miniatur|hochkant=1.5|Der Tod des Trobadors Jaufre Rudel, MS Paris, B.N.F. fonds français 854, f. 121v
Als Trobadordichtung oder Troubadourdichtung bezeichnet man die altokzitanische Sangesdichtung der südfranzösischen Trobadors, die zum Ausgangspunkt des mittelalterlichen Minnesangs auch in den übrigen Ländern Europas wurde.
Vorläufer Bereits in den ältesten erhaltenen Trobadortexten vom Ende des 11. Jahrhunderts, den Liedern Wilhelms IX. von Aquitanien, tritt die Trobadordichtung als eine sprachlich, formal und inhaltlich erstaunlich hochentwickelte Liedkunst auf. Bis auf die galicisch-portugiesische Sprache, die etwa gleichzeitig eine ähnliche lyrische Tradition wie das Okzitanische entwickelte, finden sich in den übrigen romanischen Volkssprachen hierfür keine vergleichbaren Parallelen oder Vorstufen, soweit schriftliche Zeugnisse für romanische Dichtung aus dieser frühen Zeit überhaupt erhalten sind. Auch die lateinische Tradition, in der besonders das Kloster Saint-Martial bei Limoges und die dort gepflegte musikalische und literarische Kultur von manchen Gelehrten als wegbereitend für die Entstehung der Trobadordichtung betrachtet wurde, bietet zweifellos wichtige Anknüpfungspunkte, kann das Phänomen der Trobadordichtung aber insgesamt nicht vollständig erklären. Bedeutender ist wahrscheinlich der Einfluss der hispano-arabischen Dichtung an den Höfen Andalusiens zu gewichten, wiewohl sie inhaltlich keine höfische Dichtung war. All dies wird in der Forschung aber weiterhin kontrovers beurteilt und diskutiert und zählt auch nicht zu den besonders gut erforschten Fragen der Romanistik.
Sprache Die Sprache der Trobadordichtung deckt sich mit keiner der Dialektvarianten des Altokzitanischen. Es handelt sich vielmehr um eine literarisch-poetische Kunstsprache (Koine), für die als Basis wahrscheinlich das Okzitanische der Region Limousin, mit Hauptstadt Limoges, anzunehmen ist und in der gesuchte Wörter aus verschiedenen Dialekten überregionale Verbreitung erlangen und neben Lehnbildungen und absichtsvollen Neuprägungen stehen. In der Sonderform des trobar clus (verschlossenes, dunkles, schweres Dichten, als Gegenbegriff zu trobar leu, leichtes Dichten) zeichnen die Lieder mancher Trobadors sich durch ein hohes Maß an primär sprachlicher und sekundär auch rhetorischer Verrätselung aus.
Aussprache In der Aussprache der Trobadordichtung kann der heutige Leser sich enger als beim Französischen an der Schreibung der Texte orientieren. Deutsche Sprecher müssen besonders beachten, dass der Wortakzent in der Regel auf der letzten betonten Silbe des Wortes und der Satzakzent auf dem letzten Wort der Aussage liegt. Wer modernes Französisch gut spricht, wird es nicht ganz leicht finden, sich eine vergleichsweise „deutsche“ Aussprache anzugewöhnen und nordfranzösische Nasalierungen zu vermeiden oder abzuschwächen sowie am Wortende unbetonte Silben und auslautende Konsonanten mitzusprechen.
Die Aussprache der Vokale e und o richtet sich nach der Herkunft aus dem Lateinischen: wo e aus lateinisch i, langem e oder oe entstanden ist, ist es geschlossen (wie in deutsch „See“) auszusprechen, bei Entstehung aus kurzem e oder ae ist die Aussprache dagegen offen (wie in deutsch „Bär“). Ebenso ist o geschlossen auszusprechen (wie in deutsch „hohl“), wo es aus u oder langem o entstanden ist, offen dagegen (wie in deutsch „Loch“) bei Entstehung aus kurzem o. Der Vokal i ist im Anlaut wie dsch- auszusprechen, bei intervokalischer Stellung ebenfalls wie -dsch- oder -j-. Der Vokal u ist, anders als im Altfranzösischen, zumeist noch als u und nicht als ü auszusprechen, besonders als erstes Element eines Diphthongs und im Auslaut. Der Konsonant c ist vor den dunklen Vokalen a, o und u hart als k auszusprechen, vor den hellen Vokalen e und i dagegen als ts. Die Schreibung ch ist tsch auszusprechen. Die Schreibung qu ist vor dunklen und hellen Vokalen gleichermaßen k auszusprechen. Der Konsonant g ist vor den dunklen Vokalen (a, o, u) hart als g-, vor den hellen Vokalen (e, i) dagegen weich als dsch- auszusprechen. Wenn g vor hellen Vokalen trotzdem hart g ausgesprochen werden soll, wird in der Schreibung ein u eingeführt (gue, gui), das in der Regel, besonders bei ursprünglich germanischen Wörtern, auch in der Aussprache noch als u mit Tendenz zu w anklingt. z ist zwischen Vokalen und nach Konsonant als stimmhaftes s auszusprechen Der Konsonant l ist in den Schreibungen gl, lh, ill oder ll jeweils mouilliert auszusprechen wie lj (mit Tendenz zu lch). Ebenso der Konsonant n in den Schreibungen nh, gn oder ign mouilliert wie nj (mit Tendenz zu nch).
Formkunst Die Trobadordichtung ist charakterisiert durch eine hochentwickelte Reim- und Strophentechnik, die in ihrer Komplexität und Artifizialität über mögliche Anknüpfungspunkte in der lateinischen Dichtung weit hinausgeht und prägenden Einfluss auf die Dichtung in allen übrigen Sprachen Westeuropas ausgeübt hat.
Die einzelne Strophe (cobla, von lateinisch copula) bindet Verse von gleicher Länge (isometrische Strophe) oder von ungleicher Länge (heterometrische Strophe) nach einem vom Trobador festgelegten Schema von End- und manchmal (besonders bei heterometrischen Strophen) auch Binnenreimen, das dann von Strophe zu Strophe gleichartig wiederholt (Isostrophie) und wahlweise mit gleichen oder verschiedenen Reimen gefüllt wird. Wechsel des Schemas von Strophe zu Strophe (Heterostrophie) ist unüblich bzw. begründet als Sonderform die Gattung Descort. Besonders in der Liebesdichtung weist die Einzelstrophe ein bereits bei Wilhelm begegnendes und bei den nachfolgenden Trobadors dann zunehmend verbreitetes internes Bauprinzip auf, das die Verteilung der Reime und – bei heterometrischen Strophen – der Verslängen, aber auch den syntaktischen Bau und die inhaltliche Füllung gliedert und in der musikalischen Komposition seine Entsprechung findet. In der Romanistik ist hierfür der Begriff der Kanzonenstrophe gebräuchlich:
Eröffnet wird die Kanzonenstrophe durch einen zweigliedrigen Abschnitt, der in der von Dante eingeführten lateinischen Terminologie als „frons“ (Stirn) und in der Sprache des deutschen Meistersanges als „Aufgesang“ bezeichnet wird und aus zwei parallel oder spiegelsymmetrisch gebauten „pedes“ („Stollen“) besteht, die musikalisch nach der gleichen Melodie gesungen werden. Der „frons“ folgt die „cauda“ (Schwanz) oder „sirma“ (Schleppe), in der Terminologie des Meistersangs der „Abgesang“, der in seiner Gestaltung freier ist, aber den Bau des Aufgesangs nicht oder nicht exakt wiederholen darf. Dieses Kompositionsprinzip hat in der Folgezeit alle volkssprachlichen Liedkulturen erobert und ist auch im deutschen Kirchen- und Volkslied (z. B. „Ihr Kinderlein kommet“) noch heute sehr verbreitet.
In der Trobadordichtung wird häufig besonderer Wert darauf gelegt, die Folge der Strophen durch die Art der Reimfüllung und durch die Verwendungsweise einzelner Reimwörter zu gruppieren und miteinander zu verknüpfen. Unterschieden werden besonders folgende Techniken:
coblas unisonnantz: Die häufigste Art der Reimfüllung, bei der in einem mehrstrophigen Lied von Strophe zu Strophe nicht nur das gleiche Reimschema, sondern auch die gleichen Reime beibehalten werden, so dass alle Strophen im Reim „gleichklingend“ sind. coblas singulars: mehrstrophiges Lied, bei dem jede Strophe nur das Reimschema wiederholt, es aber jeweils mit neuen Reimen füllt. coblas doblas: mehrstrophiges Lied, bei dem jeweils zwei Strophen durch die gleiche Reimfüllung miteinander verknüpft und von den übrigen Strophen abgesetzt sind. coblas ternas: wie „coblas doblas“, nur mit Gruppierung von jeweils drei Strophen coblas capcaudadas: der Schlussreim einer Strophe bildet den Anfangsreim der darauffolgenden Strophe. coblas capfinidas: der Schlussreim einer Strophe wird im Anfangsvers der darauffolgenden Strophe an anderer Stelle im Vers, häufig als Anfangswort, wiederholt coblas retrogradadas: Wiederholung einer Folge von Reimen in umgekehrter Reihenfolge rims estramps (in der Sprache des Meistersangs „Körner“): strophenübergreifende Verknüpfung mehrerer oder aller Strophen durch den Reim eines jeweils an gleicher Position wiederkehrenden Verses, der innerhalb der Strophe keinen Reimpartner hat.
Ein besonderes Merkmal vieler Trobadordichtungen, das ebenfalls schon bei Wilhelm begegnet und in der vorausgegangenen europäischen Dichtung keine genaue Entsprechung hat, ist die seit dem 13. Jahrhundert so genannte tornada (im 12. Jahrhundert auch fenida und represa genannt, französisch envoi, deutsch Geleit(strophe)). Sie besteht aus ein oder manchmal zwei inhaltlich und formal meist abgesetzten, aber Reime oder Reimwörter des Liedes wieder aufgreifenden Strophen oder Kurzstrophen am Ende des Gedichts, die sich mit einer persönlichen Anrede an die Dame, an eine hochgestellte andere Person oder an den Überbringer (den joglar, der das Gedicht im Auftrag des Verfassers vorträgt) und manchmal auch metatextuell an das Lied selbst wenden und diesem eine begleitende, kommentierende oder pointierende Aussage hinzufügen.
Reimtechnisch ist der männliche Reim (mit betonter Endsilbe) anfangs prädominant, während der weibliche Reim (mit unbetonter Endsilbe) sich erst allmählich ausbreitet und sich noch nicht, wie im Französischen seit dem 16. Jahrhundert üblich geworden, regelmäßig mit dem männlichen abwechselt. Obligatorisch ist der Vollreim, bei dem die Reimwörter mindestens im Tonvokal und allen nachfolgenden Lauten gleich klingen, unter genauer Beachtung auch der Offenheit oder Geschlossenheit der gereimten Vokale, während die Assonanz (Gleichlaut nur des Tonvokals bei möglicher Verschiedenheit nachfolgender Konsonanten) nur vereinzelt als Stilmerkmal gesuchter Volkstümlichkeit begegnet. Die reimende Wiederholung des gleichen Wortes ist verpönt und nur bei pointierter Bedeutungsverschiedenheit, bei der Reimung von Simplex und Compositum und bei der Verwendung als mot refranh (Reimwort mit refrain-ähnlicher Funktion) zugelassen. Allgemein vorherrschend ist die Suche nach 'wertvollen', d. h. seltenen, schwer zu findenden Reimen (rimas caras), was dann besonders in den Spielarten des trobar clus (s. o.) und trobar ric („reiches Dichten“) besondere Blüten treibt.
Die Verknüpfung und Gruppierung der Strophen betonte einerseits den artifiziellen Charakter der Dichtung. Sie bot andererseits auch eine gewisse Absicherung dagegen, dass in der mündlichen und handschriftlichen Verbreitung Strophen des Liedes umgestellt oder weggelassen wurden. Nicht nur in der Findung neuer Reime und Bauformen, sondern auch in der Wiederholung und Variierung bereits vorgegebener Muster, bis hin zur Wiederverwendung einer genauen Folge von Reimwörtern, zeigt sich die besondere Kunstfertigkeit der Trobadors. Solche Anknüpfung, die bei der Wiederholung einer Strophenform in der Regel auch die musikalische Komposition wieder aufgreift (Kontrafaktur), wurde von einigen Trobadors sehr absichtsvoll zur Unterstützung intertextueller inhaltlicher Bezüge zu den Liedern ihrer Konkurrenten oder Vorbilder eingesetzt, wobei sie hierfür offenbar ein zur Würdigung solcher Anspielungen fähiges Publikum von kultivierten Kennern voraussetzen konnten.
Gattungen Die Trobadordichtung weist ein breites Spektrum von Gattungen auf, die in der altfranzösischen, altitalienischen und mittelhochdeutschen Dichtung nachgeahmt und weiterentwickelt wurden und eine Art Kanon der höfischen lyrischen Gattungen des Mittelalters ausgeprägt haben. Die wichtigsten Gattungen der Trobadors sind: