Das Rathaus Schöneberg ist ein Rathaus des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Von 1949 bis 1993 tagte hier das Berliner Abgeordnetenhaus und von 1949 bis 1991 war es Sitz des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Nach seiner Fertigstellung im Jahr 1914 war es bis 1920 das Rathaus der kreisfreien Stadt Schöneberg. Von 1920 bis zur Bezirksfusion 2001 beherbergte es die Verwaltung des damaligen Berliner Bezirks Schöneberg.

Zur Zeit der Teilung Berlins fanden hier bedeutende Ereignisse der Stadtgeschichte statt: die Übergabe der Freiheitsglocke am 21. Oktober 1950. John F. Kennedy hielt am 26. Juni 1963 auf dem Platz vor dem Rathaus seine berühmte Rede, bei der er das historische Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“ abgab. Hier begann die Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin gegen den Staatsbesuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi, bei der der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde.

Der Sandsteinbau wird durch einen 70 m hohen Turm geprägt, auf dem die Berliner Fahne weht. Verschiedene Reliefs schmücken die einfach verputzte Fassade. Die Innenräume enthalten Holzverkleidungen und typische bürgerliche Auftragskunst des frühen 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg durch mehrere Bomben getroffen, wurden Teile des Innenraums und der Turm nur vereinfacht wiederhergestellt. Trotzdem dienen einige Innenräume bis heute gern als Filmkulisse, wenn ein großbürgerliches Ambiente dargestellt werden soll.

Ehemaliges Rathaus am damaligen Kaiser-Wilhelm-Platz mini|hochkant|links|Ehemaliges Rathaus Schöneberg am damaligen Kaiser-Wilhelm-Platz, um 1895

Die Gemeinde Schöneberg unter Bürgermeister Adolf Feurig ließ ihr erstes Rathaus 1874 an der damaligen Bahnstraße (ab 13. Juni 1893: Kaiser-Wilhelm-Platz, heute: Richard-von-Weizsäcker-Platz) als Amtshaus mit angeschlossenem Gefängnis errichten. In den Jahren zuvor befand sich das Gemeindebüro in der Wohnung des Dorfschulzen. Das Baugrundstück, von einem Mitglied der Gemeindeversammlung abgekauft,Welz/Goeters 1995 S. 9–17 lag neben der 1837 eingerichteten Dorfschule.

20 Jahre später, zwischen 1891 und 1892, wurde das Rathaus durch einen größeren Neubau ersetzt, für den ein Teil der Dorfschule abgerissen werden musste. Die Einwohnerzahl war seit der Fertigstellung des Amtshauses von 4.500 auf rund 29.000 gestiegen. Die neuen Baupläne stammten vom Baurat Friedrich Schulze. Der damals 480.000 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Millionen Euro) teure Bau zeigte laut der Gemeinde eine „stattliche Hauptfront in deutscher Renaissance“ mit zwei Giebeln als Risalite und in der Mitte einen Dachreiter mit Uhr. Das Dach war mit Schiefer gedeckt, Gesimse, Brüstungen, Bildhauerarbeiten etc. bestanden aus Cottaer Sandstein. Die Sitzungssäle und der Festsaal wurden von der Firma Gustav Kuntzsch, Wernigerode, ausgestattet.Soproni Múzeum, Sopron (Ungarn), Invent.-Nr. S. 2425 E 251 (Storno könyvtár): Gustav Kuntzsch Mappe, nicht paginiert. Magistrats- und großer Sitzungssaal für die Stadtverordneten befanden sich im zweiten Geschoss, kleinere Säle für Ausschüsse, Kommissionen und Deputationen in der ersten Etage.

Schöneberg wuchs in den folgenden Jahrzehnten rapide weiter, eine von den Einwohnern angestrebte Eingemeindung nach Berlin ließ sich nicht durchsetzen. Dafür erhielt die Gemeinde 1898 das Stadtrecht, die Einwohnerzahl lag in jenem Jahr schon über 70.000. Das benötigte Personal der Stadtverwaltung konnte bald nicht mehr im Rathaus untergebracht werden und Erweiterungsflächen am Kaiser-Wilhelm-Platz standen nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Deshalb kaufte die Stadt im Jahr 1900 das sogenannte „Rosenkessel’sche Grundstück“ am Mühlenberg als neuen Rathausstandort. Das alte Rathaus am Kaiser-Wilhelm-Platz wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Eine Gedenktafel an dem später dort errichteten Neubau erinnert bis heute an seinen ehemaligen Standort.

Geschichte

Neubau 1906–1914 Dem Bau des neuen Rathauses der Stadt Schöneberg ging eine mehrjährige Finanzierungs- und Planungsphase voraus. Die erste Planung, vom ersten Schöneberger Oberbürgermeister Rudolph Wilde in Auftrag gegeben, stammte von Stadtbaurat Paul Egeling. Die Entwürfe wurden aber von der Stadtverordnetenversammlung wegen der veranschlagten Baukosten von 4,2 Millionen Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Millionen Euro) im Mai 1909 verworfen. Der vorgesehene Baubeginn im Jahr 1906 verschob sich jedoch, weil die auf dem Rosenkessel’schen Grundstück bestehenden Einrichtungen wie das Armenhaus, die Desinfektionsanstalt, die Stadtgärtnerei und das Depot der Straßenreinigung an andere Standorte zu verlegen waren. Ein Architektenwettbewerb wurde ausgeschrieben, mit dem es gelingen sollte, das Rathaus „zum Mittelpunkte einer besonderen städtebaulichen Entwicklung (Schönebergs) zu machen; […] es zum hervorragendsten Monumentalbau der Stadt werden zu lassen […]“Sabine Kimmel: Grenzgänger zwischen Tradition und Moderne – Das Berliner Architekturbüro Jürgensen & Bachmann in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 103. Jahrgang, Heft 2, April 2007 Zur Jury gehörten unter anderem der Architekt des Reichsgerichts in Leipzig, Ludwig Hoffmann, und der Reichstagsarchitekt Paul Wallot. Die teilnehmenden Architekten reichten insgesamt 84 Entwürfe ein. Die bisher auf protestantische Kirchen spezialisierten Architekten Peter Jürgensen und Jürgen Bachmann aus Charlottenburg konnten sich im Oktober 1910 durchsetzen.Hans-Peter Schneider, Wolfgang Zeh: Parlamentsrecht und Parlamentspraxis in der Bundesrepublik Deutschland, Walter de Gruyter 1989, S. 1854

Das unmittelbar südlich neben dem Mühlenberg gelegene morastige Fenn, das sich als eiszeitliche glaziale Rinne (Grunewaldseenkette) erstreckte, wurde parallel zur Planierung des Rathausgrundstücks trockengelegt. Auf der Fläche entstand von 1908 bis 1911 der Stadtpark, der heutige Rudolph-Wilde-Park.

mini|hochkant|Briefmarke der Serie Berliner Bauten von 1949 mit der ursprünglichen Gestaltung des Turms

Die Grundsteinlegung des Rathauses erfolgte am 26. Mai 1911 unter Oberbürgermeister Alexander Dominicus. Als Tag der Grundsteinlegung wurde der 54. Geburtstag des verstorbenen Oberbürgermeisters Wilde zu dessen Ehren gewählt. Die Bauarbeiten schritten rasch voran und bereits nach einem Jahr war der Baukörper gut zu erkennen. Der Unterbau wurde in Sandstein ausgeführt, die Obergeschosse erhielten Putz und Sandsteinverkleidungen. Der zum Bau benötigte Wünschelburger Sandstein wurde von den Steinbrüchen im niederschlesischen Wünschelburg geliefert. Der Bau verzögerte sich während der Ausführung, u. a. war der für den Turmbau notwendige Kran anfangs zu schwach konzipiert, auch ergaben sich während der Bauzeit durch kurzfristig beschlossene Ergänzungen (Deckengemälde im Magistratssaal, Fernsprechanlage, Turmfiguren, Heizung usw.) immense Mehrkosten gegenüber den ursprünglichen Kostenplanungen. Im April 1913 war eine Ergänzungsanleihe von 1,5 Millionen Mark nötig.

Die ersten Abteilungen konnten Anfang 1913 in das Gebäude einziehen. Am 25. März 1914 tagte die Stadtverordnetenversammlung erstmals (in der Ausstellungshalle) im Gebäude. Die offizielle Einweihung des Gebäudes wurde im Frühjahr 1914 auf Oktober 1914 in Aussicht gestellt, jedoch kam der Zeitplan durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs abermals in Verzug. Am 10. August 1914 fand erstmals eine Sitzung der Stadtverordneten im Sitzungssaal statt. In der Folgezeit wurden viele Räume der Kriegswirtschaft unterstellt, der Ratskeller diente ab 11. Mai 1917 als Volksküche.

Im Jahr 1920 wurde Schöneberg, zusammen mit der bis dahin selbstständigen Gemeinde Friedenau im Rahmen des „Gesetzes über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ nach Groß-Berlin eingemeindet. Das Rathaus wurde Sitz des Bürgermeisters des damals neu entstandenen Bezirks Schöneberg.

Entmachtung des Rats, Zerstörung des Rathauses 1933–1945 Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zeigte sich auch sofort im Schöneberger Rathaus. Die neuen Hausherren „säuberten das Amt von marxistischen und unlauteren Elementen“, 21 Beamte und zehn Angestellte verloren ihre Stellung. Die Ratsabgeordneten Katz und Zobel (Deutsche Staatspartei) sowie Wendt und Buth (SPD) wurden unmittelbar nach der Machtübernahme beurlaubt. Bis zum 31. März 1933 waren die fünf KPD-Abgeordneten, bis zum 7. April 1933 alle 13 SPD-Parlamentarier aus der Bezirksversammlung ausgeschlossen worden. Im Zuge der Zentralisierung wurde die Bezirksversammlung ganz aufgelöst, der Bezirksbürgermeister weitgehend entmachtet. Oswald Schulz, 1925 Mitgründer der SA in Friedenau und seit Juli 1933 Bezirksbürgermeister, ließ in der Brandenburghalle eine Büste von Adolf Hitler aufstellen, die vom Berliner Bildhauer Heinrich Mißfeldt (1872–1945) geschaffen worden war. Außerdem ließ er eine Gedenktafel für SA-Männer, die im „Kampf um das Dritte Reich“ zu Tode gekommen waren, enthüllen und im Bürgersaal den Freskenzyklus Vom Anfang des Weltkrieges bis zur nationalen Erhebung von Franz Eichhorst anbringen.

Mehrere Bombentreffer gingen in den späten Kriegsjahren auf das Rathaus nieder: 1943 traf es die Stadtkasse, 1944 den Seitenflügel an der Badenschen Straße, im Februar 1945 fiel eine Bombe auf den rückwärtigen Bautrakt. Diese Bombe zerstörte auch den Luftschutzkeller, wobei 150 bis 200 Personen starben. In den letzten Kriegstagen versuchte die NSDAP, das Rathaus zu einer Verteidigungsstellung auszubauen. Volkssturm, Hitlerjugend und einige Soldaten zogen ins Rathaus ein, in den umliegenden Straßen wurden Panzersperren errichtet. Während die Rote Armee das Gebäude von außen beschoss, verbrannten die Besetzer im Innern die Akten jüdischer Hausbesitzer, die Hitlerjugend hingegen plünderte den Weinkeller. Am 29. April 1945 übergab der Ratskellerpächter das Gebäude an die Rote Armee, die im Laufe der nächsten Tage sämtliche Vorräte entfernte.Welz/Goeters 1995, S. 59–63

Wiederaufbau 1945–1955 und Renovierung 1978–1987 mini|1977: Tagung des SPD-Bundesvorstands im Rathaus mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt (links) mini|hochkant|links|Blick vom Rudolph-Wilde-Park zum Rathaus Schöneberg

Die oben dargestellten schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg mussten dringend repariert werden, doch das ging nur schleppend, da Baumaterialien und funktionstüchtige Baumaschinen rar waren und die Besatzungsmächte anderen Bauten eine höhere Priorität einräumten. Gleichzeitig fanden aber unter der damaligen sowjetischen Besatzungsmacht im Mai 1945 im notdürftig reparierten Bürgersaal bereits Konzerte und Theateraufführungen statt. Das Fresko im Bürgersaal mit der Darstellung der „nationalen Erhebung“ wurde hastig übermalt. Trümmer wurden geräumt, die Fenster mit Holz und Pappe ausgeschlagen und 150 eiserne Öfen als Ersatz für die beschädigte Zentralheizung ins Haus gebracht. Trotzdem froren immer wieder Leitungen ein und durch das Dach eindringendes Wasser zerstörte weitere Gebäudeteile.Welz/Goeters 1995 S. 65–69.

Der Zustand des Gebäudes wurde wesentlich verbessert, nachdem ab 1948 die Spaltung Berlins durch Währungsreform und Berlin-Blockade weiter fortschritt und das Rathaus Schöneberg ab Anfang 1949 als provisorischer Sitz der West-Berliner Politik und Verwaltung feststand. Der frühere Bürgersaal wurde durch Ausbau der Theaterbühne 1950 zum Plenarsaal. Bis 1952 erstanden die Seitenflügel an der Badenschen Straße und an der Straße Am Rathaus wieder. Der Wiederaufbau erfolgte nicht immer nach den historischen Plänen, konnte jedoch bis 1955 zu Ende gebracht werden. Der Goldene Saal, ehemals prächtigster Raum im Rathaus, diente seit 1955 in stark vereinfachter renovierter Form dem Hauptausschuss als Sitzungssaal.