, ohne dass die eine oder andere Form bevorzugt worden wäre. In den Urkunden des 18. Jahrhunderts kamen neben den bisherigen auch noch andere Formen in Gebrauch, wie beispielsweise Mohrtel, Mahrtel, Muhrtel (Muhrtal), Marchtel (Marchtal = Grenztal zwischen Ulten und Sulden) usw. Seit dem Jahre 1910 gilt amtlich der Name Martell. Die auffallende Ähnlichkeit zwischen den Namen Martell und Morter könnte auf einen Zusammenhang bei deren Namensgenese hindeuten. Die italienische Entsprechung ist „Martello“.
Geographie Lage mini|Auf einem quer stehenden Felsenriegel im Taleingang stehen die Burgruinen Obermontani und Untermontani
Das Martelltal ist ein ausgeprägtes Kerbtal, das ziemlich geradlinig und flankiert von steilen Talhängen vom Gebiet der Gemeinde Latsch im Vinschgau aus 27 km in südsüdwestlicher Richtung in die Ortler-Alpen hineinführt. Die Talfurche weist mehrere Stufen auf und geht bei Morter auf in den breiten Talgrund des Vinschgau über. An dieser Stelle bildet ein quer verlaufender schmaler Schieferrücken eine natürliche Sperre, auf der die Burgen Obermontani und Untermontani sowie die St.-Stephan-Kapelle stehen. Das Martelltal ist in den Nationalpark Stilfserjoch eingebettet und wird von der Plima entwässert.
Topographie mini|Der Taleingang nach dem Felsenriegel mit dem Montanibruch im Berghang links oben mini|Martell Dorf Der Eingangsbereich ist nach dem Felsriegel bei Morter nicht sehr eng, aber doch relativ steil. Bis Bad Salt, das auf dem Scheitel der ersten Talstufe auf liegt, sind auf einer Strecke von 4,6 km über 400 Höhenmeter zu überwinden. Die wenigen und verstreut liegenden Bauernhöfe in diesem Bereich, die Vorhöfe, gehören noch zur Gemeinde Latsch. Erst bei Burgaun beginnt das Gebiet der Gemeinde Martell, und mit Bad Salt gehört es zum langgestreckten Ortsteil Ennewasser. Dessen Weiler und Einzelhöfe sind in einer flacheren und geweiteten Talmulde eingebettet und reichen bis zum Flimbach, einem Seitenbach der Plima. Danach folgt die Gand, ein dichter besiedelter Talgrund, von dem eine Seitenstraße auf die orografisch linke Seite abzweigt. Dort liegt auf Höhe Meiern, mit dem Hauptort Thal, auch „Dorf“ genannt, das eigentliche Gemeindezentrum mit Rathaus, Volksschule, Kindergarten, Postamt, Bank und Kirche. Vom Weiler Eberhöf erstreckt sich dahinter der schütter besiedelte Sonnenberg bis Steinwand. Die Streusiedlung oberhalb von Meiern nennt sich Ennethal, von der bei Premstl eine Straße weiter durch steiles Waldgelände bis in den Ortsteil Waldberg führt, in dem einer der höchstgelegenen Kornhöfe Südtirols liegt, Stallwies auf . Dieser Hof wird auch als Gastwirtschaft geführt und ist Startpunkt sowohl für leichte als auch für anspruchsvolle Wanderungen, u. a. auf die Laaser Spitze.
Hinter der Gand verengt sich das Tal und steigt besonders beim Hölderle wieder merklich an. In der Schmelz auf beginnt Hintermartell. Auf etwa fließt der Rosimtalbach von der orografisch linken Talseite in die Plima. Seine Aufschüttungen haben eine breitere Talsohle geschaffen, in der einzelne Bergmähder, die Grogg-Alm und ein modernes Biathlonzentrum liegen. An einer dahinter folgenden Engstelle türmt sich auf eine mächtige, in den 1950er Jahren errichtete hohe Staumauer auf. Sie bildet heute eine abrupte Geländestufe. Dahinter liegt der Zufrittstausee mit einigen Gastwirtschaften am felsigen Seeende. Der folgende, flachere Talabschnitt geht in einen breiten Felsgürtel über, auf dem die Straße auf nach mehreren Kehren endet. Hier öffnet sich das Tal zu einem weiten stufenförmigen Kar, dessen letzte Anhöhe bei der Zufallhütte () in den breiten Talschluss von Zufall übergeht. Die Hütte bietet sich als Einkehrmöglichkeit an, bevor die leichtere Tour auf die 1980 erbaute Marteller Hütte () oder anspruchsvollere Touren auf die Casatihütte () oder in andere Gebiete der Ortler-Alpen in Angriff genommen werden.
Berge und Seitentäler mini|Der vergletscherte Talschluss des Martelltales mit der Königsspitze Der felsige und unwegsame Berghang an der orografisch linken Seite des Taleingangs ist der Eichberg. Dem aufmerksamen Beobachter bleibt das sporadische Auftreten weißer Marmorsteine in diesem Gelände nicht verborgen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden dort im Zelimbruch vereinzelt Marmorblöcke aus diesen Hängen entnommen. Es treten hier Marmoradern zutage, die sich auf der gegenüberliegenden Talseite Richtung Osten fortsetzen. Dort ist heute noch die Kerbe des Montanibruchs im Hang zu sehen, wo früher Marmor abgebaut worden ist. Weiter im Talinnern folgt der Sonnenberg, von dem ein Wanderweg unter der Steinwand entlang zu den Morterlegern führt. Das neben dem Ortszentrum Thal verlaufende Eberhöfertal war wegen der Lawinengefahr in schneereichen Wintern gefürchtet. Eine mächtige Nassschneelawine im Jahr 2001 war der Anlass, dass vom Amt für Wildbachverbauung ab dem Jahre 2007 ein 250 m langer und 18 m hoher Schutzdamm auf Meereshöhe errichtet wurde. Vom Eberhöfertal oder von der benachbarten Saugbergalpe aus gibt es über die Göflaner Scharte () und über das Kreuzjöchl () Wandermöglichkeiten auf den Schlanderser Nördersberg.
Hinter der Schmelz bei Durraplatt mündet das Schludertal in das Martelltal. An der Schluderalm () vorbei kann die Schluderscharte () erreicht werden, die zwischen Laaser Spitze () und Schluderspitze () eingebettet ist. Weitere Paralleltäler sind das Rosimtal hinter der Grogg-Alm, das Lyfital mit der Lyfi-Alm (), oberhalb des Stausees gelegen, das Pedertal bei der Borromeo-Hütte () und das Madritschtal hinter den Parkplätzen. In den Talschlüssen dieser Täler ragen, allesamt zu den Laaser Bergen gerechnet, die Lyfispitze (), die Mittlere () und Äußere Pederspitze (), die Schildspitze (), die Plattenspitze (), die Innere Pederspitze (), die Hintere Schöntaufspitze () und die Madritschspitze () auf. Vom Madritschtal aus führt eine vielbegangene Route über das Madritschjoch () in das Suldental hinüber. Von der Enzianhütte bei den Parkplätzen im Talschluss ausgehend, bietet der Marteller Höhenweg über die Lyfi-Alm und die Schluderalm eine Wandermöglichkeit bis nach Stallwies.
mini|Die Zufallhütte im Talschluss von Martell mit der nach 1891 errichteten Hochwasserschutzmauer
Der stark vergletscherte Talschluss wird von einer Reihe weiterer Dreitausender gesäumt: der Butzenspitze () hinter dem Butzental, der Eisseespitze () über dem Eisseepass () sowie Hochgipfeln des Ortler-Hauptkamms, nämlich der Suldenspitze () neben dem Langfernerjoch (), einem Übergang in das Val Cedec mit der Casatihütte (), dem Monte Cevedale () und den ihm vorgelagerten Zufallspitzen ( die Vordere und die Hintere), an deren Füßen sich der Langenferner, der Zufallferner und der Fürkeleferner ausbreiten. Im Südosten, am Beginn des Zufrittkamms, sind es die Köllkuppe () mit dem Hohen Ferner, die Veneziaspitzen (Hauptgipfel: ), die Hintere Schranspitze (), die Hintere Rotspitze (), die Sällentspitze (), die Hintere Nonnenspitze (), die Lorchenspitze (), die Weißbrunnspitze () und die Zufrittspitze (), die sich ebenfalls noch mit kleineren Gletscherfeldern schmücken können. Hoch gelegene Übergänge in das Val di Sole sind die Fürkelescharte () und das Hohenfernerjoch (). Das Sällentjoch () ist vom Hotel Paradiso aus erreichbar, das Weißbrunnerjoch () und das Zufrittjoch () können, vom Stausee ausgehend, durch das Zufritttal bestiegen werden. Sie sind Übergänge in das Ultental.
Der restliche Bergkamm im Osten mit dem Soyjoch (), der Flimspitze (), der Tuferspitze (), der Gasse () und der Grabensprungspitze () erreicht mit dem östlichsten Gletscherberg der Ortler-Alpen, dem Hasenöhrl, nochmals eine Höhe von , bevor er abfällt und sich im weiteren Verlauf mit Kuppen, die selten höher als sind, fortsetzt. Die östlichen Talhänge des Martelltals werden im mittleren und äußeren Bereich von drei Seitentälern durchschnitten: vom Soytal mit der Soyalm () und der Soyscharte () vom Hölderle aus, vom Flimtal mit der Flim-Alm und mit dem Flimjoch () von der Gand aus und vom Brandnertal mit der Morter-Alm () von den Vorhöfen aus.
Geologie Das Martelltal ist in den Campo-Kristallin eingebettet, der zum Großteil aus Sedimenten des Erdaltertums besteht und eine sehr komplexe Entwicklungsgeschichte hat. Der äußere Talbereich liegt in der Laaser Einheit, hochdeformierte Paragneise, mylonitische Glimmerschiefer und Amphibolite, in denen weiße Marmorzüge und Pegmatitgneise eingebettet sind. Hinter der Gand bestehen die Talhänge bis zum Zufrittstausee aus Marteller Granit, der aus einem Pluton der Permzeit herrührt und eoalpidisch stark überprägt ist, sodass korrekt von einem Gneis gesprochen werden müsste. Ins hintere Martelltal streicht die Zebrù-Schuppenzone herüber, die bis in den hinteren Teil des Stausees reicht, aus stark deformierten Quarzphylliten besteht und auf der östlichen Talseite auf die Paragneise und die Staurolith-Glimmerschiefer der Pejo-Einheit trifft.
Gewässer mini|Der Wasserfall, der Zufall (= zu Fall) den Namen gegeben hat. Im Vordergrund eine Wollgraswiese
Die Plima bezieht ihr Wasser über einige Zuflüsse, die heute noch zu einem erheblichen Teil von Gletschern gespeist werden. In den Gletschern am Fuß des Cevedale entstanden im 19. Jahrhundert immer wieder Gletscherseen, deren Ausbrüche das Tal verheerten und große Verwüstungen anrichteten. Lange Zeit konnte sich die Bevölkerung diese plötzlich hereinbrechenden Wassermassen nicht erklären, weil sie auch bei schönem Wetter offenbar grundlos auftreten konnten. 1891 war eine solche Katastrophe der Anlass, in den beiden Folgejahren auf Zufall im Talinneren eine noch heute bestehende Schutzmauer zu errichten. Sie konnte sich bereits 1894 erstmals erfolgreich bewähren. Heute existiert diese Gefahr nicht mehr, weil die Gletscher an diesen Stellen verschwunden sind. Auf kleinere Seen trifft man in den Karen der Seitentäler, so auf die Flimseen oberhalb der Flim-Alm. Unterhalb der Zufrittspitze sind der Gelb- und der Grünsee zu nennen, nicht weit davon entfernt das Schwarze Loch. Im Pedertal und im Nahbereich der Marteller Hütte gibt es einige weitere Lacken, die ihre Entstehung der Schürfarbeit von Gletschern zu verdanken haben.
In den 1950er Jahren wurde in Hintermartell auf einem abfallenden Gletschersockel die Staumauer für den Zufrittstausee errichtet. Sie ist 83 m hoch und gehört zum Wasserkraftwerk Laas-Martell, das ein Einzugsgebiet von 117,4 km2 besitzt, in das neben der Plima (der Zufrittstaumauer allein gehören davon 77 km2 an) der Flim-, der Soy-, der St. Maria-, der Schluder- und der Rosimtalbach im Martelltal und der Laaser Bach des Laaser Tals mit einbezogen sind. Das Kraftwerk ist Bestandteil des ursprünglich von der Montecatini-Gruppe entworfenen Wassernutzungsplans des Etschgebietes oberhalb von Meran. Die Fallhöhe beträgt 968,50 m. Die maximale Leistung ist 63 MW, die durchschnittliche Jahresproduktion beträgt 226 Mio. kWh. Die Staumauer des Zufrittstausees besteht aus 17 je 18 m breiten Massivkopfpfeilern. Die Scheitellänge beträgt 300 m. Sie wurde 1957 vollendet.
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