mini|Hauptsitz in Winterthur mini|Umsatzanteile der Divisionen (Geschäftsbericht 2017) mini|Sulzer-Pumpen im Kraftwerk Schwarze Pumpe
Die Sulzer AG ist ein weltweit tätiger Schweizer Industriekonzern mit Sitz in Winterthur.
Unternehmensstruktur Sulzer bestand laut Geschäftsbericht 2022 aus drei operativen Kerndivisionen: Flow Equipment Services – Services für rotierende Maschinen wie thermische Turbomaschinen, Generatoren und Motoren Chemtech – Prozesstechnologie, Trennkolonnen, Polymer, fraktionierende Kristallisation und Lizenztechnologien Als Stabsfunktion gilt die Sulzer Management AG. Der Sulzer-Konzern beschäftigte im Dezember 2022 insgesamt 12'900 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2022 einen Umsatz von 3,2 Milliarden Schweizer Franken.
Geschichte Gründung und Wachstum Das Unternehmen «Gebrüder Sulzer, Giesserei in Winterthur» wurde 1834 durch Johann Jakob Sulzer gegründet, der das «Gebäude 1834» an der Zürcherstrasse in Winterthur erbauen liess. Seine Söhne Johann Jakob und Salomon produzierten Eisenguss, bauten Feuerspritzen, Pumpen und Apparate für die Textilindustrie; später begannen sie auch mit der Installation von Heizungen. 1836 wuchs die Belegschaft auf etwa vierzig Gesellen, Handlanger und Lehrlinge an. 1839 folgte eine Erweiterung um eine Giesserei, im ursprünglichen Gebäude wurde eine mechanische Werkstätte eingerichtet, und die erste Dampfmaschine in Winterthur entstand. 1845 wurde der betriebseigene «Kranken-Unterstützungs-Verein für Fabrikarbeiter» gegründet. Daraus wurde später die Sulzer-Krankenkasse, die 1997 in Provita umbenannt wurde und heute als eigenständige Krankenkasse tätig ist. 1859 entstand ein erster «Societäts-Vertrag» zwischen den Gebrüdern Sulzer, dabei wurden neue Produkte, zuerst Dampfmaschinen, später auch Schiffe, sowie neue Organisations- und Produktionsmethoden eingeführt. Um 1860 folgte ein erstes ausländisches Verkaufsbüro in Turin, 1867 die Teilnahme an der Weltausstellung in Paris, wo Sulzer mit der ersten horizontalen Ventildampfmaschine für Aufsehen sorgte. Die Belegschaft war auf über 1000 Arbeiter gewachsen, sodass Erweiterungsbauten notwendig wurden.
1870 wurde die erste firmeneigene Berufsschule der Schweiz mit Lehrwerkstätten gegründet. 1872 entstanden 24 Arbeiterwohnungen in Veltheim durch die Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser, weitere Wohnhäuser und auch Eigenheime folgten in anderen Teilen von Winterthur. 1873 folgte eine Teilnahme an der Weltausstellung in Wien. Ab 1880 trugen vor allem Dampfmaschinen zum Wachstum auf etwa 2000 Beschäftigte bei. 1881 wurde ein Filialbetrieb in Ludwigshafen am Rhein gegründet. 1890 wurde die erste «Arbeiterkommission» der Schweiz gegründet. 1898 entstand ein erster Sulzer-Dieselmotor in Zusammenarbeit mit Rudolf Diesel. 1905 war die von der Gebrüder Sulzer AG gebaute und auf dem Genfersee eingesetzte Venoge eines der ersten Schiffe mit Dieselmotor. links|mini|Blick vom Telegrafenturm auf das Sulzerareal, um 1907 mini|Die erste Ausgabe der Sulzer Technical Review (1919)
Um 1900 hatte das Unternehmen über 3000 Mitarbeiter und Verkaufsbüros in Mailand, Paris, Kairo, London, Moskau und Bukarest, ab 1914 auch im japanischen Kōbe. Als Familienunternehmen war die Firma in der Form der offenen Handelsgesellschaft über die Jahre gewachsen, im Juni 1914 erfolgte dann die Umwandlung in zwei Aktiengesellschaften mit Sitz in Winterthur und Ludwigshafen am Rhein, die beide den Namen Gebrüder Sulzer Aktiengesellschaft erhielten.Hundert Jahre Gebrüder Sulzer, Winterthur, Schweizer Bauzeitung, Band 103/104, 11. August 1934, doi:10.5169/seals-83252 1917 wurden beide Gesellschaften in einer Holding-Struktur unter der Sulzer-Unternehmungen AG gebündelt und in der Folge auch die ausländischen Verkaufsbüros in eigenständige Gesellschaften überführt.SULZER-UNTERNEHMUNGEN, AG, Winterthur, Staatsarchiv des Kantons Zürich, abgerufen am 1. März 2015
1919 wurde eine erste regelmässig erscheinende Zeitung für die Belegschaft in der Schweiz als Kundenzeitschrift «Technische Rundschau Sulzer» herausgegeben. In den Folgejahren wuchs das Unternehmen mit dem Fortschritt der Technik. Zahlreiche Produktionsanlagen breiteten sich südwestlich der Altstadt von Winterthur aus, später auch in anderen Quartieren. 1920 erfolgte mit der Werkfürsorge der Gebrüder Sulzer die Gründung einer ersten Sozialversicherung für die Beschäftigten der Firma Sulzer. Die Werkfürsorge ist der älteste Vorläufer der heutigen Sulzer Vorsorgeeinrichtung. Sulzer konnte sich in der Zwischenkriegszeit als einer der drei weltweit führenden Dieselmotorenhersteller für die Schifffahrt etablieren.
Krise der 1930er-Jahre Während der 1930er-Jahre sank infolge der Weltwirtschaftskrise die Produktion um zwei Drittel, und es erfolgte ein massiver Personalabbau. 1937 erfolgte ein Streik, ein drohender zweiter Landesstreik wurde dabei auch bei Sulzer knapp verhindert und das «Friedensabkommen» zur Sicherung des Arbeitsfriedens unterzeichnet. Das Tochterunternehmen in Ludwigshafen am Rhein wurde 1941 an die Halbergerhütte verkauftHalberg Maschinenbau und Gießerei GmbH, Albert Gieseler, 2009 sowie die übergeordnete Gesellschaft aufgelöst.
Wachstum und Blüte in den Nachkriegsjahren mini|links|Während des 700-Jahre-Jubiläums der Stadt Winterthur waren auch Produkte der Industrie, darunter Sulzer, ausgestellt mini|Aktie über 1000 Franken der Gebrüder Sulzer AG vom 4. Mai 1955
Ab 1945 begann eine Wachstumsphase mit blühender Konjunktur und starkem Ausbau der Auslandaktivitäten. Als neues Segment kam die Produktion von Gasturbinen dazu. Für das Schweizer Militär wurde auch ein Zweistrom-Strahltriebwerk projektiert und ein Einstromtriebwerk gebaut und getestet.Georges Bridel: Schweizerische Strahlflugzeuge und Strahltriebwerke. Verkehrshaus der Schweiz, Luzern 1975, ISBN 3 85954 902 2. In den 1950er-Jahren erfolgte eine steigende Produktion durch Gastarbeiter, vor allem aus Südeuropa. Es kam zur Erweiterung des Werks Oberwinterthur sowie ferner zur Entstehung neuer Unternehmensbereiche für Energie, Anlagentechnik und Textilmaschinen, begleitet von besseren Arbeitsbedingungen, Ausbau der Sozialleistungen, Frauenarbeit für «leichtere Fabrikarbeiten» sowie zur Wohnbauförderung auch in umliegenden Gemeinden.
Während der zweiten Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstand Anfang der 1960er-Jahre das Sulzer-Hochhaus – der neue Hauptsitz des Unternehmens, ein Wahrzeichen Winterthurs und damals höchstes Hochhaus der Schweiz.
1961 wurde die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) in Winterthur übernommen, und der Grossdieselmotor wurde das weltweite Vorzeigeprodukt von Sulzer. 1966 erfolgte eine Beteiligung an der Maschinenfabrik Escher Wyss AG in Zürich mit 53 Prozent, womit Sulzer ein Allzeithoch mit über 30'000 Mitarbeitern erreichte. Eine Reorganisation folgte 1968; Sulzer gab sich eine «Konzernstruktur» mit einer vierköpfigen Leitung mit «Kollegialitätsprinzip». 1969 kam es zur vollständigen Übernahme der Escher Wyss AG, woraus die Sulzer-Escher Wyss AG entstand. Im gleichen Jahr übernahm Sulzer die Maschinenfabrik Burckhardt.
Krise der 1970er- und 1980er-Jahre In den 1970er-Jahren wurden wegen der Ölkrise eine neue Orientierung zum Technologiekonzern und der Aufbau von Materialtechnologien angekündigt. Während der 1980er-Jahre fanden eine Reorganisation mit «Präsidialsystem» und eine langsam angegangene Dezentralisierung statt. Auf den weltweiten Rückgang bei den Investitionsgütern in den 1970er-Jahren reagierte Sulzer nach Verlusten in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre. 1982 wurde die Maschinenfabrik Rüti übernommen, heimische Produktion und das Webmaschinengeschäft wurden ausgebaut.
Verluste und Reorganisationen 1984 verzeichnete Sulzer Verluste, und es erfolgten massive Restrukturierungen. 1988 stieg Tito Tettamanti als Aktionär im Unternehmen ein. Es folgte eine weitere Reorganisation mit der Aufgabe von unrentablen Produktlinien und einer Umorientierung. Die Medizinaltechnik wurde durch den Kauf der amerikanischen Intermedics-Gruppe für eine Milliarde Franken ausgebaut. Die Winterthurer Maschinenfabrik wurde 1990 aufgelöst und ihre bisherigen Abteilungen unter gleichzeitiger Straffung der Produktbereiche im Unternehmen vertikal integriert. Dabei kam es zur Räumung des Gründungsareals in Winterthur und zum Planungsbeginn für eine Neunutzung. Sulzer beschäftigte erstmals mehr Mitarbeiter im Ausland als in der Schweiz. Es folgte 1989 die Gründung der New Sulzer Diesel (NSD) und 1991 der Verkauf der Dieselmotorendivision an Fincantieri (42 %), Bremer Vulkan (42 %) und das Management (6 %) unter Beibehaltung von 10 % des Aktienkapitals (ab 1997 Wärtsilä NSD, ab 2000 Wärtsilä Schweiz, ab 2015 Winterthur Gas & Diesel). 1992 wurden erstmals nichtschweizerische Aktionäre zugelassen. Die Giesserei Oberwinterthur wurde 1993 geschlossen. Am 14. Mai 1993 erfolgte die Umbenennung von Gebrüder Sulzer, Aktiengesellschaft in Sulzer AG.Handelsregisterauszug Sulzer AG, Monetas, abgerufen am 26. Februar 2015
1994 bündelte Sulzer seine papiertechnischen Aktivitäten in Ravensburg mit denen des württembergischen Maschinenbaukonzerns Voith zur Voith-Sulzer Papertec, inklusive der Papieraktivitäten der Krefelder Kleinewefers-Gruppe, die Sulzer erst 1992 erworben hatte. 1998 übernahm Voith die Anteile von Sulzer.
1996 entstand ein Technologiezentrum der Sulzer Orthopädie AG im Industriepark Oberwinterthur. Der Umweltbereich von Sulzer Chemtech wurde an Austrian Energy & Environment (AE&E) verkauft. Nach einem Börsengang der verselbständigten Elma Electronic AG wurde die Finanzierungsgesellschaft «Fonds für die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen» für ausgegliederte (aufgegebene) Firmenbereiche gegründet.
Schrumpfung und Ausverkauf 1997 erfolgte ein Börsengang der Sulzer Medica, und die Sulzer Thermtec (Apparaturen und Ventile für Kraftwerke) wurde an die britische IMI verkauft.
1998 übernahm Sulzer Medica die amerikanische Spine-Tech (Wirbelsäulen-Orthopädie). Im selben Jahr wurde das Engineering der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) an ABB Daimler-Benz Transportation (Schweiz) AG verkauft, die Sparte Zahnradbahnen an Stadler Rail, während das Restunternehmen als Sulzer-Winpro bis Mitte 2000 weiterbestand. Bei Sulzer Rüti wurden derweil neue Webmaschinen (Mehrphasenweben) eingeführt. 1999 kam es zu einer erneuten Reorganisation: Sulzer Industries und Sulzer Medica wurden eigenständig, Sulzer Pumps gründete ein Joint Venture mit der chinesischen Dalian Pumps, dabei sollten im Industrieteil bis 2001 weltweit 1900 Stellen abgebaut werden. Sulzer Hydro (Wasserkraft) wurde an die österreichische VA Tech Hydro verkauft, und Sulzer Medica verlagerte sich zu Sulzer Biologics in Austin, Texas.
2000 übernahm Sulzer Pumps die finnische Ahlstrom Pumps, und mehrere Divisionen sollten abgestossen und als erste Sulzer Turbo an die MAN-Gruppe verkauft werden. Mitte des Jahres wurde die Dampflokomotiv- und Maschinenfabrik DLM aus Sulzer-Winpro heraus verselbständigt, die Reste der ehemaligen SLM wurden 2001 durch Management-Buyout zur Winpro AG, während die Messtechniksparte an die PROSE AG verkauft wurde.
2001 gab es Probleme mit verunreinigten Hüftgelenkimplantaten von Sulzer Medica und Sammelklagen durch Spin-off von Sulzer Medica, Sulzer Infra an die Groupe Fabricom als Teil des Suez-Konzerns. Das Unternehmen wurde verkauft und fortan unter dem Namen Axima AG in der Schweiz (Axima GmbH in Deutschland), Sulzer Textil durch die italienische Promatech weitergeführt. 2002 wurde der Verwaltungsrat bis auf den Präsidenten komplett neu besetzt, und Sulzer Medica wurde in Centerpulse umbenannt. Sulzer Burckhardt wurde an das Management verkauft, und Sulzer Medica einigte sich mit den US-Klägern auf einen Vergleich. Die Sulzer AG zahlte hierfür 75 Millionen US-Dollar, wodurch ihr Aktienkurs massiv sank.
Neuanfang mit vier Divisionen