mini|Silhouetten mit Bauchumfang. Von links nach rechts: Normalgewicht, Übergewicht, Adipositas

Die Adipositas (von lateinisch adeps „Fett“), auch Fettleibigkeit, Fettsucht oder Obesitas genannt, ist eine chronische Ernährungs- und Stoffwechselstörung mit Krankheitswert, die durch starkes Übergewicht und positive Energiebilanz gekennzeichnet ist. Nach der WHO-Definition liegt eine Adipositas bei Menschen ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 kg/m² vor. Dabei wird in drei über den BMI voneinander abgegrenzte Schweregrade unterschieden, die mit unterschiedlichen gesundheitlichen Folgen einhergehen können. Indikatoren für den Anteil von Körperfett und dessen Verteilung sind der Bauchumfang und das Taille-Hüft-Verhältnis. Adipositas gilt als Risikofaktor für diverse Krankheiten, darunter Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und psychische Störungen.

Ursachen Die Ursachen von Adipositas sind vielschichtiger Natur. Ob aus psychischen, sozialen, genetischen oder Umweltfaktoren, grundsätzlich liegt ein Ungleichgewicht zwischen der über die Nahrung aufgenommenen und dann wieder verbrauchten Energie vor.

Ernährung und Bewegung Überernährung und Bewegungsmangel Zu viel und falsche Ernährung einerseits – zu wenig Bewegung (Energieverbrauch) andererseits – führen zu Überschuss bei der individuellen Energiebilanz eines Menschen. Per Lebensmittel zugeführte und nicht verbrauchte Energie wird letztlich in Fettdepots gespeichert. Daher liegt in der Behandlung auch heute noch der Hauptfokus auf der Kontrolle der Energiezufuhr und einer ausreichenden Bewegung.

Bei der Ernährung scheinen zuckerhaltige Getränke eine wichtige Rolle zu spielen,Sarah C. Bundrick, Marie S. Thearle, Colleen A. Venti, Jonathan Krakoff, Susanne B. Votruba: Soda Consumption During Ad Libitum Food Intake Predicts Weight Change. In: Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics. 2013, doi:10.1016/j.jand.2013.09.016.Lynne Millar, Bosco Rowland, Melanie Nichols, Boyd Swinburn, Catherine Bennett, Helen Skouteris, Steven Allender: Relationship between raised BMI and sugar sweetened beverage and high fat food consumption among children. In: Obesity. 2013, S. n/a–n/a, doi:10.1002/oby.20665.M. Zheng, A. Rangan, N. J. Olsen, L. Bo Andersen, N. Wedderkopp, P. Kristensen, A. Grøntved, M. Ried-Larsen, S. M. Lempert, M. Allman-Farinelli, B. L. Heitmann: Sugar-sweetened beverages consumption in relation to changes in body fatness over 6 and 12 years among 9-year-old children: the European Youth Heart Study. In: European Journal of Clinical Nutrition. 2013, doi:10.1038/ejcn.2013.243.Cara B. Ebbeling: Sugar-sweetened beverages and body weight. In: Current Opinion in Lipidology. 2013, S. 1, doi:10.1097/MOL.0000000000000035. die auch ein genereller Marker für einen ungesunden Lebensstil sind. Zwar kommen einige Übersichtsarbeiten zu dem Schluss, dass kein Zusammenhang nachweisbar sei, eine Publikation aus dem Jahr 2013 zeigt jedoch, dass dies vor allem in Arbeiten mit finanziellem Interessenkonflikt der Fall ist.Maira Bes-Rastrollo, Matthias B. Schulze, Miguel Ruiz-Canela, Miguel A. Martinez-Gonzalez, David Stuckler: Financial Conflicts of Interest and Reporting Bias Regarding the Association between Sugar-Sweetened Beverages and Weight Gain: A Systematic Review of Systematic Reviews. In: PLoS Medicine. 10, 2013, S. e1001578, doi:10.1371/journal.pmed.1001578.

Nahrungsqualität Auch die Qualität der Fette spielt eine Rolle. Bestimmte Fette (Cholesterin, trans-Fettsäuren) können vom Körper bis zu einem bestimmten Grad leicht eingelagert werden (was nicht nur die Bildung von viszeralem Fettgewebe, sondern auch Arteriosklerose begünstigt). Das Sättigungsgefühl wird in erster Linie durch das Volumen der Nahrung bestimmt. Essen mit geringer Energiedichte macht auch satt, liefert aber weniger Energie. Das kann man mit vollwertigen Nahrungsmitteln erreichen, die neben Kohlenhydraten, Proteinen und Fett größere Mengen an Fasern enthalten. Außerdem gibt es diverse Gemüsesorten, die kaum Kohlenhydrate und damit wenig Energie enthalten.

Essenshäufigkeit Es gibt bisher einige Studien, die darauf hindeuten, dass die Anzahl an Mahlzeiten pro Tag an Adipositas bzw. der Gewichtsregulation bei erwachsenen Menschen beteiligt sind. Allerdings sind spezifischere Studien notwendig, um nachzuweisen, ob, je bei gleichem Energieumsatz, viele kleine Mahlzeiten gegenüber wenigen großen, oder umgekehrt, einen günstigen Einfluss auf Adipositas haben.

Hochverarbeitete Lebensmittel Hochverarbeitete Lebensmittel HVL (englisch ultra-processed food) gelten als relativ neuer Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas. Die NOVA-Klassifikation unterscheidet 4 Gruppen zwischen HVL und minimal-verarbeiteten Lebensmitteln (MVL).

Das Chancenverhältnis (engl. odds-ratio OR) eine Adipositas (BMI > 30 kg/m²) zu entwickeln ist laut mehrerer Metaanalysen 1,26 bis 1,55 mal größer bei Personen, die sich mit HVL ernähren im Vergleich zu solchen, die sich mit MVL ernähren. Auch konnte in einer randomisierten Einzelstudie gezeigt werden, dass der tägliche Energiekonsum bei HVL um 500 kcal/Tag zunimmt, während er bei herkömmlicher Ernährung (MVL) um 500 kcal/Tag abnimmt. Die Personen hatten jeweils beliebigen Zugang zu entsprechenden Lebensmitteln über zwei Wochen und nahmen entweder 0,9 kg an Gewicht zu oder ab.

Sozio-kulturelle Faktoren mini|Adipositas ist höher in Ländern mit höherer Ungleichheit

Viele sozio-kulturelle Faktoren begünstigen über Fehl- und Überernährung sowie Bewegungsmangel die Entwicklung von Übergewicht: Physisch passiver Lebensstil: Sitzende Tätigkeit; geringe Bewegung dank Auto, Fahrstuhl, Rolltreppe; bewegungsarme Freizeitgestaltung (Fernsehen, Computer) Fast- und Junkfood: Portionsgröße; Essgeschwindigkeit; zu hoher Fett-, Salz- und Zuckergehalt; nicht ausreichend sättigend Lebensmittelzusätze: appetitanregende Stoffe; Farb- und Geruchsstoffe, die das Essen ansprechend erscheinen lassen; Geschmacksprägung durch Zuckerzusatz (Softdrinks, Babynahrung, gesüßter Tee, gesüßte Fleischwaren) Waren-Überangebot Werbung für zucker- und fetthaltige Lebensmittel Keine geregelten Mahlzeiten Entsprechende Erziehung: „Der Teller wird leer gegessen“, „Iss was, dann wirst du was!“ Jo-Jo-Effekt nach einer Diät Übergewicht als Schönheitsideal bzw. Zeichen für Wohlstand in manchen Kulturen Sportarten, bei denen Übergewicht vorteilhaft ist (Sumō-Ringen)

Je niedriger der soziale Status (bestimmt durch die drei Faktoren Höhe der Ausbildung, Haushaltseinkommen und berufliche Stellung), desto häufiger trifft man auf das Problem Adipositas: Je höher der Schulabschluss, desto günstiger liegt der Body-Mass-Index. An Adipositas leiden in Deutschland rund 25 % der Männer in unteren Schichten – in der Oberschicht sind es nur um die 15 %. Bei den Frauen ist der Unterschied mit etwa 35 % zu 10 % noch deutlicher.Seehofers nationale Verzehrstudie: Die dicke Unterschicht. taz.de, abgerufen am 19. Februar 2011.

Psychische Faktoren Verschiedene ernährungspsychologische Zusammenhänge können ursächlich sein.

Emotionales Essen: Viele Menschen neigen zum Essen als Mittel zur Bewältigung von Stress, Langeweile, Traurigkeit oder anderen emotionalen Belastungen. Diese Art des „emotionalen Essens“ kann dazu führen, dass jemand übermäßig isst, unabhängig von Hungergefühlen, was zu Gewichtszunahme und Adipositas führen kann. Psychische Gesundheitsprobleme: Depressionen, Angstzustände oder andere psychische Erkrankungen können das Essverhalten beeinflussen. Manche Menschen greifen während depressiver Phasen möglicherweise vermehrt zu Nahrungsmitteln, die reich an Zucker oder Fett sind (Ersatzbefriedigung), was langfristig zu Gewichtszunahme führen kann. Negative Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl: Ein niedriges Selbstwertgefühl oder ein gestörtes Körperbild können zu ungesundem Essverhalten führen. Menschen, die mit einem negativen Selbstbild kämpfen, könnten versuchen, diese aversiven Emotionen durch Essen zu bewältigen, was zu einem Teufelskreis aus übermäßigem Essen und negativen Selbstbewertungen führen kann. Psychosoziale Stressoren: Stress in der Familie, am Arbeitsplatz oder in zwischenmenschlichen Beziehungen kann das Essverhalten beeinflussen. Manche Menschen neigen dazu, Stress durch übermäßiges Essen zu bewältigen, was zu Gewichtszunahme führen kann. Erlerntes Essverhalten: Essgewohnheiten werden oft in der Kindheit erlernt und können durch psychische Einflüsse geprägt sein. Beispielsweise können Belohnungen mit Essen verknüpft sein, oder emotionale Unterstützung kann durch Nahrungsmittel gewährt worden sein (z. B. durch Erziehung), was zu einem fest verankerten Verhaltensmuster führt.

Genetische Faktoren Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass Übergewicht auch eine genetische Komponente hat.A. J. Stunkard, J. R. Harris u. a.: The body-mass index of twins who have been reared apart. In: The New England Journal of Medicine. Band 322, Nr. 21, Mai 1990, S. 1483–1487. doi:10.1056/NEJM199005243222102, PMID 2336075. Außerdem fand man bei Adoptivkindern einen starken Zusammenhang zwischen ihrem BMI und dem ihrer leiblichen Eltern, aber keinen Zusammenhang zwischen ihrem Gewicht und dem ihrer Adoptiveltern.A. J. Stunkard, T. I. Sørensen u. a.: An adoption study of human obesity. In: The New England Journal of Medicine. Band 314, Nr. 4, Januar 1986, S. 193–198. doi:10.1056/NEJM198601233140401, PMID 3941707.

Grundsätzlich kann man die genetischen Faktoren in drei Kategorien einteilen: eine einzelne Mutation, häufig im Leptin-Melanocortin-System (monogenetische Ursachen), vielfältige, kumulative Mutationen, die sich gegenseitig verstärken und zusammen die Gewichtszunahme fördern (polygenetische Ursachen) und Adipositas als Begleiterscheinung einer Erbkrankheit (syndromal), darunter Prader-Willi-Syndrom, Kleefstra-Syndrom, Börjeson-Forssman-Lehmann-Syndrom oder Carpenter-Syndrom.

Adipositas als Folge von Krankheiten Adipositas kann unter anderem auch Folge einer erworbenen Krankheit wie einer Essstörung oder Abhängigkeit sein. Bis zu 30 % der Menschen mit Adipositas haben keine vorliegende Stoffwechselstörung. Typische Stoffwechselkrankheiten, die Adipositas direkt verursachen können, sind: Schilddrüsenunterfunktion (z. B. Hashimoto-Thyreoiditis) oder Störungen des Cortisolhaushaltes (z. B. Cushing-Syndrom).